Feminismus »Die sexuellen Übergriffe werden subtiler«

Die Arbeitsrechtlerin Jutta Glock über die alltäglichen Belästigungen in deutschen Büros

DIE ZEIT: Auf einem Gebiet scheinen die Feministinnen ja nachhaltigen Erfolg gehabt zu haben: Der schmierige Chef, der seiner Kollegin in den Po zwickt – der ist doch mittlerweile ausgestorben, oder?

Jutta Glock: Das gibt es nach wie vor – die Übergriffe sind jetzt allerdings subtiler, eher verbal als tätlich: Eine Arbeitnehmerin hat ihren Chef um Feuer für ihre Zigarette gebeten, woraufhin er antwortete, klar gebe ich dir Feuer, da stehst du ja drauf – um dann mit einer zweideutigen Geste das Feuerzeug aus der Hose zu holen. Interessanterweise sagen die Männer dann auch immer noch zur Verteidigung, die Frauen hätten es ja provoziert, wenn sie in kurzen Sommerröcken und hochhackigen Pumps zur Arbeit kämen. Das Muster ist also das gleiche geblieben.

ZEIT: Man duzt sich, geht gemeinsam was trinken – ist es bei aufgeweichten Hierarchien nicht komplizierter für Männer, die Grenzen zu erkennen?

Glock: In der Sekunde, in der die Verhältnisse lockerer werden, wird die Einhaltung der notwendigen Distanz im Berufsleben tatsächlich schwieriger. Viele Frauen finden es auch witzig, wenn der Chef mit ihnen herumbalzt. Die Unterhaltungen werden immer vertraulicher, persönlicher, man sieht sich jeden Tag, macht lustige Sprüche miteinander – doch irgendwann kippt das.

ZEIT: Wann ist der Moment gekommen, wo der Chef zu weit gegangen ist?

Glock: Die Frage lässt sich klar beantworten: wenn er anfängt, seine Position auszunutzen, und die Frau sich nicht wehren kann, weil sie Angst um ihre Stellung in der Firma hat.

ZEIT: In vielen Betrieben gibt es ja ein ironisches Spiel mit dem Thema sexuelle Belästigung – Frauen, die offensiv flirten, Männer, die sexistische Witze machen mit einem Unterton, der impliziert, dass sie natürlich wissen, dass ein solches Verhalten eigentlich nicht okay ist. Wenn sich dann eine Frau plötzlich doch verletzt oder bedrängt fühlt – sind die männlichen Klienten, die zu Ihnen kommen, da nicht komplett verunsichert?

Glock: Es passiert selten, dass aufgrund einer einzigen zweideutigen oder distanzlosen Bemerkung Rechtsanwälte eingeschaltet werden. Bei mir sind vor allem Frauen, die Probleme mit Kollegen oder Chefs haben, die andauernd die Grenzen übertreten. Männer, die ein Problembewusstsein hinsichtlich einer Geschlechterdiskriminierung entwickelt haben, die machen gar keine Sprüche. Es sind ja eher die Lauten, die sich andauernd produzieren müssen.

ZEIT: Fehlen in Deutschland einfach die Anlaufstellen, wo man sich beschweren könnte?

Glock: Es fehlt die Selbstverständlichkeit, mit dem Kampf gegen Belästigung oder Diskriminierung umzugehen wie mit jedem anderen Sachthema. Jeder versucht die Öffentlichkeit in einem solchen Fall zu vermeiden. Amerikanische Verhältnisse sehe ich nicht kommen. Dafür fehlt auch einfach die Voraussetzung, horrende Schadensersatzsummen einfordern zu können.

ZEIT: Wünschen Sie sich, Frauen wären mutiger?

Glock: Manchmal könnten sie schon entschlossener sein. Es fehlt einfach eine Vorbildfigur. Alice Schwarzer kann ja nicht alles gewesen sein.

ZEIT: Warum brauchen wir einen neuen Feminismus oder einen neuen Schub für den Feminismus?

Glock: Allein das Wort Feminismus ist – gerade bei jungen Frauen – verpönt. Dabei ist ein neues Bewusstsein dringend notwendig, denn nur so können die rechtlichen Grundlagen, die zur Gleichberechtigung geschaffen wurden, auch angewendet werden. Fehlender Feminismus ist kein rechtliches Problem mehr, sondern ein gesellschaftliches.

Jutta Glock, 47, Vorsitzende des Berliner Juristinnenverbandes, vertritt Frauen in Diskriminierungsfällen und Firmen, die beschuldigt werden

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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    • Schlagworte Sozialverhalten | Arbeitsbedingungen | Mobbing | Unternehmen | Management
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