Zu Gast : Von Kanton nach Clausthal

600 Chinesen studieren an der abgelegenen TU im Harz

Nach Clausthal, haben sie ihm gesagt. Da musst du hin. Wunderschön ist es da, erzählten die Rückkehrer, ganz viel Grün, ganz viel Platz, und die Technische Universität zählt zu Europas besten. Irgendwie stimmte das ja auch alles, dachte Dakai Liu aus Fuxin in China, als er eines Tages tatsächlich auf dem Kronenplatz mitten in Clausthal-Zellerfeld stand, doch auf das deutsche Ladenschlussgesetz hatte ihn keiner vorbereitet. Es war Sonntag, Liu blickte mit knurrendem Magen auf verwaiste Ladenzeilen und menschenverlassene Gehwege und begriff, was es bedeutet, in die Welt hinauszuwollen und im Harz zu landen. Heute, fünf Jahre später, arbeitet Liu als Hiwi im Akademischen Auslandsamt der TU und beantwortet die Mails der nächsten Generation chinesischer Studenten, die sich um einen Studienplatz bewerben. »Als Erstes rate ich ihnen, dass sie sich viel zu essen einpacken sollen«, sagt er. BILD

Der Weg nach Clausthal beginnt im Internet

Liu muss viel schreiben. Hier oben an den Hängen, die der Bergbau durchwühlt hat, in Deutschlands kleinster Universitätsstadt, ausgerechnet hier studieren 600 Chinesen. Das macht 20 Prozent der Studentenschaft, ist bundesweiter Rekord, und hätte die TU nicht die Aufnahmeregeln verschärft, wären es noch mehr. Clausthal ist Deutschlands chinesischste Uni.

Die meisten Deutschen wissen nicht einmal, dass es einen Ort namens Clausthal gibt, doch in Chinas Hörsälen ist die kleine TU ganz groß, auf Websites wird sie angepriesen, in Internet-Foren diskutieren Studenten die besten Strategien für eine erfolgreiche Bewerbung an den gerühmten »ABC-Universitäten«, ABC, das sind Aachen, Berlin – und Clausthal.

Haben sie die Aufnahme geschafft, steigen sie wie Liu eines Tages ins Flugzeug, zu Hause in Shanghai, Kanton oder Peking, und zwei Tage später setzt sie der Linienbus aus Goslar auf dem Kronenplatz ab, nach vielen Kilometern kurviger Fahrt ins Irgendwo, immer am bewaldeten Abhang entlang. Wenn die Chinesen dann mittags vom Uni-Hauptgebäude über die Straße zum Asia-Supermarkt pilgern und schon mal im Penny-Markt das Hähnchen-Regal leer kaufen, lehnt Stefan Grosse, Chef der Grosse’schen Buchhandlung, manchmal in der Ladentür und winkt ihnen zu. »In Deutschland ist Clausthal ein Nichts. International dagegen…«, sagt er und macht eine ausladende Handbewegung, »von Weltrang, ohne Zweifel.«

Regina Nobbe hat noch eine andere Erklärung für den Ansturm der Chinesen. Nobbe kümmert sich im Akademischen Auslandsamt um die Zulassung der internationalen Studenten. In ihrem Büro hängen Mitbringsel der dankbaren Erstsemester an der Wand, chinesische Glücksbringer aus langen roten Fäden, dazu Wandteller und kitschige Landschaftsbilder. »Na ja«, sagt sie, »um ehrlich zu sein, wir haben keinen Numerus clausus.« Keine Zulassungsbeschränkung in den von Chinesen besonders begehrten Fächern wie Informatik, BWL oder Wirtschaftsingenieurwesen, dazu bislang keine Studiengebühren, das ist eine weltweit ziemlich einzigartige Kombination, die ausländische Studenten in Scharen anzieht. Während die deutschen Einwohner die abgelegene, ihrer Bodenschätze beraubte Gegend in Scharen verlassen und ihr Glück unten im Flachland suchen, steigt der Anteil ausländischer Studenten auf Rekordniveau und liegt inzwischen bei über 37 Prozent. In Broschüren feiert die TU-Leitung die Zahlen als Beweis, »dass wir auch im internationalen Bildungsmarkt gut aufgestellt sind«.

Am Ortsrand von Clausthal, wo das Studentenwerk einen Betonbau neben dem anderen hochgezogen hat, setzt Xuan Zheng an diesem Nachmittag seine Kopfhörer auf, schiebt sich das Mikrofon zurecht und ruft seine Eltern an. Über das Internet kostet das nichts, und so erzählt der 24-Jährige ihnen jeden Mittwoch eine Stunde lang von Deutschland. Er erzählt ihnen von dem Deutschkurs im AStA-Gebäude, wo er und zehn andere ausländische Studenten sich vormittags mit Heeren neuer Vokabeln herumschlagen. Mit seinen strubbeligen Haaren und dem langen Daumennagel sah Zheng bis vor kurzem aus wie ein chinesischer Popstar, jetzt hat er sich die Haare ganz kurz schneiden lassen. Streng sieht das aus. Vom Wintersemester an möchte er Informatik studieren, doch dafür muss er die Deutschprüfung im September überstehen. Die Sprachkurse der TU Clausthal gelten deutschlandweit als vorbildlich.

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