Feminismus »In der Direktion ist mir keine Frau bekannt«

Die Betriebsrätin Gaby Wittig berichtet, warum bei Schlecker Frauen an der Kasse sitzen und Männer Karriere machen

DIE ZEIT: Laut dem Gleichstellungsbericht der EU-Kommission geht die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen in Deutschland wieder auseinander. Arbeitsmarktforscher sagen, das liege vor allem daran, dass es mehr Niedriglohnarbeit gibt, die vor allem von Frauen gemacht wird. Was machen die Männer richtig, Frau Wittig?

Gaby Wittig: Sie gehen nicht in Geringverdienerverhältnisse. Selbst Ungelernte bekommen in der Industrie mehr als im Handel. Wenn Männer bei Schlecker anfangen, dann schon gar nicht in Teilzeit. Ich bin jetzt seit 24 Jahren bei Schlecker und habe noch nicht erlebt, dass sich ein Mann bei uns um eine Teilzeitstellung beworben hätte.

ZEIT: Wieso tun es dann die Frauen?

Wittig: In meinem Bezirk sind 164 Mitarbeiterinnen, außer den ganz jungen Frauen haben eigentlich alle Kinder. Etwa die Hälfte ist alleinerziehend. Von denen muss vielleicht noch mal die Hälfte den Lebensunterhalt alleine verdienen.

ZEIT: Wie viele Frauen arbeiten Teilzeit?

Wittig: Von den 164 Mitarbeiterinnen in meinem Bezirk arbeiten nur 37 voll.

ZEIT: Wer Teilzeit arbeitet, dessen Berufslaufbahn gilt im Allgemeinen als beendet.

Wittig: Auch bei uns. Das führt zu einer eigenartigen Hierarchie: Je höher man kommt, desto weniger Frauen sind dabei. Die Verkäuferinnen sind zu 100 Prozent Frauen. In der Bezirksleitung ist es vielleicht halbe-halbe, in der Verkaufsleitung sind wir schon in der Unterzahl, und in der Geschäftsführung kenne ich nur eine einzige Frau, und die arbeitet in Holland für unser Unternehmen. Ende. In der Direktion ist mir keine Frau bekannt.

ZEIT: Wie viel verdient eine Verkäuferin?

Wittig: Eine ungelernte Vollzeitkraft verdient brutto 1188 Euro für 37,5 Stunden. Eine gelernte Verkäuferin bekommt 1981 Euro. Maximal. Viele ernähren davon sich und ihre Kinder.

ZEIT: Wie geht das?

Wittig: Man kauft nur noch Dinge ein, die im Angebot sind, und verzichtet eine Weile auf den Friseur. Ich habe eine Kollegin, die übernimmt Kleider von anderen. Von einer weiß ich, dass sie seit zehn Jahren nicht mehr in Urlaub war. Eine andere fragt: Kann ich mal eine mitrauchen?

ZEIT: Mit welchen Sorgen kommen die Frauen zu Ihnen?

Wittig: Streitereien unter den Kolleginnen. Zukunftsangst. Ist unser Job gesichert? Gibt es eine Filialschließung; kann es sein, dass es mich trifft? Was passiert, wenn Stunden gekürzt werden; ich kann’s mir finanziell nicht mehr erlauben? Das häufigste private Problem: Ich würde ihn gerne verlassen, aber wovon lebe ich dann?

ZEIT: Jetzt mal ganz hart gefragt: Sind die Frauen nicht auch selbst schuld, wenn sie überhaupt eine Ausbildung zur Verkäuferin anfangen?

Wittig: Wir haben Kolleginnen mit Abitur, die hier arbeiten, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen. Viele sind eigentlich gelernte Drogistinnen, andere könnten als ausgebildete Einkäuferinnen im Kaufhaus Verantwortung übernehmen und mehr verdienen. Aber das tun sie nicht, weil die Anfahrtswege zu einem besseren Arbeitsplatz zu lang sind. Weil sie möglichst nah bei den Betreuungsorten ihrer Kinder bleiben müssen.

ZEIT: Das heißt: Damit es den Frauen besser geht, müsste sich nicht nur bei Schlecker etwas ändern, sondern auch bei den Männern?

Wittig: Das Hauptproblem sehe ich zu Hause. Viele Frauen würden gerne in Vollzeit arbeiten, aber es geht zeitlich nicht. Da müsste der Mann mehr ins Boot genommen werden und die Frau unterstützen. Ein Mann muss nicht nur nach Hause kommen und erwarten, dass alles für ihn bereitsteht. Der ist kein besonderes Geschöpf. Trotzdem verhalten sich viele so.

ZEIT: Das heißt, die Gleichberechtigung ist bei denen nicht angekommen?

Wittig: Doch, doch. Jeder Mann findet es schön, wenn die Frau selbstständig ist. Nur nicht bei der eigenen.

Gaby Wittig, 45, arbeitet seit 24 Jahren beim Drogeriemarkt Schlecker in Dortmund. Sie ist dort Verkaufsstellenverwalterin und Betriebsrätin und engagiert sich außerdem in der Gewerkschaft ver.di. Gaby Wittig ist Witwe und hat einen erwachsenen Sohn

 
Leser-Kommentare
  1. sehr idealistisch... Aber gut, sie haben vollkommen Recht, Ihre Meinung sollte mich in der Tat nicht interessieren, entschuldigen Sie, dass ich nachgefragt habe.

  2. Ich arbeite zufällig in dieser Branche, aber das man da so toll teamfähig ist, gutes Miteinander und gegenseitige Unterstützung, optimale Arbeitsbedingungen für Frauen (besonders die mit Kind: Kundenbesuche, etliche Überstunden in zeitlich zu eng geschnittenen Projekten), und man als Frau so wahnsinnig ernst (und nicht nur als die kleine IT-Hilfskraft gesehen wird) genommen wird, ist mir jetzt gar nicht aufgefallen. DAs mag von Arbeitgeber zu Arbeitgeber unterschiedlich aussehen, allgemein gelten Informatiker aber nicht als die sozial kompetentesten in unserer Gesellschaft (Ausnahmen bestätigen natürlich auch die Regel). Ich muss meinen Kollegen wirklich alles aus der Nase ziehen (und selbst dann kriege ich häufig nur halbe Informationen), manches kriege ich auch nur zufällig mit... Und übrigens: in Indien sind sehr viele Frauen als Programmierer beschäftigt, man kann also nicht allgemein behaupten, Frauen seien zu dämlich zum logisch-abstrakten Denken. Die Männer in Indien hatten am Anfang erst etwas den Anschluss verpasst, weil sie dachten, Programmieren wäre nur so ein Herumgetippe auf der Tatstatur und nur etwas für Frauen.

  3. Aber ehrlich gesagt habe ich jetzt noch nicht gehört, dass Firmen händeringend nach weiblichen Informatikern suchen.
    Klar, wenn eine ganz gut ist, nehmen sie die wohl auch, aber dass sie bewusst nach Frauen suchen?!
    Sicher gibt es in der Informatik nicht nur Reisejobs, ich kenne eine Informatikerin, die in einer Beratungsfirma seit Jahren arbeitet und nicht auf Reisen geht. Tendenziell kann man aber wohl sagen, dass es ein Beruf ist, wo es nicht nur ruhig und locker zugeht.

    Ich vermute, viele Frauen und Mädchen haben nach wie vor nicht den rechten Mut, sich auch mal in dieses Feld zu wagen. Da sind Bremsen, die auch noch in den eigenen Köpfen stecken von wegen 'kann ich als Frau wirklich so gut mit Zahlen und Technik umgehen wie ein Mann?'. Auch bei meinem ersten Physikunterricht hatte ich auch eher im Kopf, dass das nur ein Jungenthema ist und die das eh besser können. Damit blockiert man sich auch ganz gut selbst, und geht an dieses Thema mit mehr Unsicherheit, Vorbehalten und geringerer Motivation dran. Vielleicht liegt es daran, dass deswegen Mädchen von reinen Mädchenschulen eher Physik und Mathe studieren. Die stehen sich nicht selbst im Weg....

  4. Ich habe nur etwas Einblick in die Einstellungspraktiken von 3 Firmen bekommen (weil ich die Chefs kenne oder für sie gearbeitet habe). Aber ich kann von allen sagen, daß sie bei gleicher Qualifikation lieber die Frau nehmen, und daß die Frau auch liber zum Einstellungsgespräch geladen wird. Trotzdem sind es immer nur so wenige, daß ich noch in keinem Projekt mit einer Frau in technischer Funktion gearbeitet habe. Als Designer, als Manager, als Koordinierer, als Buchhalter, und natürlich die allgegenwärtigen Assitentinnen. Alles gehabt. Und es gibt solche und solche natürlich.

    Dieses "sich selbst im Weg stehen" gibt es bei Männern natürlich auch. Aber dort scheint die Einstellung "Ich will das jetzt machen, also mach ich das jetzt." sehr viel weiter verbreitet zu sein. Und das ist natürlich eine Frage der Erziehung. Aber wenn sich Frauen beschweren, daß sie nur zum "Kinder erziehen" abgestellt werden, wo sind dann die ganzen Mädchen und Frauen, die erzogen wurden, selbst ihren Weg zugehen? Alles was ich sehe sind viele Mädchen und Frauen die nicht mal selbst Kochen und Haushalt führen können. Als wenn nicht in der Lage sein, sich selbst zu versorgen ein Schritt, in mehr Unabhängigkeit wäre.

  5. 5. @stein

    ist natürlich übertrieben, daß es keine Freuen mehr gibt, die einen Haushalt führen können. In meinem Engeren Bekannten und Freundeskreis kenne ich keine, die das nicht kann. Ist mir aber aufgefallen, daß es das immer häufiger gibt, und zwar insbesondere da, wo besonders laut nach Gleichberechtigung gerufen wird.

    Zum Studium unter Männern, oder ohne Vorbilder. Es gibt inzwischen auch einige Studiengänge, in denen es mehr Frauen als Männer gibt, und die beschweren sich ja auch nicht (und wenn sie es tun, dann fallen sie eigentlich zurecht durch).
    Und Neuland betreten ist immer ohne Vorbilder. Wenn man das will, dann darf man sich nicht beschweren, wenn es keine Vorbilder gibt. Man muß es vielmehr als Chance sehen, seine eigenen Regeln abstecken zu können.

  6. Abhängig ist man ja nur von seinen eigenen Bedürfnissen. Und um von einem Bedürfnis unabhängig zu werden heißt es entweder selbst in der Lage zu sein es selbst zu befriedigen, oder das Bedürfnis loszuwerden. Und ich habe nicht das Bedürfnis mit weißem Handschuh über meine paar Möbel streichen zu können, ohne daß es grau wird.

    Nun zu was Feministinnen tun sollten. Kann ich hier nur kurz anreißen, weil das ja selbstverständlich in die gesamte GEsellschaft eingbettet ist. Erst einmal sollte amn aufhören Frauen, die nach eigenen Vorstellungen leben wollen, als etwas besonderes anzusehen. (zu einem gewissen tut das der Begriff Feministin ja schon) Aber das ist eher nebensächlich.
    Ansosnten gibt es 2 Aspekte: den gesellschaftlichen und den individuellen.
    Zum gesellschaftlichen. Wenn versucht wird Gleichberechtigung in der Arbeitswelt herzustellen, dann halte ich das für eine Sackgasse. Ist zwar immer noch ungerecht wie es zur Zeit zugeht, aber die aufgabe von Kapitalismus ist ja auch nicht Gerechtigkeit. Viel wichtiger ist aber, daß die Arbeitswelt ein Auslaufmodell ist (Studie vor kurzem zeigte, daß nur für 39% der Bevölkerung Arbeit als Hauptainnahmequelle haben ... und da sind noch 6 Mio. Staatsangestellte und beamte dabei, d.h. nur etwa 25% trägt zur Wirtschaft bei, und es wird immer weniger. Und Deutschland ist immerhin eines der wirtschaftich stärksten Länder). Also halt ich es für überflüssig, langfristig für Anteile von etwas zu kämpfen, daß sich langfristig überleben wird. Und alte Hierarchien aufbrechen (d.h. bestehende Konzerne) ist mühsamer als neue aufbauen. Aber Neugründungen in (insbesondere in Wachstumsbranchen) sind immer noch Hauptsächlich von Männern. Und bei Neugründungen kann man nicht von blockierenden Hierarchien sprechen.
    Ok, war nur kurz. Jetzt der individuelle Aspekt. Man sagt ja Frauen soziale Kompetenz nach (Klischee, Entschuldigung). Ich sage ja lieber Gefallsucht, d.h. es allen recht machen, für alle attraktiv sein. Aber ohne mal jemandem auf die Füße zu treten, sich Feinde zu machen, kann man sich nicht durchsetzen. Kurz: nicht für die Sache der Frauen kämpfen. Männer sind nicht dominant geworden, weil sie für die Sache der Männer gekämpft haben. Sie sind dominant geworden, weil viele Männer für sich selbst gekämpft haben.

  7. wahrscheinlich hängen viele Frauen noch in einem seltsamen Zwischenstadium rum, weder Fisch noch Fleisch. Ihre Mütter haben häufig noch die konservative Rolle eingenommen, das färbt noch sehr stark ab. Und andere weibliche Vorbilder, die jetzt in eine völlig neue Richtung gehen, gibt es noch nicht so viele. Ich kann mir schon vorstellen, dass es einem Mann leichter fällt, sich zu einem Physikstudium durchzuringen, wenn er im Hörsaal jede Menge Männer sitzen sieht, wie einer jungen Frau, die sich da reinsetzt und von lauter Männern umgeben ist. Sie ist Vorreiterin, hat hier noch keine Vorbilder, verunsichert, ob sie das tatsächlich packt und ihre männlichen Kommilitonen sie aktzeptieren. Sich durchzuringen und zu sagen 'das mache ich' ist bei etlichen Vorbildern vielleicht leichter.
    Ich war in unserer Familie z.B. eine der Vorreiterinnen was das Studieren betrifft. Ich war da auch unsicher 'liegt das überhaupt bei uns drin, kriege ich das hin, meine Eltern haben so etwas auch nicht gemacht'. Da fällt es vielleicht jemandem, wo die Eltern auch beide schon studiert haben (vielleicht sogar noch die Grosseltern) wohl leichter, es 'liegt' in der Familie und die Vorfahren haben es auch schon alle gepackt.

    Dass viele nicht mehr die hausfraulichen Qualitäten ihrer Grossmütter haben, ist wohl nicht ungewöhnlich. Die sind auf die höhere Töchterschule gegangen und haben bereits mit 14 Jahren Haushaltsführung hauptberuflich erlernt.
    Dass viele aber ihren Haushalt gar nicht mehr führen können und kein einfaches Gericht zustande bringen, ist mir jetzt so in der Form auch nicht aufgefallen.

  8. 8. @stein

    Hab nichts dagegen, wenn jemand nicht einen Haushalt führen will. Nur muß er sich dann eine andere Lösung suchen, um diese Arbeiten zu tun. Und das erzeugt immer Abhängigkeit. Ich jedenfalls fand es schon immer sehr wichtig allein klarzukommen. Je weniger man von anderen abhängig ist, um so offener und ehrlicher wird die Kommunikation und das Zusammenleben. Seit ich 20 bin mach ich alles selbst, und habe da kein Problem damit.
    Mich stört halt nur, wenn jemand vorgibt irgend welche Ziele zu haben, und dann nicht tut, was nötig ist, um das zu erreichen. Aber das ist halt die Haupteigenschaft von Politikern. Und Feministen sind ja nichts weiter als eine Art Politiker. Dabei scheitern ist ok. Scheitern ist ja das normalste auf der Welt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
  • Kommentare 20
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Feminismus | Schlecker | Ver.di | Niederlande | Dortmund | Kinder
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service