Feminismus »Das Herablassende vieler Männer muss aufhören«

Die Modeschöpferin Gabriele Strehle über weibliche Kleidung, die nie so sexy war wie heute

DIE ZEIT: Die sechziger und siebziger Jahre feierten die Befreiung der Frau mit Minirock und Hippie-Mode, die achtziger standen für starke Schultern – welches Detail in der Mode drückt das aktuelle Lebensgefühl der Frauen aus?

Gabriele Strehle: Die Materialien haben sich extrem verändert und ermöglichen viel mehr Bewegungsfreiheit. Strick und gewebten Stoffen etwa wird ein elastischer Faden beigefügt, der das Material viel feiner und weicher macht. Dadurch lässt sich sehr körpernah schneidern. Kleidungsstücke sind schmaler und zierlicher, die Körperformen werden klarer herausgearbeitet. Ein Armloch ist höher und enger geschnitten und wegen der neuen Stoffe trotzdem elastisch. Heute kann man sogar in einer klassischen weißen Bluse sexy aussehen.

ZEIT: Steht so eine Bluse für das Selbstbild von Frauen, die sowohl attraktiv als auch beruflich erfolgreich sein wollen?

Strehle: Ja. Das ist in meinem eigenen Leben übrigens nicht anders. Ich hatte nie ein Problem damit, zu kochen und gleichzeitig meinen strapaziösen Beruf zu meistern.

ZEIT: Die Mode war noch nie so feminin wie heute. Was sagt uns diese neue Weiblichkeit?

Strehle: Die Mode drückt ein großes Selbstbewusstsein aus. Frauen fühlen sich wohl in ihrer Rolle und in ihrer Haut und tragen daher eine sehr körperbetonte Mode. Sie kleiden sich freier. Früher gab es ein strengeres Diktat, heute ist Mode viel persönlicher geworden. Ähnlich individuell wie die Frauen zu leben versuchen.

ZEIT: In ihrem Extrem führt die körperbetonte Mode zur Sanduhr-Silhouette aus den fünfziger Jahren. Zeigt sich da nicht ein Backlash?

Strehle: Überhaupt nicht. Denn damals gab es strenge Regeln – heute ist es ein Spiel mit unterschiedlichen Möglichkeiten. Für mich waren die ausgestopften Schultern der achtziger Jahre die größte modische Fehlentwicklung. Sie waren Ausdruck eines künstlichen Selbstbewusstseins; man wollte der Männerwelt lautstark und mit einer großen Kraftanstrengung ebenbürtig sein. Diese Körperferne finde ich heute abstoßend. Das musste zwangsläufig in die Neue Weiblichkeit der Jahrtausendwende münden. Heute müssen Frauen nicht mehr männliche Attribute imitieren, weil sie sich ihrer eigenen Stärken bewusst sind.

ZEIT: Wozu lohnt es sich noch zu kämpfen, was muss ein neuer Feminismus erreichen?

Strehle: Das Herablassende vieler Männer, vor allem in der Politik, muss aufhören. Und es wird aufhören, wenn wir Frauen unser weibliches Selbstbewusstsein weiterentwickeln; einfach weitergehen auf dem Weg, auf dem wir bereits sind.

Gabriele Strehle, 55, kreierte die Modemarke Strenesse. In der Nördlinger Firma arbeitet sie im Team mit ihrem Ehemann, die beiden haben eine Tochter

 
Leser-Kommentare
  1. ich hatte gabriele strehle angeklickt, weil ich mir dachte, dass sie mit ihren 55 jahren den besten durchblick hat. weit gefehlt! die körpernahen lümpchen, die so sexy wirken - ach bitte, haben wir nicht andere kriterien!!!???
    emanzipation hat etwas mit intelligenz zu tun, mit eigenständigkeit, politischer und sozialer kompetenz.
    ich lege auch wert auf kleidung - auf meinen ganz persönlichen eigenen stil und der ist nicht 'hautnah', der lässt mir platz zum atmen, der will auch keine männer mehr anmachen.ich weiss, welche ich bin, das ist ein langer weg. als modeschöpferin braucht g. st. ein unbedingt neues konzept, für gleichaltrige und emanzipierte frauen.
    macht euch auf den weg...

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  • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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  • Schlagworte Feminismus | Familie und Partnerschaft | Mode | Selbstbewusstsein
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