Daniel Kehlmann sagt es mit spitzen Lippen, mit seiner hellen Stimme, mit diesem eigentümlichen Lächeln, das sich von seinem Gesicht direkt in seine Bücher schleicht. Kathrin Passig sagt es mit ernstem Gesicht, das natürlich nicht die Ironie verbergen kann, mit der sie auf die ganze Welt schaut und speziell auf dieses Wort, dieses merkwürdige deutsche Wort, das mal wieder eine deutsche Beson-derheit benennt.

»Der Betrieb«, sagt Daniel Kehlmann in einem Wiener Restaurant, »ja, darüber denke ich viel nach im Moment«; und vor ihm steht ein Teller mit Backhendl.

»Der Betrieb«, sagt Kathrin Passig in einem Berliner Hinterhof, »ich weiß gar nicht, was gegen Literaturpreise zu sagen ist«; und vor ihr steht eine Flasche mit Bionade.

Der »Betrieb«, das ist der Kulturbetrieb oder spezieller, der Literaturbetrieb, eine deutsche Erfindung, ein Geschenk an die Welt, eine malmende Maschine, die mit Idealismus und staatlichem Geld und einer Portion schlechtem Gewissen angetrieben wird: Lesungen, Preise, Stipendien, und mittendrin, mal vergnügt, mal verloren, der Schriftsteller. Der Betrieb, das ist Wohl und Weh der Gegenwartsliteratur.

Passig und Kehlmann sind, wenn man so will, die zwei Enden des Betriebs. Die eine will herein, der andere will hinaus; die eine hat das Schreiben gelernt beim Untertiteln von DVDs, der andere hat bei Suhrkamp geübt; die eine hat mit ihrem ersten literarischen Text in diesem Jahr den Bachmann-Preis gewonnen, der andere hat mit seinem schon sechsten Roman Die Vermessung der Welt die Bestsellerlisten beherrscht; die eine verkörpert die prekäre Boheme des frühen 21. Jahrhunderts, der andere steht für die bürgerliche Autorenexistenz des frühen 20. Jahrhunderts.

Gemeinsam haben sie das Alter, sie sind beide Mitte 30. Gemeinsam haben sie auch, dass sie den Betrieb in den letzten Wochen auf ein paar Widersprüche aufmerksam gemacht haben.

Im Fall von Kathrin Passig geht es dabei um die Frage, wer oder was heute überhaupt ein Schriftsteller ist. Was hat er gelernt und gelesen? Wie entsteht Literatur? Und was ist eigentlich mit dem guten alten Geniekult geschehen, der von Innerlichkeit und einem Leuchten und all dem handelt, was dieser Passig so fremd ist, die doch nie Schriftstellerin werden wollte?