Manchmal überfällt mich eine hysterische Empfindlichkeit. Wie, frage ich dann, kann ein Mensch (ich meine damit mich) das aushalten: Dort ist ein Krieg, dessen Rechtfertigungsgründe einem durch den Kopf schießen. Waldbrände in Südeuropa; zugleich kann man erfahren und muss die Information verarbeiten, dass in Österreich der Versicherungsbetrug boomt und dass Anna Netrebko ebenda Staatsbürgerin wurde. Die Ölpreise steigen, und so mancher Radrennfahrer hat es in sich, nämlich das Testosteron, und zwar im Übermaß. Das ist das immergleich Heterogene der Nachrichten, ihre Unvereinbarkeit, ein bekannter Topos, ein Gemeinplatz – und auch das weiß man und muss es aushalten.

Aber man hält es doch leicht aus. Ein paar Heuchler behaupten das Gegenteil, weil sie sich gerne betroffen zeigen. Ein paar Interessenten sind wirklich betroffen, ein paar Menschen sind einfach gut, und sie helfen, aber dem Rest ist »die Welt« im großen und ganzen egal. Ich bin mit mir selbst befasst, in meiner Isolierhaft komme ich mir manchmal grandios vor, manchmal bin ich melancholisch, denn zu alledem muss ich auch noch mein Privatleben aushalten, das mich endgültig in den Augen aller, also gesellschaftlich zum Individuum stempelt. Stirner (Der Einzige und sein Eigentum) mag in der Philosophie scheel angesehen werden, aber seine Philosophie hat am Ende die Massen ergriffen.

Diese Auslassungen kommen nicht nur von Herzen, und sie beruhen nicht bloß auf der Zeitungslektüre von gestern, sondern ich habe natürlich wieder ein Buch gelesen: Georges Simenon, Die Flucht des Monsieur Monde. In dem Diogenes-Taschenbuch der Simenon-Neuausgabe geht es auf eine merkwürdige Weise um die Welt; in erster Linie ist das Buch überhaupt irr, denn es ist 1944 fertig geschrieben worden, und nicht ein Satz betrifft die kriegerische Welt von damals. Das Buch atmet eine andere Zeit: »Die Gasleitungen verliefen noch über den Tapeten, der Dienstbotenaufgang wurde noch von schmetterlingsförmigen Gaslampen erleuchtet, und auf dem Dachboden schlummerten unzählige Petroleumlampen aller Epochen.«

Was sind die Glücksversprechungen der bürgerlichen Welt schon wert?

Monsieur Monde ist nichts weniger als der Herr der Welt, aber immerhin ist er Herr Welt. Das könnte ein Name wie jeder andere sein, aber der Witz ist, dass dieser Monde seinen Namen nicht mag; er wünscht sich einen Allerweltsnamen, wie er überhaupt für die Wonnen der Gewöhnlichkeit schwärmt. Er ist ein besserer Herr, Chef einer Firma mit Tradition (gegr. 1843). Aber wenn er die Leute im Zug sieht, mit ihren schäbigen Koffern, dann beneidet er sie. Er will raus aus seinem Identitätskorsett, und auf der Flucht macht er schließlich Erfahrungen, die jedes Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft in den Schatten stellen. Nach einem Geschlechtsakt, bei dem die Beteiligten einander undramatisch, jedoch nicht freundlich, fremd bleiben, heißt es: »Die erdrückende Trostlosigkeit dieser Stunde war Teil dessen, was er ersehnt hatte.«

Aber Vorsicht, die Moral der Geschichte ist keineswegs eine Aussteigermoral. Was hier Flucht heißt, ist am Anfang nur der Versuch, außerhalb der Festlegungen und Begründungen zu agieren. Ja, seine Nächsten haben den Geburtstag von Herrn Monde vergessen, aber das ist nur vordergründig. In Wirklichkeit hat Monde keinen Grund – er geht einfach, und die Flucht, man glaubt es nicht, hat etwas mit Erleuchtung zu tun. Mitten unter allen Abenteuern gibt es einen Moment, an dem, so will es Simenon, Monde seine Art, ein Mensch zu sein, seine Anstrengungen und Erschlaffungen, die Mühen und Aufregungen durchschaut und ihnen gegenüber frei wird. Über diesen gewiss lichtvollen Moment heißt es: »Und nun sah er im Mondlicht das Leben plötzlich anders, wie von mächtigen Röntgenstrahlen durchleuchtet.«

Auf der Flucht war er auch seinen Namen losgeworden. Er, der einen Namen hatte, Norbert Monde, nahm sich einen beliebigen anderen. Über einem Laden stand in gelben Buchstaben: »Désiré Clouet, Schuhmacher«, ein Name so gut wie ein jeder andere. Das Faszinierende an diesem Buch, das seine Schwächen hat, ist Mondes Verwandlung. Die Schwäche liegt in der realistischen Schreibweise, die, um den Eindruck von Wirklichkeit hervorzurufen, Sätze wie den benützt: »Herr Ober…! Bringen Sie mir doch bitte ein neues Glas, mir ist ein Stück Languste in den Wein gefallen…«