Feminismus

"Magersüchtig und modeversessen"

Die Köchin Sarah Wiener fordert selbstbewusstere Frauen – und ein Ende der Schönheitsoperationen

Es gibt eine neue Norm, welche Art von Weiblichkeit erwünscht ist: jung oder auf jung operiert, stehende Plastikbrüste, langmähnig, zumindest kein Kurzhaarschnitt. Blond wird immer noch gern genommen. Magersüchtig, perfekt geschminkt und modeversessen. Es gab noch nie so viele Essstörungen.

Wie wir mit unserem Körper umgehen, ist sehr bezeichnend für den Grad der Emanzipation. Simone de Beauvoir hat gesagt, man erkenne ihn an der Höhe der Schuhe.

Ich könnte heulen, wenn mir junge Mädchen erzählen, dass sie zu stark sind, um einen Freund zu haben. Wenn sie in vorauseilendem Gehorsam davon ausgehen, dass Jungs netten, sanften Mädchen vor eigenständigen Querulantinnen den Vorzug geben. Wenn sie von ihren Müttern hören: »Kind, verschreck ihn nicht.« Oder das Gefühl haben, sie seien zu viel.

Das kenne ich nämlich gut. Für mich war das immer ein Thema. Ich fand mich zu groß, zu laut, zu burschikos, zu männlich. Oder zwei Kilo zu dick, immer. Da bin auch ich ein Kind meiner Zeit. Das hatte bei mir viel mit ungenügendem Selbstwertgefühl zu tun. Eine Zeit lang – aber für die meisten Frauen zieht sich das durch das ganze Leben. Man ist zu viel. Ich kenne keinen einzigen Mann, der das von sich behaupten würde.

Ich denke, dessen müssen die Frauen sich bewusst werden: was sie für ein Leben führen, wenn sie sich freiwillig die Nasen brechen lassen und behaupten: Ich mach’s ja nur, weil ich mir selbst gefallen will. Da kann ich nur grinsen. Das ist dasselbe, wie wenn muslimische Frauen verschleiert aus dem Haus gehen, weil sie es nicht anders wollen.

Schamlippenoperationen gab es vor zehn Jahren noch nicht. In den Medien geht es immer öfter um den weiblichen Körper, um Fett absaugen, Fett aufspritzen. Es sind Frauen, die diese Standards mitbestimmen und unterstützen. Gibt es kein wichtigeres Thema für uns?

Sarah Wiener, 44, steht am Herd: Im Fernsehen und in drei eigenen Berliner Restaurants

 
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Leser-Kommentare

    • 24.08.2006 um 16:22 Uhr
    • Anonym
    1. \N

    "Ich fand mich zu groß, zu laut, zu burschikos, zu männlich. Oder zwei Kilo zu dick, immer. Da bin auch ich ein Kind meiner Zeit. Das hatte bei mir viel mit ungenügendem Selbstwertgefühl zu tun."

    Genau das ist das Problem, die Frage ist warum besonders in Deutschland das Selbstwertgefühl junger Frauen so beschädigt war undmanchmal noch ist?
    Die Männer waren es glaube ich nicht, eher die Vorstellungen und Ideologie einer älteren Generation, denn vor allem Mütter haben diese Vorstellung transportiert.

    Gesellschaften ändert man durch Erkenntnis über die Generationen, nicht durch Schuldzuweisungen oder Sündenböcke, denn bestimmte "Männertypen" gehen auf dieselben engstirnigen Einflüsse zurück.
    Wer seine unfreiwillige Basis leugnet, radikale Änderung verlangt, kommt immer nur zum Anfang zurück.

    B Grabe

  1. Nach 30 Jahren Berufstaetigkeit bin ich zum Fazit gekommen dass Frauen immer in Konkurrenz miteinander stehen,die nichts mit der Arbeit zu tun haben,eher wie Feindinnen.Wenn jemand befoerdert wird dann finden Kolleginnen daran etwas zu bekritteln.Es wird immer gespottet dass Maenner ihre Netzwerke haben aber Frauen sollten aehnliche Einrichtungen haben um sich gegenseitig zu helfen nicht um es anderen schwer zu machen.Frauen halten sich selber zurueck.

  2. In der Tat: die gegenseitige Unterstützung der Frauen ist leider wirklich manchmal sehr mangelhaft.

  3. Ich glaube die meisten Frauen die Schoenheits Ops machen lassen werden auch nach der OP genauso unsicher sein wie vor der Op,denn der wirkliche Schoenheitsfehler ist im Kopf und den kann auch keine OP oder Botox kurieren.

  4. oh, sarah, wann kochst du mal für mich?!!
    du sprichst mir aus dem herzen. es ist sicher nicht leicht, sich in jungen jahren den zeichen der zeit und den sich darin befindenden geschäftemachern zu entziehen. sie erkennen nicht, dass sie sich immer weiter von sich selbst entfernen, mit jeder diät, mit jeder op. sie erfahren nie, welche sie wirklich sein könnten und verbauen sich auch die chance dafür.
    ich bin 67, war immer um die 55 kilo, wollte gern m e h r
    sein. heute bin ichs - mit 75 kilo idealgewicht fühle ich mich körperlich viel besser. leger gekleidet bin ich auch für andere mehr. aber selbstbewusstsein erhält frau, wenn sie sich mit der weisheit und nicht mit den kilos herumschlägt. schlau sein imponiert - magersein ist abartig.

  5. Man siehts mal wieder: Frauen können Männer einfach nicht verstehen...
    Natürlich hat Fr. Wiener niemals einen Mann kennengelernt, "der sich zu viel war" (oder so ähnlich)...
    Ja, aber vielleicht einen, der sich zu wenig war! Ich bin relativ klein und wurde schon in der Schule von meinen Mitschülern und, was schlimmer war, von den Mitschülerinnen und auch von den Lehrern damit aufgezogen. Wie oft wollte ich groß sein und habe dafür hohe Schuhe angezogen, viel gefressen (davon wurde ich aber nicht groß, sondern nur dicker) und alles getan, was helfen sollte. Half natürlich alles nix, und heute ist´s auch (fast) egal. ich bin halt so, wie ich bin.
    Männer und Jungen quält es nun mal, wenn sie klein sind!
    Aber sich auch mal in diese Situation hineinzuversetzen, bringen die ach so sensiblen Frauen a la Wiener nicht fertig!
    Grüße!

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  • Von Sarah Wiener
  • Datum 14.4.2008 - 06:24 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
  • Kommentare 6
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  • Schlagworte Gesellschaft und soziales Leben |
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