Feminismus »Wie hingetupft eine Frau«

Die Ingenieurin Hrissa Ritzkova über die Gründe, warum so wenige Frauen ein technisches Studium wagen

DIE ZEIT: Die Technischen Universitäten meldeten gerade erfreut, dass der Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften auf ein Fünftel gestiegen ist, aber es stellt sich heraus: Der Zuwachs kommt daher, dass mehr Ausländerinnen hier studieren. Machen Sie uns da was vor?

Hrissa Ritzkova: Bei uns in Bulgarien jedenfalls sind Ingenieurinnen nichts Besonderes. Auch mein Architekturstudium war viel technischer als das in München – trotzdem waren die Hälfte meiner Kommilitonen dort Frauen. Erst habe ich gar nicht verstanden, warum die Leute hier total verdutzt reagieren, wenn ich erzähle, welchen Beruf ich habe! Gestern wieder, bei Karstadt: Die Kosmetikverkäuferin konnte gar nicht glauben, dass man gleichzeitig Puder kaufen und Bauingenieurin sein kann.

ZEIT: Was haben die Frauen aus Bulgarien, Kamerun oder Lettland, das wir nicht haben?

Ritzkova: Es wird gesagt, wir im Osten würden mathematisch besser gefördert. Ich hatte an meinem Gymnasium zum Beispiel jeden Tag zwei oder drei Stunden Mathe. In den ehemals kommunistischen Staaten konnten es sich Frauen außerdem gar nicht leisten, nichts zu verdienen. Seit 1989 noch weniger. Den Haushalt machen sie zusätzlich. Da ist bei unseren bulgarischen Machos nichts zu holen.

ZEIT: War es dann merkwürdig für Sie an der Münchener TU, so allein unter Männern?

Ritzkova: Meist fand ich es ganz angenehm. Die Jungs sind ja echt froh, wenn im Hörsaal ab und zu mal wie hingetupft eine Frau dazwischensitzt. Sie waren nett und haben mir viel geholfen. Manche Kolleginnen fühlten sich aber nicht richtig anerkannt – und manchmal ging es mir auch so. Dann wusste ich bloß nicht: Liegt’s daran, dass ich eine Frau bin? Oder an meiner Herkunft? Oder nehme ich dieses Reden von oben herab überhaupt bloß so wahr, weil Frauen nun mal so selbstkritisch sind?

ZEIT: Selbstkritischer als Männer?

Ritzkova: Der deutsche Ingenieurstudent ist deutlich mehr von sich überzeugt als seine Kommilitoninnen. Er hat’s schon vom Papa geerbt, deshalb ist er auch so sicher, dass er alles packt. Das hat mich dann auch verunsichert. So gut wie die konnte ich mich nicht verkaufen.

ZEIT: Was hindert Frauen in Deutschland daran, ein technisches Studium aufzunehmen?

Ritzkova: Natürlich ist ein wichtiger Punkt, dass viele Frauen glauben, in einem von Männern beherrschten Fach sei es noch schwieriger, Familie und Beruf miteinander zu kombinieren, als hierzulande sowieso schon.

ZEIT: Haben Sie Kinder?

Ritzkova: Nein, im Moment kann ich mir noch keine leisten. Ich habe ja bei einer sehr guten Firma angefangen, und da muss ich erst mal ein paar Jahre lang arbeiten und für die wichtig werden. Aber verheiratet bin ich. Selbst das war für viele deutsche Studentinnen an der Ingenieurfakultät kein Thema. Indem sie die Männerwelt eroberten, haben sie als Frauen viel verloren.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Ritzkova: Bestimmt mache ich mich jetzt richtig unbeliebt, aber ich finde, wir Ausländerinnen bleiben erst mal Frauen, dann sind wir Ingenieurinnen – in Deutschland ist es umgekehrt.

ZEIT: Wie sieht das konkret aus?

Ritzkova: Die meisten trugen fast nur Hosen. Ich meine, man kann auch in Hosen weiblich aussehen, wenn man schöne Schuhe dazu trägt oder eine körperbetonte Bluse. Aber ich habe mich an der Uni auch kaum getraut, hohe Absätze zu tragen. Oder mit meinen Mitstudentinnen übers Kochen zu reden. Sonst hätten die vielleicht gedacht: So ’ne Tussi.

ZEIT: Warum ist das so?

Ritzkova: Keine Ahnung, ob das Fach eher die jungenhaften Mädchen anzieht oder ob die Frauen glauben: Emanzipation heißt, dass wir die männlichen Bereiche erobern und alles Weibliche aufgeben. Oder ob sie sich einfach nur angepasst haben. Wenn man in ein arabisches Land geht, zieht man ja auch nicht sein kürzestes Röckchen an.

ZEIT: Wie ist es in Ihrem Job: Werden Sie da anders behandelt als Frau?

Ritzkova: Ich habe großes Glück mit meiner Firma, die sehr frauenfreundlich ist. Mein Team unterstützt zum Beispiel Ingenieure, die mit einer neuen Software arbeiten sollen. Dafür werden ganz gezielt auch Frauen eingestellt. Frauen sind einfühlsamer. Sie erklären bekömmlicher und so, dass sich die Männer immer noch als Chefs fühlen können – selbst dann, wenn sie am PC nicht ganz dahinterkommen, wie es geht.

Hrissa Ritzkova, 29, studierte Architektur in Bulgarien und Bauingenieurwesen in Deutschland und arbeitet seit einigen Monaten als Systemingenieurin in München

 
Leser-Kommentare
    • Miomei
    • 27.08.2006 um 12:34 Uhr

    Mit was hat Weiblichkeit zu tun - grenze es doch mal zur Männlichkeit ab?

  1. Langweilig aber so war's: waehrend meiner Berufsausbildung hatte ich einen Elektrikkurs und musste einen Schaltkreis verkabeln. Meine Lampe ging nicht an, es lang an einem Wackelkontakt in der Sicherung. Nachdem ich die Sicherung in die richtige Stelle gewackelt hatte und es dann funktionierte, fragte der Berufsschullehrer: "Nun mal ehrlich, wer von den Jungs hat den Fehler in der Schaltung gefunden?".
    Jetzt arbeite ich als gemeiner Software Engineer (in den USA) und, guess what: es ist immer noch genauso. Ich spreche hier von Wahrscheinlichkeiten, natuerlich hatte ich auch genug Kollegen die mich von vorneherein akzeptiert haben.., aber als Regel ist davon auszugehen dass man als Frau erstmal hinterfragt wird und dass fachlich weniger vorausgesetzt wird. Anerkennung kommt dann, wenn man gebraucht wird, wenn man die Einzige ist, die eine bestimmte Sache versteht. Bei gleichen Faehigkeiten, wenn fuer eine Befoerderung die Auswahl zwischen Mann und Frau besteht, kommt nach aller Wahrscheinlichkeit der Mann weiter. Beim Studium waren wir drei in einer WG, der grosse blonde John, James, mittelgross, dunkelhaarig, ueber 100 kilo, und ich. Ein Nebensatz von James aus einem Gespraech bleibt mir im Gedaechtnis: "..und der Statistik gemaess wird John spaeter mehr verdienen als ich und ich mehr als du..". Genauso is es. Natuerlich, wer beruflich weiterkommen will muss Hardball spielen, Frauen mehr als Maenner.

  2. Ich denke, genau dies ist ein Problem in Deutschland (nicht nur hier und nicht nur bei Frauen):
    der Versuch, Anforderungen zu entsprechen, die unsinnig sind und zudem niemand ernstzunehmendes stellt.
    Wie z.B. sich als Ingenieur/-in nicht öffentlich über Kochen zu unterhalten.

  3. Willkommen auf der anderen Seite der Mauer. Ingenieurinnen kennt man im Westen nicht. Schon garkeine, die sich auch noch schminken.

    • Anonym
    • 29.08.2006 um 10:49 Uhr

    Die Schilderung aus dem Berufsalltag ist durchaus realistisch.
    Aber so ist dass immer, wenn man in einer Guppe arbeitet, die typischerweise von Menschen anderen Geschlechts, anderer sozialer Herkunft oder gesellschaftlichen Status ist,weil wir Menschen Vorurteile haben und Vorurteile auf Erfahrung gründen.

    Es war mal modern den Menschen einzuimpfen keine Vorurteile zu haben, meiner Meinung nach sind Diejenigen, die das praktizieren, die vorurteilsbeladensten Menschen die ich je kennengelernt habe.
    Warum das so ist? Weil Vorurteile Bestanteil unseres Lebens sind, sie sind nützlich, weil sie uns aus unbewußten Informationen eine Einschätzung von Personen ermöglichen. aus der Gehirnforschung wissen wir, dass Vorurteile im Augenblick entstehen, wo uns einer fremder mensch gegenübersteht.

    Nicht die Vorurteile sind schlecht, sondern deren unkritischen Gebrauch ist das Problem.
    Vorurteile sind gut und häufiger richtig als wir das wahrhaben wollen. Aber man muss jedesmal prüfen, ob die Ausnahme vor einem steht.
    Ihre Berufserfahrung bildet nur diese Zusammenhänge ab.

    Interessant ist, das sie weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, allerdings scheint das mit größerer risikoscheu der Frauen zusammenzuhängen, die sich bei Gehaltsforderungen nicht so weit aus dem Fenster lehnen, bzw. ihr Licht häufiger gern unter den Scheffel stellen.

    In meinem Kollegenkreis verdienten Frauen das gleich wie Männer, allerdings nur weil wir es leid waren die ewigen Klagen zu hören und die Damen angestachelt haben im Personalgespräch ihre Leistungen offensiver zu verkaufen!

    B Grabe

  4. Was haben hohe Absätze, sich Schminken und Kochrezepte bitte mit Weiblichkeit zu tun? Wie Florine bereits klug bemerkte: die beiden konträren Kasten "kochende angemalte, durch Stöckel gehbehinderte Tussi" vs. "jungenhaft oder männlich dominante Graumaus" sind künstlich erzeugt, da ist nichts binär qua Naturgesetz. Eine grobe Vereinfachung. Sind wir da nicht schon längst drüber weg?

    (nebenbei: eine kleine böse Frage: gibt es auch "schlechte" Firmen?).

    • jaffa
    • 27.08.2006 um 1:04 Uhr

    Vielleicht wachen wir ja alle eines schönen Tages auf und haben endlich begriffen, dass Weiblichkeit nichts mit Äußerlichkeiten zu tun hat.

    • ca5
    • 28.08.2006 um 20:35 Uhr

    es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst?
    viele der männlichen kollegen überlegen keine sekunde lang ob sie dem problem, der aufgabe… gewachsen sind. während ich noch überlege: was ist gefordert, wie oft hab ich das schon gemacht, hab ich genug wissen,… verkündet der kollege ohne irgendeinen zweifel locker und lässig "na klar kann ich dass" (auch wenn so mancher dann eigentlich nicht viel "plan" von dem hat, was dann auf ihn zukommt). und dann ist es auch bald klar wer die anspruchsvollen aufgaben abkriegt und dann dabei seie fähigkeiten erweitert.

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