Aids Alles unter Kontrolle
Einigen Infizierten kann das Aids-Virus nichts anhaben. Wie funktioniert ihre Abwehr?
Bruce Walker ist auf der Suche nach der Resistenz-Elite: einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich mit HIV angesteckt haben, denen es aber gelingt, das HI-Virus ohne ein Medikament in Schach zu halten.
Auf der 16. Internationalen Aids-Konferenz in Toronto hat der Immunologe vom Massachusetts General Hospital in Boston einen dringenden Aufruf an Patienten aus aller Welt lanciert. Sie sollen Kontakt mit seiner Forschungsgruppe aufnehmen, wenn sie zu den Langzeit-Überlebenden gehören und die Viruslast in ihrem Blut unter der Nachweisgrenze (50 Viruskopien pro Milliliter) oder zumindest unter 2000 Kopien liegt. In deren Blut, ist Walker überzeugt, verbirgt sich das Geheimnis, mit dem Aids zu besiegen ist.
Einem von 300 HIV-Infizierten kann das Virus nichts anhaben. Jürgen V., ein 54-jähriger kaufmännischer Angestellter aus Berlin, weiß seit 21 Jahren, dass er HIV-positiv ist. Er nimmt keine Medikamente, und seine größte Sorge ist im Moment, dass sein Hund weggelaufen ist. Bei anderen HIV-Infizierten hat das Virus nach einem solchen Zeitraum längst überhand genommen: Millionen von HI-Viren haben den Organismus überflutet und die T-Zellen der körpereigenen Abwehr außer Gefecht gesetzt. Hindert man das Virus nicht mit Medikamenten, vermehrt es sich so lange, bis das Immunsystem zusammenbricht.
Jürgen V. nimmt keine antiretroviralen Mittel. Trotzdem lassen sich in seinem Blut keine Viren nachweisen. Die Zahl seiner T4-Zellen liegt bei 773 pro Mikroliter – wie bei gesunden, HIV-negativen Menschen. Sein Immunsystem hält das Virus in Schach. Der Erreger bleibt im Körper, ähnlich wie das Epstein-Barr-Virus, das das Pfeiffersche Drüsenfieber auslöst, oder Herpesviren, die lebenslang im Organismus schlummern.
Patienten wie Jürgen V. nennt Bruce Walker elite controllers . Und er hofft, in ihrem Blut den Schlüssel zu finden für den Sieg über das heimtückische HI-Virus und die Aids-Pandemie. Er will weltweit mindestens tausend solcher Patienten finden. »Wenn wir deren Kunststück nachahmen könnten, hätten wir einen Weg, um die HIV-Epidemie aufzuhalten. Wir haben keine Ahnung, wie es funktioniert. Aber wir müssen es unbedingt herausfinden«, sagt er. Bislang sind immer nur kleinere Gruppen dieser Patienten untersucht worden. Daher weiß man immerhin, dass es nicht an besonders schwächlichen Viren oder an einem robusten Immunsystem liegt, dass die Immun-Elite die Infektion unter Kontrolle hält. Aber woran liegt es dann?
Bevor Walker die Patientengruppe nicht zusammengestellt hat, ist er auf Hypothesen darüber angewiesen, um die Gemeinsamkeit herauszufinden. Es gibt eine Reihe von Vermutungen: Möglicherweise können diese Patienten bestimmte Zytokine oder Chemokine herstellen, Botenstoffe, die das Abwehrsystem auf den Plan rufen. Vielleicht haben sie besondere antivirale Faktoren in den Zellen, die dem Erreger den Garaus machen. Oder aber es sorgt eine Mutation an den Korezeptoren, den Eintrittspforten zu den Zellen, dafür, dass der Schlüssel des HI-Virus nicht mehr passt. Zwei solcher Varianten, des CCR5- und des CCR2-Gens, kennen die Forscher bereits. Walker will das Genom der elite controllers sequenzieren, und er ist zuversichtlich, darin weitere Antworten zu finden.
Im Wissenschaftsmagazin Nature beschrieb er in der vergangenen Woche einen weiteren Ansatz, den er gemeinsam mit Kollegen verfolgt: Im Labor ist es gelungen, die durch das HI-Virus geschwächten Abwehrzellen wieder zu aktivieren, damit sie erneut am Kampf gegen den Erreger teilhaben können. »Der Körper schaltet bei einer Infektion die HIV-spezifischen CD8-Killerzellen aus Erschöpfung einfach ab, bevor sie ihren Job erledigt haben«, sagt Walker.
Auf der Oberfläche der CD8-Zellen wiesen die Wissenschaftler ein verstärktes Auftreten des Rezeptors PD-1 nach, der den programmierten Zelltod einleitet. Blockiert man diese Rezeptoren mit speziellen Antikörpern, wird die Zelle nicht vorzeitig aus dem Verkehr gezogen. »Zumindest im Labor«, sagt Walker, »haben wir es geschafft, diese Zellen erneut zu aktivieren und die Immunantwort wieder zu verstärken.«
- Datum 24.08.2006 - 14:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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