Ich habe mir im Laufe meines Lebens schon viel dummes Zeug über meinesgleichen anhören müssen. In den siebziger Jahren hieß es, Frauen könnten keine Tischlerlehre machen, weil ihre Daumen zu kurz wären, um einen Hammer zu halten. Jesus! Und der öffentliche Dienst wollte keine weiblichen Busfahrer einstellen, weil man Frauen nicht zutraute, vier Stunden lang Busse zu lenken, ohne zwischendurch eine Toilette aufsuchen zu müssen. Heute erscheinen uns diese Argumente als das, was sie sind: haarsträubender Blödsinn, doch sind seitdem auch dreißig Jahre vergangen. Zum Glück und Trost gab es die ganze Zeit über einen guten Freund an meiner Seite, einen Freund, der ebenfalls der Meinung war, dass Männer und Frauen ungefähr gleich behandelt werden sollten. Einen Freund, den Ungerechtigkeit, Ignoranz und Rückständigkeit genauso empörten wie mich. Ich meine den Kulturteil der großen liberalen Tages- und Wochenzeitungen und Zeitschriften, den Hort der Anständigkeit, geschrieben von guten, klugen und sensiblen Menschen. Das Feuilleton – der beste Freund der Feministin.

Diese Freundschaft gibt es nicht mehr. Das einstige Wohlwollen hat sich in etwas Hartes und Hässliches verwandelt, seit einige der begehrenswerteren und prestigeträchtigen Posten im Kultur- und Medienbetrieb mit Frauen besetzt sind. Bertelsmann, Springer, Suhrkamp – in Frauenhand. Sabine Christiansen ist ja nun gerade ausgestiegen, Sandra Maischberger aber weiterhin aus dem Fernsehen nicht wegzudenken. Und Elke Heidenreich, die das große Risiko einging, die Nachfolge des Literarischen Quartetts anzutreten, wurde damit so erfolgreich, dass es inzwischen nicht zuletzt sie ist, die entscheidet, welche Bücher in Deutschland gekauft und gelesen werden.

Frauen erfolgreich in mächtigen Positionen, das ist kein Grund, die Korken knallen zu lassen, sondern ein Indiz für den Zerfall einer Geschellschaft, befand Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, vor drei Jahren und widmet sich seitdem der Wiederentdeckung traditioneller Werte wie zum Beispiel großen Kindersegens, der es zufällig traditionell an sich hat, einer weiblichen Karriere im Wege zu stehen. "Selbstüberschätzung und unreflektierte Emanzipationsgläubigkeit der Frauen", schrieb Eva Herman in einem Aufsatz für das Monatsmagazin Cicero, "haben die Frauen in widersprüchlichen Rollenanforderungen zerrieben und für die Mutterrolle unbrauchbar gemacht". Zum Knochenkotzen. Deprimierender noch als das derzeitige gesellschaftliche Klima, in dem jeder mit Aufmerksamkeit rechnen darf, der berufstätigen Frauen ans Bein pinkelt oder Klischees à la "Frauen können nicht einparken, Männer nicht zuhören" aus der Mottenkiste zerrt, deprimierender noch ist die Süffisanz, Selbstgerechtigkeit, unverhohlene Abfälligkeit und Aggressivität, mit der in Büchern und Artikeln der letzten Jahre über Frauen geschrieben wird. Wenn Frank Schirrmacher, auf die ehemaligen Berufe von Liz Mohn, Friede Springer, Ulla Berkéwicz und Sabine Christiansen anspielend, konstatiert: "Eine Telefonistin, ein Kindermädchen, eine Schauspielerin und Schriftstellerin und eine Stewardess definieren das Land." Wenn Matthias Matussek, der Kulturchef des Spiegels, Heidi Klum im Interview fragt, ob sie ein deutsches Gericht kochen könne, Sandra Maischberger als "auf kuhäugige Art gutaussehend" beschreibt und über das moderne Theater klagt, "dass sich immer die Falsche auszieht. Immer die, bei der man murmelt: Bitte nicht die, bitte die andere." Wenn sich der Jungspund Benjamin von Stuckrad-Barre erdreistet, die Frau von Robert Gernhardt, kurz vor dessen Tod, zu loben: Sie stelle das Tablett, "wie es nur Frauen können, pragmatisch zwischen, zum Teil auf all die Manuskriptblätter" (während die Männer über Lyrik sprechen).

So redet man über Leute, die man als weit unter sich stehend empfindet, die man auf ihre Plätze verweisen will oder für blöd hält.

Ich fürchte, intelligente Frauen werden gar nicht darum herumkommen, sich wieder zum Feminismus zu bekennen. Einige Optimistinnen haben wahrscheinlich geglaubt, der Kampf um Gleichberechtigung würde sich in dem Moment erledigen, in dem sie die Gelegenheit bekommen, ihre Fähigkeiten zu beweisen, und ihre Sache gut machen. Denn, nicht wahr, die Unterdrückung der Frau ist doch bloß ein Missverständnis gewesen. Fehlgeleiteter Beschützerinstinkt, Verhaftung in alten Traditionen und ein gut gemeintes, wenn auch irriges Verständnis von der körperlichen Schwäche und geistigen Unzulänglichkeit der Frauen hat eigentlich nette Männer dazu veranlasst, die anderen fünfzig Prozent der Menschheit kaltzustellen. Es war Unwissenheit, aber keine böse Absicht. Und jetzt, wo sie schlauer sind, müsste eigentlich ein Damm brechen und so viele Frauen wie nie zuvor es in die Chefetagen der Kulturindustrie schaffen. Vergesst es! Wenn Frauen plötzlich Spitzenpositionen einnehmen, sind das Entwicklungen, die Männer gar nicht wollen. Selbst dann nicht, wenn sie sich jahrzehntelang dafür ausgesprochen haben. Denn, wie es Matthias Matussek in einem anderen Zusammenhang ausgedrückt hat: "Der Feminismus, dem großer Kredit eingeräumt wurde, hat überzogen und verspielt. Es reicht wirklich."