50 Klassiker der Moderne (28) Der Mönch spielt
Thelonious Monks Stil blieb stets jenseits aller Moden, doch sein Genie ist heute unumstritten
Einen »lausigen Pianisten« nannte ihn ein Kollege, während ein Kritiker die mangelhafte Technik bemängelte und seinen Einfluss als »maßlos überschätzt« empfand. Das Objekt der Verachtung heißt Thelonious Sphere Monk, er wurde 1917 geboren, wohnte samt Flügel und seiner Frau Nellie lebenslang in New York, in einer Zweizimmerwohnung im Stadtteil San Juan, galt als Eremit und Hohepriester des Bebop und starb nach kurzfristigem Weltruhm und langem Schweigen 1982 in ebendiesem New York. Einsilbigkeit und Verharren waren die Konstanten in Monks Leben, störrisches Denken und verqueres Spiel sein Markenzeichen, und manchmal schienen die Hüte und Mützen, die er ständig trug und von denen er hundert besaß, nur dazu zu dienen, seine Gedankensprünge zu verbergen. Wäre Karl Valentin Pianist gewesen…
Als Thelonious Monk ins Bewusstsein der Jazzgemeinde trat, hatte er schon seit Jahren im Minton’s Playhouse in Harlem seinen Stil entwickelt, zwischen dem rhythmisch rollenden Stride-Piano der alten Schule und den von schrägen Akkorden gebrochenen Melodien: mit der linken Hand in der Tradition zu Hause, mit der rechten in der Moderne suchend. Im Gegensatz zu seinen »Kollegen im Genius«, dem Altsaxophonisten Charlie Parker, dem Trompeter Dizzy Gillespie und dem Pianisten Bud Powell dienten ihm jedoch die Melodien nie als harmonisches Sprungbrett für abgehobene Improvisationen, er umkreiste und umzingelte sie, oder er ging in die Tiefe, grub nach Akkorden, mit denen er die geliebten Swing-Standards oder seine Kompositionen füttern und zum Tanzen bringen konnte. Bewunderern perlender Technik war sein Stil ein Graus: mit falscher flacher Handhaltung, mit dicken Ringen, die jede Geläufigkeit behinderten, mit zu kurzen Fingern beharrte er auf ungewohnten Sept- und Sekundintervallen, manischen Wiederholungen und hämmernden Trillern, die Zeitgenossen wie Miles Davis oft aus dem Konzept brachten.
Im Februar 1964 erschien Thelonious Monk auf dem Cover des
Time-Magazine,
das dem lange verkannten Genie seine Titelgeschichte widmete. Monk war zu diesem Zeitpunkt bereits sein eigenes Zitat, seine existenzielle Dunkelheit wurde als Schrulle verkauft, er war aus der Zeit gefallen. Jahrelang hatte er wegen Drogenbesitzes nicht in New York auftreten dürfen, als er 1957 seinen Durchbruch mit John Coltrane feierte, als er später mit seinem Standardquartett die Welt bereiste, war der Jazz bereits weitergezogen. Er blieb ein Mönch jenseits aller Moden, seine rund 60 Kompositionen – darunter
Round About Midnight,
Ruby, My Dear
oder
Epistrophy
sind »gefrorene Monk-Improvisationen«, wie ein Kritiker schrieb, »seine Improvisationen geschmolzene Monk-Kompositionen«. Für beide Fälle formulierte Monk das Credo des Jazz: »Das Klavier kennt keine falsche Noten.« Ein Genie ohnehin nicht.
Thelonious Monk: »85th Birthday Celebration« 3 CDs ZYX / Fantasy 6076
Zu den vorangegangenen Folgen der Serie
50 Klassiker der Modernen Musik
»
Mehr Jazz, Klassik, Pop und Rock finden Sie unter
zeit.de/musik
»
- Datum 26.08.2006 - 05:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren