Feminismus »Ab jetzt will ich machen, was gut für mich ist«
Die Schauspielerin Sandra Hüller wünscht sich, dass Frauen aufhören, nur gefallen zu wollen
Während des Drehs von Requiem habe ich auf einmal diesen starken Freiheitsdrang verspürt: Ab jetzt will ich machen, was ich will und was gut für mich ist. Ich habe mir eine Pause gegönnt zum Nachdenken.
Mein Bild von mir und die Rollen, die ich gespielt habe, hatten sich miteinander vermischt. All die Jahre habe ich Mädchen gespielt, die am Ende sterben, die sich verletzen oder verrückt werden. Im Theater die Medea, die Julia, das Gretchen. Der Michaela in Requiem wird der Teufel ausgetrieben, und sie glaubt, sie hätte das verdient. Es ist immer das Gleiche: Junge Mädchen brechen auf und treffen auf einen Mann, der sie in eine Situation bringt, aus der sie keinen Ausweg mehr wissen. Sie halten etwas für Liebe, was keine Liebe ist. Es gibt immer den Punkt, wo sie sich nicht mehr entscheiden können für ihr eigenes Wohl. Das habe ich nie akzeptieren wollen. Jetzt möchte ich dieses Schema auch als Darstellerin erst einmal nicht mehr erfüllen.
Ich hatte immer den Drang, meine Figuren zu verteidigen. Ich habe versucht, ihnen Kraft zu geben, Würde. Mein Gretchen hab ich nur Margarete genannt. Das hat mir geholfen, sie ernst zu nehmen. Sie ist ja eine selbstbewusste Frau, sie hält viel aus. Als wir die Wahnsinns-Szene im Kerker geprobt haben, merkte ich: Ich kann mich da nicht nur zu Tode leiden, weil ich das Kind getötet habe. Ich muss dem Heinrich sagen: Das ist auch deine Schuld, damit lebst du jetzt gefälligst. Es war ein sehr klares Gretchen.
Aber man kann sich den Vorgaben nur bis zu einem bestimmten Grad entziehen. Man kann kein neues Stück erfinden. Es kommt der Punkt, da musst du dich konfrontieren: Was für eine Lust bereitet dir das, solche Frauenfiguren zu spielen? Ist es die große Anerkennung, die man für Hingabe erhält? Ich würde gern mal eine ruhige, klare Frau spielen. Eine, die nicht stirbt. Eine richtige Heldin, die selbst über ihr Schicksal bestimmt; die am Leben wächst.
Seit der Berlinale muss ich auch in der Öffentlichkeit meine Rolle finden. Das ist nicht einfach. Viele Medien machen gleich so einen Topf auf: die talentierte Nachwuchsschauspielerin. Die ist noch jung, die wird doch jetzt alles ganz toll finden. Es wird Ehrfurcht erwartet, keine Distanz respektiert. Du sollst auf jede Frage lächeln, sollst für die Fotografen die Schulter rausholen. Ich weiß nicht, ob das sein muss. Ich bin jetzt fast 30, ich mache diesen Beruf seit sieben Jahren. Das habe ich einigen dann auch zu spüren gegeben. Ich wollte in Berlin einfach in Würde antreten und wieder abtreten. Als Frau und nicht als Mädchen. Ich stand nicht zur Verfügung für einen Kodex. Ich habe das Gefühl, man hat im Moment nur zwei Möglichkeiten: Entweder man zieht sich total zurück. Oder man ist immer freundlich, sieht gut aus, ist toll geschminkt. Ob es einen dritten Weg gibt?
Vielleicht gehen ihn Frauen wie Meryl Streep oder Cate Blanchett. Die tauchen bei Premieren auf, versuchen aber nicht, ein Bild zu erfüllen. Sie kommen wahrscheinlich gerade aus ihrem Garten oder haben mit ihren Kindern gespielt. Die ziehen sich mal eben ein tolles Kleid an, lassen sich darin fotografieren, und dann gehen sie wieder heim. Letztlich muss jede für sich entscheiden, ob sie auf dem roten Teppich ein Kleid trägt, das praktisch nicht existiert. Ob sie Fragen zu ihrem Äußeren beantwortet.
Ein paar Jahre früher hätte diese Glitzerwelt mich wohl vereinnahmt. Ich hätte versucht, diesem Mädchenbild zu entsprechen – weil ich auch noch ein Mädchen war. Ich hätte versucht zu gefallen. Viele lassen sich beeinflussen. Sie fürchten, sich auf die falsche Seite zu schlagen, nicht mehr weiblich zu sein, zugänglich und attraktiv, sondern als hart zu gelten. Dabei geht es nur darum, herauszufinden, was gut für einen ist. Ich glaube fest daran: Man hat heute die Wahl. Wir sind die erste Generation, die nicht mehr um die Gleichberechtigung auf dem Papier kämpfen muss, nur um ein eigenes Selbstverständnis.
Sandra Hüller, 28, aufgewachsen in der DDR, bekam den Silbernen Bären für ihre Rolle in »Requiem«
- Datum 23.08.2006 - 05:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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"Aber man kann sich den Vorgaben nur bis zu einem bestimmten Grad entziehen. Man kann kein neues Stück erfinden."
Liebe Sandra,
doch, das können Sie, Ihr eigenes! Als Übergang, und so verstehe ich Ihre Aussage, sollten Sie Method Acting anwenden. Damit haben Sie die Möglichkeit künftig, die Vorgaben - zumindest im größeren Umfang - auszusuchen.
SG
Genau deswegen ist diese Frau entspannt und emanzipiert. Weil Sie solche Albernheiten nicht nötig hat.
deine Meinung find ich sehr wohltuend. Erlaube mir bitte einen kleinen Hinweis auf den vorletzten Satz und den Vorschlag einer Korrektur auf: "Frau hat heute die Wahl." Mit freundlichen Grüßen - Andreas - a.t.o.@web.de
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