Sachbuch Sieg oder Untergang
Der britische Historiker David Stevenson hat eine große Geschichte des Ersten Weltkrieges geschrieben, die nationale Perspektiven überwindet.
Der Erste Weltkrieg ist wieder ins kollektive Gedächtnis der Deutschen zurückgekehrt. Vor zwei Jahren, als sich der Kriegsbeginn zum 90. Mal jährte, präsentierte das Deutsche Historische Museum in Berlin eine große Ausstellung. Begleitet wurde sie von einer Flut von neuen Büchern und TV-Dokumentationen.
Mit der unvermeidlichen Historisierung des Nationalsozialismus wird der Blick frei für die unerhörten Gewalt- und Leidenserfahrungen, die auch schon die Kriegsjahre von 1914 bis 1918 charakterisierten. Dass der Erste Weltkrieg die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war, die den Keim für weitere, noch größere Katastrophen in sich barg, das wird nun immer deutlicher. So kann auch das umfangreiche Werk des britischen Historikers David Stevenson 1914–1918 hierzulande mit geschärfter Aufmerksamkeit rechnen. Es erschien 2004 in England, wurde dort allseits als eine bedeutende Leistung gepriesen und liegt nun in einer flüssig übersetzten deutschen Ausgabe vor.
Stevenson ist Professor für Internationale Geschichte an der renommierten London School of Economics, und international ist auch seine Weltkriegsgeschichte angelegt. Der Ehrgeiz des Autors richtet sich darauf, wie er einleitend betont, »den Krieg als Ganzes darzustellen«, das heißt in allen seinen militärischen, politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Aspekten, und dies gleichermaßen für alle Krieg führenden Parteien – für die Alliierten, Frankreich, Russland und Großbritannien, wie auch für die Mittelmächte, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn, sowie für die mit beiden Lagern verbündeten Staaten. Das ist ein gewaltiges Programm, denn die Literatur allein für jedes einzelne Krieg führende Land füllt mittlerweile ganze Bibliotheken. Dennoch hat Stevenson den vergleichenden Ansatz konsequent durchgehalten. Das zeichnet sein Buch gegenüber anderen Darstellungen zum Ersten Weltkrieg aus, die sich zumeist von einer engeren, nationalzentrierten Sicht leiten lassen.
Bereits das erste Kapitel Zerstörter Friede zeigt die Fruchtbarkeit der vergleichenden Perspektive. Der britische Historiker zeichnet darin noch einmal den Weg nach, der in den Ersten Weltkrieg führte. Er macht deutlich, dass beide Bündnisblöcke – die Zweibundmächte ebenso wie die Triple-Entente – ihren Teil dazu beigetragen hatten, dass sich die internationalen Spannungen vor 1914 ständig verschärften und der Friede immer brüchiger wurde. Dennoch stellt er klar, dass es im Sommer 1914 keineswegs zum großen Konflikt hätte kommen müssen, wenn nicht Österreich-Ungarn und Deutschland das Attentat von Sarajevo zum Vorwand genommen hätten, um endlich die entscheidende Kraftprobe mit den Ententemächten herbeizuführen. Dabei schreibt Stevenson, durchaus im Einklang mit dem Mainstream der deutschen Forschung zur Julikrise 1914, der deutschen Reichsleitung den aktiveren Part zu. Zwar sei es ihr nicht um die vorsätzliche Auslösung eines Eroberungskrieges à la Hitler gegangen, wohl aber habe sie von Anfang an das Risiko eines Weltkrieges in Kauf genommen – und dies vor allem aus Angst vor einem Verlust der eigenen Großmachtstellung.
Gerade die Pattsituation sorgte für eine Eskalation des Krieges
Die Hervorhebung der besonderen Verantwortung des Deutschen Reiches für den Kriegsausbruch verführt den Autor allerdings nicht dazu, den Anteil der anderen Mächte gering zu veranschlagen. Er zeigt: Auch Russland und Frankreich gingen im Juli 1914 auf Konfrontationskurs, und allein die britische Regierung bemühte sich ernsthaft, aber erfolglos um eine Vermittlung. Alle Mächte seien sich der Tragweite ihrer Handlungen voll bewusst gewesen; von einem ungewollten »Hineinschlittern« in den Krieg könne gar keine Rede sein.
Damit hat Stevenson sein Leitthema intoniert. Ihm geht es darum, deutlich zu machen, dass der Epochenbruch des Ersten Weltkrieges kein unvermeidliches Naturereignis war, sondern »eine von Menschen durch politisches Handeln hervorgerufene Katastrophe«. Ein besonderes Gewicht legt er deshalb auf die Prozesse und Entscheidungen, die diesem Handeln zugrunde lagen und es über vier Jahre steuerten. Dabei ist immer wieder die Verwunderung darüber zu spüren, wie die Regierungen und Völker Europas sich in einen solchen selbstmörderischen Konflikt verbeißen konnten.
Obwohl Stevenson auch den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Weltkrieg Aufmerksamkeit zuwendet, gehört seine eigentliche Leidenschaft der militärischen Geschichte. Man kann es dem Autor kaum verdenken, dass seine Sympathien eher auf Seiten der Alliierten liegen, die sich ja nicht zu Unrecht als Opfer einer deutschen Aggression sahen, doch auch der Kriegführung der Mittelmächte bringt er ein erstaunliches Maß an Objektivität entgegen. Ausführlich, manchmal bis ins kleinste operative Detail schildert Stevenson die großen Schlachten an der West- und Ostfront: den deutschen Rückzug an der Marne und den Sieg Hindenburgs und Ludendorffs bei Tannenberg 1914, die erfolgreiche Sommeroffensive der Mittelmächte in Russland 1915 und die großen Abnutzungsschlachten vor Verdun und an der Somme 1916. Über die europäischen Kriegsschauplätze hinaus weitet sich der Blick auf die Auseinandersetzungen in Ostasien, in den afrikanischen Kolonien und im Vorderen und Mittleren Orient. Neben den Kampfhandlungen zu Lande werden auch die zur See behandelt. Dabei wechselt der Autor immer wieder die Perspektive: von den Generalstäben hin zu den einfachen Soldaten, die zum tödlichen Kampf gegeneinander aufgerufen waren.
In dem »Druck von oben«, dem Eingebundensein in ein Zwangssystem von Disziplin und Gehorsam, sucht der Autor die Antwort auf eine immer wieder gestellte Frage: Wie konnten die Soldaten die ungeheuren Belastungen aushalten, die mit den Materialschlachten an der Westfront verbunden waren? Der britische Historiker beschreibt das, was sich hier abspielte, ungeschminkt als »massenhaftes Abschlachten«. Vor allem das Maschinengewehr erwies sich als ein furchtbares Mordinstrument. Das mechanisierte, industrialisierte Töten – das war die grundlegend neue Erfahrung der Kriegführung im Ersten Weltkrieg.
Stevenson macht deutlich, dass es gerade die Pattsituation nach dem Scheitern des Bewegungskrieges im Herbst 1914 war, die für eine unvorhersehbare Eskalation des Krieges sorgte. Jede Seite versucht die andere zu übertrumpfen, um doch noch den militärischen Sieg zu erringen: durch restlose Mobilisierung aller ökonomischen Ressourcen, durch eine enorme Steigerung der Rüstungsproduktion, durch eine intensive Feindpropaganda, auch im populären Medium des Films, vor allem aber durch die Erfindung immer neuer, schrecklicherer Waffensysteme. In diesem auf die allmähliche Zermürbung und Erschöpfung des Gegners angelegten totalen Krieg besaßen die Alliierten einen Vorteil: Sie konnten, weil sie die Seeherrschaft errungen hatten, auf ihre Ressourcen in den Kolonien und überseeischen Gebieten zurückgreifen, während sich die Mittelmächte durch die alliierte Seeblockade von Zufuhren weitgehend abgeschnitten sahen.
Die weltpolitischen Folgen beschäftigen uns noch heute
Dennoch war der Ausgang des Krieges nach dem Urteil des Verfassers auch in den Jahren 1916 und 1917 noch keineswegs entschieden. Dass sich die Waage schließlich zuungunsten der Mittelmächte neigte, führt Stevenson in erster Linie auf Fehlentscheidungen der deutschen Führung zurück. Zu den gravierendsten zählt er den Entschluss zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg im Januar 1917. Denn dadurch wurden die Vereinigten Staaten in den Krieg hineinprovoziert – eine entscheidende Voraussetzung für den alliierten Sieg. Zu Recht zieht der Autor hier eine Parallele zum Juli 1914: »Wie bereits 1914 forcierte Berlin das Problem und setzte alles auf eine Karte, anstatt zu warten und auf eine Verbesserung der Situation zu hoffen.«
Dasselbe Muster wiederholte sich im Frühjahr 1918, als Erich Ludendorff, der starke Mann der seit 1916 amtierenden dritten Obersten Heeresleitung, nach dem Separatfrieden mit dem revolutionären Russland in Brest-Litowsk noch einmal alles auf eine Karte setzte, um die Entscheidung im Westen zu erzwingen. Es war ein verantwortungsloses Vabanquespiel, das nur noch die Wahl zwischen Sieg oder Untergang ließ. Tatsächlich war mit dem Scheitern der Westoffensive der Bogen endgültig überspannt, die militärische Niederlage nicht mehr aufzuhalten.
Einer der Vorzüge dieser eindrucksvollen Darstellung ist, dass sie nicht nur über Entstehung und Verlauf des Ersten Weltkrieges umfassend informiert, sondern in einem Schlusskapitel auch auf die Nachwirkungen eingeht. Dazu zählte ein bald aufblühender Kult um die Kriegstoten, der in jedem Land ein spezifisches Gepräge annahm. Noch wichtiger freilich war die Veränderung der Mächtekonstellation im Gefolge des Konflikts. Der Erste Weltkrieg bahnte nicht nur den Vereinigten Staaten den Weg zur Weltmacht, er wurde auch zum Geburtshelfer der kommunistischen Diktatur der Sowjetunion, unter deren Nachwirkungen Osteuropa noch lange leiden wird. Auch das Aufkommen des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus wäre ohne die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges kaum denkbar. Niemand vermochte die durch das Trauma der Niederlage und die Demütigung des Versailler Vertrags entstandenen Ressentiments so wirkungsvoll zu bündeln wie der Führer der NSDAP, der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler. In seinen paramilitärischen Verbänden kämpften Männer, die im Krieg ans Töten gewöhnt worden waren und die keine Hemmungen kannten, Gewalt gegen den politischen Gegner einzusetzen.
Stevenson verweist aber noch auf eine andere Hinterlassenschaft: Die Konflikte auf dem Balkan, von wo der Krieg seinen Ausgang genommen hatte, wurden nach 1918 nicht entschärft, im Gegenteil. Und auch in der Region des Nahen und Mittleren Ostens wurde die Ordnung, auf die Briten und Franzosen sich im Kriege verständigt hatten, zum Ausgangspunkt von Konflikten, welche die Welt noch immer in Atem halten. Es sind nicht zuletzt die weltpolitischen Langzeitwirkungen der europäischen Katastrophe von 1914 bis 1918, die der britische Historiker im Auge hat, wenn er am Ende seiner grandiosen Geschichtserzählung davor warnt, allzu leichtfertig mit der militärischen Option zu spielen: »Jede Entscheidung zum Krieg muss mit der historischen Tatsache konfrontiert werden, dass der Krieg ein schrecklich stumpfes Instrument ist; seine Nachwirkungen können nicht zuverlässig vorausgesagt werden – und er kann die Dinge nur noch schlimmer machen.«
- Datum 18.08.2006 - 05:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006 Nr. 34
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