Mit Büchern zur aktuellen amerikanischen Außenpolitik lassen sich heute ganze Bücherborde füllen – die Regierung Bush hat auch auf dem Buchmarkt dazu beigetragen, dass Interesse und Kritik an den USA fast identisch geworden sind. Bedeutet die neoimperiale Attitüde von Bush einen radikalen Bruch, oder gibt es auch Kontinuitätslinien in seinem außenpolitischen Verhalten? Diese Frage greift Klaus Schwabe auf, auch deshalb nimmt man seine opulente Gesamtdarstellung der letzten 100 Jahre amerikanischer Außenpolitik interessiert zur Hand. Gleichzeitig macht er deutlich, dass die Welt zwar und vor dem Machtantritt von Präsident Bush junior und dem 11. September 2001 nicht völlig in Ordnung war, aber Amerika als Weltordnungsmacht durchaus gute Noten erhielt – Tempi passati.

Eine der Schlüsselfragen zu Amerikas Rolle in der Welt lautet, ob die USA sich lediglich passiv als Vorbild verstehen oder ob sie aktiv oder gar mit (militärischer) Macht intervenieren, denn die unterschiedlichen Konsequenzen für die Welt waren und sind gravierend. Bis 1898 war diese Frage von nachgeordneter Bedeutung, doch dann wurde der Spanisch-Amerikanische Krieg zum ersten Sündenfall, weil die USA fast en passant Kuba und die Philippinen besetzten und seitdem ihr antikoloniales und antiimperiales Selbstverständnis an Glaubwürdigkeit eingebüßt hat.

Schwabe, emeritierter Historiker an der TU Aachen, hat deshalb aus gutem Grund das Jahr 1898 zum Ausgangspunkt seiner Analyse des Aufstiegs der Vereinigten Staaten gemacht. Allerdings kommt er im Unterschied zu George F. Kennan zu dem Ergebnis: »Den Weg zu einer Imperialmacht trat Amerika zwar mit Verve an, verfolgte ihn aber nur halbherzig und inkonsequent. … Es gelang den Imperialisten nicht, die amerikanische Öffentlichkeit auf Dauer für sich zu gewinnen.«

In diesem Sinne personifiziert Präsident Woodrow Wilson für den Autor Amerikas missionarischen Imperialismus. Das Scheitern von Wilsons Völkerbundsidee hatte zwar fatale ordnungspolitische Auswirkungen für die Zwischenkriegszeit, doch blieb der missionarische Antrieb für Amerikas Rolle in der Welt ungebrochen. Alle Präsidenten berufen sich in seinem Sinne auf Amerikas Sendungsbewusstsein, und die Mehrheit der Amerikaner nimmt diese idealistische Rhetorik nur allzu gern für bare Münze.

Schwabe setzt die außenpolitischen Schwerpunkte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angemessen, und es überrascht nicht, dass er neben dem idealistischen Selbstverständnis auch Amerikas Wirtschaftskraft als zweiten außenpolitischen Antriebsfaktor betont, allerdings durch die ökonomische Depression der dreißiger Jahren unterbrochen. Zum zweiten wichtigen Präsidenten stilisiert er Franklin D. Roosevelt: New Deal und die Anti-Hitler-Koalition von 1941 bis 1945 werden als herausragende Leistungen gewürdigt, doch räumt der Autor ein, dass der amerikanische Präsident Stalins außenpolitische Entschlossenheit bisweilen unterschätzt hat. Bis heute gehen hierüber die Meinungen auseinander, doch realpolitisch führte der Zusammenprall von missionarischem Anspruch der USA und sowjetischer Eroberungs- und Unterdrückungspolitik zum Kalten Krieg, zur Teilung Europas und der Welt. Dieser Prozess wird vom Autor kenntnisreich und subtil dargestellt.

Wo die Glaubwürdigkeit fehlt, klingt das Freiheitspathos hohl

Die Verdienste und Versäumnisse der Präsidenten, die außenpolitische Rolle des Kongresses und die zunehmende Bedeutung der öffentlichen Meinung kommen ebenfalls nicht zu kurz. Nach F.D.R. und John F. Kennedy wird Ronald Reagan als dritter großer Präsident präsentiert, als großer Kommunikator, dem die Amerikaner jedoch im Unterschied zu Roosevelt nur widerwillig folgten. Doch Reagans Aggressivität und Machtbewusstsein zahlten sich letztlich aus. Er rüstete mit der strategischen Verteidigungsinitiative zwar die USA krank, doch brach die Sowjetunion im Zuge dieses Wettrüstens schließlich zusammen. Der Machtantritt von Michail Gorbatschow bewies die Richtigkeit von Reagans Festigkeit: Gorbatschow lenkte ein und suchte durch taktische Anpassung den Sozialismus zu reformieren – allerdings ohne Erfolg.