Interview Ewiger Punk
David Byrne, früher Chef der Talking Heads, jettet als globaler Musiknomade von Projekt zu Projekt. Jetzt kommt er nach Bochum zur Ruhrtriennale. Ein Gespräch über den weltweiten Beat
Todomundo steht an der Klingel – die ganze Welt. Kein leeres Versprechen, wenn man die umgebaute Fabriketage im New Yorker Stadtteil SoHo betritt. Die Regale sind bis unter die Decke gefüllt mit Zeugnissen von David Byrnes reger Reisetätigkeit: CDs, auf denen er mit Musikern aus anderen Kontinenten zusammengearbeitet hat, CDs, die er auf seinem Label Luaka Bop herausgebracht hat. In einer Art Schrein steht die Trophäe, die er zusammen mit seiner Band, den Talking Heads, bei der Aufnahme in die Rock ’n’ Roll Hall Of Fame erhalten hat, neben afrikanischen Götterstatuen und Ikonen der Warenwelt. Die Talking Heads sind Geschichte, doch eine Aura von Unruhe begleitet Byrne, mittlerweile 54, bis heute. Kunstprojekte, Lichtbildervorträge, Gastauftritte – er agiert an vielen Fronten. Außerdem drängt die Zeit: Byrne muss das Programm für das Eröffnungswochenende der Ruhrtriennale zusammenstellen, zwei Konzerte, am 19. und 20. August, im Rahmen der Reihe Century Of Song.
ZEIT: Mit welchem David Byrne sprechen wir heute, mit dem Musiker, dem Regisseur, dem Fotografen oder dem Geschäftsmann?
David Byrne:(lacht) Das hängt davon ab, mit welchem Sie reden wollen. Mich beschäftigt immer das am meisten, was ansteht. Wir könnten also über die beiden Konzerte sprechen, die ich in Deutschland gebe, gern aber auch über etwas ganz anderes.
ZEIT: Welcher David Byrne waren Sie denn beim Aufwachen?
Byrne: Heute Morgen war ich jemand, der mit einer Tasse Kaffee im Bett blieb und in einem Buch über die Evolution las. Leider fällt mir der Name des Autors gerade nicht ein, aber er versucht zu erklären, warum Pfauenschwänze so groß sind und was das mit der Größe des menschlichen Gehirns zu tun hat. Menschen haben Literatur und Kunst entwickelt, eine Sprache, mit der sich vieles ausdrücken lässt, auch vieles scheinbar Überflüssige. Ich denke, er will sagen, dass unser Gehirn etwas Ähnliches ist wie der Schwanz beim Pfau: Es geht darum, andere anzulocken. Also letztlich ums Überleben.
ZEIT: Dann ist es der pure Überlebensinstinkt, der Sie dazu bringt, sich auf so vielen Gebieten gleichzeitig zu betätigen?
Byrne: Für mich ist es einfach die Art und Weise, wie ohnehin die meisten Menschen die Welt betrachten. Sie hören Musik, sie lesen was, sie schauen sich einen Film an, sie teilen sich und ihr Leben nicht von vornherein auf.
ZEIT: Stimmt es, dass Sie immer einen roten Rucksack mit Ihrem Pass, Ihrer Zahnbürste und Ihrem Schweizer Armeemesser mit sich herumtragen?
Byrne: Nicht ganz, der rote ist geklaut worden, mein neuer ist schwarz. Das Messer habe ich auch nicht mehr, man kriegt es ja neuerdings am Flughafen abgenommen. Aber Pass und Zahnbürste sind tatsächlich immer dabei, plus einige andere Dinge: mobiles Telefon, iPod, ein paar Papiere, an denen ich gerade arbeite. Ich lebe praktisch ständig mit gepackten Taschen.
ZEIT: Wo ging es zuletzt hin?
Byrne: Vor ein paar Wochen war ich in Argentinien. Ein Stück, das ich mit La Portuaria eingespielt habe, einer Band aus Buenos Aires, ist dort erfolgreich, und da hieß es: Komm doch runter, und spiel ein Konzert mit uns. Ich dachte: Oh, das ist nett, sie bezahlen dich dafür, dass du kommst, und hinterher verbringst du noch ein paar Tage in der Stadt. Vorher habe ich mit einigen Freunden in Marfa, Texas, den Jahrestag ihrer Hochzeit gefeiert. Sie leben in der Nähe des Rio-Grande-Nationalparks. Die Wüstenlandschaft ist großartig.
ZEIT: Klingt gut. Haben Sie als Kind von solch einem Leben geträumt? Immer auf Achse, und man kriegt auch noch Geld dafür?
Byrne: Nein. Als Junge waren die aufregendsten Berufe, die ich mir vorstellen konnte, Astronaut oder Spion, in der Richtung von James Bond. Aber so glamourös, wie das Leben als globaler Nomade auf den ersten Blick erscheint, ist es gar nicht. Manchmal vielleicht, wenn man einem Künstler oder Musiker vorgestellt wird, den man sehr verehrt. Ansonsten aber ist es harte Arbeit.
ZEIT: In den letzten Jahren waren Sie vor allem als Fotograf aktiv. Sie haben auf Ihren Reisen Firmensitze, Schaufenster und Konferenzsäle fotografiert und Ihre Eindrücke in künstlerischen PowerPoint-Präsentationen zusammengefasst.
Byrne: Diese PowerPoint-Geschichte war ursprünglich als Satire auf die Weltsicht moderner Unternehmen gedacht: Man rattert in solchen Vorträgen ja bloß Stichpunkte herunter. Doch je mehr ich damit herumspielte, desto klarer wurde mir, dass sich auch diese Form der Darstellung zweckentfremden ließ. Also fügte ich Klänge hinzu, und bald waren es kleine Filme. Ich zeigte das Ganze in Galerien, aber leider war die Kunstgemeinde nicht sonderlich interessiert – im Gegensatz zur digitalen Welt.
ZEIT: Sie sind inzwischen mehr Jäger und Sammler als Musiker?
Byrne: Das nicht gerade, aber es handelt sich oft um kurzfristige Kooperationen, manchmal nur für einen Song. Heute zum Beispiel habe ich dem Perkussionisten meiner Band, der mich um einen Text für eines seiner Stücke gebeten hat, eine MP3-Datei geschickt. Praktisch fertig ist ein Musical, das in Zusammenarbeit mit Fatboy Slim entstanden ist, dem britischen Techno-DJ. Es geht um die Diktatorengattin Imelda Marcos und ihre Neigung zur Discomusik. In ihrem New Yorker Apartment betrieb sie in den Siebzigern eine private Diskothek, sie ging auch viel aus. Ich wollte zeigen, auf welch irrationalen Grundlagen die große Politik basieren kann. Bei den Konzerten in Bochum werde ich Teile davon spielen, zusammen mit Talking-Heads-Stücken und anderem Material aus dreißig Jahren.
ZEIT: Das Time Magazine hat Ihnen für Ihre vielseitigen Interessen schon 1986 den Ehrentitel »Renaissancemensch des Rock« verliehen. Verfolgt einen so etwas?
Byrne: Ich weiß heute, dass das als Kompliment gemeint war. Aber mit den Jahren wurde es auch zu einer Last. Ich kann dieses Gewicht tragen oder es ignorieren oder vor ihm davonlaufen. Außerdem habe ich selbst nie von mir behauptet, ein zweiter Leonardo da Vinci zu sein.
ZEIT: Man könnte mit demselben Recht sagen, dass Sie zeit Ihres Lebens ein Dilettant geblieben sind – im positivsten Sinne des Wortes natürlich. Sie versuchen, der Ödnis des Professionalismus zu entgehen, Sie sind ein ewiger Punk.
Byrne: Da ist was dran. (lacht) Obwohl wir mit den Talking Heads nie Punk im musikalischen Sinn gespielt haben. Aber wenn es um die Haltung geht… Wir gingen damals von der Annahme aus, dass der Mangel an Spieltechnik zu den interessanteren Ergebnissen führt. Leider lernt man mit den Jahren einfach, Stücke zu schreiben oder mit dem Computer umzugehen. Dann wird es schwierig, sich diese gewisse Unschuld zu bewahren.
ZEIT: Sie haben einmal gesagt, Musik habe nichts mit Noten oder Rhythmen zu tun, sie sei vielmehr ein organisierendes Prinzip im Hintergrund. Ein konzeptkünstlerischer Zugang.
Byrne: Das halte ich immer noch für zutreffend. Die Definition, Musik bestehe aus Noten, schließt die Kunst zu vieler anderer Kulturen aus. Wenn man dagegen das Gemeinsame in den Vordergrund stellt, die Struktur oder wie immer man es nennen will, kann man sich zwischen den Kulturen bewegen, ja sogar zwischen den Disziplinen. Ich denke, das war das Beste, was wir mit den Talking Heads getan haben, wir haben Discobeats in die Sphäre der Kunst reimportiert. Es war, als würde man Geist und Körper wieder zusammenbringen.
ZEIT: In den Achtzigern sah man Sie eher als urbanen Superneurotiker.
Byrne: Mit der Zeit treten die Etiketten in den Hintergrund – und die romantischen Aspekte deutlicher hervor. Wir haben uns immer schon für das Afrikanische im Amerikanischen interessiert, nur eben nicht unter dem einengenden Blickwinkel des »Authentischen«. Ich spreche lieber von »Frankenstein-Music«: Man nimmt die verstreuten Organe und setzt sie zu einem neuen Körper zusammen. Aus demselben Grund habe ich mich später für Musik aus Brasilien interessiert.
ZEIT: Sie sind ein weißer Protestant, der sich in sein Gegenbild verliebt hat – in afrokatholische Kulte.
Byrne:(lacht) Irgendwie schon. Was aber nichts Besonderes ist. Seit Jahrhunderten und speziell in Europa haben sich Künstler, die im Norden groß geworden sind, von den Kulturen des Südens angezogen gefühlt. Früher gab es in der Literatur die Idee der sentimental journey, heute ist es die Musik von dort unten, die fasziniert.
ZEIT: Dabei haben Sie in der New York Times den Essay I Hate World Music veröffentlicht.
Byrne: Der Titel sollte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ansonsten ist es offensichtlich, dass ich Musik aus anderen Teilen der Welt nicht hasse. Doch der Ausdruck »Weltmusik« verfrachtet 99 Prozent der Musik auf diesem Planeten in ein künstliches Ghetto. Es ist, als hätte man für ein hochkomplexes Geschehen bloß ein einziges Regal im Plattenladen übrig. Aber die Dinge ändern sich, in Europa schneller als in den Vereinigten Staaten unter George Bush. Leider.
ZEIT:»Don’t worry about the government« – hat diese Songzeile der Talking Heads heute noch eine Bedeutung für Sie?
Byrne: Nun, dieses Stück war schon immer ein klein wenig ironisch, mehr aber noch Ausdruck eines Blicks, mit dem Kinder die Welt betrachten. Es geht um eine Wunschwelt, in der Apartmentgebäude wunderbare Orte sind und alle Aufzüge und Kühlschränke funktionieren. Heute sehen wir die Dinge vielleicht zynischer, aber immer noch wird in Liedern von utopischen Möglichkeiten geträumt.
ZEIT: Momentan erleben wir eher die Rückkehr des Protestsongs. Neil Young hat den amerikanischen Präsidenten offen angegriffen, Bruce Springsteen tourt mit Songs aus Zeiten der Bürgerrechtsbewegung. Verlangen die Verhältnisse etwas weniger Ironie und Subtilität?
Byrne: Ja! Obwohl ich nicht weiß, ob ich dazu fähig bin. Vielleicht können andere das einfach besser, einer Sache ihre Stimme geben… Vielleicht bin ich auch zu misstrauisch jeder Art von Hymne gegenüber. Ich möchte im Grunde keine Antworten geben. Es sind andere, die so populär sein können, Neil Young eben oder Kanye West, der Rapper.
ZEIT: Bis vor kurzem waren die Vereinigten Staaten auch kulturell die Weltmacht Nummer eins. Inzwischen hat man den Eindruck, dass die Globalisierung voranschreitet, während Amerika mehr denn je zur Insel wird.
Byrne: Erst am Wochenende habe ich wieder in der Zeitung gelesen, dass 50 Prozent der Amerikaner noch immer der Meinung sind, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hatte. Um die 30 Prozent sehen nach wie vor eine direkte Verbindung zu al-Qaida. Vielleicht ist es einfach bequemer, so etwas zu glauben, gegen alle Beweise. In dem Sinne ist das Land wirklich zu einer Insel geworden: Es schaut ungern über die eigenen Grenzen hinaus. Die Haltung ist: Wir tun, was wir wollen, mögt uns, oder lasst es bleiben.
ZEIT: Nur an Bush kann das nicht liegen.
Byrne: Nein, auf keinen Fall. Solche Stimmungen entstehen, wenn Weltreiche an die Grenzen ihrer Expansionsmöglichkeiten stoßen. Die räumliche Ausdehnung und der tatsächliche Einfluss beginnen auseinander zu klaffen. Die Dinge werden unsicher, das Öl fließt nicht mehr selbstverständlich. Ich denke, die Leute spüren so etwas einfach. Dass es keine Grenze mehr gibt, dass hinter dem Horizont sich nichts mehr auftut.
ZEIT: Für Ihren Film True Stories sind Sie schon einmal durch die amerikanische Provinz gereist. Wie würde eine Fortsetzung aussehen?
Byrne: Hm, da müsste ich sehr lange nachdenken. Damals war es mir wichtig, auf Leute zu stoßen, die sich stark von mir unterscheiden. Ich wollte sie aber nicht als Hinterwäldler denunzieren, sondern sie als Teil einer bizarren Welt zeigen. In den Achtzigern war noch viel Geld im Spiel – Geld, das in Texas einfach so aus dem Boden sprudelte. Heute denken wohl noch mehr Amerikaner, dass gerade das Ende der Welt heraufzieht.
ZEIT: Mögen Sie New York noch, nachdem die Stadt fast so sauber und ordentlich geworden ist wie das Hinterland?
Byrne: Ich gehe mindestens einmal die Woche auf ein Konzert – auch wenn es sich zugegebenermaßen oft um Künstler handelt, die von außerhalb kommen und hier bloß auftreten. Es ist immer noch viel los, aber das Geschehen ist nicht mehr auf bestimmte Orte konzentriert. Das könnte etwas mit der Gentrifizierung zu tun haben, die die Stadt sehr verändert hat: Junge Musiker und Künstler werden heute nach Brooklyn oder nach Hoboken vertrieben, und da kommt man dann nachts nicht mehr so leicht in bestimmten Clubs zusammen. Es könnte aber auch sein, dass der Austausch inzwischen im Internet stattfindet, auf Foren wie Myspace oder YouTube.
ZEIT: Vielleicht haben die neuen Szenen tatsächlich weniger mit lokalen Voraussetzungen zu tun als mit globalen Gemeinsamkeiten – über alle Grenzen hinweg.
Byrne: Natürlich ist es ein Unterschied, ob man sich in einem dampfenden Club versammelt oder bloß mit der Maus einen Befehl ausführt. Es gibt Dinge, die man übers Internet einfach nicht austauschen kann. Ansonsten aber stelle ich immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen der postindustriellen Gesellschaft und vorschriftlichen Kulturen fest. Im Internet organisieren wir uns wieder wie Stämme, die über das Auge und das Ohr miteinander verbunden sind. Die Verständigungsgrundlage sind Zeichen, Symbole und Sounds. Das verändert über kurz oder lang jede Vorstellung nationaler oder lokaler Arten der Kommunikation – hoffentlich zum Positiven.
ZEIT: Ist das nicht wieder eine romantische Idee, diesmal von einer Globalisierung von unten, die mit der Globalisierung der Wirtschaft konkurriert?
Byrne: Zumindest ist es so, dass der Körper die Botschaft oft besser versteht als der Intellekt. Wir tanzen alle zu einem weltweiten Beat, der ständig neu erfunden wird – auch wenn die Vorstellung des »Echten« dabei eine Illusion ist.
ZEIT: Gibt es noch einen Ort, den Sie Ihr Zuhause nennen würden?
Byrne: Ich lebe jetzt seit dreißig Jahren hauptsächlich in New York, da spürt man schon eine gewisse Verbundenheit, bei allem, was sich verändert, selbst im Negativen. Wenn ich zum Beispiel mit dem Fahrrad von Midtown nach SoHo fahre, wo mein Büro liegt, komme ich manchmal am Times Square vorbei. Es ist nicht mehr die verruchte Pornomeile von früher, aber ein wunderbares visuelles Spektakel. Man sieht die Häuser nicht mehr vor lauter Leuchtreklamen, fast wie in Tokyo.
ZEIT: In Deutschland haben wir die schöne Bezeichnung »Lebensmittelpunkt«. Sie meint, dass hier das Alltägliche stattfindet.
Byrne: Das kann ich verstehen, das Traditionelle daran. Ich habe auch nach wie vor eine enge Verbindung zu meiner Tochter. Wenn ich nicht auf Reisen bin, kochen wir in meinem Apartment etwas für uns oder für Freunde.
ZEIT: Ganz archaisch: Zu Hause ist, wo der Herd steht.
Byrne:
Ja, genau. Vielleicht ist es aber auch nur noch der einzige Ort, bei dem man weiß, in welchem Schrank das Salz steht.
Das Gespräch führte Thomas Groß
- Datum 24.08.2006 - 05:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006
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