Macht euch nie von einem Mann abhängig.« Mit diesem Leitsatz sind meine Schwester und ich aufgewachsen. »Kein Problem«, haben wir in unserem kindlichen Leichtsinn gedacht. Wie frei und unbeschwert wir uns fühlten! Als meine Großmutter sich zu der Empfehlung hinreißen ließ: »Heiratet bloß nicht, Kinder«, nickten wir nicht mehr. Schließlich träumten auch wir von prunkvollen Feierlichkeiten. Überhaupt verstanden wir nicht, was Mutter und Großmutter ständig mit »den Männern« hatten. BILD

Je älter wir wurden, desto bewusster wurde uns, dass unser Vater einem Patriarchen nicht ganz unähnlich war – schließlich war er durch einen ebensolchen erzogen worden. Die 68er-Bewegung kam für ihn zu spät.

Die Idee einer hierarchischen Familienordnung, in der der Mann das Oberhaupt darstellt, widersprach nur vollkommen den Vorstellungen meiner Mutter. Ihre eigene Mutter war eine emanzipierte Frau gewesen, die während des Zweiten Weltkriegs ein Frauenbildungsheim geleitet hatte. Weswegen sie auch nur halb froh war, als mein Großvater schließlich aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte. Da hatte sie sich längst mit anderen Müttern zu einer funktionierenden, selbstverständlich gleichberechtigten Gemeinschaft zusammengeschlossen.

Möglicherweise könnte sich das eigene Dasein – ohne »die Männer« – tatsächlich reibungsloser gestalten, wenn uns die Liebe nicht im Weg stünde. Wir müssen uns also arrangieren. Nur: Wie geht das, wenn Mann und Frau innerhalb einer Partnerschaft, einer Ehe ständig Vergleiche ziehen, wer von beiden mehr Kraft und Mühe in die Beziehung einbringt? Noch angespannter wird die Situation, wenn Kinder hinzukommen. Dann verspüren Frauen diesen permanenten Zwiespalt: eine gute Mutter sein zu wollen, aber trotzdem nicht finanziell abhängig vom Mann. Aus dieser Doppelanstrengung erwächst der Eindruck, mehr zu leisten als der Mann. Da kann von Gleichberechtigung natürlich keine Rede sein. Ursprünglich ging es bei der Frauenbewegung doch genau um diese Errungenschaft: In der 1865 verabschiedeten Resolution der deutschen Arbeitervereine wird das Recht der Frau auf Arbeit emphatisch bejaht. Das gilt genauso für den Mann.

Eine neue Frauenbewegung muss also auch die Zukunft des Mannes bedenken. Denn Männer und Frauen sind aufeinander angewiesen. Nur im Zusammenspiel kann Familie entstehen. Sie müssen wieder zueinander finden, um der Gemeinschaft vertrauen zu können, die durch den beiderseitigen Unabhängigkeitsdrang brüchig geworden ist.

Alexa Hennig von Lange, 33, schreibt Romane, Kinder- und Jugendbücher. Die zweifache Mutter lebt in Hannover. 2002 bekam sie den Jugendliteraturpreis