Wer ist Madonna? Was macht den Erfolg dieser Künstlerin, die so viele Gesichter hat, deren stimmliche Möglichkeiten, deren Schönheit, deren Charme nicht alle in den höchsten Tönen loben mögen, die mit 48 Jahren nicht mehr neu sein kann und mit ihrer gegenwärtigen Tour Confessions on a Dance Floor so etwas wie ihr 25-jähriges Dienstjubiläum feiert?

Wer in London auf dem Weg zur Tour, die in Deutschland nur zwei Stationen – Hannover und Düsseldorf – vorsieht, aus der Underground Station Wembley Park heraustritt, hegt keinen Zweifel mehr daran, wer Madonna sei. Jede Frau ist Madonna! Madonna, der göttliche Anruf, lässt sich so weich intonieren, Madonna schmiegt sich in die Stimme eines Mannes, mit Madonna auf den Lippen lässt es sich in die Knie sinken, ein T-Shirt und einen rosa Cowboyhut verkaufen. Alles das tun die Händler, die den Weg zur Arena säumen, und eine Frau, die früh genug kommt, sodass die Händler noch nicht überlastet sind, kann das Kompliment mitnehmen: »You are MY Madonna!«

Was sich dann, ehe sich die Pforten öffnen, vor der Arena versammelt, entspricht so gar nicht der Anbetungssituation, die auf dem kurzen Prozessionsweg eingeübt wurde. Das Publikum tritt paarweise auf, einzelne Connaisseurs sind kaum zu entdecken, keine Fangruppen heben die Stimmung. Auch die Garderobe der Paare deutet auf kein Festspiel. Das Publikum könnte man »Jeans-People« nennen: junge Leute zwischen 18 und 38 Jahren, alle in Jeans mit einem farblosen, billigen Shirt darüber. Stolz ist allein der Preis der Eintrittskarte, der zwischen 120 und 270 Euro liegt.

Die Jeans-Mädchen versagen sich jeglichen Schmuck, nicht einmal das schmale Kettchen mit dem Anhänger erlauben sie sich, auf das, als dem letzten Rest weiblicher Eitelkeit, heute von der Schülerin angefangen bis zur Karrierefrau kein weibliches Wesen mehr verzichtet. Diese Askese, so unfeierlich sie die Mädchen erscheinen lässt, ist das erste Symptom des kommenden Ereignisses: Bald nämlich werden diese Mädchen zwei, drei Stunden lang hüpfen, springen, mit den Armen rudern und, wie Mänaden, mit dem Kopf wackeln – eine anstrengende Beschäftigung, bei der das Gebaumel von Ohrringen höchst ärgerlich wäre und das Kettchen am Hals unangenehm klebrig auf dem verschwitzten Körper läge. Das Volk, das sich hier versammelt, hat eine Arbeit vor sich, kein Fest. Madonna ist das Zentrum einer kollektiven Anstrengung, nicht eine einsame Sängerin, deren künstlerisches Vermögen es kritisch zu wägen gälte.

Für jeden Lebensentwurf hat sie den passenden Song und das richtige Kleid

Würde Andreas Gursky, der so gut Massen auf grellem Grund fotografieren kann – Hühner zum Beispiel auf giftgrüner Wiese, Kuhherden auf schokoladenbrauner Erde, bunt bestückte Supermarktregale vor blendend weißer Wand –, von der Treppe herab ein Foto machen, er finge Büsten ein in Schmutziggrau, Beige, Schwarz auf blauem Grund, denn, von oben gesehen, vereinen sich die Jeans-Beine zum blauen Fond, auf dem farblose Oberkörper schwimmen. Madonnas Konzertpublikum unterscheidet sich kaum von den Passanten der Oxford Street in Londons City, die billige Kaufhäuser aufsuchen, Wallys oder H&M, von denen ja auch Madonna für die neue Tour die Ausstattung für sich und ihre Truppe bezogen haben soll. Für H&M hat sie auch eine Kollektion entworfen, zu der ein track-suit gehört, mit dem es sich für die anstrengende Gymnastik bei ihren Konzerten trainieren lässt.

Das Einzige, was die Menge auf dem Vorplatz der Wembley Arena von jener in der City unterscheidet, ist ihre nationale Eindeutigkeit. Madonna hat ein ausschließlich einheimisches, diesmal also angelsächsisches Publikum. Die vielen Nationalitäten, die durch die City streifen, schließen sich vom Event aus. Eine kleine Gruppe von Protestlern immerhin teilt mit einem Schild die Menge, um eine »Ungrateful Madonna« anzurufen, die das einfachste Gebot der Gleichheit nicht zu kennen scheint, denn sie beglückt nur die westlichen, zahlungskräftigen Länder mit ihren Life-Auftritten: »Latin-America Deserves Concerts«.