Feminismus

»Frauen sollten sich nicht mehr schämen, Feministinnen zu sein«

Die Politikwissenschaftlerin Barbara Holland-Cunz über die Gründe, warum die Frauenbewegung ins Stocken geriet

DIE ZEIT: Frau Holland-Cunz, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, der Feminismus sei out, obwohl sich die Machtverhältnisse kaum verändert hätten. Warum ist das so?

Barbara Holland-Cunz: Zum einen hat sich in den privaten Lebensverhältnissen viel verändert. Es gibt keinen starren Lebenslauf für Frauen mehr. Kinder oder keine? Berufstätigkeit? Frauen sind in ihren Entscheidungen nicht mehr festgelegt. Da denkt man schnell, das Problem sei erledigt. Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft sich im Ideal der Gleichheit sonnt und darüber die tatsächliche Ungleichheit übersieht. Feministinnen sind dann in der Spielverderberinnen-Position.

ZEIT: Was sind die größten Ungleichheiten?

Holland-Cunz: Zum Beispiel ist die Berufsverteilung von Frauen und Männern äußerst stabil. Frauen gehen immer noch in die schlecht bezahlten so genannten Frauenberufe. Die Politikwissenschaftlerin Helga Ostendorf hat gezeigt, dass die Agentur für Arbeit junge Frauen immer noch in die alten Frauenberufe hineinberät, auch gegen deren Interessen und Qualifikationen. Die Arbeitsagentur hat das zwar bestritten, aber ich halte die Studie für gut recherchiert. Im Übrigen ist bekannt und wird trotzdem verdrängt, dass Mädchen in allen Bildungssystemen besser sind, daraus aber keine besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt entstehen. Dass die egalitäre Aufgabenteilung zu Hause fast immer mit dem ersten Kind endet.

ZEIT: Sie schreiben, der Feminismus kranke auch am eigenen Erfolg.

Holland-Cunz: Es hat sich ein Berufsfeminismus der Gleichstellungsbeauftragten und Gender-Professuren entwickelt. Er ist heute Teil des Systems. Das wirkt auch langweilig.

ZEIT: Als Professorin sind Sie selbst Teil dieser Gleichstellungsbürokratie.

Holland-Cunz: Klar. Ich zweifle auch nicht an der Notwendigkeit des professionellen Feminismus. Er ist schon deshalb unentbehrlich, weil er das Thema wach hält, jenseits aller Konjunkturen.

ZEIT: Sie schreiben über die Frauenbewegung: »Kaum eine hat heute noch das Gefühl, etwas Aufregendes zu verpassen, wenn sie nicht dazugehört.« Das hört sich eher nach Erlebnishunger als nach Politik an.

Holland-Cunz: Es geht um einen Kampf, der bereits Jahrhunderte andauert. Eine Frau, die sich als Feministin versteht, muss sich über vielleicht 50 Jahre immer wieder engagieren. Da stellt sich die Frage der Leidenschaft. Man braucht ein emotionales Verhältnis zur Sache, sonst geht es nicht.

ZEIT: Wie könnte Ihrer Ansicht nach ein neuer Feminismus aussehen?

Holland-Cunz: Wir brauchen Frauen, die sich nicht mehr schämen, Feministinnen zu sein.

ZEIT: Woher kommt die Scham?

Holland-Cunz: Es gibt das verbreitete Bild der unattraktiven, humorlosen Feministin. An der Humorlosigkeit ist natürlich etwas dran. Wer gegen Unterdrückung protestiert, ist nicht lustig. Ansonsten muss ich fragen: Wie viele Frauen gibt es denn, die so aussehen, wie es das Klischee unterstellt? Da wird sich von etwas distanziert, was es gar nicht mehr gibt.

ZEIT: Sie sprechen von einem antifeministischen Zeitgeist. Dazu rechnen Sie auch Frauen, die jetzt sagen: Beides, Kinder und Karriere, ist die Hölle, die Freiheit stellt sich als totale Überforderung heraus. Die Tagesschau- Moderatorin Eva Herman meinte, Frauen sollten sich wieder auf ihre schöpfungsgewollten Aufgaben besinnen.

Holland-Cunz: Für mich ist die Frage: Wie kommt eine Frau dazu, so etwas zu vertreten? Ich glaube, das hat mit der Aufmerksamkeit zu tun, die Positionen versprechen wie: Feminismus macht unglücklich. Oder: Feminismus produziert Kinderlosigkeit.

ZEIT: Können Sie am Argument der Überforderung überhaupt nichts Wahres finden?

Holland-Cunz: Gewiss. Aber es ist die Gesellschaft, die für Entlastung sorgen muss. Länder, in denen es ausreichend Ganztagsschulen gibt und wo es nicht als schlimm gilt, schon kleine Kinder betreuen zu lassen, haben auch höhere Geburtenraten. Und man braucht die Männer, die ihren Teil übernehmen. Solange die Frage nur als Vereinbarkeitsfrage an Frauen gestellt wird, gibt es keinen Fortschritt. Der Feminismus erzeugt nicht das Geburtenproblem, er wäre die Lösung des Geburtenproblems.

ZEIT: Was bedeutet die Kanzlerinnenschaft Angela Merkels für den Feminismus?

Holland-Cunz: Es ist ein zwiespältiger Erfolg. Einerseits ist so eine mächtige Frau schon ein Rollenvorbild. Andererseits entsteht die Illusion, dass alles bestens sei. Für mich gibt es einen Zusammenhang zwischen Merkels Kandidatur und der Tatsache, dass der Anteil der Frauen im Bundestag und im EU-Parlament wieder leicht gesunken ist. Jetzt sollen auch viele Stellen für Gleichstellungsbeauftragte gestrichen werden.

ZEIT: Wegen des Sparzwangs.

Holland-Cunz: Und weil sich die Frage angeblich erledigt habe. Frau darf in ihrem Engagement nicht eine Minute nachlassen.

ZEIT: Angela Merkel hat Macht! Sie kommen aus der feministischen Tradition, Macht als männlich zu verstehen und zu kritisieren. Beim Lesen Ihres Buches kann man das Gefühl bekommen, eine Frau müsse nach jedem Erfolg und Karrieresprung 300 Seiten Foucault lesen, um sich bloß aller Gefahren der Selbstkorruption bewusst zu werden.

Holland-Cunz: (Lacht.) Ja, da bin ich ziemlich altmodisch. »Keine Macht für niemand« ist für mich immer noch eine attraktive Losung. Auch wenn ich weiß, dass das eine Utopie ist. Ich rate zur Wachsamkeit. Dass Macht korrumpiert, sollte jede und jeder wissen.

ZEIT: Also fahren Frauen auf dem Weg nach oben mit angezogener Handbremse?

Holland-Cunz: Nein. Auf jeden Fall sollten sie die Chancen nutzen, die sich bieten. Aber ihnen sollte klar sein, was sie tun. Der Feminismus will ja die Gesellschaft verändern und nicht nur Kanzlerinnen produzieren.

ZEIT: Können Sie sich einen Feminismus ohne Frauenbewegung vorstellen? Ohne Frauengruppen, -läden, -firmen?

Holland-Cunz: Nein. Ich glaube, es braucht nach wie vor die Selbstverständigung von Frauen und die erfahrbare Unterstützung. Aber das ist nur ein kleiner Teil des heutigen Feminismus. Die Frauen-Buchläden haben ja fast alle geschlossen, Buchreihen wurden von großen Verlagen übernommen. Frau kann heute Feministin werden, ohne je in einer Frauengruppe, auf einer Demonstration gewesen zu sein. Frauen beziehen Position, weil sie sich über etwas ärgern. Oder sie lesen ein Buch von Judith Butler.

ZEIT: Die prominente feministische Theoretikerin sagt, dass eine Frau viel mehr als eine Frau sei, und findet deswegen schon den Begriff Frauenbewegung problematisch. Judith Butler haben Sie als unpolitisch kritisiert…

Holland-Cunz: Ja, das hat mir viel Ärger eingebracht. Aber ich glaube, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dieser postmodernen Theorie, die alles als Konstruktion analysiert, und dem Desinteresse an feministischem Engagement. Das sind intellektuell anregende Gedanken, aber sie bringen keinen Menschen dazu, sich zu engagieren. Da ist keine Empörung drin.

ZEIT: Aber vielleicht eine wichtige Kritik des Feminismus. Butler beschreibt ja die Paradoxie, dass eine Bewegung, die Menschen von Geschlechterrollen befreien will, diese Menschen vor allem über das Geschlecht definiert. Auch Angela Merkel blockt ab, wenn es heißt: Was denken Sie dazu als Frau?

Holland-Cunz: Ja, die eigene Geschlechtsneutralisierung ist eine Strategie, die Politikerinnen oft anwenden. Aber dann überlässt man die Definitionen anderen. Natürlich gibt es eine feministische Position zum Beispiel zur Gesundheitsreform, weil Frauen von ihr anders betroffen sind. Eine Frau zu sein hat Folgen für alles, was ich tue. Das zu leugnen wäre das Dümmste.

ZEIT: Vielleicht hat der Vorbehalt auch damit zu tun, dass der Feminismus eine Subkultur hervorgebracht hat, die ähnlich den traditionellen Normen Frauen vorschreibt, wie sie sich zu kleiden und zu verhalten haben.

Holland-Cunz: Aber wo gibt es diese Subkultur denn überhaupt noch? Ich kenne keine einzige Feministin, die diesen Codes noch folgt – falls die je so mächtig waren. Dieses Siebziger-Jahre-Schreckbild dient einzig dazu, eine politische Position mit Peinlichkeitsangst zu blockieren.

Barbara Holland-Cunz, 49, ist Politikwissenschaftlerin. Ihr neues Buch heißt »Die alte neue Frauenfrage«. Sie ist seit mehr als 25 Jahren in der Frauenbewegung engagiert

 
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Leser-Kommentare

  1. nachdem ich die meisten Kommentare gelesen hatte, beschlich mich doch das Gefühl, dass manche/r den eigenen Frust, persönliche Enttäuschungen im Zusammenhang mit dem Verhältnis von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft und den eigenen Erfahrungen hier los werden musste.
    Ich glaube, wenn die Debatte zu emotional, zu „persönlich“ wird, wird nur weiter Abschreckung und keine Verständigung, Lösung produziert.
    Dass Frauen in unserer Gesellschaft weiterhin benachteiligt werden, steht bei objektiver Betrachtung m.E. außer Frage.
    Daran ändert auch kein männliches „Einzel“-Schicksal von einer Scheidungsungerechtigkeit, die es manchmal auch gibt, oder (seltener) beruflichen Ungerechtigkeit, nichts.
    Ich habe auch schon gehört, dass Frauen bevorzugt eingestellt werden und mir ist nicht klar, warum es in einem Tabakladen (z.B.)unbedingt eine Frau sein muss, siehe manche Stellenanzeigen.
    Ich befürchte aber, das auch das weniger an den Frauen liegt, noch an irgendwelchen Quoten, sondern in erster Linie ein Problem der Männer ist.

    Und mich beschleicht gleichzeitig die Ahnung, dass diese ganzen sog. Frauenquoten letztlich nur ein Alibi sind. Die Masse der Entscheidungsträger in jedem Bereich unserer Gesellschaft sind jedenfalls weiterhin Männer.
    Der Stand des gegenseitigen Frustes scheint mir der zu sein, dass Frauen weiterhin nicht die gleichen beruflichen Chancen haben und sich weiterhin nicht gerecht behandelt fühlen und nun auf einer unteren Ebene der vermehrte Einzelfrust von Männern dazu kommt, die sich aufgrund persönlicher Einzelerfahrung durch eine Frauenquote benachteiligt fühlen.

    Das Thema Kinder zeigt für mich in besondere Weise die Problematik. Die schleichende Kinderlosigkeit ist für mich eindeutig die Folge davon, dass Frauen zu recht sich nicht mehr der Doppelbelastung von Berufskarriere und Kindererziehung zumuten lassen wollen. Und heute wollen sie nun mal auch! Berufskarriere machen, zu Recht.
    Die Gesellschaft akzeptiert es ja gerade, dass noch Erziehungsurlaub gewährt wird und Frau sich dann anschließend auf 400Euro-Jobs zu reduzieren hat.
    Es hat meiner Erfahrung nach weiterhin keine wirkliche Akzeptanz, wenn 1. Mann sich für die Übernahme des Erziehungsurlaubs entscheidet – am allerwenigsten bei den Männern selbst, aber auch Frauen scheinen das „schräg“ zu finden – noch ein Partner zur Erziehung der Kinder ganz zu Hause bleibt. Insofern müsste die Gesellschaft es vielleicht lernen, nicht von „Mutterrolle“, sondern von „Kindererzieherrolle“ zu reden und die Gesellschaft müsste diese Tätigkeit, in welcher Form auch immer, entlohnen.

  2. Wo Sie gerade die Frauenquote ansschreiben: Gerade die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme zeigt doch, dass die Gleichberechtigung längst nicht abgeschlossen ist.

    Gleichzeitig ist diese Regelung in höchstem Maße diskriminierend, und zwar sowohl für Frauen als auch für Männer.
    Für Frauen weil Frau X (und ihre Kolleg(in)en) das Gefühl haben müssen, sie hätte den Job nicht wegen ihrer Leistungen, sondern wegen ihres Geschlechts bekommen. Frau X wird deshalb doppelt so viel arbeiten als Männer es müssten um dieses Vorurteil, die Quotenfrau zu sein, bei den Kolleg(in)en zu begraben (erklärt das nicht die Frage nach dem weiblichen Perfektionismus, der in einem der Artikel bereits angesprochen wurde?).
    Für Männer ist es diskriminierend, weil Herrn Y das Gefühl vermittelt wird, er sei nicht wegen seiner Leistungen, sondern wegen seines Geschlechts abgelehnt worden.
    Das Problem ist, dass nicht von den leistungen (also einer von jeder Person beeinflussbaren Größe) von Frau X und Herrn Y ausgegangen wird in der Entscheidung, sondern von dem Geschlecht (einer nicht beeinflussbaren Größe). Und das gerade nach dem Antidiskriminierungsgesetz.

    Andererseits darf nicht vergessen werden, dass eine Frauenquote Frauen erst in diese Positionen gebracht hat, in der sie sich bis heute bewährt haben.

    Mein Fazit bleibt allerdings alle Menschen sollten gleich behandelt werden. Daher sollten bei der Einstellungsentscheidung weder Geschlecht noch Gebährfähigkeit (gerne gestellte Frage in Einstellungsgesprächen, auf die nicht mehr geantwortet werden muss. Die Enthaltung der Antwort ist dennoch nicht zielführend) ausschlaggebend sein, sondern allein die Leistungen.

    PS: Man mag mir sprachliche Absurditäten wie "Kolleg(in)en" verzeihen, aber es gibt kaum Alternativen zum generischen Maskulinum der deutschen Sprache ;)

  3. Liebe Zeit-Redaktion,
    es war dieser eine Satz in Ihrem erstklassigen Dossier, der das Leben vieler Frauen so eindrucksvoll widerspiegelt. Und den ich schon so oft gehört habe und der mich immer wieder bewegt: Die Betriebsrätin G. Wittig antwortete auf die Frage, was die häufigsten privaten Probleme sind, mit welchen die Frauen zu ihr kommen „Ich würde ihn gern verlassen, aber wovon lebe ich dann?“

    Das sind die „neuen Trümmerfrauen“ unserer Gesellschaft. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Ehe, vor verpassten Chancen, nicht gewagten Karrieren und vor allem – sie stehen mit leeren Händen da. Ein Desaster. Nach einer Trennung leben Frauen sehr häufig am Existenzminimum und haben folglich keine Chance, eine solide Altersvorsorge aufzubauen.
    Wir beraten Frauen seit mehr als 20 Jahren in deren Finanz- und Vorsorgefragen. Und rufen sie auf, sich frühzeitig um ihre Absicherung und den Vermögensaufbau zu kümmern. Leider sind hier immer noch sehr viele Frauen zu blauäugig und verlassen sich auf ihren Partner. Sie fordern nicht und kümmern sich aus Bequemlichkeit, Unwissenheit und mangelndem Interesse nicht um ihr eigenes Geld. Finanzberatung wird so zur Lebensberatung.

    Constanze Hintze
    (Svea Kuschel & Kolleginnen Finanzdienstleistungen für Frauen)

  4. Geht es einseitiger, als das Schicksal der Frauen (differenzierterweise das Schicksal aller Frauen!) als eine Entscheidung zwischen Herd und gesellschaftlicher Ächtung zu begreifen, das Schicksal der Männer aber als Paradies und Selbstverwirklichung?

    Ein erschreckendes Merkmal von Verblendung ist die Unfähigkeit der Betroffenen, die Verzerrtheit ihrer Wahrnehmung zu erkennen.

    Unbegreiflich will es erscheinen, dass trotz so eindeutiger Bevorzugung durch Schicksal und Gesellschaft Herzinfarkte bei Männern die zweithäufigste Todesursache sind. Dass 70 Prozent der Alkoholiker in Deutschland Männer sind. Können WIR unser Glück einfach nicht ertragen?

    Dabei wird uns doch der Schlüssel zur Glückseeligkeit qua Geburt zu Füssen gelegt. Jeder Karrierepfad und damit Weg zum Glück steht uns offen, nicht zuletzt weil es uns gelingt, die weibliche Konkurrenz durch Schwanger- und Mutterschaft aus dem Weg zu räumen.

    Dass wir Männer tatsächlich ein Leben am Herd und im Haushalt vorziehen könnten, kommt Feministinnen gar zu selten in den Sinn. Und wer sich über die Unvereinbarkeit von Kindern und Beruf beklagt, der (die!) hat dabei wohl kaum Arbeit auf der Baustelle, in der Produktion oder im Außendienst vor Augen. Schützer und Helfer aus Berufung, Arzt oder Richter ist aber ein wohl eher geringer Teil der männlichen Bevölkerung.

    Die anderen gehen täglich einem Broterwerb nach, bei dem weder berufliche Erfüllung noch Selbstverwirklichung und Karriereziele eine nennenswerte Rolle spielen dürften, sondern - wie der Name sagt - ausschließlich der Erwerb des täglich Brotes.

  5. Barbara Holland-Cunz hat eine sehr zutreffende Analyse ("Und man braucht die Männer, die ihren Teil übernehmen.") geliefert, finde ich als Mann. Ich möchte ihre Analyse noch um einen Aspekt ergänzen. Ich glaube, es gibt grundsätzlich inzwischen einige Männer, die der Gleichberechtigung in der Partnerschaft und der Ehe offen gegenüber stehen.

    Die spannende Frage ist: Warum geschieht sie nicht in größerem Ausmaß? Männer müssten sich ändern, Aufgaben übernehmen und Privilegien abgeben - das ist unbequem. Warum sollten sie das freiwillig tun? Sie würden das in größerem Ausmaß tun, wenn sich die Frauen einig wären und entsprechende Ansprüche stellen würden. Aber ist dies unter den heutigen Bedingungen so einfach möglich. Auch da finden wir leider Antworten in den Prinzipien der Wirtschaft.

    Die Bismarksche Sozialgesetzgebung und der daraus folgende Sozialstaat ist durch eine sich organisierende Arbeiterbewegung, starke Gewerkschaften und eine sozialdemokratische Volkspartei erkämpft worden. Arbeitnehmerrechte und der Sozialstaat werden in dem Maße beschnitten werden, wie Arbeitnehmer aufhören, sich zu organisieren. Wenn niemand mehr in der Gewerkschaft ist, wird diese nicht mehr Ernst genommen. Arbeitslosigkeit wird nicht als Versagen des Systems, sondern als individuelles Versagen empfunden - auch das ein schwerwiegender Fehler.

    So könnte es mit dem Bewußtsein der Frauen sein. Die Individualisierung - die ja eine der Folgen von 68 ist - führt ja gerade dazu, dass so etwas wie eine Frauenbewegung und ein kollektives Bewußtsein (schon einen solchen Begriff würden viele Frauen nicht verwenden: "ich bin ja so individuell") und ein entsprechendes Hineinwirken in die Gesellschaft und in Parteien gar nicht mehr entstehen kann.

    Meines Erachtens kommt in den letzten Jahren noch eine Entwicklung hinzu - von den Feuilletonisten kaum beachtet und unterschätzt, die mit ("Heirats"-)Markt und "Angebot" und "Nachfrage" zu tun hat: eine weibliche Völkerwanderung aus dem Osten (östliche EU-Beitrittsländer sowie ostdeutsche Bundesländer) in den Westen der ehemaligen Bundesrepublik. Wer nur einmal beispielhaft die Beschäftigten zunächst einmal in schlecht bezahlten Sektoren wie Gastronomie (Bedienungen), in Krankenhäusern (Krankenschwestern), der Pflege sowie in Teilen des Dienstleistungsbereiches (die ganze Palette von Friseurinnen bis hin zu Verkäuferinnen) betrachtet, wird feststellen, dass junge Frauen aus den osteuropäischen Beitrittsstaaten stark auf dem Vormarsch sind. Es kommt hinzu, dass die Kehrseite der Medaille des krassen Mangels an jungen Frauen in den östlichen Bundesländern der Bundesrepublik ist, dass es auch deswegen insgesamt mehr junge Frauen als Männer im Westen geben muss.

    Die o. g. Bewegungen hat niemand genau zahlenmäßig erfasst. Sie müssen jedoch zwangsläufig dazu führen, dass es auf dem westdeutschen "Heiratsmarkt" insgesamt ein - nur bidllich in den Kategorien des Marktes gesprochen - größeres "Angebot" an jungen Frauen mindestens in der Alterskohorte zwischen 20 - ca. 30 Jahren gibt (die noch mobilen Frauen, die "wandern"). Da dies die Alterskohorte ist, auf welche Männer zwischen 30 - Ende 30 nach dem tradierten Rollenmodell noch zugreifen können, ergibt sich vermutlich für die thirty up-Frauen daraus eine ziemliche Konkurrenz durch junge Frauen, die vermutlich eher dazu neigen, sich den Männern anzupassen. Das Ergebnis der Auswahl der immer noch mehrheitlich traditionell orientierten Männer zu erraten, überlasse ich der geneigten Leserin und dem geneigten Leser. Dabei sei auch bemerkt, dass es sich bei vielen der jüngeren weiblichen Beschäftigen im Dienstleistungssektor (z. B. Gastronomie) um Studentinnen auf € 400,- Basis handelt, die gut deutsch können - also auch für Akademiker attraktiv sind. Also nicht nur Borats Schwester aus Kasachstan. Außerdem nimmt der Anteil von Frauen aus Osteuropa auch in gehobenen Berufen zu, wie z. B. in der Medizin (gut ausgebildete Ärztinnen usw.).

    Wenn das so stimmen würde, wofür eine gewisse Plausibilität spricht, nimmt aufgrund einer verschärften Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt die Möglichkeit, selbstbewußt Ansprüche auf Gleichberechtigung zu stellen, für die thirty up-Frauen ab. So könnte die Frauenbewegung ähnlich durch den "Markt" ausgehebelt werden wie die Arbeiterbewegung: Gewerkschaften verlieren dann an Macht, wenn draußen ein Heer von 5 Mio. Arbeitslosen wartet.

    Warum fragt Mann, solle er sich dann eigentlich noch bewegen? Und wenn Männer diesen Veränderungsdruck nicht mehr verspüren, dann bleibt vermutlich für die Frauen nicht viel mehr, als sich für das alte Rollenmodell mit oberflächlicher Modernität (ich arbeite halbtags, er hilft beim Abwasch, bringt den Müll runter, kauft ein und kümmert sich auch um die Kinder, haha - als wenn es damit getan wäre und Gleichberechtigung in einer Beziehung herrscht) zu entscheiden oder kinderlos die 40 zu überschreiten. Viele entscheiden sich dann doch für das alte Rollenmodell und fügen sich - und zu viele - gerade Akademikerinnen bleiben lieber kinderlos. Schade.

    Es grüßt ein etwas ratloser Mann

    P. S.: Ich freue mich über jedes Feedback; vor allem, wenn es meine "Zuwanderungsthese" wiederlegt, denn ich finde - obwohl Mann - die Vorstellung, gar nicht so rosig.

    (Hhhhhmmm, waren wir nicht alle irgendwie für die Osterweiterung? Und jetzt wandern in einem sich verschärfenden Kapitalismus unsere Arbeitsplätze nach Osten und osteuropäische Frauen nach Westen. Ab 1. Januar 2007 übrigens Bulgarinnen und Rumäninnen. Ok, dieser Absatz war wirklich nur polemisch.)

  6. Zunächst einmal muss bemerkt werden:
    Feminismus ist eine Ideologie und hat auch die Merkmale einer solchen. Ideologien werden von Gruppen gemacht, die ein gemeinsames Interesse haben, hier Frauen, die sich benachteiligt fühlen.

    Ich betone dieses letzte Wort, da Feministinnen nicht für alle Frauen sprechen, und es auch viele emanzipierte Frauen gibt, die Feminismus, also eine ideologisch betriebene Geschlechterpolitik bewusst ablehnen, und zwar aus einem guten Grund:

    Feminismus stellt Frauen pauschal als Opfer von Männern dar, ohne zu reflektieren, dass die meisten Frauen und Männer primär Menschen sind, die friedlich miteinander leben wollen.

    Was damals Ende der 60er passiert ist, in einer Zeit, als es Deutschland wirtschaftlich bestens ging, muss doch stark hinterfragt werden. Auch damals hatten Frauen alle Chancen einer beruflichen Entwicklung, und auch die Entscheidung für ein Kind bedeutet keineswegs das Ende der Karriere, sondern man muss dann halt gemeinsam mit dem Partner eine Lösung finden, wie man Karriere und Familie unter einen Hut bringt.

    Es ist bereits eine Form der Diskriminierung von Männern, zu behaupten, sie wären nicht in der Lage gewesen, zu akzeptieren, dass auch die Frau Karriere macht.

    Tatsächlich stellt sich im heutigen Rückblick die 68er-Bewegung, und damit auch deren Frauenemanzipation als eine massiv gewaltbereite politische Bewegung dar, die sich im Laufe der Zeit zersplittert hat und in verschiedenen Gruppierungen politisch aufgegangen ist.

    Seitdem hat die Gesellschaft eine Spaltung in Männlein und Weiblein erlebt, wie man sie zu keiner Zeit vorher kannte.

    Gleichzeitig muss auch konstatiert werden, dass gerade das Einfordern von Pflichten für Frauen nicht Schritt gehalten hat mit den Freiheiten und Rechten (Bestes Beispiel: Familienrecht).

    Ideologien sind immer eine einseitige, auf die Gruppe beschränkte Sicht, die sich von der Ideologie Vorteile verspricht. Die tatsächliche Realität wird dabei leider oft ausgeblendet.

    Bestes Beispiel:

    Feministinnen stellen die Möglichkeit, schwanger zu werden grundsätzlich als Nachteil der Frau dar. Dabei vergessen sie, dass das Leben nicht nur aus Geld, Karriere und materiellen Träumen besteht, sondern dass Kinder auch etwas Positives sind und Schwangerschaft und Geburt auch für Männer ein unvergessliches, bereicherndes Erlebnis sein können.

    Auch vergessen sie, dass gerade Schwangere und junge Mütter in Deutschland besonders hohe Privilegien geniessen.

    Man hat gerade bei der 68er-Bewegung den Eindruck, dass da junge Studenten mit reichen Eltern sich den Luxus erlaubt haben, eine gut funktionierende und erfolgreiche Gesellschaft auf dem Weg zu Frieden und Wohlstand bewusst zu zerstören, um ein sozialistisch-feministisches Land zu zaubern, um selbst von diesen Ideologien an die "Macht" getragen zu werden.

    Was die Frauenbewegung tatsächlich erreicht hat, ist ausschließlich, dass heute viele Frauen und Männer nicht mehr anständig und respektvoll miteinander umgehen können und das ist ...

    SCHADE!!!

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  • Von Sven Hillenkamp
  • Datum 23.8.2006 - 03:57 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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