Feminismus »Selbst bei den Grünen gilt Frauenpolitik als Loser-Thema«

Die Politikerin Katrin Göring-Eckardt fordert von den Frauen mehr Machtwillen – und sie sollten sich gegenseitig unterstützen

Es gibt einen Satz, den kann ich nicht mehr hören: Wir haben doch jetzt eine Bundeskanzlerin! Dieser Satz muss neuerdings als Entschuldigung für so ziemlich alles herhalten, wenn es um eine mögliche Benachteiligung von Frauen geht. Viele denken: Der Feminismus hat sich erledigt, wir sind doch alle, Frauen und Männer, komplett durchemanzipiert. Es herrscht die Vorstellung, man müsse nicht mehr kämpfen um die Gleichberechtigung. Das Gegenteil stimmt. Wir erleben einen ziemlichen Rückfall.

Wir haben uns angewöhnt, Frauenfragen ganz pragmatisch zu sehen. Zum Beispiel denken wir: Wenn das mit der Kinderbetreuung stimmt, dann wird sich der Rest schon von selbst ergeben. Aber dieser Pragmatismus führt dazu, dass zuerst die Frauen, dann auch die Männer wieder in alte Rollen verfallen. Im Berufsleben etwa greifen die Männer wieder als Erste zu bei den guten Jobs, und die Frauen bleiben zu Hause. Das gilt besonders in den ärmeren Milieus, wo viele Leute schlecht ausgebildet sind und die Stellen knapper werden. Männer finden ja sonst auch so schwer Selbstbestätigung. In der Mittelschicht ist die alte Rollenaufteilung zu Anfang, wenn ein Kind kommt, frei gewählt; Männer von heute wollen kein Heimchen am Herd. Am Ende sind es dennoch die Frauen, die nicht zurückkehren in den Job. Ihre Männer haben sich inzwischen ungestört weiterentwickelt. Die Familie bietet ihnen Rückhalt, auch wenn sie Engagement verlangt.

Ein Grund für den Rückfall ist, dass auch der Berufsalltag nicht mitgezogen hat bei der Emanzipation. Das Familienfoto auf dem Schreibtisch eines Mitarbeiters wird zwar vom Chef gerne gesehen, aber weitere Einschränkungen sollen sich aus dem Anhang bitte nicht ergeben. Das ist für Männer, die Beruf und Familie miteinander verbinden wollen, ebenso schwer wie für Frauen.

Frauen dagegen haben zwar mehr Rollen zur Auswahl als vor 30 Jahren. Aber sie wollen dann in allem gleichzeitig perfekt sein: Familie, Job und Ehrenamt in der Kirche. Ich suche auch lieber selbst die Klamotten für die Kinder aus oder kümmere mich um ihren Musikunterricht. Wir tappen schnell in die Falle unseres eigenen Perfektionismus.

Politisch gilt Frauenpolitik bis heute als Loser-Thema. Selbst bei den Grünen. Ja, wir haben in jedem Wahlprogramm einen Frauenteil. Ja, wir haben eine Quote. Ich selber habe jahrelang davon gelebt, dass mir die Partei für Abendtermine ein Kindermädchen bezahlt hat, anders hätte ich – als Ehrenamtliche – gar nicht Politik machen können. Aber wann hat sich der letzte grüne Mann mit Feminismus beschäftigt? Ich kann mich nicht erinnern. Und die Frauen? Wenn sie erst mal in Führungspositionen sind, dann ist Frauenpolitik auch für sie nicht das Erste, auf das sie sich stürzen.

Ich gehöre ja auch zu der Generation, die gedacht hat, wir schaffen es auf eigene Faust. Die alten Frauenbewegten haben die Grundbedingungen erkämpft, dachte ich; wir Jüngeren müssen jetzt nur noch Erfolg haben, ruhig auch unter Einsatz unserer spezifisch weiblichen Möglichkeiten. Dann verändert sich die Welt schon von alleine.

Inzwischen glaube ich, Frauen, die es geschafft haben, sollten nicht so tun, als ob das nur ihr ganz persönliches Verdienst gewesen wäre. Ohne gemeinsames Bewusstsein geht es nicht.

Dazu gehört auch, darüber zu reden: Wenn es auf uns ankommt, müssen wir uns entschließen, den Mund aufzumachen – nicht agitatorisch oder nörgelnd, sondern einfach klar. Wir müssen sagen, auf welche Widerstände wir immer wieder stoßen. Da geht es den Führungsfrauen letztlich wie Angela Merkel mit ihren Landesfürsten. Wenn’s um die Macht geht, haken Männer sich gerne unter: Wenn es die Chance gibt, das Mädel auszubremsen, dann halten wir zusammen – egal, was uns sonst vielleicht trennt. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass auch Frauen sich wieder unterhaken. Männer, die die Nase voll haben vom alt-neuen Rollenspiel, dürfen gern mitmachen. Oder die Bundeskanzlerin.

Katrin Göring-Eckardt, 40, Mitglied der Grünen, ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Sie ist Mutter von zwei Söhnen und wird allgemein nicht dem feministischen Flügel ihrer Partei zugerechnet

 
Leser-Kommentare
    • Akaer
    • 28.08.2006 um 10:32 Uhr

    .. für das darauf-aufmerksam-machen was meiner Ansicht nach eine der Wurzeln des andauernden einander-missverstehens, -manipulierens, -diffamierens in der Feminismus-Diskussion ist. Das entsetzliche ist, dass oft selbst Wissenschaftler, wenn sie sich mit diesem Thema beschäftigen, derart krass vom Pfad der Tugend abweichen, dass statt dem, was herrschen könnte und sollte und muss (Vernunft, Klarheit, Fakten, Überlegung, belegte Ableitung) ein hysterischer Haufen von (Vor- oder nicht belegten) Urteilen, befangener Sprache, Emotionalität, höchster Subjektivität und mangelnden Fakten besteht. Ich bin immer wieder fassungslos wie sich das auf beiden Seiten so lange hat halten können und immer noch salonfein scheint. Ist Emanzipation und Feminismus offiziell die Vernunftbefreite Zone?

  1. Nach intensiver Beschöftigung mit dem Thema Feminismus, zahlreichen Arbeiten, die ich darüber geschrieben habe und unzählbarer Gespräche mit Mitstudierenden bin ich auf ein ernsthaftes Problem in der Diskussion gekommen: Woher wollen Frauen wissen, dass die Benachteiligung an ihrem Frausein liegt? Wie ist dieser Sexismus messbar? Es gibt keine Daten darüber. Das wird mir immer wieder besonders dann bewusst, wenn meine Gesprächspartner (vor allem die) bei diesem Thema abwinken und es als Humbug abtun. Das Thema wird einfach nicht ernst genommen. Ein neuer Kampf ist nötig, allerdings sachlich und wenn möglich empirisch. Weg mit der lila Latzhose.

  2. Es ist bedauerlich dass auch heute so wenig Frauen verantwortungsvolle Positionen einnehmen,schliesslich heisst es doch dass wir gleichberechtigt sind.Aber das ist im Grunde nur ein Geruecht denn im Alltag sieht die Sache anders aus.Das Problem sind nicht nur Maenner,die Angst haben dass ihnen die Macht entzogen wird sondern auch Frauen die sich scheuen Konfrontationen mit eben diesen Maennern auszufuehren,koennte doch sein dass DAS unweiblich ist! Und in die Tat werden selbstbewusste Frauen mit Schimpfworten betitelt die eben diese weiblichkeit in Frage stellt.Dazu kommt noch dass Maedchen nicht zu Siegern erzogen werden,Maedchen sollen lieb und artig sein,sie sollen huebsch aussehen und attraktiv fuer das andere Geschlecht usw., dagegen wird den Jungen eingetrichtert dass sie die Krone der Schoepfung sind - Muetter erziehen Maedchen und Jungens anders.Von Muettern lernen die jungen Maenner dass man Frauen weniger achten darf als andere Jungen,dass Maedchen schwach sind und andere Maerchen.
    Die junge Frau von heute hat oft nicht gelernt sich durch zu setzen gegen diese unsicheren Maenner -und das muss sich aendern.Ich bin eigentlich keine Emanze und wollte noch nie das Gleiche tun wie Maenner.Ich habe aber immer drauf bestanden dass ich gleichwertiges Gehalt bekomme fuer meine Arbeit -ich habe meinem Mann gezeigt wo der Besenschrank ist und bei der Army hatte er schon gelernt selber Ordnung zu halten,ich hab kein 'extra' Kind geheiratet und ich habe aber mich nicht mit Kleinkram verzettelt sondern nur die wichtigen Sachen ausgefochten und da mein Mann genug selbstbewusstsein hat ist ihm keine Zacke aus der Krone gefallen mir in gewissen Sachen Recht zu geben(auch wenn es ihm nicht immer leicht gefallen ist) Der Kampf und die Gleichberechtigung braucht selbstbewusste Frauen und Maenner,nicht Zicken und verhaetschelte Paschas.

    • Nessun
    • 16.03.2009 um 16:22 Uhr

    wow.... ich als Mann darf mitmachen..... bitte nicht zu gönnerhaft

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