EU

Der Bürger soll dumm bleiben

Viele deutsche Politiker weigern sich, alle Empfänger von EU-Subventionen öffentlich zu machen

Als Bundestagsabgeordneter hatte Michael Glos oft den richtigen Instinkt. Da monierte der CSU-Politiker beispielsweise, dass »wichtige Fragen auf europäischer Ebene über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden werden«. Mutig forderte er die »ehrliche Bestandsaufnahme«. Und mehr Transparenz sowieso.

Seit der Mann nun Minister ist, haben ihn offensichtlich ein paar gute Geister verlassen. Denn in Windeseile hat sich der aufrechte EU-Kritiker den Schneid abkaufen lassen, schlimmer noch: Jetzt will er sogar, von seinem Ministerium getrieben, die komplette Bundesregierung zur Geheimniskrämerei in Sachen Europa verdonnern. Peinlicher geht es kaum – und das so kurz vor dem Beginn der deutschen EU-Präsidentschaft.

Zur Sache: Um endlich mehr Licht ins Dunkel der europäischen Finanzen zu bringen, präsentierte der EU-Kommissar Siim Kallas vor einigen Wochen einen löblichen Plan – die Transparenzinitiative. Die soll künftig unter anderem dafür sorgen, dass die Nutznießer von europäischen Subventionen beim Namen genannt werden dürfen. Die europäischen Bürger sollen endlich wissen, wie viele Zuckerfabriken und Rinderfarmen, welche Unternehmer oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mit ihren Steuern finanziert werden.

Kallas folgt dabei einem Vorbild, das mehrere Mitglieder der EU liefern. Seit einiger Zeit schon geben nämlich mutige Regierungen auch ohne Druck aus Brüssel die heimischen und bisher heimlichen Nutznießer von EU-Geld bekannt. Ihre Bürger wissen mehr. Nicht zuletzt auf Drängen der Kampagne farmsubsidy.org kann in Großbritannien, Dänemark, den Niederlanden oder auch Estland jeder Bürger die Empfänger von Agrarsubventionen nachschlagen und erfährt auch, wie viel Euro sie bekommen. Den Engländern ist beispielsweise bekannt, dass die Schweizer Firma Nestlé im Jahr 2004 für britische Agrarprodukte über 21 Millionen Pfund bezog. Die Königin und Prince Charles bekamen immerhin rund eine Million Pfund.

Solche Zahlen sind nicht nur für die Klatschpresse interessant. Sie sind hochpolitisch. Denn wer sie kennen lernt, wird über den Sinn der EU-Agrarpolitik möglicherweise anders denken als zuvor. Wer weiß, dass vor allem die Großen gewinnen, wird bei der nächsten Reformdebatte möglicher-weise stärker für den Wandel kämpfen.

Gleiches gilt für die vielen anderen EU-Töpfe, und ebendas bereitet den Verdunklern in Deutschland nun offensichtlich Sorgen. Das Wirtschafts-ministerium möchte nur Empfänger bekannt geben, die mehr als zwei Millionen Euro bekommen. Damit würden die meisten weiter anonym bleiben. Der nordrhein-westfälische Europaminister Michael Breuer sagt, er befürchte »Investitionshemmnisse«, falls künftig Subventionszahlungen an Unternehmen bekannt gegeben würden. Man müsse deren Schutzbedürfnis berücksichtigen. Und schließlich heißt es gerne, mehr Transparenz würde zu einer »Neiddebatte« führen.

Haltbar sind solche Argumente nicht. Denn ein Blick über die Grenzen zeigt, dass Investitionen in den Ländern, die offen mit EU-Subventionen umgehen, nicht zurückgegangen sind. Auch »Neid« war nicht das beherrschende Motiv in der öffentlichen Debatte. Es wurde allerdings gefragt, ob die Subventionen für Großfarmen und Lebensmittelfabriken wirklich von den Steuerzahlern bezahlt werden sollten.

Im Hause Glos weiß man das natürlich. Und so hilft man sich dort mit einem weiteren Argument. Die Reform verursache zu viel Bürokratie, heißt es. Doch auch das ist lächerlich: Es kann kaum Mühe machen, Zahlen, die eine Behörde sowieso hat, auch ins Internet zu stellen.

So bleibt letztlich wohl nur eine Erklärung für den Widerstand im Wirtschaftsministerium übrig: die Lobbyarbeit der Nutznießer. Deren Vertreter treffen dabei einen deutschen Nerv. Die hiesige Bürokratie hat eine geheimniskrämerische Tradition. Von jeher hält sie Informationen stärker zurück als die Briten oder die nordischen Länder.

Das alles ist nicht nur ärgerlich, sondern wird auch skandalös, sobald Subventionen unterschlagen werden. Nach Schätzungen der EU-Abgeordneten Ingeborg Grässle sind bisher über 2,5 Milliarden Euro unrechtmäßig gezahlter Subventionen nicht wieder an die EU-Kommission zurückgeflossen – auch weil die Mitgliedsstaaten mauern. So klagten die Regierungen Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns erst kürzlich vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen, dass sie falsch ausgezahlte Agrarsubventionen in Höhe von 15,7 Millionen Euro an die EU zurücküberweisen müssen. Wenn überhaupt, solle das doch bitte schön die Bundesregierung tun. Eine Posse!

Da passt es dann ins Bild, dass der Bundesrat vor ein paar Wochen symbolisch schon einmal gegen die Transparenzinitiative stimmte. Natürlich nicht, ohne einen Schleier über seine eigene Abstimmung zu legen. Denn welches Bundesland wie abgestimmt hat, wurde leider nicht festgehalten. Das sei im Bundesrat schon immer so gewesen, hieß es auf Nachfrage im Sekretariat. Da jammere noch einer über die EU.

Doch genau das geschieht. Immer mehr Bürger klagen über Brüssel. Ihr Euro-Frust steigt, und sie merken dabei nicht, dass »Brüssel« manchmal die Prügel für »Berlin« einstecken muss. Der Bundeswirtschaftsminister hingegen weiß diesen Umstand für sich zu nutzen. Glos hat erst kürzlich eine kleine Anti-EU-Kampagne gestartet. Er machte Schlagzeilen mit der Behauptung, dass die EU mit deutschem Steuergeld die Betriebsverlagerung von Arbeitsplätzen in den Osten fördere. Die Ironie der Geschichte damals: Es fehlten ihm die Zahlen, um seine Klage zu untermauern. Doch den Zynikern im Wirtschaftsministerium und in den Landesregierungen könnte so etwas letztlich egal sein. Beschimpft wird für den Mangel an Offenheit ja immer die EU.

Es gibt immerhin noch die Hoffnung, dass die Zyniker letztlich unterliegen. Bis Ende August will sich die Bundesregierung auf eine gemeinsame Position zur Transparenzrichtlinie einigen. Für die EU-Kommission wird das Ergebnis ein Signal sein, ob sie die Richtlinie härter formulieren kann oder sie weichspülen muss. Immerhin plädieren der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und Agrarminister Horst Seehofer bislang für mehr Transparenz. Mal sehen, wie sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel entscheidet, mit welchem Ruf sie im kommenden Jahr die EU-Präsidentschaft übernehmen will.

Rat könnte sie beim frühen Glos suchen. Wir dürfen das »Projekt Europa nicht länger über die Köpfe der Menschen hinweg gestalten«, hat er mal gesagt. Stimmt, Herr Minister.

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Leser-Kommentare

  1. bleibt zuvieles im Dunkeln.Es muss ganz natuerlich sein dass der Steuerzahler Einsicht hat in alle Dinge die von ihm finanziert werden.Aber so wie es heute laeuft wird viel zu oft gemauschelt und verdeckt da man offenbar was zu verstecken hat.Politiker muessen mehr 'Angst' vor den Waehlern haben oder aufhoeren sich als Volksvertreter zu verkaufen.

    • 29.08.2006 um 15:14 Uhr
    • TjaTja

    Gewissermassen entziehen sich die Informationsgeber einer gewissen moralischen Verantwortung ... und das auch noch ohne der Zustimming ihrer Aufgabengeber - naemlich den EU Buergern. Das kann nur schlecht enden, und das auch noch zu einer Zeit in der es die EU ohnehin schon schwer hat sich besser zu etablieren!

    • 29.08.2006 um 15:19 Uhr
    • hines1

    Wer einen Internet-Anschluss hat, sollte nicht versäumen
    die EU-Seiten regelmäßig zu lesen. Mein Gott, da wird einem erst mal klar wie deutsche Politiker aus Angst vor
    Einfluss- und Stimmenverlust kleinstkariert reagieren, bzw. wie viele wichtige Entwürfe schlichtweg kleingemacht
    werden, weil sie nicht in die augenblicklichen innerdeutsche Machtverhältnisse passen.
    Europas Zukunft liegt in den Händen autonom denkender Bürger. Griechenland u.ä. haben längst die Blockiererrolle
    weitergereicht.

  2. Wenn man bei den Grossen mit dem gleichen Eifer nach Subventionen schnüffeln würde wie man es wegen zu unrecht bezogener Sozialhilfe ( hier heisst es nicht Subventionen ) tut, wäre sicher viel mehr Geld einzusparen.
    Diese Informationen gehören dann auch veröffentlicht, der Bürger hat Anspruch auf Information und Transparenz !
    Das Wort von Willy Brandt ist aktueller denn je:
    "Mehr Demokratie wagen !"

    • 31.08.2006 um 18:06 Uhr
    • eik

    Das wissen doch alle. Deutschland wird seit Jahzehnten dumm gehalten und die Deutschen werden auch immer satter und dümmer. Sie glauben all denen die am meisten versprechen, wählen diese und wundern sich dass eben diese ihnen genau vormachen für wie dumm sie das Volk halten. Schon Kohl hatte allein entschieden die DM aufzugeben, das deutsche Volk mußte nicht befragt werden, es wußten alle dass die Deutschen zu dumm sind diesen Schritt zu verstehen. Empörend ist auch, dass eben unser "fähigster" aller Außenminister sich so äußerte. Natürlich muß ein Volk auch dumm gehalten werden, sonst könnte die Riege da oben nicht so agieren wie sie es jetzt kann. Dafür haben wir ja Wahlen, wo sie dem dummen Volk glauben machen, dass es auch nur irgendwo ein Mitspracherecht hätten, denn denken können ja nur die da oben- und so sieht es auch aus was raus kommt, zumiondest eben für das dumme deutsche Volk!

  3. 6. \N

    Die Subventionen sollten abgebaut werden, dann kann auch keine Neiddebatte entstehen. Das Global Player immer noch am Tropf hängen ist ein Skandal.

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  • Von Petra Pinzler
  • Datum 29.8.2006 - 01:19 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006
  • Kommentare 6
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