Ich glaube, ich kann ganz ohne Sentimentalität sagen, dass der Anfang meines Traumes mit einem tiefen Einschnitt in meinen Alltag zusammenfällt. Nach der schweren Krankheit und dem Tod meines ersten Mannes Alexander Schwan im Winter 1989 hatte ich keine Wahl: Ich musste lernen, allein zu sein. Wenn es nicht anders geht, kann man das lernen, man kann sich sogar Tag für Tag davon überzeugen, dass man es gut hat – und objektiv hatte ich es ja auch nicht schlecht, ich war gesund, ich hatte Kinder, einen interessanten Beruf. Aber es ist dem Menschen wohl nicht gegeben, allein zu sein; oder zumindest mir nicht. Das Leben, das ich in dieser Zeit geführt habe, war ein zweitbestes, nicht das beste mögliche. Und ich hatte mich damit abgefunden, dass das so bleiben würde. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es sich noch einmal grundlegend ändert. Das hat es aber. Ich lernte Peter Eigen nach dem Tod seiner Frau Jutta – mit beiden war ich befreundet gewesen – neu und anders kennen und bin mit ihm seit 2004 verheiratet. Wenn ich mich heute frage, wie das gute Leben aussieht, kann ich sagen: Das lebe ich jetzt. »Das Leben wird viel interessanter, wenn man sich mit anderen Menschen befasst! Wer nicht nur die eigenen Interessen bedient, fühlt sich unweigerlich besser« BILD

In einer Partnerschaft ist mir weitgehende Symmetrie wichtig; Respekt, gegenseitige Achtung, selbstverständliche, unangestrengte Gleichberechtigung. So ist unsere Beziehung. Ich bin eher ein analytischer Typ, nicht so sehr ein bildlich-assoziativer. Aber wenn ich mir ein Bild vor Augen rufe für dieses gute Leben, dann sehe ich Szenen bei uns zu Hause: Essen mit der Familie am Sonntagabend, mein Mann und ich waren vorher vielleicht im Schlachtensee schwimmen, Kinder und Freunde sind zu Besuch, wir blicken in dieses üppige Gartengrün, auf dem Tisch stehen Gläser mit Rotwein. Das ist ein Traumbild von einem erfüllten Leben – und für mich ist es jetzt auch die Wirklichkeit. Damit werbe ich nicht für irgendeine kleinbürgerliche Idylle: Wenn alles zu regelmäßig läuft, bin ich die Erste, die den Wunsch hat, die Dinge in Bewegung zu bringen. Familie kann viele Formen haben, Zugehörigkeit kann man an ganz unerwarteten Stellen finden. Aber ich nehme niemandem, auch nicht dem überzeugtesten Verfechter der Singlekultur, ab, dass er tatsächlich am liebsten ganz allein mit sich auf der Welt ist.

Partnerschaftlich kann eine Beziehung nach meinem Empfinden nur sein, wenn beide berufstätig sein können, wenn beide neben der Familie Interessen außerhalb des Hauses haben. Und natürlich weiß ich, dass da die Schwierigkeiten anfangen: Mein Mann und ich haben es heute leicht, die Kinder sind erwachsen und selbstständig, wir können jetzt die Früchte eines tätigen Lebens ernten. Für uns ist es kein Problem mehr, viel unterwegs zu sein und trotzdem Zeit füreinander zu finden. Das sieht für junge Paare mit kleinen Kindern ganz anders aus. Deshalb träume ich davon, dass wir unser Bild von Biografien langsam verändern. Dass von Leuten nicht mehr erwartet wird, den Karrierehöhepunkt mit 45 Jahren zu erreichen, sondern ruhig erst mit Mitte, Ende 50 – zur größeren beruflichen Verantwortung käme dann auch mehr Lebenserfahrung. Ich glaube nicht, dass man mit 35 oder 45 Jahren notwendig kreativer ist als mit 50 oder 60. Ich selbst fühle mich heute leistungsfähiger und klarer im Denken als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Zudem müssten sich 45-Jährige nach diesem Modell nicht fragen, was sie mit dem Rest ihres Berufslebens anfangen sollen. Eltern hätten mehr Zeit für ihre Kinder. Und das wäre so wichtig, denn eine kinderlose Gesellschaft gehört eher ins Reich der Albträume. Voraussetzung für all dies wäre allerdings ein verändertes Rollenbild: Überlegenheit dürfte dann von Männern weder automatisch beansprucht noch erwartet werden, Über- und Unterordnung sollten in Beziehungen gar nicht mehr vorkommen.

Damit verlässt mein Traum den Bereich des Privaten und geht ins Politische über. Der Mensch soll und mag privat nicht allein und in der Gesellschaft nicht nur für sich selbst da sein. Ich will überhaupt kein Märtyrertum oder irgendein entsagungsvolles Heldenleben predigen: Aber mich erfüllt es mit echtem Glücksgefühl, wenn ich Menschen treffe, die etwas wirklich um der Sache willen tun – oder für andere. Das Leben wird viel interessanter, wenn man sich mit anderen befasst! Wer nicht nur die eigenen Interessen bedient, fühlt sich unweigerlich besser. Er bewirkt etwas, ist nicht nur ein Rädchen im Getriebe, das von anderen bedient wird. Ich vermute, genau dieses Rädchengefühl ist es, das heute viele Leute unglücklich und unzufrieden macht. Mir ist klar, dass das ökonomische Ambiente für Altruismus im Augenblick nicht besonders günstig ist; es gibt schon eine starke Tendenz des An-sich-selbst-Denkens und auch eine gewisse Herablassung gegenüber traditionellen Formen der Solidarität. Was für ein Blödsinn!

Ich hatte vor zwei Wochen ein Erlebnis, das mir Mut gemacht hat: Mein Mann und ich segelten mit einer Jolle auf dem Wannsee: Es war schauderhaftes Wetter, wir hätten es wahrscheinlich lieber lassen sollen, und natürlich kenterten wir. Wir waren nicht in Lebensgefahr, aber doch in einer sehr misslichen Lage. Binnen Minuten wurden wir von der Besatzung eines Bootes der DRK-Wasserwacht gerettet: jungen Leuten, die am Wochenende freiwillig Dienst tun, Badeaufsicht machen, Kindern schwimmen beibringen und eben glücklosen Seglern helfen. Sie richteten unser Boot auf, pumpten es leer, gaben uns trockene Anziehsachen und warme Suppe. Einer der jungen Männer war Student an der Viadrina und fand es ziemlich lustig, seine triefende Präsidentin aus dem Wasser zu ziehen. Was ich sagen will, ist: Diese jungen Leute bekommen nichts dafür, sie machen ihre Arbeit nicht für Geld, sie tun einfach etwas für andere – und haben Spaß dabei. Sicherlich liegen sie auch gelegentlich auf dem Steg, um braun zu werden. Warum nicht? Wichtig ist: Sie bewirken etwas. Es bedeutet für die Gesellschaft einen Unterschied, ob sie da sind oder nicht. Ich glaube, dass wir unendlich viele Möglichkeiten haben, mit unserem Handeln solche Unterschiede herbeizuführen. Und keiner von den Propheten der modernen Konkurrenzgesellschaft soll mir erzählen, wir seien glücklicher, wenn wir uns nur um uns selbst kümmerten.

Wer sich nicht auf andere Menschen oder auf die faszinierenden Schwierigkeiten einer Sache, an die man glaubt, einlässt, dessen Leben führt unweigerlich in die Langeweile eines besinnungslosen Konsumismus. Und Langeweile, das hat Jean-Paul Sartre eindrucksvoll beschrieben, gebiert am Ende Ekel vor dem Leben – schließlich ist sie die höchste und intensivste Form der Sinnlosigkeit. Nur durch Öffnung, durch Zuwendung zu anderen kann man sie vermeiden.

Dazu braucht man allerdings eine bestimmte Einstellung gegenüber den Mitmenschen. Genau wie ich im Geschlechterverhältnis Über- und Unterordnung für schädlich halte, finde ich, dass wir uns abgewöhnen müssen, Menschen mit ihren Fähigkeiten in die Kategorien »besser« und »schlechter« einzuteilen. Sie sind anders, verschieden. Ich glaube an das Evangelium der Talente – und schätze die Geduld der Krankenschwester nicht geringer als die Geduld des Nobelpreisträgers. Deshalb geht mir im bildungspolitischen Diskurs, drastisch gesagt, das Elitegerede so auf die Nerven. Es versteht sich doch von selbst, dass wir Wert auf ausgezeichnete Ausbildung und ebenso ausgezeichnete Leistungen legen. Aber ich möchte jungen Menschen auch eine Haltung vermitteln, die das Besser-schlechter-Denken überwindet: In der Gesellschaft, von der ich mir zu träumen erlaube, ist die gleiche Würde aller Menschen auch für alle erlebbar, dort liebt man den anderen wie sich selbst – und wenn man kann, auch noch Gott.