Verbraucherschutz Ein Mann gegen 15000
Brüssel ist ein Mekka für Lobbyisten. Die meisten arbeiten im Auftrag der Industrie. Doch einer führt den Kampf für die Interessen der Verbraucher
Wenn er den Satz hört, Verbraucher hätten keine Lobby, kann Jim Murray nur schmunzeln. Denn diese Lobby existiert sehr wohl – bloß wissen das die wenigsten. BEUC heißt die Interessenvertretung der europäischen Verbraucher in Brüssel, ausgeschrieben Bureau Européen des Unions de Consommateurs. Und Murray ist ihr Chef.
Groß und beleibt sitzt der 61-jährige Ire in seinem kleinen Büro in der Avenue de Tervueren. Zurzeit ist es ruhig im politischen Zentrum Europas. Eines der letzten großen Themen vor der Sommerpause waren langfristige Versicherungsverträge, die Murrays Ansicht zufolge noch immer viel zu intransparent seien. »50 Prozent der Verbraucher würden solche Versicherungen nicht abschließen, wenn sie besser informiert wären«, sagt er.
Es ist nur eine Baustelle von vielen. Gestern Finanzprodukte, morgen die Sicherheit von Feuerzeugen, Passagierrechte im Schienenverkehr, die Überprüfung von Chemikalien, Internet-Piraterie oder Datenschutz in der digitalen Welt. Wann immer die Interessen der europäischen Konsumenten berührt sind, fühlt sich Murray gefordert. Stets ist er einer der Ersten, die sich damit befassen. Solange in Brüssel Ideen entwickelt und Richtlinien geschrieben werden, kann man noch Einfluss nehmen. Wenn erst einmal die Gesetzgeber in den EU-Mitgliedsländern über die Umsetzung beraten und dort die öffentliche Debatte beginnt – dann ist die meiste Arbeit schon erledigt, sind die Claims längst abgesteckt. Deswegen ist Murray hier.
Die Regeln, nach denen er arbeitet, sind im Prinzip ganz einfach. Er muss die Aufmerksamkeit all jener gewinnen, die in den Apparaten der Europäischen Union etwas bewegen können; vor allem Mitglieder der Kommission und Parlamentarier. Bevor diese über politische Fragen abstimmen, müssen sie sich eine Meinung bilden – und Murray versucht, diese Meinung in seinem Sinne zu beeinflussen. Treffen, Reden, Überzeugen, das ist der Dreikampf jedes Lobbyisten, egal welche Interessen er vertritt.
Dass Murray prinzipiell gegen den Markt oder die Industrie sei, wie viele seiner Kritiker behaupten, streitet er ab. Die Einteilung in »gut und böse«, »links und rechts« funktioniere nicht. »Wir brauchen Landwirtschaft und Industrie, aber wir dürfen sie nicht allein nach ihren eigenen Regeln spielen lassen«, sagt Murray. Einer seiner großen spielverderberischen Streiche war die kürzlich verabschiedete EU-Health-Claim-Verordnung. Diese soll von nächstem Jahr an den Herstellern verbieten, überzuckerte Müsliriegel als gesunde Snacks anzupreisen – oder auf der Joghurtpackung zu behaupten, »Stärkt das Immunsystem«, wenn das gar nicht bewiesen ist. Der Weg dahin war beschwerlich, denn zunächst hatte die Industrie versucht, jede Einschränkung zu torpedieren. »Angriff auf die Werbefreiheit«, polterte sie und rechnete gleich vor, wie viele Arbeitsplätze gefährdet seien. Murray und Kollegen beschafften Gegenargumente: Sie erstellten ein Schwarzbuch mit vielen Beispielen für dreiste Schönfärberei in der Lebensmittelwerbung und drückten es dem EU-Kommissar Markos Kyprianou am Welt-Verbrauchertag medienwirksam in die Hand. Kurz vor der ausschlaggebenden Abstimmung im Parlament ließ Murray den Abgeordneten eine Kurzfassung schicken – die kleine »Entscheidungshilfe« kam an.
Lediglich 25 Mitarbeiter hat Murray, und vielleicht ist das auch einer Gründe dafür, dass BEUC als Interessengruppe außerhalb Brüssels kaum bekannt ist. Schließlich haben Industrie und Landwirtschaft mehr als 15000 Lobbyisten in die europäische Metropole entsandt, um sich Gehör zu verschaffen. Während die Gegenseite oft repräsentative Glaspaläste an noblen Adressen bezogen hat, logieren Murray und Kollegen oberhalb eines Einkaufszentrums. Man muss schon wissen, wen man hier sucht, sonst findet man vielleicht nicht zu ihm. Lässt sich vom dunklen Aufzug abschrecken, dessen Beleuchtung schon länger nicht funktioniert.
Seine Kritiker werfen ihm vor, er habe »ein mittelalterliches Weltbild«
In der Zentrale der europäischen Verbraucherschützer stehen Kisten herum, als wären die Lobbyisten gerade erst eingezogen. Dabei macht Murray seinen Job schon seit 16 Jahren und im Namen von 38 Organisationen. Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) und die Stiftung Warentest gehören zu den BEUC-Mitgliedern. Gemeinsam ernennen sie den jeweiligen Chef. Das ist aber auch schon Murrays einziges Mandat, um die Interessen von mehr als 450 Millionen Europäern zu vertreten. Rund 2,4 Millionen Euro hat er dafür jedes Jahr zur Verfügung.
Kritiker greifen Murray gern mit der Behauptung an, er bevormunde die Konsumenten. »Die BEUC-Politik ist geprägt von einem mittelalterlichen Weltbild«, sagt beispielsweise Volker Nickel vom Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft. »Sie will den Verbraucher schützen. Dies ist die verkehrte Richtung, denn der Verbraucher ist lebenskompetent und werbegeübt.«
Solche Argumentationslinien kontert Murray sachlich: »Das idealisierte Bild vom Kunden, der in allen Bereich informiert ist und aufgrund dieses Wissens eine Kaufentscheidung trifft, stimmt so nicht.« Viele Menschen seien schlicht und einfach in ihrem Alltag überfordert, weil sie sich nicht nur bei Versicherungen und anderen Finanzprodukten auskennen müssen, sondern auch noch bei Reinigungsmitteln, Kosmetik, Autos und gesunder Ernährungsweise. »Wenn es allein um Wissen ginge, dann wäre ich nicht so dick«, ergänzt Murray. Er weiß, wovon er spricht – das sieht man ihm an –, und wirkt dadurch authentisch. Er kennt die Kraft der Gefühle, die beim Einkauf durch hübsche, sinnliche Verpackungen, vertraute Düfte oder markante Slogans angesprochen werden. Und er weiß um den Druck, den Kinder im Supermarkt auf ihre Eltern ausüben können – was sich Unternehmen gern zunutze machen: »Papi, ich will dies, ich will das…« hat Murray von den eigenen drei Söhnen oft genug gehört. Der Älteste ist bereits erwachsen, die beiden anderen sind sechs und acht Jahre alt.
Geboren 1945, verbrachte Murray seine Kind-heit mit vier Geschwistern in einer Kleinstadt am Meer. Eine »ganz normale, behütete Kindheit in den fünfziger Jahren«. Sein Vater war Landwirt. Er selber wollte Pfarrer werden, allerdings nur »weil es für einen kleinen irischen Jungen damals eigentlich nichts anderes gab«. Als Jugendlicher besuchte er mehrere Jahre lang das Priesterseminar, bevor er sich jedoch endgültig gegen ein Leben für Kirche und Gemeinde entschied. Dem Sozialen blieb er treu. »Als Jugendliche engagierten wir uns immer für etwas Ehrenamtliches, für Fundraising oder machten 24-Stunden-Hungerstreiks«, sagt er.
In Dublin studierte Murray Physik und Mathematik, »weil ich die Dinge um mich herum verstehen« wollte. Danach wechselte er zum irischen Ableger der Simon-Gesellschaft. Die Organisation arbeitet Kampagnen gegen Obdachlosigkeit aus und hilft Betroffenen. Dort traf der damals 23-Jährige auf Gewalt, Armut und Krankheit. Er fing als Teilzeitkraft an und war zwei Jahre später der Chef. An dem es hing, ob die Obdachlosen an diesem Abend etwas zu essen und medizinische Versorgung hatten oder nicht. »Oft wussten wir nicht, wo wir das Geld für die nächsten 24 Stunden herbekommen sollten,« erinnert sich John Long, ein damaliger Mitstreiter von Murray.
Die praktische Arbeit rückte zugunsten der politischen in den Hintergrund. Für die Nationale Agentur für Soziale Dienste vermittelte er zwischen öffentlichen Institutionen und Wohlfahrtsverbänden. Erste Kontakte nach Brüssel knüpfte er als Director of Consumer Affairs and Fair Trade für die irische Regierung. Es waren elf Jahre, in denen er sich in das breite Feld des Verbraucherschutzes einarbeiten konnte. Zu dieser Zeit lernte er auch die Bedeutung von Paragrafen kennen – studierte nebenher Jura und diplomierte in europäischem Recht.
Seine Angaben sind plausibel, fügen sich nach und nach zum Abbild eines Lebens, das nicht hätte anders verlaufen können. Und dennoch hinterlässt auch Murray ab und zu einen widersprüchlichen Eindruck. Da ist beispielsweise die Art, wie er redet. Nicht immer passt es zusammen, wenn er aus dem meist sachlichen Redefluss heraus plötzlich einen Witz macht. Wenn er sagt, er meide gerne Konfrontationen, dann passt das zu einem Bürokraten. Wenn er aber über starre hierarchische Strukturen schimpft, klingt er wie ein Kämpfer. Wahrscheinlich ist er ein bisschen von beidem. »Murray wirkt einerseits rechtschaffen und solide, ist aber auf der anderen Seite sehr streitbar und weltoffen. Dieses Naturell macht ihn so gut auf dem politischen Parkett in Brüssel«, so Edda Müller, Chefin des vzbv. Als »großen Demokraten« bezeichnet ihn Heinz Willnat von der Stiftung Warentest.
Jetzt will er sich mit der Pharmaindustrie anlegen
Dass es Murray ins Ausland verschlug, lag an der politischen Situation in Irland in den Achtzigern. Als die Regierung Gesetze gegen Abtreibung und Scheidung durchsetzte, hielt es den liberalen Iren nicht mehr auf der Insel. Obwohl er Irland manchmal vermisst, fühlt er sich in Brüssel heimisch. »Die Arbeit hat erstaunlich viel mit Physik zu tun«, sagt er. Man müsse alle Informationen zu einem Thema zusammentragen und daraus Thesen und Argumente ableiten.
Gelassenheit gehört zu den Grundvoraussetzungen seines Jobs. Unverdrossen wiederholt Murray seine Argumente bei Anhörungen und auf Konferenzen. Immer wieder. Hofft, dass sich die entscheidenden Leute irgendwann merken, was er sagt. Dass sie seine Meinung zu ihrer eigenen machen. Der strategisch beste Zeitpunkt dafür ist, wenn eine Gesetzesnovelle noch nicht im Europa-Parlament ist. Solange noch wenige Menschen beteiligt sind, habe man gute Chancen, das Verfahren zu beeinflussen. Das Problem an dieser Strategie ist nur, dass die Gegenseite dies auch weiß – aber personell und finanziell viel besser ausgestattet ist.
Zwei, drei Jahre lang will Murray noch den David geben, der sich mit den industriellen Goliaths anlegt. Und vielerlei Unheil bekämpfen. Dazu gehört einerseits die zunehmende Verquickung von Medizin und Wirtschaft, die sich in steigendem Pillenkonsum äußere und dem Sponsoring von Krankenhäusern oder Selbsthilfegruppen durch Pharmakonzerne. Andererseits hat es Murray auf die TV-Werbung abgesehen, ihm zufolge eine der Wurzeln allen Übels.
Bei Jim Murray daheim gibt es zwar einen Fernseher, aber kein Fernsehen. Seine Söhne dürfen sich dort lediglich DVDs ansehen, um in der Schule mitreden zu können. Aber keine Werbespots.
Jim Murray wird 1945 in Irland geboren. Er studiert Physik und Mathematik in Dublin, arbeitet danach beim Postministerium und für eine Organisation, die sich um Obdachlose kümmert. Von 1972 bis 1979 leitet Murray den irischen National Social Service Council, befasst sich später im Auftrag der Regierung unter anderem mit fairem Handel. Seit 1990 vertritt Murray als Chef des Verbandes BEUC die Interessen der europäischen Verbraucher in Brüssel, etwa wenn es um neue Werberegeln für überzuckerte Lebensmittel geht.
- Datum 21.08.2006 - 14:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006
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