Nahost Israels Zweifel

Wer hat gesiegt? Israel, sagen die eigenen Strategen. Doch die Bevölkerung glaubt: Keines der Kriegsziele wurde erreicht

Der echte Krieg ist vorerst vorbei, begonnen hat die Schlacht der Narrative – siehe Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, der vom »gesegneten, gewaltigen Sieg« erzählt. So war es schon immer in Nahost. Als die Israelis im Suezkrieg von 1956 den Sinai überrannten, erklärte Ägyptens Nasser, er sei von England und Frankreich geschlagen worden. Dito nach dem Sechstagekrieg, als er den israelischen Triumph zum amerikanischen stilisierte. Den Sieg im Jom-Kippur-Krieg von 1973 reklamierten beide Seiten für sich – Ägypten, weil es den Suezkanal überqueren konnte, Israel, weil es am Ende auf der Straße nach Kairo stand. Wenn die Waffen schweigen, schlägt die Stunde der Fabulierer.

Tausendundeine Nacht der Moderne? Diese Erzählkunst ist keine typisch orientalische. Hierzulande passiert das in jeder Wahlnacht: »Also, angesichts der Umfragen, die uns bloß sechs Prozent gaben, sind sieben ein fantastischer Sieg.« Lauschen wir als Kontrastprogramm zu Nasrallah dem israelischen Minister Chaim Ramon: »Trotz Nasrallahs Siegesreden ist dies eine geschlagene Hisbollah, sowohl am Boden als auch an der internationalen Front.« Israel habe eine UN-Resolution bekommen, die den Status quo ante »potenziell von Grund auf verändern könnte, und das war das Ziel des Krieges«.

In der arabischen Welt (siehe Michael Thumann, unten) wird dagegen die Entzauberung der israelischen Armee bejubelt, die auch nach vier Wochen keine Entscheidung erzwungen habe. Schon am 7. August reklamierte die Hamas-Zeitung Al-Rizala (Gaza) die »Ehre des Sieges« für Hisbollah. Dieser werde wie ein »Schild« Syrien und Libanon schützen »und auch Iran gegen einen Angriff auf seinen Atomreaktor«. Die »arabischen Regime haben sich mit Israel solidarisiert und so auf das falsche alte Pferd gesetzt«. Die wahren Sieger seien die Palästinenser; »der Weg ist offen für die dritte Intifada«.

Hören wir nun einer etwas nüchterneren Stimme zu, der von Zeev Schiff, dem Doyen der israelischen Militärkommentatoren, der für die linke Ha’aretz schreibt. »Wer hat gewonnen?« sei eine Frage, die »nach Unabhängigkeitskrieg und Sechstagekrieg eben nicht gestellt wurde«. Die jüngste Runde habe »keine Entscheidung« gebracht, und dennoch »ist es möglich, dass dieser Krieg die Lage im Libanon ebenso verbessern wird wie Israels Stellung im Konflikt mit Iran«.

Militärisch, so der angesehene Stratege, »hat Israel gegen Hisbollah nach Punkten gewonnen«. Hisbollah musste »schlimme Schläge gegen seine Befehlszentralen und seine Logistik hinnehmen«. Anderseits: Nur deren weitreichende Raketen habe Israel zerstören können, nicht aber die Kurzstreckengeschosse im Süden. Auch konnte Israel nicht die Hisbollah-Führung ausschalten. Grundsätzlich: Israel hat in diesem Krieg keine Antwort auf die Tausende von primitiven Katjuschas gefunden, die eine Million Israelis in die Bunker oder Flucht geschlagen haben. Vorläufig kann sich Israel nur auf die massive Abschreckungsdrohung verlassen, die es mit seiner Luftwaffe gegen die zivile Infrastruktur ausgeführt hat. Zynisch lautet die Botschaft etwa so: »Niemand darf sich künftig darauf verlassen, dass Israel bloß rational und proportional reagiert, wenn die Zivilbevölkerung attackiert wird.«

Ob ein Nasrallah die Botschaft beherzigt? Das ist eine von vielen offenen Fragen. Man darf allerdings zwischen den Zeilen lesen – als Nasrallah am 12. August etwas gemessener als sonst verkündete, einen Waffenstillstand zu »respektieren« – so redet keiner, der sich auf der Siegerstraße wähnt. Oder schon am 9. August, als er vor dem eigenen Volk das Alibi probte: »Wir haben verantwortungsbewusst agiert, als der Premier seinen Sieben-Punkte-Plan (zur Beendigung des Krieges) präsentierte.« Und: »Wenn alle glauben, dass die Verlegung der (libanesischen) Armee (in den Süden) einen politischen Ausweg eröffnet, akzeptieren wir das.« Nahm hier einer Kreide zu sich – oder spricht die Einsicht in die Normativität der Fakten, welche die israelische Armee geschaffen hat?

Wer hat also gewonnen, wer verloren? Der israelische Minister Eitan Cabel (Arbeitspartei) wütet: »Stabschef Halutz hat versprochen, Hisbollah in 48 Stunden zu zertreten. Das war nichts als heiße Luft!« Eine nachdenkliche Antwort gibt das Volk. Laut Meinungsumfrage von Globes-Smith meinen fast drei Fünftel aller Israelis, ihr Land habe keines – oder nur wenige – seiner Kriegsziele erreicht. Ein Abgeordneter der Rechtspartei Israel Beitenu drückt es so aus: »Wie der Rest des Landes verstehen wir nicht, was eigentlich in diesen vier Wochen passiert ist.« Premier Olmert spricht nur sehr zurückhaltend von der »Veränderung des Kräfteverhältnisses gegenüber Hisbollah« – und wappnet sich gegen einen Untersuchungsausschuss: »Wir werden nichts unter den Teppich kehren.« So redet keiner unterm Siegerkranz.

Die Frage nach dem »Unterm Strich« hängt wie immer von den Kriegszielen ab. In diesen Tagen geistert ein Artikel aus dem jüngsten New Yorker durch den globalen Blätterwald, in dem Seymour Hersh in der bewährten Mischung aus anonymen Zitaten und bekannten Fakten eine Art Verschwörung enthüllt: Israel hätte die Offensive schon lange geplant und sich dabei auch des amerikanischen Wohlwollens versichert. Das eigentliche Objekt der Lektion sei Iran gewesen.

Tatsächlich war hier keine Verschwörung, sondern klassische Sicherheitslogik am Werk. Israels Mossad und Aman (Militäraufklärung) hatten seit 2000 mit wachsender Besorgnis die ausufernden Bunkersysteme und Raketenaufrüstung sowie die iranischen Ausbilder registriert. So geriet der Südlibanon zur Arena eines klassischen Präventivkrieges, dem nur der Auslöser fehlte. Den lieferte Hisbollah mit der Entführungsaktion vom 12. Juli. Dass Jerusalem sich in Washington, beim einzigen Verbündeten, rückversicherte, war keine Verschwörung, sondern realpolitische Vernunft. Und dass den USA wie auch den meisten EU- und arabischen Staaten die Schwächung von Hisbollah als Stellvertreter Irans gut ins Konzept passte, zeigte deren demonstrativer Verzicht auf den Ruf nach sofortigem Waffenstillstand.

Da dieser Vierwochenkrieg in letzter Konsequenz nicht nur einer gegen Hisbollah, sondern auch ein israelisch-iranischer, ja ein amerikanisch-iranischer war, wird die Bilanz nicht allein in Beirut und Jerusalem geschrieben werden. Das Blutvergießen im Libanon wird nur dann zu einer halbwegs stabilen Nachkriegsphase führen, wenn es außer Hisbollah auch Syrien und Iran ernüchtert hätte. Die Libanesen, die ihren Kopf hinhalten mussten, sind es längst. »Die Iraner«, so der Beiruter Minister Sarkis am 11. August, »wollen ihre nuklearen Probleme mit der Weltgemeinschaft durch den Konflikt im Libanon lösen.«

Sarkis hat Recht: Der Schlüssel liegt in Damaskus, Teheran und Washington. Die beste Nachricht? Israel und Hisbollah haben den Waffenstillstand und die internationale Truppe blitzschnell akzeptiert. In Nahost ist die gegenseitige Erschöpfung noch immer das beste Ruhekissen – bis zum nächsten Krieg.

 
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