DebatteUnd Grass wundert sich

Die öffentliche Selbstrechtfertigung des großen Schriftstellers ist so unnötig wie ärgerlich von 

Was hatte Günter Grass erwartet? Dass ihn die Öffentlichkeit nach dem Bekenntnis, als 17-Jähriger in der Waffen-SS gedient zu haben, überschwänglich ans liebende Herz drücken würde? Sein Vorwurf, dass jetzt einige versuchten, ihn »zur Unperson zu machen«, hat etwas eigentümlich Unangemessenes, vor allem nach dem gewaltigen Spektakel der Selbstanklage, das er mit seinem zweiseitigen Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inszeniert hat. Im Übrigen kann auch von vernichtenden Urteilen bisher nicht die Rede sein. Die wenigsten haben sich an dem Faktum gestoßen, zumal da Grass eine frühe Nazibegeisterung niemals verhehlt hat. Die meisten haben sich nur über den verspäteten Schritt in die Öffentlichkeit gewundert. Dafür ist nichts bezeichnender als der Umstand, dass die Kritiker, die ein Vorabexemplar seiner Memoiren hatten, in den Passagen über die SS-Division Frundsberg zunächst nichts Skandalöses sehen mochten.

Und in der Tat hat diese Enthüllung auch nichts Skandalöses. In den letzten Kriegsmonaten bestand die Division kaum mehr aus fanatisierten Freiwilligen, sondern aus einem letzten Aufgebot Wehrpflichtiger, die an der Westfront und in der Lausitz eine vergebliche Defensive führten. Die Enthüllung hat eher etwas Trauriges und etwas Lächerliches – und erst zuallerletzt auch etwas Bedenkliches. Das Traurige liegt vor allem in der Verspätung. Denn hätte Grass früher von der SS gesprochen, es hätte die Wucht seiner moralischen Einmischungen, seiner Anklage unzureichender Vergangenheitsbewältigung nicht beschädigt, sie im Gegenteil gesteigert und durch den persönlichen Irrtum beglaubigt. Wie wäre es gewesen, wenn Grass bei seiner Kritik an Kohls und Reagans umstrittenem Besuch des Soldatenfriedhofs Bitburg gesagt hätte: Unter den jugendlichen SS-Leuten, die dort liegen, hätte auch ich sein können? Grass wäre einer gewesen, der wusste, wovon er sprach, wenn er den Deutschen ins Gewissen redete. Erst indem er das symbolisch-fatale Detail des doppelten S unterschlug, kann es heute so scheinen, als habe er sich seine Nachkriegsautorität erschlichen.

Das ist natürlich Unfug. Moralische Appelle leben von der Kraft des Arguments, nicht von der Untadeligkeit des Autors. Die Reden und Bücher, in denen Grass die Deutschen an ihre Schuld und Verantwortung erinnerte, bleiben entweder wahr in sich – oder waren es nie. Wer jetzt behauptet, Grass habe seine Glaubwürdigkeit verloren, sollte sich fragen, ob er überhaupt an die Würde der Moral glaubt oder nur an die prominente Persönlichkeit des Moralisten. Es steht zu fürchten, dass die Debatte um die Waffen-SS-Zeit des Autors, je länger sie fortschreitet, zur Stunde der Heuchler werden könnte.

An der Heuchelei hätte freilich Grass selbst seinen Anteil. Denn nicht die Öffentlichkeit, über die er jetzt klagt, hat seine Jugendsünde dramatisiert. Er selbst hat für ein Höchstmaß an Dramatik gesorgt, indem er in kalkuliertem Abstand zum Erscheinen der Autobiografie sein Geständnis als Aufschrei einer gequälten Seele in maximaler Lautstärke inszenierte. Mit anderen Worten, Grass hat sich nicht nur Asche aufs Haupt gestreut, er hat die Werbetrommel gerührt, man könnte auch sagen, er hat Geständnis und Selbstanklage zu einem verkaufsfördernden Instrument gemacht. Darin liegt eine Eitelkeit, auch ein Unernst, die befremden.

Vor allem aber liegt in der Geste, die mit dem Qualschrei des schlechten Gewissens den sofortigen Wunsch nach Trost und Verzeihen verbindet, etwas Lächerliches. Grass sucht nicht nach Gründen seines Schweigens, er häuft umgehend Entschuldigungsgrund auf Entschuldigungsgrund. Er, der Vielgeliebte, will jetzt, nachdem die Last von der Seele ist, augenblicks wieder und noch mehr geliebt werden. Er macht sich in dem Interview klein und dumm, im Grunde tut er noch immer wie der kindliche Wirrkopf, der von den Umständen und der Propaganda »verführt« wurde. Als hätte er selbst nicht stets das Wort von der Verführung gegeißelt, das die Schuld vom Volk auf finstere Mächte umschichtet.

Was Grass zu seiner Selbstentschuldigung vorbringt, macht erst das eigentlich Bedenkliche des Falls aus. Wie er mit Schwung das »Antibürgerliche« der Nazis herausstellt und die Faszination der »Volksgemeinschaft« schildert, in der »Klassenunterschiede oder religiöser Dünkel« keine vorherrschende Rolle mehr spielten, wie er dagegen die »grauenhafte« Adenauerzeit setzt »mit all den Lügen und dem ganzen katholischen Mief« und schließlich sogar behauptet, dass es solche »Art von Spießigkeit« nicht einmal bei den Nazis gegeben habe – das verrät eine distanzlose Einfühlung, die für Momente vergessen lässt, dass Grass jemals erwachsen geworden ist und sich von dem Hokuspokus der nationalsozialistischen Propaganda befreit hat (die übrigens im Hass auf katholische Milieus gebadet hat). Man sieht den 78-Jährigen vor sich wie einen, der sofort wieder auf eine Ideologie hereinfallen könnte, wenn sie nur antibürgerlich genug daherkäme und ein Ende der Klassengesellschaft verspräche.

Und in der Tat war das ja die Verheißung der Studentenbewegung nach 1968, die sich gegen die Spießigkeit der Elterngeneration wandte, genauso wie Grass es seinerzeit tat, als er sich zum Wehrdienst meldete. Man könnte es sogar als Verdienst des Interviews sehen, über die Fortdauer solcher Motive aufzuklären; aber im Sinne von Grass dürfte es kaum sein. Die Passagen lesen sich wie mentalitätsgeschichtliche Belege zu Götz Alys These von Hitlers Volksstaat , der eben nicht nur genuin rechte, sondern auch linke Hoffnungen und Sehnsüchte befriedigte. Zwei Generationsgenossen von Grass, der Schriftsteller Rolf Hochhuth und der Kritiker Joachim Kaiser, haben denn auch bei diesen Stellen sofort aufgemerkt und auf die besondere Anfälligkeit kleinbürgerlicher und proletarischer Schichten für die Nazipropaganda hingewiesen.

Der großbürgerliche Degout, der diese beiden Glücklichen vor Nazisympathien bewahrte, hat sich sonst freilich auch nicht als wirksame Bremse gegen Hitler erwiesen. Trotzdem bleibt der Blick wertvoll, den Grass in das Museum der politischen Ressentiments gewährt, die das Nazireich mit der Bundesrepublik verbinden. Dazu gehört auch die krude Anekdote, in der Grass behauptet, mit echtem Rassismus nicht im Reich, sondern zum ersten Mal in der Kriegsgefangenschaft konfrontiert worden zu sein; nämlich mit dem Rassismus der amerikanischen Soldaten gegenüber ihren farbigen Kameraden. Das mag auch in der Tat so gewesen sein, aber im Zusammenhang seines Geständnisses wirkt es doch, als wollte er sagen: Seht her, andere Nationen sind auch nicht besser.

Wie auch immer Grass auf dieses glitschige Terrain geriet: Es ist ein rechtes Elend, ihn darauf herumpatschen zu sehen. Vor allem aber: Die öffentliche Selbstrechtfertigung war vollkommen unnötig. Inzwischen wissen wir, dass er seine Waffen-SS-Angehörigkeit weder im privaten Kreis noch den amerikanischen Behörden verschwieg. Fürchtete er am Ende seine Bewunderer, denen er darum die schlechte Nachricht unbedingt persönlich zustellen wollte?

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Leserkommentare
  1. Man liest es dieser Tage immer wieder: Grass waere so eitel und selbstverliebt, er habe das Interview nur gegeben, um Werbung fuer das Buch zu machen etc.

    Einer naeheren Betrachtung haelt dies nur schwer stand:

    1) GG entschloss sich, dieses "Gestaendnis" in Form einer Autobiographie ueber seine fruehen Jahre zu machen. Sicherlich legitim, schliesslich ist der Mann Schriftsteller, das ist das, was er kann. Dann waere es doch aber arg komisch, die Bombe einfach so, ohne Vorwarnung, platzen zu lassen. Sich rechtzeitig in einem Interview zu aeussern, war nur konsequent. Ueber den Inhalt des Interviews (und dessen Qualitaet) sagt das per se natuerlich noch nichts.

    2)Wenn GG wirklich so eitel und selbstverliebt ist, warum hat er dann nicht einfach ein Buch ueber die Jahre geschrieben, in denen er z. B. Brandt unterstuetzte? Da haette er dann noch mal in aller Eitelkeit beschreiben koennen, wie er gegen die Altnazis mobil gemacht hat, wie er mit seiner Unterstuetzung fuer Brandt richtig lag etc. Die Selbstbeweihraeucherung eines ohnehin bereits angesehenen Mannes. Statt dessen schreibt er ein Buch ueber das dunkelste Kapitel seines Lebens, ueber seinen biographischen Schandfleck. Zunaechst (ohne das Buch zu kennen) verdient das doch Respekt, oder?

    3) Sorry, aber wenn es einen in Deutschland gibt, der nun wahrlich nicht der Typ ist, sein neuestes Erzeugnis (Buch/Film/CD) anzupreisen, um den Verkauf anzukurbeln, dann ist das ja wohl Grass. Dieser Mann ist nun wirklich mit modernen medialen Vermarktungsstrategien vollkommen inkompatibel! Es geht hier nicht um Joanne K. Rowling oder Hera Lind! Waere Grass an Verkaufsschlagern interessiert, haette er wohl kaum sperrige Waelzer wie "Ein weites Feld" verfasst.

    4) Das wiederholte Herumreiten auf Grass' "Inszenierung" wird nun wirklich lahm. DIE ZEIT veroeffentlicht neue Artikel zum Thema derzeit taeglich online. Wenn Sie das bei der Zeit so ankotzt, wie der Grass sich selbst inszeniert, dann hoeren Sie doch bitte auf, darueber zu schreiben (und damit seine Buehne noch zu verbreitern, damit nun auch wirklich jeder ueber GG sinniert). Ist da nicht noch irgendwas ueber die Gesundheitsreform in Reserve?

    • Colon
    • 16. August 2006 20:15 Uhr

    Lieber Herr Jessen, ich glaube Sie meinten öffentliche Rechtfertigung, wenn überhaupt. Die "Selbstrechtfertigung" ist doch eher eine sehr subjektive, zeitabhängige und persönlich schwierige Angelegenheit vor dem eigenen Ich und denjenigen, die man für seine Nächsten hält.

    Grass hat ein Buch geschrieben, ein autobiografisches, in dem er mehr seiner innere Schuld und Scham preisgibt, als er bisher öffentlich, in seinen Reden, in seinen Werken und in seinem öffentlichen Sein, berichtete. - Ich kenne jedenfalls nicht viele andere öffentliche Menschen seiner Generation, das Urteil traue ich mir durchaus zu, die über Jahrzehnte hinweg so konsequent wie er, diese nagenden Zweifel am Über-Ich , erlebbar, nachfühlbar, dabei mit meisterlicher Ausdrucksfähigkeit gesegnet, zugänglich gemacht hätten. - Das gilt für die Abfolge der Danziger Trilogie, bis hin zum Weiten Feld, das gilt für die Reden, z.B. jene denkwürdige Laudatio für J. Kemal, das gilt aber auch für seinen vorbildlichen Einsatz in der Verständigung und Versöhnung mit Polen und für sein öffentliches Wirken an der Seite von Sinti und Roma. - Ich denke, Grass hat aus dem Erschrecken darüber, noch bis zu den Nürnberger Prozessen glaubte er, es könne vielleicht gewissen Kredit und glaubwürdige Verteidigung für Täter und System des Schreckensreiches geben, es sei vielleicht doch nicht alles "so schlimm", so ganz ohne Moral gewesen, konsequent das ganz andere Bessere und moralisch Glaubwürdigere gemacht.

    Er büßt jetzt , ich hoffe zu unserem Vorteil, mit seiner Autobiografie und in der sehr korrekten Öffentlichkeit.

    Grass ist Schriftsteller, sogar einer der ganz großen Schriftsteller unseres Landes. Dieses autobiografische Buch, daher für ihn wohl der adäquate Weg, nun noch den einen Schritt weiter zu gehen.

    Selbst in dem von Ihnen zitierten Interview verweist er mehrfach darauf, man solle ihn an dieser Form und diesem Inhalt messen.
    Das fände auch ich fairer, für das Feuilleton ehrenrettender, als die beständigen Versuche, dem Autor und Menschen Grass einen eigenwilligen und eigenen Weg anzulasten, seine medialen Handlungen gegen fein Blattgold aufzuwiegen und Nebenschauplätze zur Hauptbühne zu erklären.

    Ich will wissen, wie Günter Grass, den ich als Autor und als öffentliche Person schätze, mit dieser explizitesten Form der literarischen Selbtauslegung umgeht. Selbst wenn er an seinem
    eigenen Anspruch mit diesem Buch scheiterte, bliebe er für mich ein großer Literat und ein öffentlicher Mensch mit Gewissen.

    Perfide sind Anwürfe, er suche den Event, er steigere die Auflage. Hat er es nötig? Nein. Zumindest nichtssagend finde ich
    auch, jetzt hinter Grass herzulaufen und jeden öffentlchen Satz
    mit Kopfnoten zu versehen. Erst einmal ist lesen angesagt.

    Sie, Herr Jessen, mahnten in der Vergangenheit zu recht, wir sollten nicht Hexenjagden veranstalten, hinter jedem Menschen
    gleich einen Lügenbold und Amoralisten vermuten und erst einmal, den Anderen und das Andere zur Sprache kommen lassen. Grass ist offensichtlich mit seinem Anderen länger beschäftigt, als manche, die ihn nun leichtgewichtig kritisieren. - Ich erwarte also eine Rezension, wenn Sie schon so lange auf einer Vorabausgabe hocken.

    Anders herum, bleibt von unserem netten Gemeinwesen nicht mehr, als die Peter Hahne Moral: "Schluss mit lustig". Davor graut mir, offen gestanden.

    • vdh
    • 16. August 2006 20:16 Uhr

    Germanow - er schämt sich ja gar nicht! Er verklärt seine Motive von damals: es war doch klar, daß ch verführt wurde, jeder wurde verführt usw. Er ist weiterhin einer nationaler Sozialist: Engstirnig, ohne jegliche ehrliche Toleranz (Adenauers katholischer Mief!), ganz dem manichaeischen Weltbild verhaftet.

    • Benares
    • 16. August 2006 23:11 Uhr
    4. Zitat:

    "Man sieht den 78-Jährigen vor sich wie einen, der sofort wieder auf eine Ideologie hereinfallen könnte, wenn sie nur antibürgerlich genug daherkäme (...)"

    Der eigentliche Skandal ist nicht Grass' Geständnis, auch nicht sein langes Schweigen. Es sind solche Kommentare, die beides erst zum Skandal erheben und mit solchen Äußerungen, wie oben zitiert, der Diskussion etwas Surreales verleihen.

    • buysse
    • 17. August 2006 0:02 Uhr

    @colon: Danke.

    @germanow: Haben Sie keine Freunde oder Verwandte, die Sie zuquatschen können?

    @J. Jessen: In puncto Heuchelei etc.: d'accord.

  2. "Großer Schriftsteller". Ach so.

  3. Die SS - das waren die KZ-Schergen.
    Das mit der U-Boot-Sache ist eine eigenartige Behauptung. Weshalb nahmen die ihn nicht? - Die hatten am Ende nahezu Kinderbesatzungen und nahmen jeden Lebensmüden oder Gläubigen.

  4. Also gerade Sie kamen mir in einem anderen Thread s e h r anhänglich.

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