Manche nennen Sabine Wienker-Piepho die Jeanne d’Arc der Volkskunde, weil sie so entschlossen gegen den Sparkurs an den Hochschulen kämpft. Sie sei eben eine alte 68erin, sagt die Wissenschaftlerin: »Gelernt ist gelernt.« Dabei denkt man bei ihrem Beruf nicht automatisch an Rebellion. Sabine Wienker-Piepho ist Märchenforscherin. Und als solche ist sie hierzulande allein auf weiter Flur. In Deutschland und der Schweiz ist sie die einzige Professorin, die regelmäßig Vorlesungen hält über Zaubermärchen, Volksmärchen, Kunstmärchen, Novellenmärchen, religiöse Märchen und »uneigentliche Märchen«, also Märchen, in denen keine Wunder geschehen. Wie ist es ihrer Meinung nach um das Forschungsfeld Märchen in der Wissenschaft bestellt? BILD

Die soziologische Strömung sei in der Volkskunde derzeit viel zu dominant, sagt sie. Es reiche nicht aus, das materielle Leben der Menschen zu untersuchen. Vorstellungswelten und Symbole findet sie mindestens genauso aufschlussreich und faszinierend. Eine Faszination, die sie auch in ihren Lehrveranstaltungen vermitteln möchte – mit Erfolg; dort ist es immer rappelvoll. »Früher war die Erzählforschung ein Schwerpunkt in der Volkskunde«, erinnert sie sich. Mit Kassettenrecordern bewaffnet, suchten die Wissenschaftler Zeitzeugen auf, ließen sich von ihnen Märchen erzählen und alte Lieder vorsingen. Ähnlich haben die Gebrüder Grimm einst ihre Sammlung zusammengetragen. Und: »Gleich nach der Bibel erreichte deren Märchensammlung weltweit die höchste Auflage.«

Sabine Wienker-Piepho wird in diesem Jahr 60. »Tradition ist nicht die Aufbewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers«, dieser Spruch hängt als Motto an einer Wand ihres Sprechzimmers. Sie leitet das Institut für Volkskunde der Universität München. Vertretungsweise. Ursprünglich war sie Literaturwissenschaftlerin. Dann absolvierte sie ein Zweitstudium in Volkskunde mit einer Dissertation und Habilitation. »Am Ende war ich 49«, sagt sie, »drei Wochen zu alt, um mich noch für eine ordentliche Professur bewerben zu können.« Seit gut zehn Jahren springt sie mit Zeitverträgen für Kollegen ein. Eine undankbare Rolle. »Aber zumindest komme ich so in der Welt herum.« Die Märchenforscherin lehrte bereits in Innsbruck, Vilnius, Pennsylvania, Minsk, Jyväskylä, Münster und Tartu. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Besonders spannend findet sie, wie stark sich die Märchen auf der ganzen Welt gleichen. »Hänsel und Gretel gibt es beispielsweise auch auf Madagaskar.« Die internationale Märchenforschung verzeichnet weltweit lediglich etwa 2500 Märchen inklusive Kunstmärchen und Fantasy-Literatur. Alles Weitere seien lokale Varianten, so genannte Oikotypen, erklärt Wienker-Piepho. Heutzutage würden zwar keine neuen Volksmärchen mehr entdeckt, »aber auch die lokalen Varianten bekannter Erzähltypen sind hochspannend«. Das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein heiße in Pakistan etwa Das Krokodil und die Gazelle, und beim Froschkönig handle es sich in Mexiko um eine »Froschjungfer«. Der Froschkönig scheint übrigens bereits in der Antike bekannt gewesen zu sein. Vom römischen Dichter Publius Petronius ist das Zitat überliefert: Qui fuit rana nunc rex est (»Aus dem Frosch wurde ein König«).

Waren die sieben Zwerge ursprünglich unterernährte Bergleute?

Die Wissenschaftler Antti Aarne und Stith Thompson haben Anfang des 20. Jahrhunderts ein gigantisches Verzeichnis geschaffen, das alle Märchen der Welt erfasst und nach Typen ordnet: den Aarne-Thompson-Index (ATU). Das Märchen Froschkönig entspricht darin etwa der Indexnummer ATU 44, dem Typ »Tierbräutigam«.

Dass sich die Märchen auf den unterschiedlichen Erdteilen so ähnlich sind, erklärte man sich lange mit der so genannten Wandertheorie. Manche Forscher spekulierten, dass alle Märchen ursprünglich aus Afrika stammen und durch Völkerwanderungen über den ganzen Erdball verteilt wurden. Andere behaupteten, es seien Relikte germanischer Mythen, die sich auf diese Weise verbreitet hätten. Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man dann das altindische Erziehungsbuch Pantschatantra. Das Buch stammt aus dem dritten Jahrhundert – und enthält bereits das Froschkönig-Motiv. Liegt der Ursprung des Märchens womöglich in Indien?