Feminismus

»Wir kämpfen gegen die permanente Charme-Erwartung«

Die Journalistin Anne Will über eine optische Täuschung: Im Fernsehen stehen Frauen im Vordergrund – auf den Chefsesseln im Hintergrund sitzen Männer

Die Geschichte ist 20 Jahre alt: 1986, eine kleine Lokalredaktion in der Nähe von Köln, in der ich damals als freie Mitarbeiterin arbeitete. Ich sitze da mit vier Kolleginnen, die Tür geht auf, ein Endfünfziger kommt rein und fragt allen Ernstes: »Keiner da?« Fassungslose Stille. Schließlich steht die Redaktionsleiterin auf und fragt, ob sie helfen könne (obwohl wir finden: dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen).

Heute würden wir diese Geschichte wohl kaum genauso erleben. Wenn dieser Mann noch lebte, würde selbst der mittlerweile Endsiebziger vermutlich wenigstens grüßen, wenn er einen Raum mit fünf Frauen betritt. Und er wüsste vermutlich sogar, dass diese Frauen dort nicht auf ihre Chefs warten, sondern selbst Chefinnen und Redakteurinnen sind.

Zumindest vordergründig, so meine ich, auf der symbolischen Ebene, hat sich manches verändert. Das Fernsehen ist ein Teil davon. Fernsehen ist – das sage ich ganz ohne jeden Kulturpessimismus – im wesentlichen Vordergrund. Und: Der ist voll von weiblichen Gesichtern. Alle wichtigen Nachrichtensendungen werden auch von Frauen moderiert. Für viele politische Talkshows gilt Gleiches. Kein Fernsehsender kann auf Frauen in der Sportberichterstattung verzichten, kann es sich gar erlauben, zu einer ausgewachsenen Fußballweltmeisterschaft zu fahren, ohne nicht mindestens eine Frau mitzunehmen. Das Bild, dass das Fernsehen uns vermittelt, zeigt: Frauen finden statt.

Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der FAZ, sieht darin gleich eine »Männerdämmerung« und hat Angst vor der weiblichen Machtübernahme in der Medienindustrie. Er kann beruhigt werden.

Vordergrund – Sie ahnen es – ist nicht Hintergrund. Frauen haben zwar den Bildschirm prominent erobert, nicht aber die Chefsessel. Wie überall sonst auch besetzen Frauen in den Fernsehanstalten nur einen äußerst kleinen Teil der Führungspositionen. Bei der ARD gibt es eine Chefredakteurin und eine Intendantin. Eine von jeweils elf.

Unser Produkt sind vordergründig Bilder und hintergründig Inhalte. Wir Moderatorinnen sind verdammt oft im Bild und damit unübersehbarer Teil des Vordergrunds.

Unsere eigentliche Arbeit ist aber journalistischer Hintergrund. Den dürfen wir aber nur so lange präsentieren, wie die »Verpackung« stimmt. Sie muss selbstverständlich schön geschminkt und frisch gekämmt sein, wenn’s geht, auch noch einigermaßen gut aussehend und: nicht zu alt. Daran hat sich auch mit der größeren Zahl an Frauen auf dem Bildschirm und den anspruchsvollen Formaten, die sie moderieren, nichts geändert. Wir haben eben noch keine Barbara Walters, die in den USA mit fast 77 Jahren immer noch moderiert und immer noch aufsehenerregende Interviews führt. Im deutschen Fernsehen gibt es fürs weibliche Älterwerden nach wie vor kein role model .

Im Übrigen auch nicht dafür, ob und wie Frauen knallharte Interviews führen dürfen. Bei uns wird ohnehin zaghafter gefragt als etwa im angelsächsischen Raum.

Frauen kämpfen aber zusätzlich noch mit einer permanenten Charme-Erwartung. Hartes Nachfragen wird bei Frauen sehr schnell als zickig, als ungehörig, ja als unverschämt empfunden. Und je weniger Jugendlichkeit in ihrem Gesicht aufblitzt, umso schwieriger wird es für sie und umso erboster werden die E-Mails der Zuschauer (sehr viel seltener: der Zuschauerinnen) am nächsten Tag.

Was tun? Wahrscheinlich bleibt nur: Festsetzen! Weitermachen! So lange, bis sich nicht nur symbolisch das Bild unseres Mediums zugunsten der Frauen verändert hat, sondern manche von uns alt und grau geworden sind – auf dem Bildschirm und im Chefsessel.

Anne Will, 40, moderiert seit 2001 die ARD-»Tagesthemen«. Ihre journalistische Laufbahn begann sie noch während ihres Studiums bei der »Kölnischen Rundschau«. 1999 wurde sie als Moderatorin der »Sportschau« bundesweit bekannt

 
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Leser-Kommentare

    • 24.08.2006 um 9:32 Uhr
    • SMunk

    Kein Mensch oder auch Mann unter vierzig wird es sich heute noch ernsthaft leisten können, Frauen bewußt mit einer machohaften Attitüde zu begegnen, zumindest dann nicht,wenn man sich auf der Ebene der besseren Bildungsniveaus und damit Berufschancen befindet.

    Von daher ist die Benachteiligung von Frauen aus meiner Sicht in einer zweifachen Dimension zu sehen.

    Schlecht ausgebildete Frauen bleiben oftmals auf dem Traum vom Mann, der sie ökonomisch weiterbringt sitzen und haben im realen Arbeitsleben mit ebenfalls schlecht qualifizierten Männern nur wenig Chancen, weil männlicher Chauvinismus im Grossen und Ganzen umgekehrt proportional zu den eigenen männlichen Fähigkeiten ausagiert wird und in diesen Schcihten am stärksten gelebt wird.

    Angesichts der gesamtwirtschaftlichen Probleme am Arbeitsmarkt wid die Situation im Arbeitsleben für Frauen mit einfachen Qualifikationen immer schwieriger und eben auch wieder in Richtung auf eine adäquate Bezahlung ungleicher.

    Mich persönlich interessiert aber natürlich mein eigenes Bildungssegment. Frauen haben in den Dienstleistungsberufen bei Banken, Versicherungen, im Journalismus und in der Politik schon Positionen errungen.

    Das man eine intensive und karriereorientierte Auffassung bezüglich des Berufes nicht mit einer Familie koppeln kann, ist aber eine Binsenweisheit für Frauen und Männer, es sei denn ein Partner tritt freiwillig aus diesem Zyklus aus.

    Wer geschlechtsunabhängig wirklich ein Familienleben haben will, muss dafür vor allen Dingen auch viel Zeit reservieren.Kinder brauchen persönliche Zuwendung und dürfen nicht zu einem nice-to-have weiblicher Lebensträume werden.
    Die reale Bedeutung für die Gesellschaft, die in der Kinderaufzucht liegt, wird immer noch nicht hinreichend anerkannt. Ohne Kinder keine neue Generation von Bürgern und das Absterben der Gesellschaft in mittelfristiger Dimension.

    Kinder, und nur dadurch ist eine Familie gekennzeichnet, brauchen, meiner Meinung nach, in den ersten Lebensjahren die Mutter mehr als den Vater. Eine Form von Bindung, die ich in der Symbiose im Mutterleib während der Schwangerschaft, begründet sehe.

    Karriere und Machtausübung sind heute gerade auch für Männer schwieriger zu erreichende Ziele geworden. Lebensentwürfe, die beides unter einen Hut bringen wollen, Familie und Karriere müssen nach einem Gleichgewicht häuslicher und beruflicher Interessen suchen, dass nur in der individullen Partnerschaft frei ausgehandelt werden kann.

    Dazu muss im Verhältnis der Geschlechter mehr Kommunikation stattfinden und man muss sich gegenseitg konstruktiver und offener begegnen. Gesamtbewegungen wie der Feminismus werden dagegen der heutigen Individualität der Lebensformen nicht mehr gerecht. Generalisierungen im Verhältnis der Geschlechter sind eher kontraproduktiv, weil sie Rollenklischees befördern, die individuelle Freiheit unnötig einschränken.

    Vegessen wird in der Diskussion auch, dass derjenige, der heute noch Arbeit hat, in ganz anderer Weise gefordert wird als früher und die Angst vor Arbeitsplatzverlust und sozialem Abstieg auch für Männer etwas vollkommen Reales und das Denken Determinierendes ist. Der Kampf um die Plätze an der Sonne ist härter geworden und ich habe den Eindruck, dass Frauen diese Härte nicht dauerhaft aufbringen wollen.

  1. Zur Stellungnahme von Anne Will: ‚Im deutschen Fernsehen gibt es fürs weibliche Älterwerden nach wie vor kein role model.’
    - Schlecht so, denn es existiert also wohl- in den Köpfen- ein Bild von ewiger Jugend, das ebenso wenig realistisch wie zeitgemäß ist, das aber, weil als ‚öffentliche Meinung’ diffus und unterschwellig wahrgenommen und stillschweigend akzeptiert das Selbstbild und die Rollenerwartungen der sich in den Medien präsentierenden Frauen – und Männer (!)- zu definieren scheint. Hier ist es Zeit dies öffentlich zu benennen, zu diskutieren, bewusst zu machen. In diesem Sinne verstehe jedenfalls ich dieses Statement.
    - Gut so, denn ein fehlendes Rollenmodell bedeutet auch, es gibt keine Vorschrift, kein klares Bild wie Frau- und Mann (!)- sich älter werdend in den Medien zu präsentieren haben. Somit bleibt es weiterhin jeder- und jedem- selbst überlassen, wie sie mit ihrem Alter umzugehen, es zu akzeptieren oder zu verleugnen hat. Darin liegen die Chance der persönlichen Freiheit und auch die Verantwortung, diese Freiheit zu nutzen und sich selbst gerecht zu bleiben, ohne sich unter Verleugnung der eigenen Persönlichkeit einer wie auch immer wahrgenommenen ‚öffentlichen Meinung’ – einschließlich der ‚Schweigespirale’ im Sinne von Elisabeth Nölle- Neumann – zu unterwerfen.
    Fest steht wohl, wir werden alle älter, jeden Tag um einen Tag, jedes Jahr um ein Jahr, wir alle, bis zu unserem Tod. Die bewusste Wahrnehmung dieser offensichtlichen Binsenweisheit sollte unseren Blick klären für die Dinge des Lebens – auch in den Nachrichten-, sie kann uns zu mehr Solidarität verhelfen- in einer insgesamt älter werdenden Gesellschaft- und uns vor Täuschungen durch eine allzu glatt geschminkte Oberfläche bewahren. Nicht die Verpackung ist die Botschaft, sondern der Inhalt. Der Dialog ist wieder einmal eröffnet, mit Frank Schirrmacher und Eva Hermann auch innerhalb der Medien. Er kann uns allen weiterhelfen. Wir ‚Konsumenten’ haben auch ein Recht darauf…
    In diesem Sinne: ‚ Festsetzen! Weitermachen!’ Anne Will und alle anderen, die sich – ehrlich- mit sich selbst und ihrer Aufgabe auseinandersetzen. 40 Jahre sind ein gutes Alter dafür, finde ich. Und bis 77 (Barbara Walters) ist noch eine Weile hin. Die Chefsessel laufen nicht davon.
    Übrigens: Angela Merkel hat diese Freiheit der Selbstdefinition in ähnlicher Weise für sich eingefordert, es gibt nämlich kein Rollenvorbild für eine Bundeskanzlerin…

    • 26.08.2006 um 14:28 Uhr
    • ksai
    3. @SMunk

    "Mensch oder auch Mann" - soll das witzig sein? Sprechen Sie Männern die Menschenwürde ab, oder wie?

    Genau dieser eigentlich faschistoide Slang ist es der aufstößt, woimmer Frauen über Emanzipation reden. Was soll das? Sind Sie ncoh ganz bei Trost?
    Man hat in dieser Beziehung jeglichen Kontakt zur Realität verloren.
    Für weite Kreise der Frauenschaft bedeutet Emanzipation heute doch ein Lizenz zum Diffamieren. Nicht nur dort schimpfen wo es Not tut sondern im Zweifel auch einfach Mal sich sadistisch ausleben.
    Das ist ärgerlich. Zumal es in der Regel die falschen, weil ohnehin schwachen trifft.
    Es ist die Umkehrung des alten Klischees des Mannes, der nach frustriertt von der Arbeit nach Hause kommt und seine Wut dann an seiner Frau auslässt.

  2. ... dominiert zwangsläufig der Vordergrund. Die ARD und ihre Tagesschau sind doch sowieso die institutionalisierte Belanglosigkeit. Auch wenn man die Tagesthemen ein wenig tiefer gehen lässt als die 20 Uhr Tagesschau, so haben sie doch die gleiche Wirkung wie Beruhigungsmittel im Leitungswasser.

    Mir ist keine Aussage oder Frage von Frau Will in Erinnerung, die mich dazu verleiten könnte, sie zurückzufordern, falls sie durch eine jüngere Kollegin ersetzt würde. Ganz anders Marietta Slomka, die schon so manchen Politiker mit einer gezielten Gegenfrage in Verlegenheit gebracht hat.

    Deutscher Journalismus hat sich noch nie durch besondere Qualität hervor getan, da bleibt nur die Fassade. Übrigens sah Sabine Christiansen bei ihrer letzten Sendung auch im Gesicht ganz schön alt aus, von ihrer journalistischen Fähigkeit ganz zu schweigen. Eher werden DIE Frauen in den visuellen Medien bevorzugt als benachteiligt. Welcher inkompetente Mann hätte sich solange auf dem Stuhl von Frau Christiansen halten können?

    Die einzigen Frauen, die hinreichend intelligent sind, als das man sie sich noch ansehen möchte wenn sie alt und hässlich sind, wären Charlotte Roche und Sarah Kuttner. Die ganzen Nachrichtensprecherinnnen, Wetterfeen und Politikjournalistinnen können von mir aus sofort durch Männer ersetzt werden.

  3. ... interessant auch die automatismenhafte Gleichsetzung von alt = hässlich ("alt und hässlich" in einem Schrift- bzw. Atemzug). Herrje.

    Und, um es nochmal hervorzuheben: sich nackt ausziehen (können) = selbstbewusst = intelligent. YES. Genau getroffen!

  4. 15 Frauen, von denen die meisten beruflich dort stehen, wo viele hinwollen, es aber nur wenige - Männer oder Frauen - schaffen, schreiben über die Notwendigkeit eines neuen Feminismus. Warum? Die Tatsache, dass sie Frauen sind, hat ihnen doch offenbar nicht verwehrt, dorthin zu gelangen.

    Zumindest bei Anne Will scheint die Motivation überdeutlich zwischen den Zeilen durch: Es handelt sich um ein öffentliches Bewerbungsschreiben. Damit das niemand missversteht, nennt sie gleich die Positionen, in denen Frauen noch besonders unterrepräsentiert sind: Chefredakteurin und (Fernziel) Intendantin. Nicht das Sein, sondern das Werden-Wollen bestimmt das Bewusstsein...

  5. und sie beide bleiben Argumente schuldig, bzgl. Ihrer Eignung dafür. Nur Als Gentleman, werden Sie jetzt sicherlich keine Gegenargumente nennen, wo sich die Dame nicht wehren kann.

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  • Datum 23.8.2006 - 03:17 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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  • Schlagworte Gesellschaft_und_soziales_Leben
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