Grass-Memoiren"Ich habe mich verführen lassen"

Grass gibt Rechenschaft, bohrend, brennend mit dem rotglühenden Eisen namens Erinnerung; rechtfertigen tut er nichts, urteilt Fritz J. Raddatz nach der Lektüre der Memoiren. von Fritz Raddatz

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SS-Mann Günter Grass. Die Feder sträubt sich, so einen Satz aufs Papier zu bringen. Nun tobt eine Debatte – vom Nobelpreisträger selber Wochen vor Erscheinen seines Buches losgetreten – über die Frage »Warum das Eingeständnis so spät?«; darf man das als Lebenslüge denunzieren? Zwar neige auch ich zur Antwort »Reichlich spät« – halte gleichwohl den impliziten Vorwurf für pharisäisch. Es ist eine außerliterarische Kategorie, geeignet für den Leitartikel, nicht für die Literaturkritik. Es geht um ein Werk, um bohrende Unruhe, die ihm zugrunde liegt. Also um Irrtum und Versagen als literarisches Material, nicht um Datierung. Das nämlich ist der Impetus der Grass-Memoiren: das Leben eine Werkstatt. Was hier vorliegt, ist ein gar seltsames, hochgemut trauriges Buch, Legende vom Erfolg durch Versagen, widerborstig-garstig, schockierend und (dadurch) zutiefst berührend. Keine Besonnte Vergangenheit, keine Jugenderinnerungen eines alten Mannes. Ein Kontobuch – um die frühe buchhalterische Erfahrung des Kleinbürgersohnes aus dem Kolonialwarenladen und die von Grass gerne noch heute betonte Rechenhaftigkeit zur Metapher zu dehnen; unter dem Strich steht mit schwarzer Tinte die Summe: »Ich war als Hitlerjunge ein Jungnazi. Gläubig bis zum Schluß.« Da trug der Panzerkanonier – der sich zuvor vergebens freiwillig zur U-Boot-Waffe gemeldet hatte – jene Runen am Uniformkragen, von denen ihn bei Kriegsende (»Sonst kriegst du gleich einen Genickschuß«) ein Kamerad vorsorglich befreite, indem er ihm eine andere Jacke »organisierte«.

Mit einer Rigorosität, wie ich sie sonst nur von Jorge Semprúns schonungslosem Abrechnungsbuch über seinen Irrweg zum fanatischen Kommunisten kenne, gibt sich hier einer kein Pardon – wie man uns sonst so häufig in selbstmitleidigem Schluchzton die Ohren zuzuschmieren suchte. Die trotzige Ungebärdigkeit, die wir aus Büchern und Reden von Grass kennen – letzthin in seiner furiosen Ansprache auf dem PEN-Kongress –, erspart er dem nicht, den er »jenen Jungen« nennt, »der anscheinend ich war«, und den er – »keine Zweifel haben meine Kinderjahre getrübt« – als »leicht zu gewinnen« schildert. Dieser »Junge meines Namens« hat nie gefragt (etwa nach Verschwundenen), hat immer wieder »das Wort ›Warum‹ verschluckt, nicht ausgesprochen… wenngleich der Name Stutthof abschreckend in aller Munde war«. Der Name Hitlers war ihm »heilig«, an ihn wurde geglaubt, bis alles in Scherben fiel (und noch ein Weilchen, im Kriegsgefangenenlager, danach).

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Grass gibt Rechenschaft, bohrend, brennend mit dem rotglühenden Eisen namens Erinnerung; rechtfertigen tut er nichts: »Um den Jungen und also mich zu entlasten, kann nicht einmal gesagt werden: Man hat uns verführt! Nein, wir haben uns, ich habe mich verführen lassen.« Grass schrubbt und schrubbt – aber keine Reinwaschung will ihm handhabbar sein; nur deutlicher wird sein Schandmal, das er uns vorzeigt – »mein Schweigen dröhnt mir, beim Häuten der Zwiebel, in den Ohren«. Die Schmach, der er sich ohne die kleinste Persilschein-Schummelei stellt, wird eines Tages zur schöpferischen Energie. Geheimnisvolle Dialektik der Kunst. Das ist die zweite Ebene dieses Buches, das man getrost radikal nennen darf. Davon wird noch zu berichten sein.

Zuvor aber eine Bedenklichkeit, von der ich selber nicht weiß: Ist sie besserwisserisch-banausisch oder notwendig? Geht sie nicht gar an der Pflicht eines Kritikers vorbei, über eine Grenze hinweg? Sei’s drum. Ich muss einbekennen: Ganz verstehe ich diese Dummheit nicht; auch wenn Grass sie ohne Beschönigungsschnörkel einbekennt. »Blind für alltäglich werdendes Unrecht im nahen Umfeld der Stadt« – wie ging denn das, bei einem 1940 immerhin 14-Jährigen, kein Baby also, mehr Jüngling schon denn Junge? Ich bin vier Jahre jünger, war also 1939 – als »seit 5.45 Uhr zurückgeschossen« wurde – wirklich ein achtjähriges dämliches Gör, in dessen mulschigem Gehirn sich der Krieg ausmalte als Aufmarsch hübsch farbig gekleideter Soldaten (Bleisoldaten?) auf dem Tempelhofer Feld; und doch habe ich den Aufschrei des gartensprengenden Vaters nicht überhört: »Das Ende beginnt!« Verstanden habe ich nichts, noch nicht; doch als meine ältere Schwester – gleichaltrig mit Grass – mir zu baff-kuhmäuligem Erstaunen erklärte, andere Staaten, man nenne sie Demokratien, hätten keinen Führer, hakelte doch etwas in meinem Kopf. Auch in meiner Familie hörte man nicht unentwegt BBC, gar Thomas Manns Reden An die deutsche Nation (ich hätte gar nicht gewusst, wer Thomas Mann ist), und mein Herr Offiziersvater war wahrlich Lichtjahre entfernt von auch nur kritischer Einrede (vor uns), geschweige denn auch nur dem Hauch eines Gedankens namens Widerstand. Unredliche Geschichtsschummelei wäre das. Aber in jeder Familie gab es doch irgendeine Tante, Cousine, einen Onkel, irgendeinen Bahnbeamten im Bekanntenkreis, der/die dem Grass-Prinzip »Habe ich wieder mal keine Fragen gestellt« nicht folgte? Es gab gar Kinder-Abzählreime »…dann kommst du ins KZ«; es gab kleine Blinzel-Witze »Mama, wer klingelt da jetzt abends? – Ess, ess, mein Kind, und mach dir keine Sorgen.« Das und vieles andere habe ich, der vier Jahre Jüngere, gehört, geschmeckt, gerochen, nicht begriffen, aber wahrgenommen.

Auch ich habe die Sondermeldungen gehört; auch ich habe die Wochenschauen mit den siegreichen Panzern gesehen; auch ich habe all die Ufa-Filme (oft heimlich, weil zu jung) angeschaut, von denen Grass berichtet – und war begeistert von Willy Birgel in Reitet für Deutschland, weniger von Stukas mit Carl Raddatz, weil ich den entfernten Verwandten nicht mochte –, aber in diesem gläubigen Applaus-Rausch war ich nie eingehüllt, niemand, den ich kannte: kein Schulkamerad, keine erste Knutsch-Anette, kein gefürchteter Vater. Endsieg erhoffen? Wie funktionierte denn das angesichts der in rauchenden Trümmern versinkenden Städte (Grass hat sowohl Dresden als auch Berlin in Schutt und Asche gesehen, er beschreibt es eindrucksvoll); angesichts der sehr bald eintretenden Kunsthonig- und Wurstersatz-Kümmerlichkeit; der allenthalben mit einem Bein, mit leerem Jackenärmel, mit der Blindenbrille in Straßenbahnen und Omnibussen Humpelnden; der viele Zeitungsseiten füllenden Anzeigen »Für Führer Volk und Vaterland auf dem Felde der Ehre gefallen. In stolzer Trauer…«. Ich erinnere mich an die schallende Ohrfeige des Vaters, als ich »Quatsch« gesagt hatte, »wie kann man denn stolz sein, wenn einer tot ist« – da war ein Schlittschuhlauf-Freund in Kurland gefallen, und ich war lange Abende bei der fassungslos weinenden Mutter gesessen.

Nun war Grass ja seit seinem fünfzehnten Lebensjahr fast immer kaserniert, nix Ku’damm-Cocktails neben eben noch brennenden Häusern, nix Wannsee-Bad »Für Juden verboten«; vielleicht hat er, eingesperrt in die dumpfe Kameraderie und eingesetzt schließlich in (erschütternd erzähltem) grausigem Fronteinsatz, nie einen Menschen mit Judenstern am Mantel gesehen – es muss eine Miefretorte gewesen sein. Aber kam nicht mal ein Kamerad vom Urlaub zurück und berichtete von der Not in Hannover, München oder Cottbus? Eine Remarque-hafte Szene, wie er einem eben noch hilfreichen Gefreiten, nun die Beine zerschossen, in die blutig zerfetzte Hose greifen muss, ob er »noch ein Mann« sei. Den Pimmel eines Gemetzelten in der Hand – und an Führer und Endsieg glauben, mit nunmehr 17 oder 18 Jahren?

Grass ist von geradezu wütender Ehrlichkeit; aber seine bis über des feigen Massenmörders schmähliches Ende, das er noch hinnahm als »im Kampf um die Reichshauptstadt gefallen«, bis über das Kriegsende hinausreichende Gläubigkeit ist schwer zu verstehen. Ohne einen Tupfer von Schminke gesteht er ein, dass es so war, er so war; aber wie und warum?

Grass misstraut der Erinnerung – aber die Bilder bedrängen ihn doch

Nun geschieht aber etwas Wundersames, das Beim Häuten der Zwiebel zu einem wichtigen, einem glücklich gelungenen Buch macht. Ihm, dem meisterlichen Erzähler, gelingt, was man – wenn ich nicht irre – in der Naturwissenschaft eine »Doppelhelix« nennt: In immer neuen Kurven, Ausbuchtungen, Schleifen führt er vor die schwärende Wunde, Schande. Er gibt preis, wie tief eingekerbt, stets bewahrt, stets sich dessen bewusst, diese verbogene Jugend sein Werk geprägt hat. Wie er die falsche Währung »Gläubigkeit« umgemünzt hat ins Wort, ob Gedicht oder Prosa: »Ich bereits angejahrt, er unverschämt jung; er liest sich Zukunft an, mich holt Vergangenheit ein; meine Kümmernisse sind nicht seine; was ihm nicht schädlich sein will, ihn also nicht als Schande drückt, muß ich, der ihm mehr als verwandt ist, nun abarbeiten. Zwischen beiden liegt Blatt auf Blatt verbrauchte Zeit.«

So gelassen wie minutiös gibt er uns Auskunft, welcher Bildfetzen vom am Oxhöft-Kai liegenden ehemaligen KdF-Schiff Wilhelm Gustloff eines Tages seine Novelle Im Krebsgang gebären wird; welch und wessen schief schepperndes Ritterkreuz die berühmte Szene in Katz und Maus nähren soll; welche ausgeleierten Redewendungen eines Unteroffiziers sich in den Materniaden der Hundejahre wiederfinden; wie die fetten Ratten in den Unterständen der Acht-Komma-acht-Geschütze ihm »auf Länge eines Romans gesprächig« wurden; wie, zum »Störtebeker« umgetauft, in der Blechtrommel der Anführer einer Bande Jugendlicher auftaucht, von der nur das Gerücht zu ihm gedrungen war: »Vom Hauptbahnhof, auf der Mottlaubrücke und Speicherinsel, im Vorfeld der Schichauwerft und längs der Hindenburgallee kontrollierten die Feldgendarmerie und die Streifen-HJ zivile Personen, Fronturlauber und immer mehr streunende Mädchen, die für gewöhnliche Landser und höhere Dienstgrade mehr als ansprechbar waren. Vor Deserteuren wurde gewarnt, von einer Bande Jugendlicher Abenteuerliches gemunkelt: Einbruch im Ernährungsamt, Brandstiftung im Hafengebiet, Geheimtreffen in einer katholischen Kirche… All das, Unglaubliches sagte man jener ›Stäuberbande‹ nach, die mir späterhin, als ich endlich Wörter auf Abruf genug hatte, einige Kapitel lang wichtig werden sollte.«

Zwar misstraut Grass der Erinnerung, von der er skeptisch sagt, sie horte mit Vorliebe Schrott; aber Töne, Bilder, Geruch, gar kleine Szenen der kostümierten Liliputaner einer im Bunker Schutz suchenden Artistentruppe zwischen verängstigten Kindern und Verwundeten auf Tragen – das hat sich fest eingedrückt in die Wachsplatte namens Gedächtnis: »Geführt wurde die Gruppe, die als Fronttheater unterwegs war, von einem kleinwüchsigen Greis, der als Clown auftrat. Aus leeren bis gefüllten Gläsern, die gereiht standen, zauberten seine den Gläserrand streichelnden Finger Musik: jammervoll süß. Er lächelte geschminkt. Ein Bild, das blieb.«

Das Private ist Rohmaterial. Eines Tages wird es geformt werden. Der junge Grass war kein reflektierender Mensch, selbst dem Satz »Und dann sah ich die ersten Toten« folgt die Feststellung: »Keine Gedanken, nur Bilder bleiben… Der Bildersammler sieht mehr, als er fassen kann.« So ist das Buch, dem Grass eine Genrebezeichnung verweigert, auch ein Tagebuch. Präzise und authentisch. Es gibt ohne Scham, aber voller Bedenken die Laufbahn eines Taugenichts wieder – und das Entstehen eines Künstlers; Zwiebelhaut für Zwiebelhaut. Oft weiß er nicht, ob Wiedergegebenes gar Nachgeliefertes ist, versteht er das eigene Wegsehen, Schweigen, Fragenunterdrücken nicht; aber die Technik der Retrospektive – es erzählt uns ja der gleich 80-Jährige vom 18-Jährigen – gestattet, auf ingeniöse Weise, das eigene Werk zu skelettieren (nicht etwa, Gott behüte, zu interpretieren). Dem begeisterten Koch – großartig die Szene, wie den hungernden Kriegsgefangenen papierene Genüsse von einem ehemaligen Wiener Chefkoch vorgegaukelt werden: »Heut, bittscheen, nehmen wir Schwain durch« –, dem Butt- Autor und Aalgenießer darf man wohl sagen: Er gibt uns die Gräte seines Œuvre; selbst die erwähnte Sequenz blieb ihm ja abrufbar, wir finden sie im Roman Örtlich betäubt, in dem statt des wienerischen »No, das gibt Krustchen kestlich« ein Studienrat namens Starusch dilettiert.

Ich zögere nicht zu sagen: Das Buch hat etwas Ergreifendes; es greift nach uns. Selbst da, wo es sich einem Abschnitt nähert, den unsereins als Zeitzeuge miterlebt hat, bleibt es ohne Aha-Effekt, bringt es im Leser etwas zum Schwingen; etwa in der zart-zurückhaltenden, dadurch besonders intensiven Erzählung von der großen Liebe zu Anna, der dann bald ersten Frau von Grass. Dieses Kapitel, in seiner diskreten und berührenden Innigkeit, erinnert an das noble Marilyn-Monroe-Kapitel in Arthur Millers Memoiren Zeitkurven. Chapeau.

Grass hat sich mit diesem Buch selber herausgefordert, sich gehäutet

Aber auch, wenn dieser Schriftsteller sich rückbesinnt auf die Schwierigkeit der Verwandlung von gelebtem Leben im Rohzustand in einen Text, wenn er sich des eigenen schlenkernden Leichtsinns erinnert nach dem ersten großen Erfolg – »Ach, wie leicht sind mir zu Beginn der sechziger Jahre die Wörter von der Hand gegangen, als ich bedenkenlos genug war, die Fakten Lügen zu strafen und mir auf alles, was widersinnig sein wollte, einen Reim zu machen. Schleusentore standen offen. In Kaskaden stürzte seitenlang gebändigter Wortfluß« –: Da vibriert es; das ist, was man den Grass-Magnetismus nennen möchte. Da kann man bocken (wenn er den Streit zwischen Sartre und Camus falsch etikettiert; es ging nicht um Sisyphos, es ging um den Gulag, den Sartre leugnete); da kann man stutzen (wenn er einbekennt, anfangs in der Bundesrepublik nicht gewählt zu haben, noch in der frühen Pariser Zeit an Politik nicht interessiert); da kann man den Poeten bewundern (wenn er vom verwundeten Soldaten erzählt, der, im Nichtraucherabteil rauchend, nach schnippischer Ermahnung einer rheinischen Dame sich sein Taschenmesser ins Holzbein hieb); da kann man Schüttelfrost bekommen (wenn angedeutet wird, die Mutter habe sich den vergewaltigenden Rotarmisten zum Schutz der Tochter angeboten) – eines kann man bei Günter Grass nicht: gleichgültig bleiben. Er ist eine Herausforderung. Mit diesem Buch hat er sich selber herausgefordert, sich gehäutet. Und wenn seine Summe ist, er habe von Seite zu Seite und zwischen Buch und Buch gelebt, so klingt das etwas zu literarisch. Nein, er hat mit seiner Selbstverletzung gelebt, mit einem existenziellen Riss, von dem dieses Buch, von dem seine Bücher Zeugnis geben: »Es verging Zeit, bis ich in Schüben begriff und mir zögerlich eingestand, daß ich unwissend oder, genauer, nicht wissen wollend Anteil an einem Verbrechen hatte, das mit den Jahren nicht kleiner wurde, das nicht verjähren will, an dem ich immer noch kranke.«

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Leserkommentare
  1. Zitat:
    --- Insgesamt vielleicht soviel: Literatur stellt Fragen, formuliert Probleme - und versucht dies in den ernsthaften Varianten mit den Mitteln einer möglichst weit gehenden Ideensynthese zu der jeweiligen Zeit. ---

    Da sind wir beide nich d'accord. Ich bin der Meinung, es gibt keine Literatur im engeren deutschen Sinne. Die Begrifflichkeit in der deutschen Sprache ist ein extrem eng gefaßter und meiner Ansicht nach einer der Möglichkeiten – häufig auch in anderen Medienbereichen eingesetzt – um zwischen dem U und dem E zu unterscheiden. Während die Geschichte zur reinen Unterhaltung zumeist von vorneherein als "pfui bah" abgetan wird, werden "Literaten" viele Freiheiten eingeräumt, was die falsche Nutzung der simpelsten Werkzeuge in ihrem Werkzeugkasten angeht.

    Ich bin mir z.B. durchaus bewußt, auf welchen Ebenen die Grass'sche "Blechtrommel" funktioniert und was Grass in vielen der Passagen ausdrücken will ... ich halte in allerdings nicht für besonders gut in der Wahl seiner Mittel. Aber ich glaube, in diesem Punkt werden wir uns entscheiden müssen, daß wir verschiedene Sichtweisen besitzen.

    Eine gute Geschichte KANN, MUSS aber nicht unbedingt eine Ideensynthese aus dem zeitlichen und örtlichen Umfeld des Autoren beinhalten. Für den eng gefaßten Literaturbegriff ist dies, wie Sie selbst sagen, unerläßlich.

    In diesem engeren Sinne wären z.B. Romane wie John Irvings "The World According To Garp" oder Zadie Smith's "White Teeth" keine Literatur, weil die Probleme in diesen Romanen nicht auf der politischen oder sozialen Meta-Ebene zu finden sind, sondern sich diese Werke vor allem mit Menschen befassen, in teils tragisch, teils komischen Situationen. Sie reflektieren etwas universelles, nicht unbedingt etwas zeitlich fixiertes.

    Der neue John Updike würde hingegen allein aufgrund seiner Positionierung (Wie wird ein netter moslemischer Junge von nebenan Terrorist?) nach diesen Begrifflichkeiten als Literatur gewertet werden müssen, egal wie man zu dessen Erzählstil steht.

    In vielen Teilen erscheint mir die Faszination der deutschen Intellektuellen mit der Meta-Ebene eines Werkes merkwürdig und auch teilweise fehlgeleitet, vielleicht auch dadurch verursacht, daß experimentelle Kunst und auch Literatur in den Jahren 33-45 als entartet verfolgt wurde und sich dadurch ein Bruch in der Entwicklung sowohl der Literatur als auch der Kunst ergab.

    Die Überhöhung einzelner Autoren oder Werke ist allerdings nicht nur ein deutsches Problem, was sich vielleicht gut and "Catcher in the Rye" festmachen läßt. Dies ist ein Buch, das ebenso wie die Blechtrommel einen speziellen Platz in dessen zeitlichen Umfeld einnehmen muß, weil es sich mit den ur-amerikanischsten Problemen befaßt. Ist das Buch für heutige Leser relevant?

    Ich meine, nein. Außerhalb des unmittelbaren historischen Kontextes werden solche Bücher ein Zeitdokument (manchmal auch ein sehr wichtiges Zeitdokument, und als solches würde ich auch die frühen Werke Grass' einordnen), ihre eigentliche schriftstellerische Wirkung aber verblaßt, wie auch immer man dazu persönlich stehen mag.

    Genauso gut könnte man "The Man in the Gray Flannel Suit" als Lektüre befehlen, um die USA der 50er Jahre zu verstehen (ein Buch, das m.E. weitaus besser geschrieben ist als "Catcher", dessen Autor Sloan Wilson aber niemals die Mystik der Pop-Ikone J.D. Salinger erreichte.

  2. Der Text des Herrn Raddatz leist sich wie die schon beinahe rührende Einleitung eines mitelmäßigen Deutschlehrers, ohne jegliche Reflektion, aber "versunken in der adverbialen Metaphorik des größeren Werkes des Günther Grass...und nun schlagen wir alle Seite 89 auf, um dort über die Syntax und ihre existentielle Wichtigkeit bei der Interpretation des Grass'schen Lebens zu fabulieren."

    Nun bringen wir es mal auf den Punkt: Wer als Autor es nötig hat, daß seine Leser zum Genuss und/oder Verständnis seines Werkes die Lebensgeschichte zu wissen, hat als Geschichtenerzähler versagt.

    Und genau das ist das Problem mit Grass. Jahrzehntelange Literaturkritik, die vor allem eines in den Mittelpunkt gestellt hat – die politische Positionierung Grass' und deren Umsetzungen in seinen "Romanen".

    Ohne diesen Hintergrund ist Grass ein schlechter Geschichtenerzähler, der sich lieber in seitenlangen mentalen Masturbationsorgien ergeht, sich – so würde er es wohl selber ausdrücken – "so lange Adjektive frißt, bis der Magen voll und gewölbt war, und die wortreiche Kotze in großem Schwall auf seine Leser trifft, dick und grün und mit halbverdauten Ideen".

    Eine Geschichte ist in keinem seiner Bücher zu finden, die Figuren sind nur oberflächlich betrachtet mit dreidimensionaler Tiefe ausgestattet und entlarven sich bei näherem Hinsehen als politische gefärbte Kunstfiguren, hinter denen Grass sich versteckt, um sie dann wie Marionetten seine politische Grundhaltung dialektisch aufzuarbeiten.

    Grass ist einer derjenigen von der Literaturkritik groß gemachten Autoren, dessen Werk in 100 Jahren keinerlei Bestand mehr haben und höchstens zur intellektuellen Folterung von Germanistikstudenten verwandt wird, die dann versuchen werden, wie Archeologen, seine zeitlich fixierten Ansichten aus dem von der Zeit abgenagten Skelett seiner Figuren auszuschaben, während die sich denken. "Was habe ich bloß verbrochen, daß ich mir das antun muß?"

    • RSch
    • 21. August 2006 10:54 Uhr

    Lieber Herr Gerhardt,
    ich kann das meiste in Ihrer/unsrer semiprivaten Literaturvorlesung unterschreiben, gerade was die Unterschiede zu den ungebrochenen Erzählstilen angeht. An dieser Stelle die andere, die U-/E-Unterscheidung anzusetzen, ist auch nicht in meinem Sinne.
    Die deutsche Literatur nach dem Krieg ist vielleicht eben doch ein Sonderfall - doch die Reichweite dieses Sonderfalls ist auch davon abhängig, wie weit die auf diese Weise unter neuen Sichtweisen - Perspektiven eben - behandelten Probleme als zeit- und örtlich begrenzt gesehen werden können.
    Auschwitz war ein alle Literatur betreffendes Problem: Adorno hatte ja recht, als er 'das Gedicht nach Auschwitz' so problematisch geraten ließ. Der Grass'sche Stil, die ihm in Literatur vorliegenden Sichtweisen zu brechen, ist - da haben Sie recht - nicht unbedingt zu Traditionen tauglich: Er erfindet den ungebrochen weiter dichtenden Erzählerschriftsteller, der eine komplette 'Ästhetik vor Auschwitz' repräsentiert - und setzt ihn ins Irrenhaus: Der Stilbruch als Stilmittel ist durchgängig - schon die Handlung muss 'rekonstruiert', von der in der Luft liegenden Lüge befreit werden, die Bilder stimmen nicht, die 'Botschaft' - Rückkehr ins Gitterbett - ist blanker Unsinn (der allerdings auch in der Zeit lag). Man sollte meinen, dass diese Art der Literatur dann ihr Ende hat, wenn das Problem als 'bewältigt' gelten kann ...
    Nur leider ist das nicht so: Aus 'nach Auschwitz' wurde nun so etwas wie 'vor einem neuen Auschwitz': Seit den 80er Jahren hat nicht nur Grass die neue Schwellensituation als Maßstab eingeführt, die Bedrohung der Welt, die Zerstörung des Menschen durch den Menschen ... Auch da bricht er in seiner Frage-Literatur die Perspektiven... Ein ernsthafter Schriftsteller kann diese neue, von Menschen geschaffene Conditio humana ja nicht ausblenden, wenn er die 'unironische', die ungebrochene Geschichte schreibt.
    Es gibt durchaus verblüffende Querverbindungen dazu: Ich bin an Patrick Süskinds "Parfum" hängengeblieben, das in höchstem Maße mit den Grass'schen Stilmitteln arbeitet - obwohl Süskind vermutlich keine Ahnung davon hatte, dass er hier eine recht neue Tradition fortschreibt: Auch er erfand - sozusagen lediglich - einen Erzählerschriftsteller, den er demontiert. Es entsteht ein ganz neues Buch hinter dem ungebrochen unterhaltsam scheinenden Buch.
    Es wird weitergeschrieben - auf beiden (und wohl noch mehr) Ebenen: Wenn Sie sagen, dass die von Ihnen präferierten Autoren Sie reflektieren "etwas Universelles, nicht unbedingt etwas zeitlich Fixiertes" zum Ausdruck bringen, ist das ein wenig das Problem in unserer sich immer schneller ändernden Welt. Dieses 'Überzeitliche' an den Geschichten - Liebe und Tod, Geist und Macht oder wie immer die Gegensatzpaare lauteten und lauten - passiert eben vor rapide wechselndem Hintergrund. Wie ein Schriftsteller da an- und einsetzt, ist und bleibt 'sein Ding'.

    • maksym
    • 20. August 2006 12:13 Uhr

    Das Leben von Günther Grass gehört Günther Grass.

    Wem er was davon und zu welchem Zeitpunkt mitteilt, bleibt allein Günther Grass überlassen. Alle die sich für das Leben von Herrn Grass interessieren, haben alle Möglichkeiten, sich aus öffentlich zugänglichen Quellen über Grass zu informieren. Und was nicht öffentlich zugänglich ist, ist allein die Privatsache von Grass.

    Auch ein Herr Fritz J. Raddatz war Teil eines Systems. Ein kleines, gut geöltes Rädchen im linientreuen "Volk und Welt Verlag". Und wie ein Herr Raddatz mit den Zensurmassnahmen aus diesen 5 Jahren umgeht, bleibt allein ihm überlassen.

    • RSch
    • 20. August 2006 13:05 Uhr

    Ich habe eine Doktorarbeit über Grass geschrieben, über "Katz und Maus". Ich müsste relativ wenig umschreiben: Es fehlte das Bekenntnis zu dieser Waffen-SS-Zeit - das stimmt. Dass Grass sich damit demontierte, unglaubwürdig machte, ist ja eine gängige Basis in allen Kommentaren zu den Artikeln. Was jetzt - wieder einmal - hinzukommt, sind Behauptungen über ein literarisches Stümpertum - die direkt mit der Keule verteidigt werden, dass, wer ihn jetzt gar retten will, nur Jünger, blind - unreflektiert oder was auch immer zu sein habe.

    Die Autobiographie ist Ergänzung zu einer Ich-Demontage, die Grass längst geleistet hat: Literarisch eben. Es ist nicht unbedingt ein Qualitätsbeweis fürs literarische Deutschland, dass dergleichen neu ist: "Die Blechtrommel" ist das literarische Gegenstück zu "Beim Häuten der Zwiebel".

    Oskar, die Identifikationsfigur, ist 'ein Angeklagter': Deswegen sitzt er in der Heil- und Pflegeanstalt - und er ist verrückt. Vom ersten Satz an ist das klar. Wie verrückt diese Figur ist, erfährt man erst am Ende: Jesus nennt er sich, will 'die Menschheit' dazu bekehren, sich ins Gitterbett zurückzuziehen, weil in der Welt ein menschenverschlingender Dämon herrsche, einer aus dem Kinderzimmer, die Schwarze Köchin.
    Soviel wäre im Prinzip zu dieser Figur zu sagen; sie und ihre Nihilismus-Predigt ist beinahe das Uninteressanteste in diesem Buch. Diese Figur 'trommelt Blech', verkündet Unsinn, ist all das, was Grass nicht mehr ist: Sie ist Verkörperung des "siebzehnjährigen Unverstandes", den Grass sich damals - und wenn von Verspätungen die Rede ist, sollte auch von der genialen 'frühen Leistung' die Rede sein - 'vom Leib schrieb', aus der Seele riss. Er demontiert einen Künstler - der er hätte sein können. Dieser Oskar ist in diesem Bereich der Lügner zu Auschwitz - nicht der Schriftsteller, der sich dem "Maßstab Auschwitz" stellt und radikal und erkenntnismutig zweifelt, alles in Frage stellt, was die Sicht auf eine Schuld 'der' Deutschen und auch auf eigene Schuldmöglichkeiten verstellt. Es bleibt doch wohl hoffentlich ausgemacht, dass der siebzehnjährige, dumme Hitlerjunge, der über die freiwillige Meldung in die Waffen-SS schlidderte, keine Verbrechen begangen hat. Wie er da - im Einzelnen - mit sich ins Gericht ging, ist nach wie vor in unserer Literaturvermittlung unausgelotet!

    Nur so kann ein solcher Unsinn - konsensfähig - behauptet werden: Grass ist - für mich nachweisbar - der größte Schriftsteller der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Vielleicht sollte man - nur einmal probehalber - auch seine Bücher in diesem Sinne wahrnehmen.

    • WillyF
    • 23. August 2006 21:51 Uhr

    Sie schreiben u.a.:
    "Was dem politischen Grass das Genick bricht, ist ... die Tatsache, daß er zwar seinen politischen Standpunkt nach Ende des Krieges geändert hat, nicht jedoch den totalitären Anspruch auf ´DIE WAHRHEIT´".

    Das gibt es m.E. nur unvollkommen wieder. Es geht nicht nur um den totalitären Anspruch auf DIE WAHRHEIT, sondern in aller erster Linie um die mit diesem Wahrheitsanspruch einher gehende jahrelange konkludente TÄUSCHUNG des Publikums über die eigene Vita, die betroffen macht und Grass ein für alle Mal beschädigt. Wer sich - wie Grass - darüber erregt, dass sich Kohl und Mitterand in Bitburg über den Gräbern der Gefallenen die Hand geben, WEIL dort auch SS-Angehörige liegen, hat damals nach außen hin glaubhaft den Typus des aus Geschichte klug gewordenen, guten und nicht verstrickten Deutschen verkörpert. Wer käme bei einer solchen exponierten Äußerung auf den Gedanken, dass der betreffende Kritiker selbst SS-Angehöriger gewesen ist? Niemand! Grass zeigt damit lediglich nach dem Motto "Haltet den Dieb!" auf andere, wohl wissend, dass er selbst zu den SS-Angehörigen gehört hat.

    Allein die Kombination aus Wahrheitsanspruch und vorsätzlicher Unaufrichtigkeit ist es, die Grass diskreditiert - nicht als Schriftsteller, sondern als politisch handelnden Menschen.

    • Colon
    • 19. August 2006 13:11 Uhr

    Der "Literat" Grass, er sagte das ja immer von sich, mit Gedächtnis an Alfred Döblin und Heinrich Mann, wollte vom ersten Tag seines "öffentlichen Geständnisses", an seinem ersten autobiografischen Werk gemessen werden. Sie, Herr Raddatz, lasen, bevor sie gute Worte fanden. - Chapeau.

  3. @wienhof: Raddatz schreibt am Thema vorbei? Der Mann ist Literaturkritiker (kein Politologe) und schreibt eine Kritik ueber ein Buch. Wie kann das am Thema vorbei sein? Gehen Sie auch ins China-Restaurant und beschweren sich dann, dass die keine Pizza haben?

    @megablast: Ich verwirre Sie ja ungern mit Fakten, aber es sind Dokumente aufgetaucht (s. Spiegel online), die den amerikanischen (nicht russischen!!!) Kriegsgefangenen Grass als Waffen-SS-Mann ausweisen. Ausserdem wurde von mehreren Personen bestaetigt, dass Grass schon vor Jahrzehnten im privaten Kreis seine SS-Vergangenheit gebeichtet hat. Wenn das also alles vorbereitet war, um 2006 ein Buch besser zu verkaufen, so hat Grass dies seit 1945 konsequent getan. Der Mann muss Hellseher sein...

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