Terror "Sie waren doch so nette Jungs"
Eine neue Generation junger muslimischer Terroristen wächst heran: unauffällig, urban, gut ausgebildet, in Europa geboren. Den Islam kennen sie nur von windigen Predigern. Sie hassen den Westen - auch in Deutschland sammeln sie sich
Es ist schon zwei Uhr morgens, aber der Fernseher läuft noch. Safeena Zaman und ihr Bruder Waheed sitzen im Wohnzimmer und schauen The Mint, eine Spielshow auf dem Kanal ITV. Hier können die Zuschauer anrufen, und wer durchkommt, kann viel Geld gewinnen. In dieser Donnerstagnacht liegen über 100000 Pfund im Jackpot. Aber spielen wollen die Geschwister gar nicht, einfach nur abhängen. Oben im ersten Stock des Reihenhäuschens in der Queen’s Road liegt ihr 90-jähriger Vater im Tiefschlaf – nächtlicher Familienfrieden im Londoner Viertel Walthamstow.
Plötzlich ertönt von draußen furchtbarer Lärm. Autos halten, Türen klappen, Schritte. Safeena kniet auf dem Sofa, um durch die Gardine des Erkerfensters zu spähen, da donnert es an die Tür: »Polizei, öffnen Sie!« Erschrocken folgt die junge Frau dem Befehl. Ihr Bruder steht hinter ihr, vor ihr stehen dreißig Polizisten, manche mit Maschinenpistolen, einige in Zivil. Safeena schenken sie kaum Beachtung, sie sind hinter Waheed her.
»Waheed Zaman?«, vergewissert sich einer der ins Haus drängenden Beamten. »Wir verhaften Sie nach dem Terrorismusgesetz.« Handschellen klicken, der 22-Jährige wird zu einem Minibus geführt und sofort zu einer Polizeistation mit Hochsicherheitszelle transportiert.
Alle drei Söhne von Fazil Hussain wurden im Morgengrauen verhaftet
So erzählt Safeena die Geschichte am nächsten Morgen der Schar von Journalisten, die in die Queen’s Road gekommen sind, um aus Walthamstow in die ganze Welt zu berichten: Waheed Zaman ist einer jener 21 Verdächtigen, denen vorgeworfen wird, einen Terroranschlag ungeheuren Ausmaßes geplant zu haben. Zwölf Verkehrsflugzeuge sollten auf dem Weg in die USA mit Flüssigsprengstoff in die Luft gejagt werden. Tausende wären dabei ums Leben gekommen.
Knapp fünf Jahre nach den Anschlägen vom 11. September und gut ein Jahr nach den Bomben in der Londoner U-Bahn haben die britischen Sicherheitsbehörden einen der schlimmsten Mordanschläge islamischer Fundamentalisten verhindern können. Nach Monaten verdeckter Ermittlungen und des intensiven Austauschs mit Geheimdiensten in Pakistan, Deutschland und den USA haben sie nun in dieser Nacht zugeschlagen: in Walthamstow, in Hackney, in High Wycombe in Buckinghamshire und in Birmingham.
Zwei Dinge haben alle Verhafteten gemeinsam: Sie sind junge britische Muslime, und ihr Leben schien ganz normal. Durchschnittlich. An der Oberfläche keine Spur einer islamistischen Radikalisierung. Wer einem massenmörderischen Selbstmordattentäter ein Profil geben wollte, würde nie auf jemanden wie Waheed Zaman kommen – bisher wenigstens nicht. Er studiert Biochemie an der London Metropolitan University. »Nach dem Studium will er in den Polizeidienst, als Spurensicherungsexperte«, sagt seine Schwester und rückt mit entschlossener Geste ihren Schleier zurecht.
Sie ist empört. Die Polizei hat das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Männer von der Spurensicherung in durchsichtigen Plastikanzügen tragen heraus, was sie an Beweismaterial finden können. Ihr gebrechlicher Vater musste sich in einem Polizeibus von dem Schock erholen. Seine Tochter hat gar keine Zweifel, dass das Ganze ein Irrtum sein müsse.
»Waheed ist ein ganz normaler britischer Junge. Hamburger und Pommes sind sein Lieblingsessen. Er ist ein treuer Fan des FC Liverpool.«
Gewiss, er sei auch ein gläubiger Muslim. »Jeden Tag ist er nach drüben gegangen«, sagt Safeena und deutet auf die Masjide-Umar-Moschee auf der anderen Seite des Zebrastreifens, direkt gegenüber ihrem Haus. »Aber wer regelmäßig betet, ist noch lange kein Terrorist!« Dann erzählt sie, dass Waheed auch Vorsitzender der islamischen Studentenvereinigung seiner Uni sei. »Dort spricht er immer davon, wie wichtig die Integration der Muslime in die britische Gesellschaft ist.«
Und dann noch dies: Drei der Verhafteten entstammen christlichem Mittelstandsmilieu. Don Stewart-Whyte, Sohn eines aktiven Torys und zeitweiliger Schwager des französischen Tennisstars Yannick Noah, nennt sich seit seiner Bekehrung zum Islam Abdul Wahid. Sein Mitverschwörer Umar Islam kam als Brian Young auf die Welt. Der Architektensohn Ibrahim Savant hieß vor seiner Konversion Oliver Savant. Die Umbenennung ist kein islamisches Gebot. Aber sie hat in England Tradition als Ausdruck eines bedingungslosen Einsatzes für die Ambitionen vermeintlich unterdrückter Kulturkreise.
Auf den ersten Blick hat die Polizei lauter junge Leute inhaftiert, die voll integriert waren. Das Leben von Asmin Tariq war genauso unauffällig wie das von Waheed Zaman. Er ist 24 Jahre alt und arbeitet als Wachmann auf dem Flugplatz in Heathrow. Zusammen mit seiner Frau und seiner vier Wochen alten Tochter Axa teilt er sich ein ähnliches Häuschen in der Ravenswood Road mit seinen Eltern und seiner Schwester. Der Vater hat gerade seine Wäscherei verkauft und will ein eigenes Haus erwerben. Am Donnerstagmorgen um fünf Uhr wird sein Sohn verhaftet, als er gerade zur Arbeit fahren will. Genau wie der 24-jährige Usman Saddique, der ebenfalls bei den Eltern wohnt und sein Geld als Pizzakurier verdient.
Anscheinend alles »ganz normale britische Jungs, die im Park Fußball spielen, im Fernsehen Kricket schauen und sich gern über Mädchen unterhalten« – so beschreibt es ein Jugendarbeiter der Masjide-Umar-Moschee vor dem Freitagsgebet. Aber wann, wo, warum wurden aus all diesen »normalen britischen Jungs« fundamentalistische Selbstmordattentäter?
Imam Shoaib weiß, dass er sich erklären muss. Als er vor die Tür seiner Moschee tritt, schaut er mit festem Blick auf die versammelten Reporter. Viel habe er nicht zu sagen, nur so viel: »Dies ist ein Gotteshaus, hier wird keine Politik gepredigt.« Und: »Bis zum Beweis seiner Schuld ist jeder Mann unschuldig.« Dann geht er wieder hinein. »Wir sind von den Ereignissen genauso beunruhigt wie der Rest des Landes«, beteuert der Jugendarbeiter. »Aber eines ist ganz klar: Wir ziehen hier keine Selbstmordattentäter heran.« Diese Ansicht teilt die Polizei. Auf ihrer Liste der Moscheen, in denen radikale Prediger junge Männer zu Terroranschlägen aufhetzen, steht die Masjide-Umar-Moschee nicht. Umso rätselhafter das alles, umso beunruhigender die Frage: Wie konnte es dann passieren? Wie kommt es, dass fast die Hälfte der Verdächtigen in einem Radius von weniger als einem Kilometer um die Queen’s Road leben? Was ist besonders an Walthamstow? Die Antwort: Nichts.
Der Ort hat eine lange Geschichte. Als kleines Dorf in der gefälligen grünen Landschaft von Essex gab es Walthamstow schon vor tausend Jahren, und über viele Jahrhunderte änderte sich wenig. Erst die Eisenbahn brachte industriellen Wohlstand in das ländliche Idyll. Dann breitete sich London unaufhaltsam aus und verschluckte das Dorf. Am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden diese endlosen Straßen, diese puppenkleinen viktorianischen Reihenhausiedlungen für das Arbeitsheer. Walthamstow wurde zur klassenstolzen Arbeiterkleinstadt am Rand der Metropole.
Bis Donnerstag dachte bei Walthamstow jeder zuallererst an die Hunderennbahn, ein architektonisches Art-déco-Juwel aus den dreißiger Jahren, als Hunderennen noch ein exklusives Wettvergnügen der Arbeiterklasse waren. Dann, in den sechziger und siebziger Jahren, holte das Mutterland seine Untertanen aus Indien, Pakistan und Bangladesch, weil hier billige Arbeitskräfte gebraucht wurden. Viele von ihnen ließen sich in Vierteln wie diesem nieder, und kaum jemand störte sich groß an den neuen Gesichtern. Die Integration schien zu klappen. Die Pakistanis arbeiteten hart und verdienten gutes Geld. In den engen Straßen parkt vor jedem Haus ein Mittelklasseauto. Kein BMW oder Mercedes, eher ein Daihatsu oder ein Nissan.
An der Ladenzeile am Ende der Albert Road lässt sich ablesen, wie unterschiedlich die Menschen sind, die hier leben. Im italienischen Café kann man Panini kaufen und Espresso trinken, daneben wirbt ein Ausrichter für islamische Hochzeiten mit viel Samt und Seide im Schaufenster für seine Dienste. Ein Reisebüro bietet Pauschalreisen an die Costa Blanca an, ein Stück weiter, in einem anderen Reisebüro, hängen Flüge nach Karatschi aus. Ein Drittel aller Schüler an der Kelmscott-Gesamtschule sind Muslime, deren Eltern oder Großeltern aus Pakistan kamen. Aber ethnische Vielfalt scheint keine Spannungen zu erzeugen. Ein Bericht des Bildungsministeriums attestiert der Schule eine »harmonische Atmosphäre«.
Auch der Nachbar eines der Verhafteten, der 84-jährige Gerald Stevens, weiß nur Gutes zu sagen. »Alles nette Jungs, als Nachbarn perfekt.« Das bestätigt auch Gladys Burch, eine steinalte Engländerin, die mit ihrer Gehhilfe langsam die Straße herunterkommt. Seit sechzig Jahren wohnt sie in der Forrest Road – und, wie sich nun herausstellt, neben einem Terrorverdächtigen. »Nein, unangenehm sind mir diese Leute nicht, aber seit so viele von ihnen hier leben, gibt es keine echte Nachbarschaft mehr. Früher half man sich aus. Heute leben alle viel zurückgezogener, jeder für sich.«
Genau so ist es. Multikulti lebt in Walthamstow nebeneinander, nicht miteinander. Zwei Gesellschaften, die nur eines teilen: eine in sich gekehrte Kleinbürgerlichkeit hinter zugezogenen Gardinen. Und es gibt zahllose Viertel wie dieses im ganzen Land. Etwas weiter südlich, in Hackney, wohnt Fazil Hussain, dort sieht es ganz ähnlich aus wie in Walthamstow. Am Samstagnachmittag sitzt er in einer alten Turnhalle aus viktorianischer Zeit, die von der Moschee zum Gemeindesaal umfunktioniert wurde – in sich zusammengesunken, und weil er nur schlecht Englisch spricht, übersetzt sein Freund Muhamed. »Die letzten Tage haben aus mir einen gebrochenen Mann gemacht«, sagt Fazil Hussain. Dann nimmt er wieder seine Brille ab und reibt sich die von Tränen geröteten Augen.
Während der Anti-Terror-Aktion am Donnerstagmorgen wurden seine Söhne verhaftet, alle drei: Nabeel, Tanvir und Umair. Vor Morgengrauen wurden er und seine Frau aus dem Schlaf gerissen, als ein Polizeitrupp ihr Haus stürmte. »Zuerst dachten wir, unsere Söhne wären in einen Unfall verwickelt«, sagt der weinende Vater. Aber dann schrien die Polizisten, sie sollten sofort das Haus verlassen, weil sich dort hochexplosive Chemikalien befänden. »Meine Frau brach sofort ohnmächtig zusammen. Sie musste nicht mit ansehen, wie ihre Söhne in Handschellen abgeführt wurden.«
Für die verzweifelten Eltern bricht eine Welt zusammen
Fazil Hussain braucht einige Minuten, bis er sich wieder fängt. Er hat seit Donnerstag kaum geschlafen. Seine Söhne sind sein ganzer Stolz, und auch sie selbst standen mit beiden Beinen auf der Erde – so schien es wenigstens.
Der 24-jährige Umair hat vor kurzem seinen Master in Computerwissenschaften gemacht und ist auf der Suche nach einem Job. Sein 22 Jahre alter Bruder Nabeel lebt in einer WG in Hackney und arbeitet in der Verwaltung des örtlichen Krankenhauses. Und Tanvir, 25, ist Taxifahrer. »Sie alle sind aufrechte Bürger«, beteuert ihr Vater unter Tränen. »Ihr einziges Verbrechen ist, dass sie gläubige Muslime waren und regelmäßig in die Moschee gegangen sind.«
Dann erzählt er, wie bewegt alle drei waren, als sie Ende 2004 von der Tsunami-Katastrophe erfuhren. »Sie haben sofort Geld für die Opfer gesammelt, so sind sie. Alle haben einen ausgeprägten Sinn für die Familie und das Gemeinwohl. Sie würden keiner Fliege etwas zuleide tun. Es gibt überhaupt keinen Zweifel an ihrer Unschuld.«
Wie sich die Szenen gleichen. Im Morgengrauen verhaftete Söhne. Verzweifelte Eltern, für die eine Welt zusammenbricht. Der innere Untergrund, in den junge britische Muslime gehen und aus dem sie erst in Sondersendungen zu vollzogenen oder vereitelten Terroranschlägen wieder auftauchen – er trennt sie nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von den eigenen Familien.
Und weitere junge Männer warten in ihrem Untergrund – ihrem Viertel, ihrer Clique, ihrer Universität – auf die Chance, Massenmord zu begehen. Es sei nur eine Frage der Zeit, warnt der Geheimdienst. Eliza Manningham Buller, Chefin des MI5, hielt bereits vor fünf Jahren einen Terrorakt auf britischem Boden für unvermeidlich. Mit neuen Versuchen ist zu rechnen, und irgendwann wird der Sicherheitskordon, der am vorigen Donnerstag wieder einmal hielt, durchbrochen werden. Daran zweifeln die Verantwortlichen nicht.
Umso wichtiger, eine Antwort auf die brennende Frage zu erhalten: Wie konnte es geschehen, dass junge Muslime, geboren und erzogen in Großbritannien, zu Selbstmordattentätern wurden? Der britischen Gesellschaft fällt es schwer, eine überzeugende Antwort zu finden. Rational organisierte Staaten des Westens, von der Aufklärung geprägt und gewohnt, in ökonomischen Kategorien zu denken, vermögen nicht das Ausmaß des Hasses zu begreifen, der ihnen entgegenschlägt.
Der Versuch, eine Antwort zu finden, spaltet die Nation. Weit verbreitet ist die Auffassung, Blairs Außenpolitik an der Seite von George Bush sei für den Terror verantwortlich. Muslimische Lords, Unterhausabgeordnete und Honoratioren verlangen eine Kurskorrektur. Blairs Politik gefährde Menschenleben, sagen sie. Sie implizieren, islamistischer Terror stelle eine Reaktion auf westliche Aktionen dar. Ihr Brief war vor dem vereitelten Anschlag verfasst worden; abgeschickt wurde er in der Erwartung, der Schock würde ihrer Forderung größeren Nachdruck verleihen.
Die Debatte, die nun entbrennt, enthüllt die entscheidende Bruchlinie britischer Politik. Da sind Blair und seine Anhänger – und da sind diejenigen, die George Bush verantwortlich machen, zu dem Tony Blair in Bündnistreue steht. Wobei traditionelle Frontlinien von links und rechts keine Rolle spielen. Bush und Blair hätten, schreibt der konservative Publizist Max Hastings im linksliberalen Guardian , al-Qaida in den Augen vieler Muslime hoffähig gemacht. Großbritannien werde so lange einer tödlichen Gefahr ausgesetzt sein, wie dieser Zustand anhalte.
Nun wäre es unsinnig, jeglichen Zusammenhang mit dem Irak-Krieg zu leugnen, wie es die Blair-Regierung versucht hat. Die Invasion gab der Wut junger Muslime neue Nahrung. Gleichwohl – islamistische Anschläge begannen lange vor dem Irak-Krieg. An der terroristischen Bedrohung würde sich nichts ändern, sollten britische Truppen den Irak verlassen. Die Muslime sehen im Krieg in Afghanistan gleichermaßen eine westliche Unterdrückung der islamischen Welt.
In Bradford, Birmingham und London leben Tausende zorniger, junger Muslime, bereit, in den Dschihad zu ziehen. Sie sind von Hass erfüllt auf den Westen, überzeugt, dass die Muslime überall gedemütigt und unterdrückt würden. Sie wollen Großbritannien in eine islamische Republik verwandeln. Infiziert vom Virus al-Qaida, gründeten sie lokale Netzwerke. Moscheen werden nur noch selten genutzt, um Kämpfer anzuwerben. Die Szene hat sich ins Private und in Universitäten verlagert. Anthony Glees, Professor an der Brunel University, warnt in einer Untersuchung, extremistische Gruppierungen hätten sich an 40 britischen Universitäten gebildet. Die Selbstmordbomber stammen aus unterschiedlichen Milieus: aus gut betuchten Verhältnissen die einen, andere aus den Unterschichten. Den letzten Schliff erhalten sie durchs Internet.
Wie einst der Kommunismus will ihre Ideologie die Herrschaft über die Welt erreichen. Aber es bleibt ein entscheidender Unterschied: Linke Utopisten, die in den Terror abglitten, traten bei aller Perversion des Denkens im Namen der Aufklärung an. Der politische Islamismus ist die erklärte Ablehnung der modernen Welt samt ihrer demokratischen Verfassung und ihrer Auffassung von Menschenrechten.
Ein Drittel der muslimischen Jugendlichen in Großbritannien zieht ein Leben unter der Scharia vor – Flucht in die Religion als Rückzug vor der Moderne. 33 Prozent träumen von der islamischen Republik, von religiöser Herrschaft statt Demokratie. Und fast ein Drittel junger Muslime stimmen der Ansicht zu, die Bomben von 7. Juli 2005 seien gerechtfertigt gewesen, weil Großbritannien den Krieg gegen den Terror unterstütze. Viele Muslime leben in einer Welt voller Verschwörungstheorien. 50 Prozent sind überzeugt, der 11. September 2001 sei ein Komplott Amerikas und Israels. Junge Muslime sind weniger integriert als ihre Väter. Sie sind religiöser, wenn sie nicht der totalitären Idee erliegen, den Islam als Erlösung für die Welt zu betrachten.
Die meisten Familien stammen aus ländlichen Regionen des indischen Subkontinents, aus Kaschmir und Bangladesch. Sie hängen dem Salafismus an, einer besonders konservativen Version des Islams, die anfällig macht für religiösen Fundamentalismus.
Eine andere Ursache liegt darin, dass man es versäumte, den Einwanderern aus dem islamischen Kulturkreis abzuverlangen, Demokratie und rechtsstaatliche Regeln ihrer neuen Heimat zu bejahen und sich aktiv um Integration zu bemühen. Schulbehörden sahen darüber hinweg, wenn Eltern ihre Kinder aus dem Unterricht nahmen, damit sie im fernen Pakistan Koranschulen besuchen konnten. Stillschweigend wurden Zehntausende von Zwangsehen und die fortgesetzte Unterdrückung der Frauen hingenommen.
Noch ein Faktor muss erwähnt werden: Jahrzehntelang gewährte man Schutz und drückte beide Augen zu, solange die Hassprediger und Dschihadisten ihre Aktivitäten auf Ziele in anderen Ländern richteten. Von »Londonistan« sprachen jahrelang entnervte amerikanische und französische Diplomaten. Es dauerte lange, bis London dem Treiben ein Ende setzte. Nachwehen dieser Politik sind noch heute zu spüren und behindern den Kampf gegen den Islamismus. All das sind Versuche, zu erklären, warum inmitten britischer Städte ein Todeskult erblühen konnte, der nach Massenmord trachtet – ein höchst operatives Problem für Polizei und Geheimdienste.
Die britische Terrorabwehr hat ein frustrierendes Jahr hinter sich. Es gab Erfolge: verhinderte Anschläge, Festnahmen, zu Verurteilungen führende Anklagen. Aber es waren die Misserfolge, die Schlagzeilen machten. Nach den Attentaten auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005 erschoss eine Polizeieinheit den völlig unschuldigen Brasilianer Jean Charles de Menezes. Am 2. Juni dieses Jahres stürmten 250 Polizisten ein Haus im Osten Londons. Zwei Bewohner wurden bei der verpfuschten Nachtaktion verhaftet, einer erlitt Schusswunden. Sie hatten lange Bärte, aber keinerlei Verbindung zu Terroristen. Beide wurden nach wenigen Tagen freigelassen. Von angeblich in dem Haus versteckten chemischen Kampfstoffen war keine Spur zu finden.
Vor den U-Bahn-Attentaten des vorigen Jahres hatte der berühmte Inlandsgeheimdienst MI5 nicht weniger unbeholfen agiert. Zwei der späteren Selbstmordbomber wurden schon kurzzeitig überwacht, dann aber aus den Augen verloren. Ein Computerexperte, der chiffrierte E-Mails, verschlüsselte Software und sichere Web-Seiten für jene Islamistengruppe eingerichtet hatte, die für die Massaker verantwortlich war, wurde ignoriert, als er sich 2003 mit seinem Wissen an die Polizei wandte. Zugang zu MI5 fand er nicht. Der in einem imposanten Gebäude am Themseufer ansässige Geheimdienst war für Außenstehende unzugänglich.
Religiösen Extremismus gibt es auch in Deutschland
Das hat sich geändert. Heute hat MI5 eine Telefonnummer. Im Internet findet sich eine Seite »Wie Sie helfen können«, auf der man verdächtige Beobachtungen auch anonym melden kann. Die Internet-Seite ist auf Arabisch und in Urdu, der Nationalsprache Pakistans, abrufbar. Im Internet wirbt der Dienst auch neue Mitarbeiter an. Das Personal wird von 2700 auf 3500 Agenten aufgestockt. Besonders begehrt sind Angehörige ethnischer Minderheiten, die arabische, bengalische, somalische und pakistanische Dialekte beherrschen. Die Tage, in denen der Dienst auf geheimnisvolle Weise seinen Nachwuchs in Oxford und Cambridge rekrutierte, sind vorbei.
Geändert hat sich auch das innerbetriebliche Klima. Vor drei Monaten löste der schottische Exkommunist John Reid, heute ein von Machtambitionen getriebener Machertyp, den Durchwurstler Charles Clarke als Innenminister ab und setzte der Schlamperei ein Ende.
Seit 2000 wurden 24 Anschläge vereitelt – allein 4 seit Juli 2005. Der Geheimdienst überwacht zurzeit zwischen 1200 und 1600 mutmaßliche Attentäter. Die geheimdienstliche Aufklärung der islamistischen Szene hatte spätestens nach den Londoner Anschlägen begonnen. Eine unter Clarkes Vorgänger David Blunkett durchgesetzte Neuerung begann zu greifen. Seit 2003 schließen sich elf im Anti-Terror-Kampf tätige Polizeieinheiten, Geheimdienste und Ministerialabteilungen im Joint Terrorism Analysis Centre (JTAG) kurz und analysieren gemeinsam ihre Erkenntnisse.
Auch die Aufdeckung der vermuteten Anschläge auf die Transatlantikflüge war einer Gemeinschaftsanstrengung geschuldet. Seit Monaten kooperierten MI5 und Scotland Yard in einer Operation mit dem Decknamen Overt. Zwei Terrorzellen standen unter Beobachtung. Der pakistanische Geheimdienst wurde eingeschaltet.
Am vorigen Mittwochabend rief Peter Clarke, Scotland Yards oberster Anti-Terror-Polizist, die MI5-Chefin Manningham-Buller an. Eigentlich wollten die beiden abwarten und die Aktivitäten der Zellen weiter verfolgen. Doch die Pakistanis hatten eine Schlüsselfigur festgenommen. Operation Overt lief Gefahr, kompromittiert zu werden. Am späten Abend wurde entschieden: »Wir müssen zuschlagen. Alle Mann an Deck.« Die Verhaftungswelle lief an. Am frühen Morgen saßen 24 Verdächtige in Polizeigewahrsam.
Das amerikanische FBI hätte in gleicher Lage, so glauben US-Geheimdienstexperten, schon viel früher zugeschlagen. Ob das FBI das ganze Ausmaß der geplanten Aktion aufgedeckt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Die Bereitschaft der Briten, geduldig abzuwarten, glauben diese Experten, war von entscheidender Bedeutung.
Die erfolgreiche britische Taktik wird allerdings durch eine drastische Schmälerung bürgerlicher Freiheiten erkauft. Seit der Verabschiedung neuer Anti-Terror-Gesetze verfügen MI5 und Scotland Yard über das Machtarsenal eines Polizeistaates. Das Abhören von Telefonen und die Befestigung von Wanzen in den Wohnungen Verdächtiger sind ohne richterliche Erlaubnis möglich. Die Polizei kann Terrorverdächtige festnehmen und vier Wochen lang festhalten, ohne sie eines bestimmten Delikts zu bezichtigen.
Ist das die Zukunft der europäischen Demokratien? Nahezu unauffällige home grown terrorists? Und nur der Polizeistaat, der dagegen noch hilft – bald auch in Deutschland?
Großbritannien scheint für den Selfmade-Terrorismus besonders anfällig zu sein. Zum einen, weil Englisch die Lingua franca des internationalen Dschihad ist. Die blutrünstigsten Websites und Rapper-Videos sind auf dem englisch- und arabischsprachigen Markt erhältlich. Deutsch dagegen zählt nicht zu den Sprachen von al-Qaida.
Zum anderen hat die Insel eine andere Einwanderung als Deutschland. Die meisten Muslime dort stammen aus Pakistan, Bangladesch und neuerdings Somalia – Ländern mit stark fundamentalistisch-religiösen Strömungen. Deutschlands gut drei Millionen Muslime hingegen stammen zu drei Vierteln aus der laizistischen Türkei. Sie war nie Kolonie, Türken fehlt das Gefühl einer Demütigung durch den Westen.
Im großen und ganzen, so hoffen deutsche Sicherheitsbehörden, dürften hiesige junge Muslime weniger anfällig für radikal-religiöse Ideen sein. Türken, die sich ausgegrenzt fühlten, kehrten sich bisher eher dem Nationalismus ihres Herkunftslandes zu als dem Islamismus eines bin Laden. Die türkische Gemeinschaft Milli Görüş (gut 25000 Mitglieder) wird zwar vom Verfassungsschutz als »extremistisch« eingestuft, ist aber ein Beispiel für einen nicht militanten, nationalistischen Islamismus, der den Gottesstaat durch schleichende gesellschaftliche Veränderung anstrebt statt durch blutigen Umsturz.
Mehr Sorgen machen den Verfassungsschützern junge Männer aus Nordafrika, die schon in ihrer Heimat radikalisiert wurden. »Das stärkste Gefährdungspotenzial wird nicht aus den lang ansässigen Migrantenkulturen gespeist«, sagt Manfred Murck, der stellvertretende Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, »sondern aus einem sehr heterogenen Spektrum von Personen auch mit Anbindungen an das Netzwerk des internationalen Terrorismus. Sie nutzen Deutschland als Szenetreffpunkt. Beispielsweise stufen wir von knapp 3000 Maghrebinern in Hamburg rund 50 als ›Dschihadisten‹ ein – von den etwa 60000 Türken der Stadt nur eine Hand voll.«
Doch die Gefahr, dass in Deutschland geborene Muslime religiösen Extremismus als Ersatzstaatsbürgerschaft entdecken, besteht auch hier. Wer im Internet nach deutschsprachiger Hasspropaganda sucht, findet zwar nicht viel, aber durchaus Bedenkliches. So bietet etwa die in Hamburg registrierte Website Muslim§Recht Ratschläge für das Verhalten bei Hausdurchsuchungen an.
Vor den eigentlichen juristischen Hinweisen gibt Muslimrecht.com eindeutig politische Wegweisung: »Auch wenn die Kuffar (Ungläubigen, d. Red.) ihren Krieg gegen die Muslime als Krieg gegen den Terror und Einsatz für den Frieden verkaufen – Allah swt. können sie damit nicht täuschen.« Im Menü der Seite stehen Bildergalerien mit unzähligen entsetzlichen Motiven zum Download bereit – von »Folterungen der Muslime durch die USA« und von »Verbrechen gegen unsere Geschwister« in Afghanistan, in Palästina und der Türkei.
Der »Krieg gegen die Muslime« – er addiert sich aus völlig unterschiedlichen westlichen Militärinterventionen von Bosnien über Afghanistan bis zum Libanon. Überall dort, so lehren es auch die Betreiber von Muslimrecht.com, würden Muslime ermordet, vergewaltigt, vertrieben. Terrorfürsten wie der unlängst getötete Abu Musab al-Sarqawi im Irak wachsen in der Sicht auch deutscher Muslime zu heroischen Widerstandskämpfern gegen gottlose Imperialisten empor.
»Die Ungläubigen haben die Oberhand über uns«
Gefährlich wird dieses Gedankengut, wenn im Westen geborene Muslime alltägliche Diskriminierungserlebnisse in den Wahn vom Krieg gegen den eigenen Glauben einsortieren. Die islamische Gemeinschaft, die Umma, wird dann zur globalen Unterschicht stilisiert – in der geistigen Matrix ihrer Anhänger erscheinen Bomben im Libanon und Mobbing in Deutschland als zwei Varianten desselben Angriffs.
Anders als die Mudschahedin-Generation um Osama bin Laden sieht sich diese neue Generation von al-Qaida im Krieg, ohne jemals im Krieg gewesen zu sein. Viele junge Migranten kennen den Islam nicht mehr im kulturellen Zusammenhang mit ihrem Herkunftsland. Sie setzen sich ihren »Islam« verspätet, ohne familiäre Anleitung, aus zweifelhaften Versatzstücken zusammen; aus Internet-Seiten, arabischen Satellitensendern, den Lehren windiger Wanderprediger. Heraus kommt oft ein politisch vergiftetes, feindseliges Wir-Gefühl. Der Ausbreitung des westlichen Lebensstils um den Globus setzen die dergestalt »wiedergeborenen Muslime« eine rückwärts gewandte Gegenglobalisierung entgegen – den Dschihad.
»Wir verdienten es schon, dass man uns die Ordnung der Welt übergebe – dabei haben die Ungläubigen die Oberhand über uns«, lautet eine Schlüsselstelle im »Ikhwan-Programm« der islamistischen Muslimbrüderschaft. Eine lockende Botschaft, weckt sie doch den Rebellengeist, der in vielen jungen Menschen schlummert.
Die Niederlande haben diese Art von home grown- Extremismus noch vor Großbritannien kennen gelernt. Der Mörder des Filmemachers Theo Van Gogh, Mohammed Bouyeri, schwang sich mit seiner Messerattacke zum Verteidiger dessen auf, was er für den wahren Islam hielt. Bouyeri, ein Sohn marokkanischer Einwanderer, machte zunächst als Kleinkrimineller Karriere, bevor er im Gefängnis den Koran entdeckte und die Niederlande »wegen ihrer Teilnahme an der Besatzung des Irak« zu hassen lernte. Im Prozess gegen die islamistische Hofstad-Gruppe, der Bouyeri angehören soll, rechtfertigte er den Mord an dem islamkritischen Van Gogh damit, dass »im Kampf der Gläubigen gegen die Ungläubigen« Gewalt vom »Propheten Mohammed gebilligt« sei.
Dass Patchwork-Islamisten wie Bouyeri auch in Deutschland heranwachsen können, erscheint keineswegs ausgeschlossen. Erst Anfang 2003 verbot der damalige Innenminister Otto Schily den deutschen Ableger der Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung). Die Gruppe strebt die Erschaffung eines Kalifatstaats an, der über die gesamte, weltweit verteilte Umma herrschen soll. Obwohl sie selbst noch keine Anschläge verübt hat, fungiert Hizb ut-Tahrir gewissermaßen als Denkfabrik von al-Qaida. Verfassungsschützer vermuten, dass deren Mitglieder trotz des Verbotes in Deutschland noch immer aktiv sind und versuchen, neue Anhänger zu rekrutieren. London gilt als die europäische Zentrale der Partei.
In Deutschland will die Große Koalition nach der Sommerpause Konsequenzen aus dem Auftreten der home grown terrorists ziehen. Ein »Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz« soll in Kraft treten, vulgo: ein dritter »Otto-Katalog«. Ziel ist es, die Befugnisse von Inlands- und Auslandsgeheimdiensten zu parallelisieren. Alles, was innerhalb Deutschlands bisher nur der Verfassungsschutz durfte, soll künftig auch der Bundesnachrichtendienst dürfen: bei Fluglinien nachfragen, wer wohin reist; Einblick in Kontobewegungen nehmen; Telefon-, Internet- und Postverbindungen überwachen; Mobiltelefone orten. Außerdem sollen beide Geheimdienste künftig nicht mehr nur mögliche Terroristen ausforschen, sondern auch solche Leute, die andere womöglich zu Terroristen machen. Auch der islamistische Hassprediger kann dann ins Visier genommen werden.
»Man muss wissen: Mit wem telefoniert ein Verdächtiger, wovon lebt er, wohin reist er, welche Auslandsverbindungen hat er?«, sagt Clemens Binninger, Sicherheitsfachmann der CDU und einer der Architekten des Gesetzes. Dazu soll nun auch eine gemeinsame Islamisten-Datenbank von Polizei und Geheimdienst installiert werden. Bisher haben sich die Terroristen schneller vernetzt als ihre Häscher.
Fortsetzung auf Seite 12 »…so nette Jungs«
Fortsetzung von Seite 11
- Datum 20.08.2006 - 09:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.08.2006
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