Aus populärwissenschaftlichen Büchern und Journalen erfahren wir heute: Frauen seien sozialer, Männer aggressiver; die einen könnten nicht einparken, die anderen den Mund nicht aufmachen. Die Ursache der Differenzen liege in der Biologie des Gehirns, und das sei schon immer so gewesen.

Mit dem Halbsatz "Wissenschaftler haben festgestellt" beginnen Argumentationsketten, die zeigen sollen, wie die Biologie unser Verhalten und unser Denken geschlechtsabhängig steuere. Gerade als Biologin ist es mir wichtig, mit Hilfe der feministischen Forschung naturwissenschaftliche Theorien kritisch zu beleuchten.

Beliebte Erklärungen für Geschlechterunterschiede liefert die Evolutionstheorie. Der männliche Jäger hat demnach vor Millionen Jahren im Überlebenskampf eine bessere Orientierungsfähigkeit und ein größeres Aggressionspotenzial entwickelt. Die weibliche Sammlerin hingegen habe sich der Kooperation und Sprachentwicklung gewidmet. Selten wird erwähnt, dass in der Evolutionsforschung bis heute darüber gestritten wird, wer wann mit welchen Werkzeugen zu arbeiten begonnen hat und ob die Erfindung der Jagdwerkzeuge der entscheidende Evolutionsschritt zur Menschwerdung war – oder ob nicht die sammelnden Frauen erste Werkzeuge erfunden haben. Es lässt sich nicht entscheiden, welche Theorie stimmt, weder Knochenfossilien noch Steinartefakte oder Tragegefäße beweisen diese oder jene Version. Die Geschlechterforschung zeigt, wie dieselben Befunde gegensätzliche Theorien stützen und manche je nach Passgenauigkeit ausgewählt, andere dagegen weggelassen werden.

Geschlechterunterschiede im Gehirn werden seit 150 Jahren gesucht. Größe und Gewicht des Gehirns dienten dabei lange dazu, die weibliche Intelligenz abzuwerten. Inzwischen geht es eher um geschlechtsspezifische Besonderheiten. Heute können wir mit der Computertomografie Strukturen und Aktivierungen im Gehirn lokalisieren. Frauen seien Sprachkünstlerinnen, ihre Gehirnhälften arbeiteten stärker zusammen, heißt es aufgrund der Ergebnisse solcher Analysen. Männergehirne arbeiteten einseitiger, sie könnten besser räumliche Aufgaben lösen.

Die bildgebenden Verfahren haben enorme Fortschritte in der Medizin ermöglicht. Sie bergen aber Gefahren, wenn sie benutzt werden, um zu generalisieren.