Österreich, nicht das Land, sondern das gleichnamige Medienereignis, begann mit acht Seiten. Mehr war nicht drin. Eigentlich hätten es 100 werden sollen an jenem ersten Donnerstag im August. Nach mehr als zwei Jahren Vorlaufzeit hätte eine erste Nullnummer entstehen sollen. Der 2400 Quadratmeter große Newsroom in der Nähe des Wiener Naschmarkts war mit 150 Journalisten gefüllt. Die Themen waren ausgewählt, die Artikel verfasst, die Fotos lagen bereit. Nach acht Seiten war jedoch Schluss: Das von einer Firma namens Digital Technology Industries eigens für die neue Sensation am Zeitungsmarkt entwickelte Redaktionssystem streikte. Die meisten Journalisten harrten bis Mitternacht aus. Dann wurden sie heimgeschickt.

Immerhin, am zweiten Tag klappte alles, ein Totalausfall des Computersystems kam in den vergangenen Wochen nur noch ein einziges Mal vor. Inzwischen produziert das Team der neuen Tageszeitung Österreich jeden Tag eine Nullnummer. Auch die Kontrollmonitore, auf denen im Zentrum des Newsrooms den Redakteuren angezeigt wird, welche Seiten in wie vielen Minuten fertig gestellt sein müssen, funktionierten tadellos. Was bei der simulierten Produktion täglich an Zeitung herauskommt, wird noch streng unter Verschluss gehalten. Bis zum 31. August. Dann erlebt Österreich bei der großen Eröffnungsparty in der Wiener Freudenau vor 10.000 Erst-Abonnenten und allem, was die Promi-Landschaft an VIPs hergibt, seine Premiere. Vom 1. September an soll das Blatt erscheinen. Und natürlich neue Maßstäbe setzen.

Der quecksilbrige Medienunternehmer Wolfgang Fellner will es gerne noch einmal allen zeigen. Er hat Kredite in der Höhe von 50 Millionen Euro bei acht Banken angehäuft, hat selbst wohl mehrere Millionen seines Privatvermögens in die Hand genommen, beschäftigt jetzt 300 Mitarbeiter und ließ eine groß angelegte Werbekampagne entwickeln. Nicht nur eine Zeitung, sondern »vier (!) Zeitungen zum Preis von einer« und außerdem ein »tägliches Magazin« kämen da auf Österreich zu. Ein Teil der angeblichen Supernova wird auf Magazinpapier gedruckt, damit die Anzeigen schön glänzen – die Inserenten würden das zu schätzen wissen, glaubt Fellner. Nicht einmal die Konkurrenz müsse sich fürchten. Denn Fellner will den Markt »beleben«, »wachküssen«, »befruchten«, wie er es nennt. Seine neue Zeitung soll nicht anderen Blättern Leser abwerben, sondern neue Leser rekrutieren, die bislang Tageszeitungen verschmähten. Und wer schon einer Stammzeitung die Treue hält, dem soll Österreich künftig als Zweit-Zeitung dienen.

»Alle sind vorbereitet, das wird für Fellner kein Durchmarsch mehr«

Die potenziellen Konkurrenten glauben Fellner allerdings kein Wort. Zu gut kennt man den 51-jährigen Salzburger in der Branche bereits. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Helmuth hat er in den vergangenen 35 Jahren sieben Magazine gegründet und die Medienlandschaft in Österreich gründlich durcheinander gewirbelt. Stets brachten seine Produkte Innovationen mit sich, stets trivialisierten sie aber auch das Metier. Tiefstpreispolitik, unzählige Abo-Geschenke, journalistische Zuspitzung über die Grenze der Seriosität hinaus, Vermischung von redaktionellem Inhalt mit Anzeigeninteressen – »Fellnerismus« nennen die Kritiker diese marktschreierische Kombination aus Marketing und Infotainment.

Österreich könnte so durchaus zu einem Markenphänomen à la Red Bull werden. Image, nicht Inhalt, muss vermittelt und verkauft werden – wie’s schmeckt, ist zweitrangig. Österreich soll populär und zugleich eine Qualitätszeitung sein, brüstet sich Fellner. Um diesen Anspruch zu unterstreichen, wäre er auch gern offizieller Partner der New York Times geworden, ergaben ZEIT -Recherchen. Derzeit kooperiert der Standard mit dem amerikanischen Weltblatt. Fellner sei bereit gewesen, viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Rechte abzuwerben, sei aber abgeblitzt. Bei Österreich will man davon heute allerdings nichts mehr wissen.

Weil Fellner einem Teil der neuen Tageszeitung Magazincharakter verleihen will, hat er sich auch in direkte Konkurrenz zu seinem früheren Stammhaus, dem News-Verlag, begeben. An der Magazin-Gruppe ist weiterhin eine der Fellner-Familienstiftungen beteiligt, nachdem die Mehrheit an dem Unternehmen 1998 an den deutschen Verlag Gruner+Jahr (G+J) verkauft worden war. G+J gibt unter anderem Stern , Geo und die Financial Times Deutschland heraus. Als Fellner vor fast genau drei Jahren seine Tageszeitungspläne erstmals ankündigte, erschien es ihm noch »selbstverständlich«, sein neues Produkt »in Zusammenarbeit mit der News-Gruppe« auf den Markt zu werfen.

Die Realität sah bald anders aus. Seit mehr als einem Jahr höhlt Fellner seinen bisherigen Partner personell aus. Chefredakteure, Verlagsleiter, Geschäftsführer, Herausgeber holte er zunächst aus den Chefetagen des News-Verlags, weitere Kohorten folgten: Zeitungshersteller, Anzeigenverkäufer, emsige Arbeitsbienen aus allen Magazinressorts. Es sind seine Getreuen, eine zusammengeschweißte Truppe, die der Medienguru auf sich eingeschworen hat. »Ein Team auf dieser Qualitätsstufe«, behauptet der Zeitungsgründer, »kann man gar nicht einfach so am Markt zusammensuchen. Völlig unmöglich.« Die meisten, die schon in den Entwicklungsteams von News oder Woman werkten, sind ihm erneut gefolgt. »Die sind jetzt wieder bei ihrem Himmelvater«, sagt einer, der diesmal nicht mitgezogen ist. Der von G+J eingesetzte Generalherausgeber des News-Verlags, Oliver Voigt, meint: »Reisende soll man nicht aufhalten. Das ist die ewig gleiche Karawane, die ihm immer wieder folgt.«

In der ausgedünnten Belegschaft seines Verlags ist die Stimmung mittlerweile hingegen trist – noch kurz vor Erscheinen der Neugründung kannibalisierte Fellner sein altes Unternehmen munter weiter. »Das Haus hat keine Identität mehr«, seufzt ein altgedientes Mitglied der News -Maschine. Nun ist der Verlag auf der Suche nach einer PR-Agentur, die das ramponierte Image aufbessern soll. Fellner, einst schillernde Leitfigur des Verlags, motiviert derweil noch immer dieselben Mitarbeiter wie vor 15 Jahren – nur jetzt in einem anderen Verlag.

Erstaunlich lange hielt G+J ruhig, schaute zu, wie Wolfgang Fellner sich gesellschaftsrechtlich absicherte. Sein Bruder Helmuth, der kaufmännische Kopf des Gründerduos, hatte plötzlich nichts mehr mit Österreich zu schaffen, verwaltet aber nun die Anteile am News-Verlag alleine. Dann begann Wolfgang Fellner auch noch zu sticheln: Beim News-Verlag lägen die »Nerven blank«, man habe die »Windeln voll«. Im Juli reichte es den übrigen Gesellschaftern. Sie entfernten die Brüder aus dem Beirat des Unternehmens. Fellner reagierte schulterzuckend. Dagegen, dass sein Bruder Helmuth an der Gruppe beteiligt bleibt, können die Partner ohnehin nichts tun.

»Er hat einen veritablen Zeitungskrieg vom Zaun gebrochen«, meint Alfred Worm, Herausgeber von News und langjähriger Weggefährte des Magazinmachers. »Alle sind vorbereitet. Das wird für ihn kein Durchmarsch mehr«, prophezeit News- Chef Voigt. Für ihn ist klar: »Das Ganze wird eine riesengroße Abonnenten-Teaser-Maschine.«

Fellner will mit einer Startauflage von 250.000 Exemplaren in den Markt der derzeit 20 täglichen Printprodukte drängen und bald auf 4.000.000 steigern. Sonntags sollen sogar 600.000 Zeitungen abgesetzt werden. Das käme einer gewaltigen Umwälzung gleich: Österreich wäre damit auf Anhieb die zweitgrößte Tageszeitung des Landes (zum Vergleich: Der Marktführer Krone verkauft im Wochenschnitt 851.000 Exemplare, der schärfste Konkurrent, die Kleine Zeitung , 269.000). Um diesen Blitzstart zu schaffen, trommelt der Selbstvermarkter seit Monaten nur Superlative aus: Die professionellsten Journalisten, die besten Ideen, die unkonventionellsten Zugänge und das aktuellste Blatt werden versprochen. In Wahrheit wird vor allem eines notwendig sein: ein knallharter Preiskampf. In der Abo-Politik setzt Fellner jetzt schon neue Tiefstpreismaßstäbe: Für 9,90 Euro monatlich ist Österreich in der Startphase zu haben. Im Einzelvertrieb wird es neben der gesamten Zeitung auch abgespeckte Billigversionen geben – um die Auflage in die Höhe zu treiben.

»Billiger als gratis geht nicht«, meinte Eva Dichand, Herausgeberin der U-Bahn-Zeitung Heute, kampfbereit in Richtung des Neulings. Ihr Blatt expandiert in die Steiermark, nach Niederösterreich und Oberösterreich. Andere wollen es ihr gleichtun und den Markt noch geschwind mit bedrucktem Papier zum Nulltarif sättigen, bevor Fellner aufkreuzt. In Graz entstand bereits eine Gratiszeitung der Styria, in Tirol ein de facto unentgeltliches Blatt der Moser-Holding. Gleiches Bild in Oberösterreich: Rudolf Cuturi, Herausgeber der Oberösterreichischen Nachrichten , überraschte zu Beginn der Woche mit einer neuen kostenlosen Gazette für den Großraum Linz-Wels-Steyr, wo auch Fellner mit einer starken Lokalpräsenz um Marktanteile kämpfen will. Cuturi gibt sich gar nicht erst der Illusion hin, das Duell mit dem Wiener Eindringling könnte kraft journalistischen Potenzials gewonnen werden: »Der Zahltag kommt in zwei Jahren. Wenn das ganze Pulver verschossen ist.«

Im Sommer ließ er in Wien und Linz »WM-Live« gratis verteilen

In Wien und Linz hat auch Fellner erste Erfahrungen mit dem Gratiszeitungsvertrieb gemacht. Im Sommer ließ er in beiden Städten das tägliche Fußballblatt WM-Live verteilen. Die bunte Gazette, produziert von der Sportredaktion und vom Layoutteam von Österreich , entsprach genau dem, was der Name Fellner verspricht. Sie bot zwar weder »ganz Neues«, noch setzte sie »neue Maßstäbe«, wie die Zeitung von sich behauptete. Aber sie enthielt die umfangreichste WM-Berichterstattung im Land. Und jene, die am lautesten tönte: So manches wurde in großen Lettern als »Exklusiv« ausgeflaggt, obwohl die Neuigkeit schon am Vorabend von internationalen Agenturen verbreitet worden war, Infotabellen boten oft nicht bloß eine »Übersicht«, sondern eine »Total-Übersicht«. Darf man Ähnliches von Österreich erwarten?

Der bunte Seitenspiegel im schicken Tabloidformat (34 mal 25 Zentimeter), den das Branchenblatt Der österreichische Journalist veröffentlichte, habe nur aus Testlayouts bestanden, behauptet Fellner. Das seit Mitte Juli ausgearbeitete und immer wieder nachgebesserte Layout beschreiben Mitarbeiter als kleinteilig: viele Infoboxen, kurze Texte, schnell verdaubare Nachrichtenhäppchen. Fotos hingegen werden viel Platz einnehmen. Außerdem setzt man auf sattsam bekannte Gesichter wie Toni Polster und Hans Krankl im Sportteil oder Dieter Chmelar im Wiener Lokalteil, der täglich den »Wiener des Tages« finden und beschreiben darf. Auf der Website www.oe24.at werden die Leser Weblogs schreiben und ihre Partyfotos und Videos hochladen können. Auch die Chefredakteure werden bloggen. Auf der Internetseite sollen zudem täglich eigens zusammengestellte Nachrichtensendungen per Video-Stream angeboten werden.

All das klingt zwar irgendwie innovativ. Damit Fellners Konzept aufgeht, muss es aber umwerfend klingen. Plakate, Radio- und Fernsehspots bereiten darauf vor: »Österreich wird neu.« Fellner trägt so dick auf, wie er kann. Etwa, wenn er sagt, dass News nur eine Fingerübung gewesen sei im Vergleich zu dem, was er nun vollbringe. Wenn er kühne Vergleiche zur Süddeutschen Zeitung oder zur USA Today bemüht oder sich selbst mit Jürgen Klinsmann vergleicht. Sogar eine eigene Journalistenschmiede musste her. Sie hieß »Tageszeitungsakademie«: 600 Bewerber, 55 Kandidaten schafften es. »Die sind topmotiviert, eine tolle Truppe«, lobt Fellner seinen Reporternachwuchs.

Und die Branchengerüchte, wonach er in allen Redaktionen gefischt und zuletzt exorbitante Gehälter geboten habe? »Das sind die Gratisblitzer«, sagt Fellner. Leute, die behaupteten, ein Angebot erhalten zu haben, um ihren Verlagen Gehaltserhöhungen abzuringen. Von denen habe es genug gegeben. Außerdem habe ein Scherzbold massenweise getürkte Job-Angebote per E-Mail versandt – angeblich von einem Computer im Wiener Rathaus aus. Eine »polizeiliche Ausforschung« des Schurken hatte Fellner noch im Juni angekündigt. Das sei aber »eingeschlafen«. Man habe jetzt schließlich genug zu tun. Denn, bekanntlich: »Österreich wartet auf Österreich «.