Biotech Der zweite Aufbruch
Ein IT-Milliardär, ein gefallener Star der New Economy und ein Ex-Banker: Wie drei Männer wieder unternehmerisches Feuer in der deutschen Gentechnik entfachen.
Die Hoffnung der deutschen Biotechnologie liegt in einer braunen Holzschublade im Besprechungszimmer des Golfclubs St. Leon-Rot. Der Golfclub gehört Dietmar Hopp, Mitgründer des Unternehmens SAP und Milliardär. Mit Software hat er sein Vermögen verdient, und seit seinem Rückzug aus dem Geschäft investiert er es in Dinge, die ihm am Herzen liegen. Dinge wie Fußball, Golf – und eben Bio-Tech.
»Nicht dass mir die Informationstechnologie langweilig geworden wäre«, sagt Hopp. »Aber Bio-Tech ist die nächste große Welle, die unser Leben verändern wird.« Zwar haben die einschlägigen deutschen Unternehmen auch zehn Jahre nach dem Gründungsfieber und fünf Jahre nach dem Börsenboom noch keine eigene Arznei in die Apotheken gebracht; im vergangenen Jahr, das hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young errechnet, gingen in der Branche sogar mehr Betriebe und mehr Jobs zugrunde, als neue entstanden. Aber die Berater überschrieben ihren aktuellen Biotechnologie-Report trotzdem mit dem Titel Zurück in die Zukunft. Denn die verbliebenen Unternehmen arbeiten an mehr Projekten als jemals zuvor.
In seinem Golferhemd sitzt Dietmar Hopp am großen ovalen Tisch des Vereinsheims, vor ihm die Holzlade mit Schreibutensilien und seinem Handy. Er muss in letzter Zeit öfter hier gesessen und solche Sätze gesagt haben. Dann hat er zum Handy gegriffen und einem gebeutelten Labor ein paar Millionen zugedacht. »Ich kann nicht mit ansehen, dass wir uns in der Biotechnologie weiter den Rang ablaufen lassen«, sagt Hopp.
Vor zehn Jahren stellte ein anderer Mann ganz ähnliche Überlegungen an. Er hieß Jürgen Rüttgers, war Bundesforschungsminister und lobte den so genannten BioRegio-Wettbewerb aus, um Forscher zur Firmengründung zu animieren. Mit Erfolg: Rund um die Universitäten entstanden Hunderte Unternehmen. Der Börsenboom um die Jahrtausendwende tat ein Übriges, die junge Branche schwamm im Geld. Dann kam die Ernüchterung. Die Standortpolitiker begriffen, dass Forschungsfirmen mit weniger Arbeitskräften auskommen als klassische Fabriken. Es stellte sich zudem heraus, dass nicht alle Wissenschaftler gleichzeitig als Firmenchefs taugen. Und die Anleger merkten, dass High-Tech-Aktien ins Bodenlose stürzen können. Seitdem ist das Geld knapp geworden. Statt 1,4 Milliarden Euro privatem Kapital wie im Jahr 2000 wurden 2005 nur noch knapp 500 Millionen Euro in die Biobranche investiert.
Ohne Dietmar Hopp wäre das Geld noch knapper. Er hat der Branche ungefähr 200 Millionen Euro zukommen lassen. Der Löwenanteil floss in den vergangenen eineinhalb Jahren. Bedacht hat er vorwiegend deutsche Firmen. Zur Hälfte sitzen sie in der Gegend von Heidelberg. 250 Millionen Euro wolle er insgesamt anlegen, sagt Hopp, der aus der Region kommt und an seiner Heimat hängt. Sie beherbergt neben Deutschlands ältester Uni gleich mehrere Großforschungsinstitute und eine Vielzahl von Bio-Tech-Betrieben. Zudem lässt Hopp sich beraten.
Wenn er zu seinem Handy greift, sitzt meist Friedrich von Bohlen mit am Tisch. Vor ihm liegt ein Rucksack mit Dossiers zu Unternehmen, die der Bio-Tech-Experte geprüft und für gut befunden hat. Sie haben eine Chance, von Dietmar Hopp angerufen zu werden.
Friedrich von Bohlen – eine der schillernden Figuren des ersten Booms
Von Bohlen kennt die Höhen und Tiefen der Branche aus eigener Anschauung. Der Gründer des Bioinformatikunternehmens Lion war zwischenzeitlich eine ihrer schillerndsten Figuren: Keiner konnte farbiger ausmalen, welche Chancen im Genom schlummern, keiner nahm beim Börsengang mehr Geld ein als von Bohlen – den Niedergang seines Unternehmens verhinderte das nicht. Jüngst hat Lion die Reste des operativen Geschäfts an einen Wettbewerber verkauft. Der Gewinn, der dabei entstand, war der erste seit der Gründung 1997.
Mit seiner Software wollte von Bohlen die Vorgänge in den Arzneilabors vernetzen und ihnen Zugang zu öffentlichen Gendatenbanken verschaffen. Er wollte »das SAP der Biobranche« werden. Das misslang. Forscher sind misstrauische Menschen. Sie lassen ungern jemanden in ihr Allerheiligstes. Lieber werkeln sie mit selbst geschriebener Software, als fremden Helfern auch noch Geld zu bezahlen.
Das war das Grundproblem vieler, die sich als Technologie-Lieferanten am Markt versuchten. »Hohes Risiko, niedrige Einnahmen«, sagt Friedrich von Bohlen heute. So ist es kein Zufall, dass Hopp vor allem Unternehmen fördert, die nach Arzneien forschen. Wenn Risiko, dann müsse sich das auszahlen, sagt von Bohlen und favorisiert Firmen wie GPC, Wilex oder Axaron, die an Mitteln gegen Krebs und Erkrankungen des Nervensystems arbeiten.
Die Beraterrolle macht den Neurobiologen zu einem gefragten Mann. Das war er schon einmal. Während des Booms trug ihm ein Verlag ein Buchprojekt an (Der Milliarden-Code). Die CDU stellte ihn für den Heidelberger Gemeinderat auf, um den Standort voranzubringen. Der Forschungsminister nahm ihn mit auf Werbetour. Als Spross der Kruppschen Stahldynastie und Bio-Tech-Unternehmer war von Bohlen für sie eine Symbolfigur. Weil der Durchbruch auf sich warten lässt, ist von Bohlen heute wieder begehrt – statt bei Ministern und Buchverlagen diesmal bei den Mühseligen und Beladenen seiner Branche. 150 Firmen hat er sich in den vergangenen Monaten angeschaut, Bilanzen geprüft, Labore besucht, Studien begutachtet und mit Forschern geredet. Viele kennt er von früher. Doch alte Bekanntschaften zählen nichts. Hilfe von Hopp haben bisher nur 14 Unternehmen bekommen.
Als Hopp massiv in Bio-Tech zu investieren begann, hielten ihn viele in der Branche für einen Mäzen. Hopp rechnet tatsächlich nicht mit schnellen Renditen und auch nicht damit, dass alle Firmen überlebten. Aber langfristig, sagt er und blickt auf den Bohlenschen Rucksack, wolle er schon Gewinne sehen, die man neu investieren kann. »Sonst werde ich den Stöpsel ziehen.« Er bezeichnet sich selbst als »Wagniskapitalgeber«. Im Boom gab es viele, die sich für die deutsche Biotechnologie interessierten und das Wort »Wagniskapital« auf dem Firmenschild stehen hatten. Sie kamen aus Amerika oder England, gaben den Unternehmen Geld und wollten es später über die Börse zurückholen. Doch in den vergangenen fünf Jahren hat es kaum noch ein Unternehmen an die Börse geschafft. Und deshalb haben viele Wagniskapitalgeber ihre Büros wieder dichtgemacht. Das Wagnis war ihnen am Ende zu groß.
Dann gibt es da noch die Reste der Lion AG. Nach dem Verkauf des Bioinformatikgeschäfts blieben 23 Millionen Euro und die Hülle der Aktiengesellschaft übrig. Diesen Firmenmantel will Hopp nun mit Arzneiforschung füllen. In einer komplizierten Finanztransaktion brachte er weiteres Kapital und die Schlaganfall-Forschung von Axaron ein. Andere Firmen aus seiner Sammlung sollen folgen. Auf diese Weise kann Hopp die Börse auch ohne neuen Börsengang nutzen.
Banker und Biologe in einer Person – eine scharfe Kombination
Bei klassischen Wagniskapitalisten hätte ein Unternehmen wie Apogenix keine Chance gehabt. Als Hopp einstieg, war es streng genommen gar kein richtiges Unternehmen mehr, Apogenix war insolvent. Die Gründer, zwei renommierte Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungsinstituts, hatten all ihre Kraft in die Forschung gesteckt – und die Firma an die Wand gefahren. Neben dem Firmennamen blieben ein paar Patentanmeldungen im Bereich Krebs und Rückenmarksverletzungen.
Die allerdings überzeugten Friedrich von Bohlen. So sehr, dass er zunächst mit eigenem Geld einsprang, als diese Anmeldungen zu verfallen drohten, weil niemand mehr die Patentanwälte bezahlte. Dietmar Hopp kannte von Bohlen aus einer Zeit, als sie beide an der Spitze ihrer Unternehmen standen und sich als Redner bei einer Veranstaltung getroffen hatten: Thema »Zukunftsindustrien«. Nun also sprachen die beiden wieder über das Thema. Apogenix wurde ihr erster gemeinsamer Deal.
Hopp spendierte 15 Millionen Euro – und wollte für die neue Apogenix einen Chef, der sich mit Zellen und Zahlen auskennt. Friedrich von Bohlen erinnerte sich an Thomas Höger. Als Lion-Chef hatte er Höger gefürchtet. Der war Banker in Frankfurt und betreute fünf Jahre lang die Biotechnologie-Branche. Und weil er als studierter Biologe vorher auch einige Jahre in der Forschung gearbeitet hatte, konnte man ihm wenig vormachen. Unternehmen, die Geld mit Akquisitionen verplemperten oder Umsatzziele nicht einhielten, bekamen von ihm gnadenlos schlechte Noten. Im Fall von Lion riet der Analyst seinen Anlegern mehrfach, die Aktie zu verkaufen. Das schmerzte. »Aber in vielem hat er ja Recht behalten«, sagt von Bohlen im Rückblick selbstkritisch. Und deshalb lud er Höger nach Heidelberg ein.
Als Höger hinfuhr, hatte er einen Bankjob mit Bonus, Kantine und Blick auf den Frankfurter Schaumainkai. Als er zurückfuhr, war er Chef eines Unternehmens, für das er erst ein Büro mieten und Mitarbeiter suchen musste. »Ich habe meiner Frau gesagt, wenn das schief geht, musst du uns eine Weile ernähren«, erinnert sich Höger an den Abend.
Thomas Höger ist ein Überzeugungstäter, der den sicheren Job aufgab für eine Aufgabe, an der andere scheiterten. Friedrich von Bohlen ist ein Überzeugungstäter, der selbst scheiterte und doch von der Sache nicht lassen kann. Dietmar Hopp ist ein Überzeugungstäter, der nicht scheiterte, sondern Millionen verdiente und diese nun aufs Spiel setzt. Die Biotechnologie braucht sie. Denn Forschung ist eine Frage von Grips, Geld und Geduld. 285 Arzneiwirkstoffe durchliefen im vergangenen Jahr den Test an Mensch und Tier. Im Boomjahr 2001, als alle auf die Bio-Tech-Branche blickten, waren es gerade mal 183 Projekte, und die waren allesamt in der Frühphase.
Das müsste Deutschlands etablierte Pharmamanager alarmieren. Auch sie waren hochinteressiert an der Biotechnologie. Bayer, Hoechst, Schering, Altana – sie alle schlossen Allianzen, die den kleinen Betrieben zu Einnahmen und den Konzernen zu Entdeckungen verhelfen sollten. Doch viele der Allianzen wurden nicht verlängert, zu wenige neue Kooperationen kamen hinzu. Pharmamanager wissen zwar, dass die Entwicklung eines Medikaments im Durchschnitt zwölf Jahre dauert. Aber die Arzneiriesen konnten nicht abwarten, ihnen stand das Wasser selbst bis zum Hals. Hoechst ist heute Teil des französischen Sanofi-Konzerns. Altana steht zum Verkauf. Und Bayer übernimmt Schering, um nicht selbst übernommen zu werden. Für die deutsche Pharmaindustrie kommen die Früchte der Biotechnologie zu spät.
Derweil geht der Software-Milliardär Hopp am Handy seinem Hobbys nach: Labore sammeln.
- Datum 28.08.2006 - 12:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006
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Als wenn sich die Hälfte aller erfolgversprechenden Biotech Startups im 50 km Umkreis von Heidelberg befänden. Wenn der Herr Milliardär sein Geld mit Vorlieben in seinem Heimatdorf investiert, kann daraus kaum der Grundstein für eine deutsche Gentechnik erwachsen.
Ich könnte mir schlimmere Allianzen zum Thema 'deutsche Gentechnik' vorstellen.
Auch durch die Qualität des Artikels (er stieß angenehm aus dem Wust der Online-Artikel heraus), bringe ich den Herren eine gewisse Symphatie entgegen. Soll SAP-Hopp doch Labore pflücken, solange die Beteiligten in den unvermeidbar schwierigen Fragen ausreichend humanitäre Kompetenz beweisen. Gesellschaftliche mag ich garnicht mehr anmahnen. Kein Kelloggs zu fressen, wird uns nicht weiter bringen.
1987/88 sah ich im Kino in "Wall Street" die schaurig-schöne Geschichte, wie der strebsame junge Börsenmakler Bud Fox (Charlie Sheen) im Streben nach dem schnellen Geld (und den damit verbundenen Annehmlichkeiten wie eine luxuriöse
Penthousewohnung in Manhattan mit Bettgespielin - gespielt von Daryl Hannah) zunächst dem skrupellosen, millionenschweren Spekulanten Gordon Gekko (Michael Douglas) verfiel, bis sich gegen Ende sein Gewissen durchsetzte und er gegen den Leitsatz der Reagan-Ära, "Gier ist gut",
rebellierte.
Beruhigend war damals, dass Börsenmanipulationen dieser Art nur im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" möglich schienen. Doch in den knapp zwei Jahrzehnten, die seitdem verstrichen sind, hat längst auch die Börse bei uns ihre Unschuld verloren.
Nehmen wir die Firma Lion Bioscience, die zu ihren Glanzzeiten eine Marktkapitalisierung von mehr als 1000 Millionen USD hatte. Und wenig später 98% des Aktienkapitals vernichtet und 95% der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf die Strasse gesetzt hatte.
Dass der für dieses Desaster verantwortliche Geschäftsführer sein "Trostplaster" von 23 Millionen Euro nun mit 200 Millionen Euro "Spielgeld" von Herrn Hopp vermischt und wieder über das Schicksal von Firmen und ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen entscheidet, entlockt mir nur
ein ungläubiges Kopfschütteln. Um wieviel sympathischer erscheinen mir doch die beiden - von ihnen leicht schusselig dargestellten ("zwei renommierte Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungsinstituts hatten all ihre Kraft in die Forschung gesteckt und die Firma an die Wand gefahren") - Unternehmensgründer von Apogenix. Es ist doch wohl ein gewaltiger Unterschied, ob man auf der Suche nach Kapitalgebern strandet, die den enorm kapitalintensiven Weg eines potenziellen Wirkstoffes in die klinischen Studien finanzieren, oder das Geld gutgläubiger Anleger (die sich auf die zigfach durch die Banken verbreiteten Kaufempfehlungen für Biotechnologie-Aktien verleiten liessen) verpulvert aufgrund von Geschäftsplänen, die jeder durchschnittlich begabte BWL-Student als absurd erkannt hätte.
Die Moral von der Geschichte?
Es gibt keine ...
... 1987/88 hätte die Zeit ihre Helden noch in den (geläuterten) "Bud Foxes" dieser Welt gesehen, heute himmelt auch sie nur noch die "Gordon Gekkos" an.
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