Der preußische Offizier war in ihm wenig mehr zu erkennen«, schreibt 1837 Karl August Varnhagen von Ense, einer der klügsten Köpfe Preußens, in seinen Denkwürdigkeiten. »Er hatte eher das Aussehen eines holsteinischen Pächters, der auf gute Marktgeschäfte sinnt. In den Schwierigkeiten der Zeitläufte wusste er sich gut zu winden, und wenn er nachdrücklich zu versichern pflegte: ›Ich gehe meinen Weg gerade durch‹, dabei aber mit dem Stocke bald zur rechten bald zur linken Seite vor sich herschlenkerte, so war man geneigter, seiner symbolischen Gebärde zu glauben als seinem klaren Worte.« Der Mann, den Varnhagen hier so anschaulich porträtiert, heißt Johann Wilhelm von Archenholtz. Der Name (mal mit »z«, mal mit »tz« geschrieben) mag heute vielen unbekannt sein. Und doch gehört Archenholtz zu den wirkungsmächtigsten Autoren seiner Zeit – und, »bald zur rechten, bald zu linken Seite vor sich her schlenkernd«, zu den großen Pioniergestalten des deutschen Journalismus. BILD

Berühmt wurde er mit einem Buch, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unsere Sicht auf den Siebenjährigen Krieg beeinflusst hat und damit auch das Bild des Preußenkönigs Friedrichs II., der für Archenholtz selbstverständlich »der Große« hieß. Im Herbst 1788, zwei Jahre nach dem Tod des Monarchen, war die Geschichte des siebenjährigen Krieges in Deutschland zunächst als Fortsetzungsserie im Historisch-genealogischen Kalender für 1789 erschienen. Fünf Jahre später machte der Autor ein umfassendes Buch daraus, das in zwei Bänden in Berlin herauskam. Es wurde nicht nur zu einem Bestseller, sondern auch zu einem wahren Longseller und erlebte das ganze 19. Jahrhundert hindurch bis zum Zweiten Weltkrieg etliche Neuauflagen. Es gab französische, englische, schwedische Übersetzungen; 1790/1792 sogar – das war selten – eine lateinische Ausgabe. Seit 1996 ist der Text, abgedruckt in dem Band Aufklärung und Kriegserfahrung des Deutschen Klassiker Verlags, wieder zu haben, vorzüglich ediert von Johannes Kunisch.

»Ein solcher Fürst erzwingt die Bewunderung aller Zeitalter«

Ein Reiz des Werkes lag und liegt zweifellos darin, dass hier ein Zeitzeuge spricht. Wie Varnhagen in seiner Bemerkung andeutet, war Archenholtz aktiver Soldat gewesen, preußischer Offizier. Als Jüngling hatte er seit Dezember 1758 im preußischen Regiment Forcade am Krieg teilgenommen. 1760 zum Offizier befördert, erlebte er die Belagerung und Bombardierung Dresdens, wurde am 3. November verwundet und nach dem Hubertusburger Frieden 1763 als Hauptmann verabschiedet. Zwanzig Jahre war er da alt. (Dass diese Entlassung auch durch seine Spielleidenschaft bedingt war, hat indezenterweise 1915 sein erster Biograf Friedrich Ruof ausgeplaudert.) Obgleich Archenholtz kurz darauf Preußen verließ, blieb er stets stolz, diesem Staat als Hauptmann gedient zu haben. Seit 1787 nannte er sich gern und selbstbewusst in fast allen Veröffentlichungen »vormals Hauptmann in Königl. Preuß. Diensten«.

Die Zeitzeugenschaft des Autors war aber nicht der einzige Grund für den Erfolg des Buches. Über die üblichen Quellen hinaus hatte Archenholtz weiterrecherchiert und etliche Beteiligte befragt. Dahinter stand durchaus nicht die Absicht, eine wissenschaftliche Studie für Militärexperten zu verfassen. Archenholtz wollte »ein Lesebuch für alle Stände«, ein »Volksbuch« schreiben. Und das ist ihm gelungen. Er verstand zu fesseln und gleichzeitig das Niveau zu wahren. Die Kritik feierte ihn – und damit zugleich »seinen« König.

Denn obwohl Archenholtz »Friedrichs Launen« durchaus moniert und nicht als bloßer »Lobredner des großen Monarchen« auftreten, sondern »die Geschichte des Kriegs überhaupt« im Auge behalten will, bleibt der König der Held des Buches. Immer wieder huldigt der Autor seinem »Genie«, seiner Tatkraft. Geradezu überschäumend preist er ihn just mit der Darstellung der preußischen Niederlage von Hochkirch in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1758: »Allenthalben gegenwärtig, wo der Kampf am blutigsten war, schien er sein Leben für nichts zu achten. Nie zeigten sich sein Geist und seine großen Fähigkeiten in einem so glänzenden Lichte, als in dieser Nacht, die, anstatt seinen Ruhm zu schwächen, ihn vielmehr außerordentlich erhöhete.« Es sei erstaunlich, wie »der bei Hochkirch überfallene, geschlagene, aber dennoch nicht besiegte König, wie er seine schlafenden Krieger zusammenrafft und sie einem tapfern und weit stärkeren Feinde entgegen stellt, der mit allen Vorteilen versehen sich schon mitten im Lager befindet […] ein solcher Fürst erzwingt die Bewunderung aller Nationen und aller Zeitalter.«

Es ist dieses Bild des kühnen, mit List und Witz und Todesverachtung über jede Übermacht triumphierenden Feldherrn, das Archenholtz durch sein Werk maßgeblich geprägt hat. Viele haben es ihm mehr oder weniger direkt nachgeschrieben, vor allem die populären Biografen des 19. Jahrhunderts: Friedrich Förster oder Franz Kugler in seiner viel gelesenen, von Adolph Menzel genialisch illustrierten Lebensgeschichte des Preußenkönigs; natürlich kannte auch der schottische Friedrich-Verehrer Thomas Carlyle das Buch. Dass Archenholtz darin überdies manches Feindbild ausgemalt hat wie das Propagandaklischee von den blutrünstigen, barbarischen Russen, das noch lange und verhängnisvoll nachwirkte, sei nicht verschwiegen (ZEIT Nr. 12/05).