Im Hauptquartier der israelischen Polizei in Jerusalem jongliert eine kleine, stämmige Frau mit drei durchsichtigen Plastiktüten. In jeder steckt ein Beweisstück: ein Karton, die aufgeplatzten Reste eines Rohres, etwas zerfetztes Tuch. Daran haften Reste von Explosivstoffen, und nun muss die Forensikerin Sarah Avramovitch-Bar mit Hilfe ihrer 200000 Dollar teuren Massenspektografen herausfinden, welche Höllensubstanz explodiert ist. »Sarah ist eine gefragte Expertin«, erklärt Elazar Zadok, Chef der Forensikabteilung, »sie musste erst kürzlich in Miami bei einem Prozess zu Explosivstoffen aussagen.« BILD

Israel investiert viel in die Analyse von Bombenattacken. In den Laboren der Division of Identification & Forensic Science (DIFS) in der Haim Bar-Lev Road aktualisieren die Experten ständig den Stammbaum der Sprengstoffe, die Terroristen eingesetzt haben: Ammoniumnitrat, Thermit, TNT, C4, Methylnitrat, Hexamethylentriperoxiddiamin (HMTD). Wer benutzt was typischerweise, was gibt es Neues? Und vor allem, wie weist man die Sprengstoffe nach, bevor sie explodieren? Nur wer ihre Zusammensetzung kennt, kann passende Detektoren entwickeln. Die Substanz, die möglicherweise bei dem Anschlag in London eingesetzt werden sollte, ist in dieser Hinsicht problematisch – bisher ist es schwer, sie aufzuspüren.

In gewisser Hinsicht ist Israel die zentrale Bombenküche des Terrorismus. Die Attentäter dort sind besonders findig, weil die israelischen Grenzen mittlerweile stark gesichert sind und deshalb professionelle Sprengstoffe wie TNT oder C4 schwieriger zu schmuggeln sind. »Inzwischen«, sagt Elazar Zadok, »stellen Terroristen 80 Prozent aller Sprengstoffe aus handelsüblichen Chemikalien selbst her.« So tauchte 1980 in Hebron erstmals ein weißes Pulver auf, abgepackt in einem Rohr. Erst der Maschinenpark der DIFS enthüllte, um welche Substanz es sich handelte: Triazeton-Triperoxid, kurz TATP, von Terroristen »Mother of Satan« genannt. Es lässt sich aus den Flüssigkeiten Wasserstoffsuperoxid (Desinfektionsmittel), Azeton (Farbverdünner) und Zitronensaft ohne Bunsenbrenner bei Raumtemperatur zusammenrühren.

TATP war auch die Substanz, die sofort als möglicher Kandidat für die geplante Anschlagserie in London diskutiert wurde. Diese chemische Verbindung gilt als ideal für Attentate. TATP hat 80 Prozent der Zerstörungskraft von TNT, und die Zutaten für eine stattliche Bombe kosten nur 50 bis 60 Dollar. 1998 fanden palästinensische Sicherheitskräfte 800 Kilogramm TATP in einer Garage in Nablus, auch die Londoner Busanschläge von 2005 sollen mit TATP verübt worden sein.

Noch einen Vorteil hat TATP aus der Sicht von Terroristen: Es lässt sich mit den üblichen Detektoren schwer aufspüren. Das liegt an seinem besonderen chemischen Profil – es entfesselt seine Vernichtungsenergie nicht aus dem schlagartigen Aufbrechen leicht nachweisbarer Stickstoffverbindungen, sondern aus der rasanten Ausdehnung von zuckerähnlichen Molekülen, die übliche Messgeräte und auch Hundenasen nicht registrieren.

Der letzte Schrei ist Harnstoffnitrat, 70 Prozent so explosiv wie TNT

Spuren von Stickstoff in Sprengstoffen wie TNT oder Semtex lassen sich mit Hilfe von Geräten wie dem Ionscan der britischen Firma Smiths Detection gut nachweisen. Der Sicherheitsbedienstete am Flughafen streicht mit einem kleinen Tuch über einen verdächtigen Gegenstand und legt es in den Messbereich. Nach etwa sieben Sekunden leuchtet im Display ein rotes Warnlicht auf – das Messergebnis verrät, dass das Untersuchte mit Sprengstoff in Berührung gekommen ist.