Als kürzlich der Nobelpreisträger Paul Crutzen vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie vorschlug, durch Injektion von kühlendem Schwefel in die Stratosphäre in 25 bis 30 Kilometer Höhe dem Treibhauseffekt entgegenzuwirken, hagelte es weltweit Proteste. Solche geotechnischen Großversuche seien unverantwortlich und die heutigen Klimamodelle zu wenig ausgereift, um auf ihrer Grundlage ein globales Experiment mit ungewissem Ausgang zu wagen, lautete der Tenor. Vor allem lenke der Versuch, die Erderwärmung mit sauren Aerosolen abzumildern, vom eigentlichen Problem ab, den gewaltigen Emissionen des Treibhausgases CO2.

Die Angst vor geotechnischen Großexperimenten ist berechtigt. Doch ob die Kritiker bedacht haben, dass die Menschheit längst ein wesentlich größeres und vor allem schmutzigeres globales Experiment mit Schwefel vollführt, darf bezweifelt werden. Wie wenig Wissenschaftler das Erzeugen von Megatonnen Schwefelsäure durch die Schifffahrt beachten, zeigt das jüngste Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) mit dem Titel Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer . Das hundertseitige Werk befasst sich im Unterkapitel 4.5.2 mit den Emissionen der Schifffahrt, beklagt deren rasch steigenden CO2-Ausstoß – und erwähnt die Schwefelproblematik mit keinem Wort.

Crutzen liegt es fern, den Treibhauseffekt zu verniedlichen, das Gegenteil ist der Fall. "Wir sollten uns dafür einsetzen, die Emissionen der Treibhausgase so rasch wie möglich zu verringern, sodass meine vorgeschlagene Notlösung gar nicht erst erforderlich wird", sagt er. Und ergänzt: "Die internationalen Fortschritte im Klimaschutz sind leider nicht zufrieden stellend."

Und Schwefel spielt im Klimageschehen eine wichtige Rolle. Da Schwefelsäure-Teilchen das Sonnenlicht partiell ins Weltall zurückstreuen, haben sie eine abkühlende Wirkung auf das Klima. Hier stoßen Umwelt- und Klimaschutz aufeinander. Um die Luftqualität zu verbessern, wurden die Emissionen von Schwefel aus Kohle- und Ölprodukten reduziert. Die neue Sauberkeit hat eine fatale Folge. "Nach Abschätzungen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg würde eine vollständige Einstellung der Emissionen zu einer höheren globalen Erwärmung des Klimas von durchschnittlich einem Grad Celsius führen", erklärt Crutzen.

Um diesen Zusatzeffekt abzufangen, schlägt er vor, "einen geringen Prozentsatz der Schwefelsäure, die man in Bodennähe entfernt, in die Stratosphäre zu injizieren". Hierzu genüge bereits "ein Bruchteil der Säure, weil die Verweilzeit der Partikel in der Stratosphäre ein bis zwei Jahre beträgt, bei uns hier unten dagegen weniger als eine Woche". Nach knapp zwei Jahren sei die stratosphärische Schwefelsäure abgesunken und regne aus. "Wegen der relativ kleinen Mengen nähme das Problem des sauren Regens nur geringfügig zu. Im Gegenteil: Injektionen in die Stratosphäre würden es ermöglichen, unsere Luft noch strikter zu reinigen, ohne dadurch das Klima zu erwärmen.

Neueste Modellberechnungen zeigten "eine überraschend hohe Effizienz der Schwefelemissionen". Die Klimafolgen eines verdoppelten Kohlendioxidgehalts ließen sich theoretisch kompensieren, indem man jährlich etwa eine Million Tonnen Schwefel in die Stratosphäre verfrachte. Dies entspreche etwa einem Zehntel der Schwefelmenge, die beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo im Jahr 1991 freigesetzt wurde.

Noch ist der schweflige Klimaschutz ein gewagtes Gedankenexperiment. "Umso wichtiger ist es jetzt, alle weiteren Folgen, positive wie negative, eines solchen Unternehmens zu untersuchen", meint Crutzen und mahnt selbst zu größter Vorsicht: "Das Experiment sollte nur im äußersten Notfall durchgeführt werden, das heißt, wenn zukünftige Klimaänderungen international zu definierende Grenzwerte übersteigen." Diese Gefahr sei nicht zu unterschätzen. Crutzen erinnert an das Ozonloch, für dessen Erklärung er den Nobelpreis erhielt. "Es hat sich ohne jede Voraussage überraschend schnell über der Antarktis entwickelt."