Vertreibung Die Mitschuld der Opfer

Die Berliner Vertriebenen-Ausstellung »Erzwungene Wege« ist zu Unrecht umstritten.

Aufregungen beleben den Kreislauf und bessern den Teint. Aber selbst wenn der kosmetische Zweck eindeutig überwiegt, müssen sie doch, damit der Schwindel nicht auffliegt, einen gewissen Wert auf das Gewicht ihrer Anlässe legen. Dieses Gewicht, um es nur gleich zu sagen, bringt die Berliner Ausstellung Erzwungene Wege, über die letzte Woche so viel schöne Empörung produziert wurde, nicht auf die Waage. Sie ist weder bedeutend noch anstößig und auch nur in Maßen aufschlussreich. Sie ist nicht viel mehr als eine bessere Wandzeitung, die deutsche Vertreibungen im europäischen Kontext anderer Vertreibungen des 20. Jahrhunderts zeigt. Einige Tondokumente von Opfern sind beigegeben, ein paar der obligatorischen Devotionalien zu sehen: klapprige Pappkoffer, anrührende Behelfsmittel der Flucht, Trachtenkostüme aus der verlorenen Heimat. Alles in allem hält sich die Trauer, die von der Ausstellung ausgehen könnte, in karg bemessenen Grenzen.

Vor allem aber: Von den Gelüsten nach Revision und Revanche, die solche Dokumentationen gerne provozieren, ist nichts zu bemerken. Im Gegenteil deutet die Wandzeitung mit ihren trockenen Texten oft eine umgekehrte Pointe an. Die Opfer haben, bevor sie vertrieben wurden, mitunter selbst an der ethnischen Entmischung mitgewirkt. Zwei schlagende Beispiele sind der griechisch-türkischen Geschichte entnommen. Bevor die Griechen 1922 aus der Türkei vertrieben wurden, hatte es einen Überfall der festlandsgriechischen Armee gegeben, die ihrerseits das türkische Küstengebiet annektieren wollte. Die »megali idea«, die Idee vom Großgriechenland, hat fünfzig Jahre später auch den Zypernkonflikt provoziert. Abermals waren es Griechen, die Opfer einer griechischen Politik wurden, die den Anschluss der Insel herbeiputschen und bomben wollte. Türkische Truppen besetzten 1974 den Nordteil der Insel und vertrieben die Zyperngriechen in den Süden, die zuvor die Türken unterdrücken und vertreiben wollten.

Die Tragik solcher Vorgänge besteht darin, dass ihre individuellen Opfer oft unschuldig an den Kollektivverbrechen waren, für die sie durch Heimatverlust bestraft wurden. Der Zyperngrieche hat nicht unbedingt mit den Großmachtträumen seiner Vettern vom Festland sympathisiert, und noch viel weniger ist es wahrscheinlich, dass der seit Jahrhunderten in Smyrna ansässige griechische Händler von türkischer Oberherrschaft befreit werden wollte. Die Ausstellung schweigt darüber, aber es dürfte klar sein, dass hier der Punkt liegt, wo sie den Übergang zu dem Schicksal deutscher Vertriebener nach 1945 finden will. Keineswegs verschweigt sie die ethnischen Säuberungen, die von Deutschen in Polen vorgenommen wurden, aber sie will doch auch nicht sagen, dass die deutschen Vertreibungen aus Polen eine gerechtfertigte Quittung seien.

Sie sind es natürlich, individuell gesehen, auch nicht. Aber aufs Ganze, aufs Historisch-Moralische gesehen hat es umgekehrt nicht die geringste Plausibilität, gegenüber Polen auf deutschen Heimatrechten zu bestehen. Polen als ganzes Land ist in gewisser Hinsicht vertrieben worden, nämlich auf russischen Druck einige hundert Werst westwärts, auf deutsches Gebiet geschoben worden. Daran sind die Polen vollständig unschuldig, und die Russen wiederum hätten es nicht tun können, wenn die Deutschen nicht den Hitler-Stalin-Pakt geschlossen und dann ihren verbrecherischen Krieg begonnen hätten.

Mit anderen Worten: Wo auch immer man die Genese der deutschen Vertreibungen packen will, der historische Zugriff endet stets bei der eigenen, der deutschen Nase. Das weiß die Ausstellung auch, sie legt es sogar nahe, sie will es nur nicht so recht aussprechen, weil sie sich überhaupt mit Deutungen zurückhält, die über den unmittelbaren kausalen Nexus hinausgehen. Man kann ihr das nicht zur Last legen, weil sie diese Askese überall übt (mit Ausnahme vielleicht der Armenier, denen eine kollektive Mitschuld an ihrem Schicksal beim besten Willen nicht nachzuweisen ist).

Die Ausstellung, kurzum, ruft nur Fakten auf, aus denen der Besucher seine eigenen Schlüsse ziehen muss. Sie ist nicht ärgerlich, sie ist wortkarg. Das Aufsehen, das sie vorab erregte, war nur durch den Verdacht befeuert, sie sei als Bewerbungsschreiben für Größeres gedacht, das dann wirklich ärgerlich sein könnte, nämlich jenes Zentrum gegen Vertreibungen, das der Bund der Vertriebenen und seine Chefin Erika Steinbach seit Jahren anstreben. Aber gesetzt den Fall, eine solches Zentrum wolle sich nur europäisch tarnen, sei aber in Wahrheit durch deutsche Vertriebenen-Ressentiments motiviert – dann wäre die jetzige Ausstellung ein schlechter Probelauf. Sie zeigt nämlich, wie der europäische Kontext, einmal ordentlich ausgebreitet, mühelos über alle deutsche Weinerlichkeit und Unrechtsgefühle triumphiert. Die Maskerade (falls überhaupt angestrebt) schiebt sich als Wahrheit vor alle schlechten Nebenabsichten.

Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais täglich von 10 bis 19 Uhr

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Leser-Kommentare
  1. Eine "Wandzeitung" hat das Interesse des Feuilletonchefs Der ZEIT geweckt.
    Warum beschäftigt sich der Chef persönlich mit einer so unbedeutenden Ausstellung, die wie er selbst feststellt, eher einer "Wandzeitung" gleicht?
    Höchstwahrscheinlich wegen der europäischen Dimension, die auch er in die Ausstellung hineininterpretiert. Ist der europäischer Kontext erst einmal identifiziert, so erscheinen alle Bedenken als unbegründet. Die "schöne Empörung", die diese Ausstellung in der letzten Zeit produziert hat, entbehrt demnach jeder Grundlage.
    Die deutsche Politik und Publizistik verstehen sich seit einiger Zeit als die letzte Instanz bei der Feststellung, was als europäisch zu gelten hat. Da darf natürlich auch Herr Jessen nicht den Anschluss verlieren.

    Die deutschen Flaghelfer und Ihre Nachfahren haben es nicht so gern, wenn man sie als verkappte Nationalisten und Revisionisten entlarvt. Früher hatte die "Mein Name ist Hase Generation", der von den Nazis verführten Deutschen, die Schafspelze bevorzugt. Da sich die Mode bekanntlich schnell ändert , wollten auch sie sich nicht dem Zeitgeist entziehen. Die Kleidung "Made in Europa" ist sowieso viel chicer und sie trotzt jeder Wetterlaune. Ein zusätzlicher Nutzen sollte nicht unerwähnt bleiben. Hat man erst mal die europäischen Klamotten an, ist man von jeder Kritik ausgenommen. Da hat ein, auch so scharfsinniger Beobachter wie Jessen größte Schwierigkeiten, den so gut maskierten, schlechte Absichten zu unterstellen.

    In Wahrheit aber zeigen Ausführungen des ZEIT Publizisten nichts anderes als den Niedergang des deutschen Feuilletons. Da helfen auch keine besonders ausgefeilten Formulierungen. Vielmehr ist sein Text, eine Art sich selbst erfüllender Prophezeiung.
    Der deutsche Feuilleton beugt sich vor dem Zeitgeist und unterwirft sich dem Gebot des Marktes. Und der Markt in Deutschland lechzt gerade nach Relativierung der Schuld. Die Neudefinition dessen wer Opfer und wer Täter war, hat gerade Hochkonjunktur.

    Folgerichtig schreibt der Redakteur der ZEIT leichtere Texte. Dem Leser bleibt eine Demütigung dennoch nicht erspart. Eine Demütigung, die dann empfunden wird, wenn der Leser merkt, dass der Autor dem Allzuständigkeitsfeuilletonismus verfallen ist . Wer hier Ironie vermutet, der hat Recht. Gerade Jens Jessen offenbart uns seine Schwäche für die Allzuständigkeit, die bekanntlich zu Dilettantismus führt.

    Der Dilettantismus hat bekanntlich viele Gesichter.
    Eins davon ist die frappierende Unbefangenheit, mit der man Urteile fällen kann, ohne sich mit den Hintergründen beschäftigt zu haben. Nur so ist Jessens Feststellung, "solche Ausstellung kann gar nicht mit Revision und Revanche in Verbindung gebracht werden", zu erklären. Immerhin sieht er die Gefahr, dass die pseudoeuropäische "Aneinaderreihung von Fakten" nur eine Art von Tarnung sein könnte. Soll diese faszinierende Erkenntnis, den naiven Optimismus des Autors geschickt verbergen. Schließlich hat das Verbergen und Verschleiern unangenehmer Tatsachen, wie uns zuletzt das Beispiel Günter Grass gezeigt hat, gute Tradition in diesem Land. Wie sollte man da der vertriebenen Ausstellungsmacherin irgendwelchen Revisionismus unterstellen? Ein guter Feuilletonist darf sich doch nicht an Vorverurteilungen beteiligen. Um die wahren Absichten von Frau Steinbach zu erfahren, reicht es einfach sechzig Jahre abzuwarten.
    Ein Schurke, der was böses dabei denkt.
    Einen Sinn, Gott behüte, soll man daraus nicht lesen wollen, würde der ZEIT Publizist sagen.

    Ist etwas Eindeutiges nicht eindeutig, so kann die Uneindeutigkeit nur durch die Eindeutigkeit der Uneindeutigkeit erklärt werden. Leider ist dieser Satz genauso aussagekräftig wie das Feuilleton von Herrn Jessen.

    Solche verharmlosenden Texte wie dieser von Jens Jessen werden die Geschichtsfälscher nur ermutigen, ihr Unwesen weiter zu treiben. Die aus einem, den Polen geraubten Haus "vertriebene" Frau Steinbach kann sich die Hände reiben. Die "Ewig Gestrigen" hatte sie schon immer auf Ihrer Seite. Nun hat sie mit Hilfe der europäischen Fassade viele gutgläubige Mitglieder der deutschen Inteligenzia in Ihr Etablissement gelockt. Der russische Revolutionär Lenin pflegte solch vertrauensselige Zeitgenossen, die sich von anderen vor ihre Karren spannen ließen, als "nützliche Idioten" zu bezeichnen.

    • Colon
    • 19.08.2006 um 15:35 Uhr

    Die Produktion „schöner Empörung“ gelingt manchesmal auch dem vermeintlichen Obergutachter, der die Diskussion zusammenfassend, am Ende sagt, „was regt ihr euch so auf!“.
    Das Erlebnis der Ausstellung kann eben, ohne viele Worte, auch gänzlich anders ausfallen. Wie z.B. Frau Regina General es in der Wochenzeitung Freitag,Nr.33, vom 18.08.2006, nachvollziehbar beschreibt.

    Gerade Ihr schlecht gewähltes Beispiel, Herr Jessen, erklärt, warum der Ausstellungsbesuch Sie wohl eher verwirrt hat. Nach den Balkankriegen, dem ersten Weltkrieg und dem gleich anschließenden griechisch-türkischen Krieg 1920-22, kam es auf der Konferenz von Lausanne 1923 zu einem Abkommen zwischen dem neuen, dadurch auch anerkannten, kemalistischen Staat Türkei und Griechenland. 1,3 Millionen kleinasiatische Griechen mussten ins „Mutterland“ zurückkehren, so wie 350 000- 400 000 Türken zur Migration gezwungen wurden. -Viele waren allerdings schon während der jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen vertrieben worden. - Tatsächlich ist diese Konferenz ein „Urbild“ für viele spätere Vorgehensweisen völkerrechtlich bestätigter Vertreibungen, und lieferte bis zur jüngsten Balkangeschichte Argumente, genau so zu verfahren.

    Aber keiner dieser Fälle liese sich mit den Motiven, Ursachen und Folgen der Vertreibungen während und nach dem zweiten Weltkrieg, sofern sie z.B. Deutsche und Polen betreffen, zwanglos vergleichen.

    Verhängnisvoll ist jene Sicht, man müsse nur die angeblich neutralen „Fakten“ gleichwertig nebeneinander reihen und schon ergebe sich ein akzeptables Bild. Noch verhängnisvoller Ihr Blickwinkel, eine Ausstellung solle in ihrer Neutralität dem Betrachter ein freies Urteil erlauben. Daran fatal ist nicht der Wunsch, der Besucher möge frei urteilen , sondern die
    Uneinlösbarkeit des Anspruchs auf Seiten der Kuratoren, Stifter und Laudatoren, auf der Kippe zwischen Belanglosigkeit und Prinzipienlosigkeit.

    Bei den zukünftigen Mühen um „Erzwungene Wege“ der Vertreibung, wird man nicht umhin können, die historischen Zusammenhänge mit allen betroffenen Nachbarn und Freunden entsprechend zu würdigen und dann gemeinschaftlich den Ort,
    oder Orte, und die Inhalte des Zentrums für europäische Vertreibungen zu klären. - Die Stiftung der Vertriebenen hat erkennbar andere Ziele.

    Ketzerisch könnte man fragen, was dazu reizt, bei Grass so draufzuhauen, um dann hier so achselzuckend vorbeizuwandern. Die Darstellung der Vertreibung wird mit über das Verhältnis zu unseren Nachbarn und Freunden entscheiden. Bei Grass ist vielleicht erst einmal unaufgeregte Lesetätigkeit angesagt.

  2. Auch wenn diese Lesart der türkisch-griechischen Konfliktes – die Griechen haben angefangen, also sind sie selbst schuld – bei weitem nicht neu ist, will sie mir immer noch nicht einleuchten.
    Also fassen wir zusammen: Die Griechen marschieren ein und verüben dabei Massaker an muslimischen Zivilisten. Nach der Niederlage der griechischen Armee rächen sich die Türken mit einer Mischung aus Völkermord und Vertreibung (angesichts der Zahlen – 1,2 Millionen vertriebene plus mindestens 500.000 getötete griechische Zivilisten gegen ca. 400.000 repatriierte türkische – kann ich der Wortwahl “Bevölkerungsaustausch” nicht recht zustimmen).
    Es geht nicht ums Aufrechnen der Toten. Aber bewegen sich die Opfer der Griechen und die der Türken nicht in vollkomen unterschiedlichen Dimensionen? Warum kann man nicht klipp und klar sagen, daß die Türkei (und deren Vorläufer) vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg jahrzehntelang und planmäßig einen Völkermord an Armeniern und Griechen verübt hat? Knickt man ein vor der Stärke der modernen Türkei? Oder sind die Schicksale von Türken, Griechen und Armeniern lediglich gut genug, um ein Lehrbeispiel für die deutsche Geschichte zu statuieren?
    Übrigens: Man kann den griechisch-türkischen Krieg von 1919-1922 auch als eine Fortsetzung des griechischen Freiheitskampfes betrachten. Und das, was aus dem für Griechenland verlorenen Krieg hervorging, war nichts anderes als der wahrgewordene großtürkische Traum – nur nennen wir ihn heute schlicht und einfach: die Türkei.

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