Österreich Intellektuell, aber nicht schwermütig

Eine Türkin in Wien: Emre Tuncer, 40, kam vor 19 Jahren nach Wien, studierte Elektrotechnik, jobbte am Theater und bei Siemens. Heute ist sie Filmemacherin.

Ohne Kohle. Ich war eigentlich überzeugt, dass ich ohne Meer, ohne Hafen nicht leben könnte. Aber inzwischen saugt mir der Alltag in Istanbul zu viel Energie aus dem Leib. Ich kann dort nicht konzentriert arbeiten. Ich brauche jedes Mal eineinhalb Stunden, um von einem Ort an einen anderen zu kommen. Die meiste Zeit verbringen die Menschen im Stau. All der Wirbel ist zwar anregend. Aber eben auch kontraproduktiv.

In Wien bewege ich mich in einem gut funktionierenden Netzwerk. Ich habe Elektrotechnik studiert. Und nebenher immer viele Jobs gemacht. In der EDV-Abteilung der Stadt Wien habe ich gearbeitet. Als Lichttechnikerin am Theater. In Telekommunikationsunternehmen. Und zuletzt für Siemens in der Planung von U-Bahn-Projekten. Als irgendwann der Film dazugekommen ist, haben mir all die Kontakte und Erfahrungen aus diesen Jobs geholfen. Ich hatte zwar kaum Budget, aber jede Menge Unterstützung. Jahrelang habe ich so nebenher Kurzfilme gemacht. 2004 bekam ich für meinen Experimentalfilm Wa(ä)hrung den Förderpreis beim Wiener »Ohne Kohle«-Festival. Das war der Knackpunkt für mich. Seither ist das Filmemachen mein Hauptberuf.

Wiener Witz, türkischer Humor. Gerade gründe ich meine eigene Filmfirma kargaFilm. Ich will mit ihr Kunst auch in die Werbung bringen und zeigen, dass Kunst nicht immer von Förderungen abhängig sein muss. Unternehmen können sich Filmkunst leisten. Außerdem arbeite ich seit einiger Zeit an einem großen Spielfilm-Projekt, Orangen . Das wird eine Komödie, die in Österreich und in der Türkei spielt. In zwei, drei Jahren will ich damit im Kino sein. Früher dachte ich, alle Menschen könnten mein Publikum sein. Inzwischen habe ich mich eines Besseren belehren lassen: Mein Publikum sind all jene, die einen intellektuellen Anspruch haben und trotzdem nicht nur schwermütige Filme sehen wollen.

Wien ist in dieser Hinsicht ein guter Boden für mich. Der Humor dieser Stadt kommt mir sehr entgegen. Anscheinend haben die Menschen in Istanbul und Wien da etwas Gemeinsames. Viele Sprichwörter finde ich in beiden Sprachen fast wortgleich. Ich bin sehr froh, die Bücher von Elfriede Jelinek im Original lesen zu können. Was bei einer Übersetzung ihrer Werke verloren ginge, das ist genau dieser Sprachwitz, der mich so fasziniert.

Im Übrigen hoffe ich auf den EU-Beitritt der Türkei – auch wenn der vermutlich nie kommen wird. Die Türkei verliert durch die zunehmende Islamisierung nach und nach ihre Identität. Europa könnte diesen Prozess bremsen.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

 
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