Grass Die Reaktionen sind wie ein Fallbeil
Der Historiker Bernd Wegner hält die pauschale Verurteilung von Günter Grass für skandalös. Ein ZEIT-Gespräch.
DIE ZEIT: Günter Grass schreibt in seiner Autobiografie, dass er sich als 15-jähriger Hitlerjunge freiwillig zur U-Boot-Waffe gemeldet habe, dort aber nicht angenommen worden sei. Im Spätsommer 1944, mit 17 Jahren, sei er dann vom Arbeitsdienst direkt zur Waffen-SS eingezogen worden. Ist diese Darstellung glaubwürdig?
Bernd Wegner: Ich kenne die Einzelheiten nicht, und da wird man sicherlich das eine oder andere noch nachprüfen müssen. Aber grundsätzlich ist sie für mich glaubwürdig.
ZEIT: Das war also möglich, dass man direkt vom Arbeitsdienst in die Waffen-SS eingezogen wurde, ohne sich freiwillig gemeldet zu haben.
Wegner: Das war vor allem seit dem Sommer 1944 möglich, als Himmler im Zusammenhang mit dem 20. Juli Oberbefehlshaber des Ersatzheeres wurde als Nachfolger von Fromm und dann auch die Ergänzungsstellen von Heer und Waffen-SS zusammengelegt wurden. Dort kam es immer wieder und immer häufiger vor, dass Leute zwangsweise zur Waffen-SS eingezogen wurden, obwohl die Waffen-SS formal bis zum Schluss eine Freiwilligenformation blieb.
ZEIT: Konnte man, wenn man sich freiwillig zur Wehrmacht meldete, der Waffen-SS entgehen?
Wegner: Grundsätzlich ja, obwohl auch hier seit 1942/43 die Waffen-SS versucht hat, solche Freiwillige durch Druck zu gewinnen. So wissen wir aus Klagen der Wehrmacht, dass etwa in Versammlungen der Hitlerjugend nach entsprechenden Werbevorträgen die Kinder erst nach Hause gehen durften, wenn sie ihre Verpflichtungserklärung unterschrieben hatten. Oder dass Leute, die sich schon freiwillig für die Wehrmacht gemeldet hatten, plötzlich nachts telegrafisch Einberufungsbescheide zur Waffen-SS erhielten. Und diese Praxis hat sich seit Sommer 1944, als die Grenzen vor allem bei der Einberufungspolitik zwischen der Wehrmacht und der Waffen-SS fließend wurden, noch verstärkt.
ZEIT: Wie hat man sich so eine Division der Waffen-SS wie die Panzerdivision »Frundsberg«, zu der Grass eingezogen wurde, in den letzten Kriegsmonaten vorzustellen. War das überhaupt noch eine Elitetruppe?
Wegner: Das Image der Elitetruppe, das die Waffen-SS hatte, war begründet durch eine Hand voll so genannter klassischer Divisionen, deren Wurzeln bis in die Vorkriegsjahre beziehungsweise in die frühen Kriegsjahre reichen. Dazu gehörte die Division Frundsberg nicht. Sie war im Winter 1942/43 aufgestellt worden, zunächst als Panzer-Grenadierdivision – übrigens sollte sie ursprünglich den Namen »Karl der Große« erhalten –, und wurde später zur Panzerdivision umgewandelt. Sie war eine sehr starke Division, zahlenmäßig um die 19000 Mann. Sie gehörte nicht zu den klassischen Elitedivisionen, aber schon zu dem, was man militärisch als gute Division ansah.
ZEIT: Auf welchen Kriegsschauplätzen wurde diese Division eingesetzt?
Wegner: Sie war, wie viele andere Divisionen, gerade auch der Waffen-SS, sowohl im Westen als auch im Osten eingesetzt. Im Sommer 1944 wurde sie in Teilen bei dem Versuch, den Kessel von Falaise in der Normandie zu entsetzen, aufgerieben, hat dann im Dezember 1944 in der so genannten Heeresgruppe Oberrhein, deren Oberbefehlshaber Himmler selbst wurde, an der Operation Nordwind teilgenommen und ist schließlich im Frühjahr 1945 bei Arnswalde gegen Schukows erste weißrussische Front zum Einsatz gekommen.
ZEIT: Dort hat Grass nach eigener Aussage auch mitgekämpft. Gibt es Informationen darüber, dass die Division Frundsberg an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen ist?
Wegner: Ich habe die Sache nicht recherchiert. Nach meiner Kenntnis nicht, aber das schließt eine Beteiligung nicht aus. Nur, der Hinweis darauf, dass die Division Frundsberg oder einer ihrer Kommandeure wie Karl von Treuenfeld (der tatsächlich nach Heydrichs Ermordung 1942 an Massakern gegen Tschechen beteiligt war, bevor er zu Frundsberg kam) in Kriegsverbrechen verwickelt war – ein solcher Hinweis hat meines Erachtens mit dem Fall Grass gar nichts zu tun.
ZEIT: In Nürnberg ist die Waffen-SS als »verbrecherische Organisation« bezeichnet worden, die Wehrmacht allerdings nicht. War das eigentlich eine historisch richtige Unterscheidung?
Wegner: Grundsätzlich ja, weil die Waffen-SS als solche bis zum Schluss, entgegen dem, was die Veteranen der Waffen-SS nach dem Krieg gerne erzählten, dass sie vierter Wehrmachtsteil gewesen sei, eben bis zum Schluss ihres Bestehens in den Funktionszusammenhang der SS gehörte; sie war Bestandteil des SS-Imperiums. Davon kann man sie als Institution nicht entbinden. Aber das hat mit der Wahrnehmung dessen, der irgendwann Ende 1944 zu einer Truppe eingezogen wurde, wenig zu tun. Insofern wird die Nürnberger Unterscheidung dem einzelnen Individuum und seiner Erfahrung nicht unbedingt gerecht.
ZEIT: Wie erklären Sie sich dann die Aufregung um das späte Bekenntnis von Günter Grass?
Wegner: Diese Aufregung teile ich nicht. Ich selbst glaube, dass sich hier lediglich eine relativ normale deutsche Biografie zeigt mit allen ihren Widersprüchen und all ihrem Zwiespalt. Aber diese Aufregung entzündet sich meines Erachtens an dem Begriff Waffen-SS. Hätte Grass gesagt, er sei bei der U-Boot-Waffe gewesen, eine entsetzliche Waffe mit entsetzlichen Verlusten, wäre das Beben nur ein Bruchteil so stark, wie es jetzt ist. Es hängt also schon an dem Begriff Waffen-SS, und das hat wiederum damit zu tun, dass die Buchstaben SS darin vorkommen und damit die Waffen-SS automatisch, geradezu reflexartig, mit Ausschwitz und Völkermord assoziiert wird.
ZEIT: Trotzdem ist es ja frappierend, dass Grass seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS so lange verschwiegen hat. Wie erklären Sie sich das lange Schweigen? Es hätte ja immer wieder Möglichkeiten gegeben, dieses Schweigen zu brechen. Ich denke zum Beispiel an die Debatte um den Bitburg-Besuch von Präsident Reagan 1985.
Wegner: Das Schweigen hat immer zwei Seiten, einmal die Seite dessen, der schweigt, und die der Öffentlichkeit, der etwas verschwiegen wird. Was Grass’ Gründe angeht, will ich hier gar nicht spekulieren. Mein erster Eindruck ist, dass hier eine persönliche Schwäche vorliegt. Warum soll da, wo Größe ist, nicht auch Schwäche sein? Das halte ich aus historischer Sicht für weniger interessant. Es gibt aber den anderen Aspekt, die Öffentlichkeit, die sich über dieses Schweigen heute aufregt und beklagt. Das heißt, wir in unserer öffentlichen Wahrnehmung haben selbst meines Erachtens wesentlich dazu beigetragen, indem wir eine kategorische Verkürzung der historischen Erfahrung auf eine Opfer-Täter-Dichotomie vorgenommen haben. Der Begriff Waffen-SS genügte zur Stigmatisierung. Wir haben eine ganze Reihe von ähnlichen Fällen gehabt – den Wirtschaftswissenschaftler Krelle, den Romanisten Jauß zum Beispiel. Vielleicht hätte Günter Grass sich bei diesen Gelegenheiten eher als bei Bitburg äußern sollen, weil hier zum Teil auch zu Unrecht Vermutungen angestellt worden sind. Die Tatsache, dass allein die Erwähnung des Begriffs Waffen-SS jemanden ins Abseits stellt, ohne dass nach der persönlichen, individuellen Schuld gefragt wird, scheint mir vonseiten der Öffentlichkeit eine ziemlich skandalöse Reaktion, und insofern kann ich die Erschütterung, die in diesen Tagen in den Zeitungen vermerkt wird, nicht teilen. Sie erscheint mir nicht ganz reell. Sie entspringt weitgehend der Verweigerung, sich mit der Vielfalt historischer Erfahrung auseinander zu setzen, die wir gerade in dem letzten halben Jahr des Krieges beobachten können. In diesem letzten halben Jahr war, wie die neueste Forschung in einer Reihe interessanter Untersuchungen gezeigt hat, jede Form von Verhalten möglich und das Gegenteil auch. Und diese Vielfalt der Erfahrungen wird in den Reaktionen überhaupt nicht wahrgenommen, sondern es wird reflexartig, fallbeilartig reagiert. Das finde ich schade.
Das Gespräch führte Volker Ullrich
Bernd Wegner ist Professor für Geschichte an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Er hat das Standardwerk über die Waffen-SS geschrieben: »Hitlers politische Soldaten. Die Waffen-SS 1933–1945« (Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, 6. Auflage, 1999).
- Datum 22.08.2006 - 05:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006
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Sie "vergessen", dass Grass einer der Haupterzeuger "dieser oft von moralischer Überheblichkeit geprägten Athmosphäre" war, die Sie als Rechtfertigung für sein langes Schweigen heranziehen.
Ein moralisches Urteil lebt NUR von der moralischen Glaubwuerdigkeit des Verfassers. Letztlich lassen sich Aussagen nicht beweisen. Man kann nur zustimen oder ablehnen.
Herr Krass ist ein Mensch der mich zutiefst entsetzt. Am besten vergisst man ihn ganz schnell. Er ist ein Aufschneider.
Ich weiß nicht ist es menschlich oder deutsch, dass man davon ausgehen, daß eine Meinung und ein bewundernswertes Leben immer reinen Ursprungs sein muss. Ist nicht der Mensch der eine Erfahrung mit sich und z.b. der SS gemacht hat eher viel kompetenter in seiner Meinung und seiner Entwicklung? Es ist doch immer gut zu wissen worüber man redet.
Anzuprangern, ist natürlich die moralistische Einstellung als Kontrast zu dem Erlebten von Herrn Grass. Darin liegt für mich die Unehrlichkeit. Er hätte besser das Erlebte für seine moralischen Ausführungen zugrunde legen sollen. Legt sich doch sonst nah, dass er mit diesem Extrem eine Art selbst Verleugnung oder Bewältigung versucht.
Der Herr Grass ist gerade mit Geldzählen beschäftigt, ich habe keinen Spaß daran, auf seinem Fandom herumzuhauen - und draußen scheint die Sonne.
Grass ist ein guter Schriftsteller, hat sich aber nicht allein zum Helden, zur Vorzeigefigur, zum Unfehlbaren gemacht. Er ist vielmehr das Produkt einer Gesellschaft, seiner Leser und Kritiker, seiner Medien und Politiker, die ihn brauchten, um sich in seinem Schatten zu sonnen.
Dieser Gesellschaft faellt es jetzt natuerlich schwer zuzugeben, dass sie sich geirrt hat, dass Grass eben auch nur ein Mensch wie alle anderen ist, mit Staerken und Schwaechen und nicht das perfekte Wesen.
Uber ihn jetzt in dieser perfiden Art herzufallen ist miserable. Grass mit seinen 80 Jahren und seiner Lebenserfahrung wird's aber ueberleben.
Es ist ja ganz schön, allgemeine Hintergründe zum Thema Waffen-SS in den letzten Kriegsjahren zu hören. Journalistisch vertieft wirkt es nicht, wenn der Gesprächspartner das Buch von Grass nicht kennt. Andererseits: wer möchte es kennen lernen?
Grass antwortete auf Nachfragen, man möge sein Buch lesen. Mithin die zweite Peinlichkeit. Soll sein peinlich spätes Geständnis uns also noch mehr kosten? Geld, Zeit, Hingabe?
Ist es das wert? Grass hält sich für etwas, was er nicht mehr ist: ein Grosser.
Nun erlebt er moralische Vehemenz von der Art, wie er sie früher selbst geübt hat. Eine moralische Pauschalverurteilung gibt es überhaupt nicht. Die grossen Zeitungen sprechen das Thema sehr differenziert an. Verständlich wäre es wenn man Grass vielleicht auf Parties und literarischen Treffen nicht mehr so unisono überschwenglich begrüssen würde. Ja, was hat er denn erwartet. Er selbst steht nun nicht eben für eine grosse weise Kultur der vorauseilenden Vergebung. Grass hat gehandelt wie die meisten. "action is character" heisst es in Hollywood. Es ist wohl etwas wahres dran. Wenn Grass diese Spannung zwischen seinen Handlungen und seinen Erläuterungen zu diesen Handlungen nicht aushält, so spricht das für sich. Auch das dumme Gerede, er habe erst eine literarische Form für sein Geständnis findne müssen. Es geht nicht um Literatur, nicht um Selbststilisierung, es geht um seine Person, sein Leben, seine Endlichkeit.
Nun ist es nicht mehr selbstverständlich, ihm zu glauben. Wer seinen Kredit verspielt, der zahlt einen höheren Zins. Den Schwarzen Peter dafür den Medien zuzuschieben ist töricht: das hat er sich selbst eingebrockt, der Günter Grass. Nun soll er es wie ein Mann tragen, mit langer Verspätung endlich tragen.
Von mir vorab herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag unter Freunden!
GG feiert bald seinen 80. Geburtstag und da hat er sich gedacht eigentlich möchte ich mal nur mit Freunden feiern. Er wusste aber nicht mehr, wie er seine eigentlichen Freunde von dehnen die nur an seiner Reputation und seinem Ruhm interessiert sind unterscheiden soll.
Da hat er, Heureka!, den Waffen SS Knüppel aus dem Sack geholt und sich selbst gehauen. Und siehe da, schon verlassen die falschen Freunde das scheinbar sinkende Schiff!
Die Idee ist eines wirklich großen Geistes würdig. Es ist zu vermuten, dass es GG nur peripher interessieren wird, wenn enttäuschte Jünger ihn auf Partys nicht mehr überschwänglich begrüßen. Oder darf GG gar nicht mehr auf Partys, wird er jetzt nicht mehr eingeladen?
GG hat mit einem Streich die unreflektierte Heldenverehrung enttarnt als dass was sie ist, Dummheit! Vielleicht GG´s letzter großer Streich.
Ich wünsche viel Freude bei einem Geburtstag unter Freunden!
war ein Instrument, mit dem in der braunen Zeit Kriegsdienstverweigerer hingerichtet wurden. Sofern kein Gewehr zum Erschießen oder ein Baum zum Aufhängen vorhanden war.
Von einem Schriftsteller, der die moralische Meßlatte so hoch anlegt, das seine Mitmenschen nur darunter durch laufen können, muß auch Kritik ertragen können.
Die Haltung von Günter Grass wirkt erbärmlich. Das Verhalten seines Verlages ist aussagekräftig genug. Plötzlich und überraschend wird der Verkauf nach vorne verlegt. Grass und Co. können sich über die Publizität freuen. Das Blechtrommeln hat sich gelohnt.
Oder "Pecunia non olet" wie schon die alten Römer wußten.
Mit was wird uns der Autor demnächst beglücken? Stasi-Tätigkeit, Kollegenbespitzelung, Schriftstellerdoping ...
korfstroem
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