Feminismus »Eine neue Frauenbewegung müsste den Mann mitbedenken«
Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange über die Schwierigkeit, einen Mann zu lieben und sich von ihm zu emanzipieren
Macht euch nie von einem Mann abhängig.« Mit diesem Leitsatz sind meine Schwester und ich aufgewachsen. »Kein Problem«, haben wir in unserem kindlichen Leichtsinn gedacht. Wie frei und unbeschwert wir uns fühlten! Als meine Großmutter sich zu der Empfehlung hinreißen ließ: »Heiratet bloß nicht, Kinder«, nickten wir nicht mehr. Schließlich träumten auch wir von prunkvollen Feierlichkeiten. Überhaupt verstanden wir nicht, was Mutter und Großmutter ständig mit »den Männern« hatten.
Je älter wir wurden, desto bewusster wurde uns, dass unser Vater einem Patriarchen nicht ganz unähnlich war – schließlich war er durch einen ebensolchen erzogen worden. Die 68er-Bewegung kam für ihn zu spät.
Die Idee einer hierarchischen Familienordnung, in der der Mann das Oberhaupt darstellt, widersprach nur vollkommen den Vorstellungen meiner Mutter. Ihre eigene Mutter war eine emanzipierte Frau gewesen, die während des Zweiten Weltkriegs ein Frauenbildungsheim geleitet hatte. Weswegen sie auch nur halb froh war, als mein Großvater schließlich aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte. Da hatte sie sich längst mit anderen Müttern zu einer funktionierenden, selbstverständlich gleichberechtigten Gemeinschaft zusammengeschlossen.
Möglicherweise könnte sich das eigene Dasein – ohne »die Männer« – tatsächlich reibungsloser gestalten, wenn uns die Liebe nicht im Weg stünde. Wir müssen uns also arrangieren. Nur: Wie geht das, wenn Mann und Frau innerhalb einer Partnerschaft, einer Ehe ständig Vergleiche ziehen, wer von beiden mehr Kraft und Mühe in die Beziehung einbringt? Noch angespannter wird die Situation, wenn Kinder hinzukommen. Dann verspüren Frauen diesen permanenten Zwiespalt: eine gute Mutter sein zu wollen, aber trotzdem nicht finanziell abhängig vom Mann. Aus dieser Doppelanstrengung erwächst der Eindruck, mehr zu leisten als der Mann. Da kann von Gleichberechtigung natürlich keine Rede sein. Ursprünglich ging es bei der Frauenbewegung doch genau um diese Errungenschaft: In der 1865 verabschiedeten Resolution der deutschen Arbeitervereine wird das Recht der Frau auf Arbeit emphatisch bejaht. Das gilt genauso für den Mann.
Eine neue Frauenbewegung muss also auch die Zukunft des Mannes bedenken. Denn Männer und Frauen sind aufeinander angewiesen. Nur im Zusammenspiel kann Familie entstehen. Sie müssen wieder zueinander finden, um der Gemeinschaft vertrauen zu können, die durch den beiderseitigen Unabhängigkeitsdrang brüchig geworden ist.
Alexa Hennig von Lange, 33, schreibt Romane, Kinder- und Jugendbücher. Die zweifache Mutter lebt in Hannover. 2002 bekam sie den Jugendliteraturpreis
- Datum 23.08.2006 - 05:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
- Kommentare 10
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Wenn mal auf der Hauptseite der ZEIT im Internet das Suchwort "halb froh" eingibt, dann kommt man auf einen Artikel der Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange "über die Schwierigkeit, einen Mann zu lieben und sich von ihm zu emanzipieren". Dort darf sie - weil sie eine Frau ist - in einem öffentlichen Medium der Republik folgendes schreiben:
Weswegen sie [die Großmutter der Autorin] auch nur halb froh war, als mein Großvater schließlich aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte.
Für Alexa von Hennig ist es also sonnenklar, dass es erlaubt ist, über die Beendigung des Leidens von Männern nicht eben froh zu sein. Sie sagt nicht genau, wann ihr Großvater aus der russischen Gefangenschaft heimkehrt - der Kontext des Textes läßt jeoch ahnen, dass es wohl längere Zeit gedauert hätte, denn
Da hatte sie [die Großmutter] sich längst mit anderen Müttern zu einer funktionierenden, selbstverständlich gleichberechtigten Gemeinschaft zusammengeschlossen.
Kriegsgefangene in russischer Gefangenschaft hatten eine furchtbare Zeit zu durchstehen. Abgesehen davon, dass diese Gefangenschaft vielfach bis zu zehn Jahren dauerte, starben die Insassen wie die Fliegen an Unterernährung, Krankheiten, winterlicher Kälte oder "Auf der Flucht erschossen". Die traumatisierenden Folgen jahrelanger Unterdrückung und "Käfighaltung" waren so schlimm, dass es Männer gibt, die heute noch nachts aus dem Schlaf aufschrecken, weil sie sich in diese Zeit zurückversetzt fühlen. Viele haben die Erlebnisse von damals so tief in sich begraben, dass sie mit ihren Nachfahren nie darüber haben sprechen können, so dass sie für ihre Frauen, Kinder und Enkel immer ein Stück weit unbegreifbar geblieben sind - sowohl die Ereignisse als auch die Männer.
Degoutant, wie hier eine Nachgeborene läppisch über das Schicksal ihres Großvaters schreibt. Mag sein, dass dieser Großvater individuell Schuld auf sich geladen hat und daher die Achtung der frischgebadeten Frau von Lange nicht verdient. Aber irgendwie schreibt Frau von Lange ja auch stellvertretend für das Verhältnis, das man in Deutschland zu Männern haben darf: frau ist halt nur halb froh, wenn sie aus Gefangenschaft heimkehren. Werden schon irgendwie selbst Schuld dran gewesen sein, und so schlimm ist das nun auch wieder nicht.
Schlimm ist jedoch, dass Frauen sich in Parkhäusern unsicher fühlen. Wenngleich ich als von Gefühlen traumatisierte Frau mich ausschließlich in Parkhäusern aufhalten würde: dort ist die Verbrechenswahrscheinlichkeit laut Kriminalstatistik am Geringsten. Weswegen ja hier auch unbedingt die bequemsten Parkplätze zu Frauenparkplätzen umgemalt werden müssen.
Ich komme darauf, das hier niederzuschreiben, weil ich heute morgen im Deutschlandfunk hörte, dass eine französische Frau die französischen Staatsbahnen verklagt hat. Die hatte nämlich ihren Vater damals unter deutscher Besatzung nach Osten transportiert, wo der Vater dann das Glück hatte, ein Konzentrationslager zu überleben. Der Vater war allerdings von seinen Erlebnissen so traumatisiert, dass er anschließend, als er wieder zu Hause war, mehrfach das gesamte Wohnungsinventar zerschlug.
Diese (zufällig französische?) Frau hat in ihrem Vater nicht einen verzichtbaren Bösewicht gesehen - wenngleich sie vielleicht wirklich Grund hatte, nur halb froh über dessen Rückkehr zu sein. Diese Frau konnte in ihrem Vater einen Menschen sehen, dem Furchtbares angetan wurde. Demgegenüber scheint mir Frau Alexa Hennig von Lange von einer dumpfen Mitleidsunfähigkeit erfüllt.
Und die ZEIT läßt so ein ausschließlich frauenzentriertes Apartheidsgeschwafel mittlerweile fast jede Woche auf uns los. Das finde ich genauso erschreckend.
Veröffentlicht in www.diesellog.de
Sie haben mich zumindest nachdenklich gestimmt. Ich habe wohl doch auch einmal einen ähnlichen Vorwurf vernommen.
Ich meine, jegliche Form von Geschlechterhierarchien sind sehr sehr dumm. Wir brauchen einander und wir sollten einander respektieren und wertschätzen.
Deshalb ist die ganze Emanzipationsdebatte, wie sie tlw. geführt wird, in Stagnation verfallen. Denn es geht nicht um Kampf, es geht nicht um Durchsetzung, es geht um das einvernehmliche Finden desjenigen Alltags- und Lebensmanagements mit dem größtmöglichen "Output" für alle Beteiligten. Zumindst in Bezug auf Partnerschaft und Familie.
Es sollte einfach ein differenziertes Bewusstsein der Problematik in allen Köpfen (möglichst seit der Schulzeit) implementiert sein und werden.
Oder?
...ist diese Bemerkung jedenfalls nicht:
"Weswegen sie auch nur halb froh war, als mein Großvater schließlich aus der russischen Gefangenschaft zurückkehrte."
Die Dame war nur "halb froh", dass ihr eigener Ehemann aus
Sibirien zurückkam? Jeder, der auch nur geringsten Respekt
vor anderen Menschen hat, ist dankbar für jeden Menschen
jeglichen Geschlechts und jeglicher Nationalität, der einen
Krieg und die nachfolgende Gefangenschaft überlebt hat.
Was ist das für eine Frau gewesen, die ihrem Mann offenbar
mit halbem Herzen gewünscht hat, dass er in Russland
krepieren möge, auf dass sie in ihrer Frauenkuschelrunde
nicht gestört werde? Derartigen Feminismus brauchen wir
wirklich nicht.
Es ist übrigens unter dem Niveau der Zeit, derartig
menschenverachtende Beiträge überhaupt abzudrucken.
jop,
Sie schrieben:
""Es ist übrigens unter dem Niveau der Zeit, derartig
menschenverachtende Beiträge überhaupt abzudrucken.""
Wahrscheinlich liegt das gewollte Mißverständnis auf unserer Seite:
Weil wir Männer uns erdreisten, uns als **Menschen** zu bezeichnen.
Offenbar sieht das der feminismus bereits anders. "Alle Männer sind Schweine" wurde ja auch jahrzehntelang straffrei propagiert. Und nun wird offenbar straffrei über Männer als Beiwerk schwadroniert, über deren Zukunft frau noch entscheiden solle. Erinnert ein bißchen an das "Menschenmaterial" das zur Verfügung der (offenbar nicht nur)"Herrenrasse" mit ihren "Frauenbildungswerken" und KZ - Aufseherinnen stand.
Es besteht allerdings auch die theoretische Möglichkeit, daß die Geschichte mit der getrübten Freude über das Überleben des eigenen Mannes auch einfach von der Autorin erfunden ist; schließlich haben uns doch die feministinnen weisgemacht, daß die Frauen permanent von den Männern unterdrückt wurden. Eine solche "Frauenselbstbestätigungsgruppe" hätte es also, nach feministischer Definition, während der alliierten Besatzung gar nicht geben können.
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@hall3301 nein nein, das steht doch da gar nicht. ;-) Jemanden zu lieben heisst doch nicht nur, ihn "süß" zu finden. Natürlich gelegentlich schon, aber ist das nicht auch ab und zu umgekehrt? Liebe geht darüber doch weit hinaus und das hat die Autorin auch so sagen wollen, denke ich.
Vielleicht den Artikel nochmal lesen bei besserer Laune...? :-)
...aber warum kommt mir bei der Lektüre dieses Artikels nur das Zitat in den Sinn, das Goethe seinem Mephisto in den Mund legt:
"Besonders lernt die Weiber führen.
Es ist ihr ewig' Weh und Ach!
So tausendfach
Aus EINEM PUNKTE zu kurieren!"
...es klingt für mich immer noch wie gnadenhalber die Existenberechtigung zugesprochen. Im Sinne von: "Weil ich ihn lieb habe, darf er weiter sein."
Da brauche ich keine schlechte Laune um das als egozentrisch und herablassend zu empfinden.
Sollte es flapsig oder lustig gemeint sein, finde ich das zumindest unpassend. Oder will die Autorin nicht ernst genommen werden? Wenn nicht, soll sie doch über ein weniger ernstes Thema schreiben. "Ich platz mal mit was raus und trage dann aber nicht die Verantwortung dafür.", kommt zwar oft vor, spricht aber der Emanzipation Hohn.
Man braucht sich in solchen Situationen immer nur die umgekehrte Sitution vorstellen. "Eigentlich kämen wir Männer ohne Frauen ja doch viel besser zurecht, aber wir lieben sie halt. Tragisch aber wahr - wir müssen sie also am Leben lassen." Geht Ihnen dabei das Herz auf? Ich bin mir sicher, dass Sie in dieser Formulierung die Herabsetzung erkennnen. Existenzberechtigung qua Nützlichkeit für das andere Geschlecht. Und auch die Perspektive stimmt nachdenklich. Wer entscheidet hier über das Los von wem? Herrinen und Sklaven, oder wie?
Die Autorin spielt dabei ja auch auf eine Position an, die traurigerweise bei Feministinnen Konsens ist. Nämlich, dass ohne Männer alles besser wäre. Das ist aber keine Position mit der man sich ernsthaft auseinandersetzten müsste, noch kann so eine Position dazu dienenum sich dagegen als besonders männerfreundlich abzuheben.
Da haben wir Männer aber gerade noch einmal Glück gehabt, dass sich Frauen noch in uns verlieben. Sonst wäre wir wohl nutzlos? Auch wenn sich der Artikel unten leicht verbessert - man sollte sich auch als Frau überlegen, ob man von Männern aus rein egoistischer Nutzenperspektive schreibt.
Nach dem Motto: Sie sind unnütz, aber eben so süß.
Erstaunlich, dass so ein herablassend entwertender Stil sonst niemandem aufzufallen scheint.
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