Auf einmal soll jeder zu Sachen eine Meinung haben, über die früher bloß Peter Scholl-Latour Bescheid wissen musste. Wochenlang war in Deutschland fast nur noch von Außenpolitik die Rede: Libanon-Krieg, Bundeswehrsoldaten in den Nahen Osten, die Koffer-Bomben und ihr muslimisch-arabischer Täterhintergrund. Davor der Kongo. Der Atomstreit mit Iran tritt in die nächste Runde. Und es geht weiter: Anfang 2007 wird Deutschland die Präsidentschaft der G8-Gruppe der führenden Industriestaaten und der EU übernehmen und sich um die Zukunft der europäischen Verfassung kümmern müssen. Die Bundesrepublik erlebt eine »Außenpolitisierung« der Agenda, die noch einmal etwas anderes ist als Europäisierung, Internationalisierung, Globalisierung – nicht mehr nur die Erfahrung einer grenzenlosen Wettbewerbswelt, sondern eine Konfrontation mit Macht, Militär, Geopolitik.

Dagegen sträubt sich etwas im Land. Umfragen zeigen klare Mehrheiten gegen eine deutsche Beteiligung an einer Nahost-Mission. Der Entschluss zum Kongo-Einsatz war unpopulär, Afghanistan wird immer gefährlicher. Die EU-Erweiterung um Bulgarien und Rumänien muss irgendwie an der Bevölkerung vorbeigemogelt werden. Niemand weiß, ob die »Struck-Doktrin« je wirklich verarbeitet wurde, die wie selbstverständlich hingeworfene These des früheren Verteidigungsministers, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt.

Wer vor Sozialkürzungen Angst hat, will kein Engagement in der Welt

Eckart von Klaeden, der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sieht einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und sozialer Verzagtheit und dem Hang zum »Ohne uns!«: »Viele Leute denken: Für die Außenpolitik haben wir erst recht keine Kraft, weil uns schon die inneren Reformen so überfordern.« Tatsächlich belegt eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, dass die Zustimmung zu einer aktiven deutschen Außenpolitik geradezu spektakulär abgenommen hat – um fast 20 Punkte, von 53 auf 34 Prozent, von 2000 bis 2005. In keiner Gruppe ist der Widerstand gegen auswärtige Engagements so stark wie bei denen, die sich vor einer Kürzung von Sozialleistungen fürchten. Es gibt beides: ein neues deutsches Hineingezogensein in die Weltpolitik und einen neuen deutschen Isolationismus.

Wo ist die Elite, wo sind die Ideen und Institutionen, die in dieser Spannung vermitteln, die einer verunsicherten Bevölkerung eine aufgewühlte internationale Realität erklären?

Die langjährigen Hüter außenpolitischer Traditionen, wie der »Atlantiker« Volker Rühe und der »Europäer« Karl Lamers bei der CDU, sind nicht mehr im Parlament. Der Sozialdemokrat Hans-Ulrich Klose, der sich 2002 mit Gerhard Schröder wegen dessen Wahlkampf gegen Amerika angelegt hat, ist der letzte Aktive aus dieser Riege. Für einen jungen Bundestagsabgeordneten, der noch nicht fest im Sattel sitzt, bietet sich die Außenpolitik als Spezialgebiet nicht gerade an. Handfeste Vorteile für die Region, aus der er kommt, fallen kaum ab. In sitzungsfreien Wochen, wenn andere ihren Wahlkreis pflegen, wird er oft auf Reisen gehen – auch kein sicheres Mittel, um sich beliebt zu machen.

»Das öffentliche Interesse an Außen- und Sicherheitspolitik ist schlafen gegangen, als die Sowjetunion und die von ihr ausgehende Bedrohung verschwunden sind«, meint Egon Bahr, der Architekt von Willy Brandts Entspannungspolitik. In den Vereinigten Staaten, die in den 1990er Jahren auch ziemlich »schlafen gegangen« waren, hat der Schock des 11. September die Außen- und Sicherheitspolitik wieder auf Hochtouren gebracht, mit einer fieberhaften Strategiedebatte und erheblichen Investitionen ins Militär, in die Geheimdienste und in den diplomatischen Dienst. Bei uns nicht.

Trotzdem tut sich etwas. In Berlin hat sich eine rege, fast partyhafte außenpolitische Event-Kultur entwickelt, eine nie abreißende Serie von Arbeitsfrühstücken, Lunch-Diskussionen, Dinner-Speeches und sonstigen Diskussionsveranstaltungen mit durchreisenden oder stipendienweise anwesenden ausländischen Politikern, Beamten, Publizisten und Professoren. Für Anfang September, wenn die Saison wieder beginnt, ist man »zu einer offenen Panel-Diskussion mit anschließendem Get-Together auf das Loungeschiff Stralau« eingeladen, zum Thema »Deutsche Soldaten im Ausland – Was bringt uns das?«.

Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), der staatliche außenpolitische Think Tank der Bundesrepublik, der Regierung und Parlament berät, ist vom oberbayerischen Ebenhausen in die Hauptstadt umgezogen und profitiert von der neuen Nähe zu den Akteuren wie umgekehrt auch. Chef der »Denkfabrik« ist seit dem vorigen Jahr Volker Perthes, von Hause aus ein Spezialist für die arabische Welt – auch ein Novum. »Während des Kalten Kriegs wäre kein Nahost-Fachmann Direktor der SWP geworden«, meint Perthes, »auch kein China-Fachmann Forschungsdirektor der DGAP« – der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, wo Eberhard Sandschneider seit 2003 das Forschungsinstitut leitet. »Damals nahm man Experten für transatlantische Sicherheitspolitik. Die entscheidende Frage ist immer: Wo kommen die Risiken her? Das prägt die außenpolitische Perspektive. Seinerzeit waren es die Panzerarmeen aus dem Osten. Heute geht es um internationalen Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, zerfallende Staaten. Da liegen die Gefahrenquellen eben oft im nah- und mittelöstlichen Raum.«

Allmählich bildet sich in Berlin ein außenpolitisches Milieu heraus, das auf die neuen Konfliktlagen ausgerichtet ist. Der Planungsstab des Auswärtigen Amts versucht, mittel- und langfristige Großthemen zu identifizieren: die knappen Rohstoffe (nicht nur Öl und Gas), Klimaschutz nach dem Kyoto-Protokoll, eine neue europäische Ostpolitik für den Umgang mit Russland, der Ukraine, dem Kaukasus, Zentralasien. Die Iran-Verhandler des Ministeriums haben der deutschen Diplomatie in Washington, Paris und London ein höheres Profil verschafft. Jüngere Außenpolitiker wie die Abgeordneten Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Rolf Mützenich (SPD) haben sich des Iran-Themas angenommen. Sie stellen auch fest, dass die Apathie des Publikums nicht undurchdringlich ist. »Vor vier Jahren«, sagt Guttenberg, »hatten wir auf außenpolitischen Veranstaltungen trotz Irak-Krise halb so viele Besucher wie heute. Gerade beim Thema Iran kommen die Leute.« Mützenich sieht im Auftauchen von Ahmadineschad einen Katalysator für Beunruhigung: »Da ist jetzt jemand, der unheimlich wirkt, dem man vielleicht doch zutraut, auf einen Knopf zu drücken.« Das unterscheidet die neue außenpolitische Community von der alten: dass sie sich mit dem Unberechenbaren auseinander setzen muss, mit dem Ende der Rationalität, die man in den Abschreckungskalkülen des Kalten Kriegs noch voraussetzen konnte. Weniger als früher kann man glauben, die Dinge im Griff zu haben. Und klein, furchtbar klein bleibt diese Community angesichts der dramatischen Problem-Globalisierung; den allermeisten Parlamentariern sind der Islam oder der Aufstieg Asiens nach wie vor recht unerforschte Felder.

Bei aller freundlichen Kollegialität junger Außenpolitiker lässt sich erkennen, dass Guttenberg ein Unionsmann ist, Mützenich Sozialdemokrat. Guttenberg schweigt einen Augenblick auf die Frage, ob in Deutschland ein Bewusstsein dafür fehle, dass wir Feinde hätten, und antwortet dann: »Es fehlt an Bewusstsein für konkrete Gefährdungen. Wahrscheinlich gibt es kein europäisches Land, in dem die Bedrohung durch den Terrorismus so verdrängt wird wie bei uns.« Das klingt doch irgendwie konservativ, wehrhaft. Mützenich ist Entspannungspolitiker: »Auch jetzt gibt es wieder, wie im Kalten Krieg, die Gefahr der Militarisierung des Denkens. Nehmen Sie zum Beispiel das Problem von Trägersystemen, Raketen, in der unmittelbaren Nachbarschaft Europas. Wenn sich das weiter zuspitzt, werden alle sich auf eine technisch-militärische Raketenabwehr konzentrieren. Es kommt aber vor allem auf politische Lösungen an.«

Ist die Bundesrepublik, wie es manchmal heißt, ein außenpolitisches Entwicklungsland und anderswo alles besser? Deutschland war keine Kolonialmacht wie Großbritannien und Frankreich, seine Experimente mit Weltpolitik sind gescheitert, zuletzt, bei Hitler, unter schauerlichen Verbrechen. Die Bundesrepublik entwickelte ein internationales Bewusstsein als »Exportweltmeister« und mit starkem humanitärem Engagement, für die globale Politik fühlte sie sich kaum zuständig. Aber man kann zweifeln, ob das außenpolitische Denken in Frankreich und Großbritannien wirklich um Klassen besser ist. Es ist am Ende doch sehr abhängig von Vorgaben aus den Vereinigten Staaten – in Paris durch fast reflexhaftes Dagegensein, in London durch eine Art Ehrenmitgliedschaft in der amerikanischen Debatte. Christoph Bertram, der sowohl einen britischen Think Tank wie von 1998 bis 2005 die deutsche SWP geleitet hat, hält es für eine »absolute Illusion«, dass die alten Kolonialmächte sich eine automatische Begabung zur Außenpolitik erhalten hätten. Als er 1967 nach England gekommen sei, habe es noch eine Generation gegeben, die Erfahrungen mit dem Weltreich hatte; doch wenn die Leute nicht mehr da seien, verschwinde auch das außenpolitische Know-how.

Die 30-Jährigen in den Denkfabriken der Supermacht

In einer Klasse für sich spielen heute nur die Vereinigten Staaten. Die amerikanischen Berufspolitiker mögen normalerweise provinziell sein, aber zum Management der Supermachtrolle existiert eine echte außenpolitische Elite, mit lebhaftem Austausch zwischen Regierungsjobs, Privatfirmen, Universitäten und Think Tanks. Die Denkfabriken sind nicht nur zahlreich, sie sind auch privat, meinungsfreudig, zum Teil hoch ideologisiert. Die kesse These wird geschätzt; Washington steckt voller 30-Jähriger, die einem die Welt erklären und genau wissen, wie sie regiert werden soll. (Dass es dann öfter nicht stimmt und nicht klappt, steht auf einem anderen Blatt.) Ein Staatsinstitut wie die Stiftung Wissenschaft und Politik dagegen muss für alle politischen Lager, für Regierung und Opposition akzeptables, konsensfähiges Material produzieren. »Es gibt Ausschusssitzungen«, sagt Karl-Theodor zu Guttenberg, »in denen fünf Parteien aus demselben Papier der SWP zitieren.« Dafür ist allerdings auch klar, dass die Expertise nicht von einer Interessengruppe oder Gesinnungsgemeinschaft gekauft werden kann – und dass sie nicht von Allmachtsfantasien getrieben wird wie manchmal bei den Washingtoner Planern des Universums.

Eine gewisse Bravheit ist womöglich der Hauptmangel der deutschen außenpolitischen Debatte. Eine anspruchsvolle strategische Doktrin wie den amerikanischen Neokonservativismus hat man als Gefahr und Verrücktheit wahrgenommen, nicht als intellektuelle Herausforderung. Eine »ungeheuer starke Neigung zum mainstreaming « beobachtet der Politologe Herfried Münkler, anders als in den Vereinigten Staaten, wo »entlang von Weltbildern Modelle ausprobiert werden«. Vielleicht ist Münkler selbst schon ein Beispiel, dass sich etwas zu ändern beginnt und auch in Deutschland frechere, frischere Ideen möglich werden – sein Buch Imperien ist eine erstaunlich kaltblütige, souverän durch die Jahrhunderte und über den Globus brausende Studie über die Logik der Weltherrschaft. So etwas zu schreiben sei »selbst schon ein antiimperialer Akt« gewesen, ein Versuch in geistiger Selbstständigkeit. Münkler ist eigentlich Ideenhistoriker, kein traditioneller Spezialist für internationale Beziehungen. Hätte er sich vor 20 Jahren auch so für Außenpolitik interessiert? Nein, lautet sofort die Antwort. Die Dinge sind spannender geworden, und die Gedanken werden es auch.