Feminismus »Frauen zahlen für beruflichen Erfolg einen viel höheren Preis«
Die Richterin Gertrude Lübbe-Wolff wünscht sich mehr Männer, die der Familie zuliebe weniger arbeiten
Mir scheint, dass viele Mädchen und junge Frauen heute der Ansicht sind, Chancengleichheit sei ein erledigtes Thema, mit dem sich nur noch uncoole Frauen beschäftigen – Frauen, die Flirtversuche als sexuelle Belästigung betrachten und ihre Begrüßungsreden mit »Liebe Gäste und Gästinnen« beginnen. Warum sollten Frauen sich heute noch benachteiligt fühlen?
Man muss das Ernstnehmen von Problemen, die speziell Frauen betreffen, nicht unbedingt Feminismus nennen – ausgestorben sind solche Probleme aber auch in Deutschland noch lange nicht, von anderen Weltgegenden zu schweigen. Von Chancengleichheit im Beruf zum Beispiel kann nach wie vor keine Rede sein.
Zwar haben die Frauen in Bildung und Beruf mächtig aufgeholt. Während an den Hauptschulen heute Jungen die Mehrheit stellen, sind es an den Gymnasien die Mädchen. Seit Mitte der neunziger Jahre gibt es mehr weibliche als männliche Abiturienten. Im Schuljahr 2004/05 lag der weibliche Anteil bei 56 Prozent. Als ich mich 1991 auf eine Professur für Öffentliches Recht an der Universität Bielefeld bewarb, war von den 19 Lehrstühlen der juristischen Fakultät noch kein einziger mit einer Frau besetzt. Heute sind wir fünf. Als Monika Harms, die erste Frau an der Spitze der Generalbundesanwaltschaft, 1987 berufen wurde, waren von den 120 Richtern beim Bundesgerichtshof nur fünf Frauen. Im vergangenen Jahr waren es von 127 immerhin schon 25.
Gut so. Aber in einem Punkt hat sich wenig geändert: Noch immer sind es vor allem Frauen, nicht Männer, die ernsthafte Probleme haben, wenn sie versuchen wollen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Und zwar umso mehr, je höhere Anforderungen der Beruf an ihre Mobilität und zeitliche Verfügbarkeit stellt. In höheren Positionen, die man meist nur mit Ortswechseln und höherem Zeiteinsatz erreicht, wird der Frauenanteil immer kleiner. Wie in der Justiz: Amtsgerichte – 35 Prozent Frauenanteil bei den Richtern im Jahr 2004. Landgerichte: 32 Prozent, Oberlandesgerichte: 24 Prozent, Bundesgerichtshof: 18 Prozent.
Dabei bietet gerade die richterliche Tätigkeit wegen flexibler Arbeitszeiten noch vergleichsweise familienfreundliche Bedingungen. In der Anwaltschaft etwa sieht es da, wo Geld verdient wird, mit den Arbeitszeiten meist viel weniger günstig aus und folglich auch mit dem Frauenanteil. Nach einer neueren Untersuchung liegt in den befragten führenden deutschen Anwaltskanzleien unter den Partnern der Sozietät – also den Mitinhabern – der Frauenanteil meist deutlich unter zehn Prozent. Verhältnisse also wie in Führungspositionen der Wirtschaft, wo Anteile von elf Prozent im mittleren und fünf Prozent im Topmanagement genannt werden. Der zum Kommentar gebetene Partner einer Kanzlei mit besonders trüber Bilanz – von den 203 Anwälten der Kanzlei sind 41 Frauen, von 73 Partnern aber nur zwei – erklärte dazu, das sei ein »historischer Zufall«. Ein merkwürdiger Zufall!
Frauen haben, statistisch gesehen, für beruflichen Erfolg einen viel höheren Preis zu zahlen als Männer. Wenn sie Kinder haben, müssen sie oft mit einem wesentlich höheren Anstrengungspegel als Männer mit gleichem Familienstand leben. Je asozialer die Arbeitsbedingungen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der noch höhere Preis des Verzichts auf Kinder gezahlt werden muss. Dass Frauen in Führungspositionen in krassem Ausmaß häufiger kinderlos sind als Männer in gleicher Position, ist daher ebenfalls kein Zufall. Wer hier etwas ändern will, muss nicht Frauen fördern, sondern die Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Männer verbessern.
Die Aussichten, dass das geschieht, sind gewachsen, seitdem solche Probleme nicht mehr nur als Probleme von Frauen, sondern auch als Teil des demografischen Problems wahrgenommen werden. Mehr Kinderbetreuungsplätze, familienfreundlichere Arbeitsbedingungen – das alles sind auf einmal politisch kaum noch kontroverse Forderungen. Sogar die alte Erkenntnis, dass das Entstehen von Kindern nicht nur vom Verhalten der Frauen, sondern auch von dem der Männer abhängt, wird allmählich in ihrer ganzen Tragweite erfasst. Dass ausgerechnet der Ruf nach mehr Geburten eines Tages den Frauen weiterhelfen würde, wer hätte das gedacht.
Natürlich geht es nicht nur darum, was gut für Frauen, sondern auch darum, was gut für Kinder und für Männer ist. Glücklicherweise ist das aber letztlich ein und dasselbe.
In meiner Umgebung sehe ich heute mehr junge Väter, die es nicht für maskulin halten, sich dem Familienleben zu verweigern; die souverän genug sind, in ihrer Anwaltskanzlei auf die Viertagewoche zu gehen. Sie sind selbstbewusst genug, um zu glauben, dass sie ausreichend tüchtig sind, um an der Universität oder in ihrem Betrieb auch bestehen zu können, ohne sich völlig auszuliefern – und lebensklug genug, um zu wissen, dass menschliche Beziehungen am besten funktionieren, wenn alle Beteiligten dabei auf ihre Kosten kommen. Sie und ihre Familien wirken entspannt, und vielleicht hält diese Art von Unternehmen ja auch länger als die vielen Ehen, die in meiner Generation gescheitert sind, weil berufliche Ziele zu ängstlich verfolgt wurden und die Bereitschaft, Kompromisse zu machen, zu ungleich verteilt war.
Gertrude Lübbe-Wolff, 53, ist Professorin für Rechtswissenschaften in Bielefeld und seit 2002 Richterin am Bundesverfassungsgericht. Sie hat vier Kinder und ist mit dem Philosophen Michael Wolf verheiratet
- Datum 23.08.2006 - 05:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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