Fünf Minuten sind um, als Hans Kammerlander – der Mann, der auf allen Achttausendern gestanden hat außer einem – selbst den unvermeidlichen Witz macht: »Ist es noch weit?« Wer in Hörweite mitschreitet, lacht. Manch einer kramt nun einen Scherz oder einen Bluff hervor, der die Größe der bevorstehenden Aufgabe ins Lächerliche zieht. Die Sonne schickt die ersten warmen Strahlen dieses Morgens herab. Und ja, denkt jeder. Es ist noch weit. Es ist noch verdammt weit. Mehr Bilder von der Wanderung durch Südtirol sehen Sie hier » BILD

35 Stunden und 55 Minuten dauert die Wanderung noch. 80 Kilometer liegen vor uns. Kein einziger Höhenmeter hinter uns. Wir haben gerade mal die Mauer des Neveser Stausees in der Horizontalen bewältigt. Ich will jetzt nicht über die Frage Kammerlanders nachdenken. Herrlich, dieser Südtiroler Himmel! Was gibt es Schöneres als das, was ich vorhabe? In der Gruppe wandern, tagsüber, in den Abend hineinwandern, dann die Nacht durchwandern und den morgigen Tag mit Wandern verbringen.

Beim Aufstieg zum Eisbruggjoch wird viel gesprochen, ich lerne Namen kennen, Berufe, Wohnorte, bezwungene Gipfel. Als es durch Grün und Fels geht, kommt der Schweiß, und die Murmeltiere beginnen ihr Pfeifkonzert. Wildbäche rauschen; Hummeln arbeiten sich von Blume zu Blume – die gut zwei Stunden vor dem Frühstück, die ersten 700 Höhenmeter, sind voll von Glücksmomenten.

Als Neuling lerne ich dazu. Die Bergprofis um mich herum diskutieren Ausrüstungsfragen. So erfahre ich, dass ich die falschen Schuhe trage. Sie seien schon gut, sagt Axel, Redakteur des Fachmagazins Berge, väterlich – nur leider viel zu schwer für einen Marsch dieser Länge. Mein Blick fällt auf das hippe Trekkingschuhwerk der Mitstreiter. Aber die Hoffnung, das Abenteuer trotzdem zu überleben, stirbt nicht. Ich bin Teilnehmer an einem Experiment. Einer von 48 Menschen, die versuchen, mit dem Extrembergsteiger Kammerlander 36 Stunden lang am Stück zu wandern. Das heißt, mit einem, der in seinem sonstigen Berufsleben Dinge tut wie diese: in 24 Stunden das Matterhorn von allen vier Seiten bezwingen oder mit Skiern vom Gipfel des Mount Everest runterfahren.

Schuld an allem ist Hans-Günter. Der Extremhobbysportler (»Ich bin süchtig«) hat den Extrembergsteiger auf die Idee zu dieser Tour gebracht. An Hans-Günters Funktions-T-Shirt ist ein Bordcomputer befestigt. Dieser wird aus dem Weltall mit Daten des Global Positioning System (GPS) versorgt und verrät stets den Zwischenstand. Wir sind bei Kilometer 7. Vor einem Jahr hatte Hans-Günter eine 24-Stunden-Wanderung gebucht. Solche Ausdauertrips (Motto: »So weit die Füße tragen«) bietet Kammerlander seit Jahren an. Und nach den 24 Stunden warf Hans-Günter einen unvorsichtigen Satz in den Raum: »Ich könnte noch weiter.« Kammerlander ließ es sich nicht zweimal sagen.

Deswegen werde ich bis morgen Abend ununterbrochen durchs Gebirge gehen, Zillertaler Alpen, Hohe Tauern, Riesenferner- und Durreckgruppe. Kein Schlaf unterwegs, nur Essen, Trinken und 5000 Höhenmeter. Danach Freibier am Start- und Zielort, Sand in Taufers. Kammerlander rechnet mit Verlusten: »Bestenfalls kommen zwei Drittel durch.«

Mit Frühstück im Magen geht es über den Neveser Höhenweg in Richtung Chemnitzer Hütte. Vor dreißig Jahren lagen hier noch dick die Gletscher; sie haben sich aus der Steinwüste zurückgezogen und hocken heute unterhalb der Kämme. Hellgrüne Flechten haben die Gesteinsbrocken erklommen. Wildes Wasser rauscht durch die graue Einöde und befördert Gletschermilch zu Tal. Ein schmaler Weg schlängelt sich zwischen den Platten kristallinen Schiefers hindurch, der hier wie ein Haufen zerbrochener Kekse durcheinander geworfen ist.