Islamisten Im Rhythmus des Dschihad
Mit Rap-Texten, die den Heiligen Krieg beschwören, sorgt der britische Musiker Aki Nawaz für Aufruhr. Ist es ihm ernst – oder spielt er nur mit der Terrorfurcht des Westens?
»Ich kann dich und alles, wofür du stehst, nicht mehr ertragen / Du bist krank, schwach und wankelmütig / Du täuschst mich nicht mit deinen Lügen und deinen Idealen / Sie sind dünn wie Papier, sie sind Sünde«
Die Wut hat Aki Nawaz weit gebracht. Er ist berühmt und hat viele Feinde. Auf jeden Fall glaubt er es, und ganz sicher will er es. Viele Feinde haben ist gut. Denn es beweist: Er steht auf der richtigen Seite. Auf der der Armen, Entrechteten, der Schwachen und Unterdrückten, gegen die Reichen, Mächtigen, Weißen, gegen die Ignoranten. Voll Überzeugung sagt Aki Nawaz deshalb: »Ich stehe auf der Seite der Terroristen.« Er sagt es an einem Freitagabend im englischen Fernsehen. In BBCs wichtigster politischer Talkshow Newsnight. Am Vortag erst war die Insel mit der Nachricht aufgewacht, der größte Anschlag seit dem 11. September 2001 sei gerade vereitelt worden. Sicherheitsstufe rot, alle Flüge gestrichen, Chaos, Panik. Und nur einen Tag später sitzt dieser gebürtige Pakistani, eingebürgerte Brite und neu erweckte Muslim im Fernsehen und sagt: »Wie viele Menschen haben die Terroristen denn schon umgebracht im Vergleich zu euch? Wer verbreitet denn wirklich Terror auf der Welt?« Kurze Schrecksekunde, dann bricht ein Sturm los.
Eigentlich ist Aki Nawaz Musiker. Seit 20 Jahren ist er im Geschäft. Man kennt ihn in London. Nicht als Chartbreaker, aber als Mister Weltmusik. Er hat als einer der Ersten asiatische und afrikanische Musik mit Elektrosound gekreuzt, später dazu gerappt. Seine Texte waren immer schon politisch und provokativ. Doch bisher hat es keinen interessiert, wenn Nawaz, das Palästinensertuch tief ins Gesicht gezogen, hektisch über die Bühne sprang, wilde Beschimpfungen ins Mikro brüllte, zur Revolution aufrief und alle Weißen Rassisten nannte. »Na ja, das ist halt Aki. Er ist ein bisschen extrem«, hieß es mit einem Schulterzucken in der Szene und der Presse.
Doch seit einiger Zeit hat Nawaz einen Gang zugelegt. Er wechselte seinen Künstlernamen von Propa-Ghandi zu G-Had, sprich Dschihad, Heiliger Krieg also. Auf seinem neuen Album All Is War spuckt er, unterlegt mit reinster islamistischer Rhetorik Gift und Galle gegen »den Westen«. »Parasiten, ach, diese Parasiten haben mich bis zur Blindheit vergiftet. Ich bin ihr Gefangener. Diese Hunde haben mich machtlos zurückgelassen. Die Welt ist ein Turm der Opulenz. Wir sind ihre Zurückgestoßenen und Unberührbaren.« An anderer Stelle baut er Bomben oder vergleicht bin Laden mit Che Guevara. Das ist selbst toleranten Briten zu viel. Bisher konnte das Album nicht erscheinen. Das legendäre britische Punk- und Rocklabel Beggars Banquet, mit dem Nawaz seit vielen Jahren zusammenarbeitet, weigert sich, All Is War in ihr Programm aufzunehmen. Martin Mills und Andrew Heat, beide stille Teilhaber an Nawaz’ Label Nation Records, haben gedroht, aus dem Geschäft auszusteigen, sollte dieses Album veröffentlicht werden. Seine eigene Szene lässt G-Had also im Stich, eine neue hat er noch nicht gefunden.
Che Guevara mit bin Laden zu vergleichen geht vielen zu weit
Trotzdem ist Aki Nawaz ein gefragter Mann. In seinem Stammcafé an der Portobello Road im schnieken Londoner Stadtteil Notting Hill geben sich die Journalisten die Klinke in die Hand. An diesem Mittwochnachmittag hat er schon mehrere Medientermine hinter sich. Sein BBC-Auftritt liegt erst ein paar Tage zurück, und alle wollen das Gleiche wissen: Woher kommt dieser Hass? Nette Jungs mit guter Ausbildung wollen Flugzeuge in die Luft sprengen. Warum bloß, warum? Aki Nawaz erscheint das alles wahnsinnig naiv. Er lächelt ein bisschen höhnisch, ein bisschen resigniert. »Ihr seid selbst schuld. Ihr überzieht die Welt seit Jahrhunderten mit Krieg und Terror. Bosnien, Afghanistan, Irak, jetzt Libanon. Diese Jungs sind die Einzigen, die euch ein Stückchen davon zurückbringen.« Er bemüht nicht Allah, er bemüht die Machtverhältnisse.
Die wollte er schon bekämpfen, als er noch als jugendlicher Punk durch Nordenglands Straßen zog. Es waren die Siebziger, und wer dagegen war und es alle wissen lassen wollte, der wurde Punk. Zerriss seine Kleider, färbte die Haare, gründete eine Band. Aki Nawaz war mitten drin und fühlte sich doch nicht zugehörig. »Es gab damals etwa 20 asiatische Punks in England«, erzählt er, »und wenn wir in die Clubs wollten, kamen wir oft nicht rein.« Rassismus. Immer wieder Rassismus. Er fühlt sich niedergedrängt, abgelehnt, angegriffen. Überall schien ihm der weiße Mittelstand die Show zu stehlen. Selbst im Punk, der letztlich doch nur ein großer Aufstand weißer Wohlstandskinder war. Doch jetzt, mit 43 Jahren, hat er endlich seinen Kampf gefunden. Heute ist er vor allem Muslim. Lange hat Religion keine Rolle in seinem Leben gespielt. Heute bestimmt sie seine Musik. Das genügt. Denn Beten tut er immer noch nicht regelmäßig. »Ich bin schwach«, entschuldigt er sich.
Wie kommt ein Rebell zur Religion? Olivier Roy, Politik- und Islamwissenschaftler, spricht von der »positiven Protestidentität« des radikalen Islams. Er sei für einen europäischen Rebellen schlichtweg eine Möglichkeit, eine Sache zu finden, für die es sich zu kämpfen lohnt. Die Theologie spiele dabei keine große Rolle. »Es geht mehr um den Neuentwurf einer verlorenen Identität als um den Ausdruck einer desolaten sozialen oder wirtschaftlichen Situation«, so Roy. Und in der Tat scheint es Aki Nawaz nicht schlecht zu gehen. Er hat sein eigenes Plattenlabel. Er ist in seiner Sparte ein angesehener Musiker. Deshalb scheint es schon reichlich paranoid, wenn Nawaz, im angesagten London hippen Milchkaffee trinkend, das obligatorische Palästinensertuch lässig um den Hals gewickelt, seinen Gesprächspartner auf die Anklagebank setzt. »Wir sind sanft, gastfreundlich und gutmütig, ihr seid arrogant, rassistisch, grausam, habgierig und islamophob. Ihr denkt, wir sind Tiere, dabei habt ihr keinen Weg, keine Werte, nichts anzubieten. Integration? Wo rein denn? Ihr wollt uns doch nur unterdrücken. Du hast doch keine Ahnung vom Islam, willst aber genau wissen, wie wir sind.«
Der Feind ist ausgemacht. Er sitzt ihm gegenüber. Oder? »Du solltest das nicht zu persönlich nehmen.«, sagt er, das halb lange Haar wohlgeschnitten, aber nicht wohlgeordnet, und lächelt ein wenig. »Aber du repräsentierst eben all das.« Das ist das Prinzip des Aki Nawaz. Er überschreitet die Grenzen nie ohne Sicherheitsleine. Er verherrlicht üble Dinge in fragwürdiger Rhetorik, stellt krasse Behauptungen auf, vereinfacht grob, aber er hat immer eine Hintertür offen, durch die er schlüpfen kann, wenn es brenzlig wird. Er sagt: »Ich stehe auf der Seite der Terroristen.« Er sagt auch: »Wie viele Menschen haben Selbstmordattentäter denn schon umgebracht im Vergleich zu euren Armeen?« Er sagt aber niemals: »Junge Muslime dieser Erde, sprengt Zivilisten in die Luft.« Er mag provokationsverliebt sein, fanatisch in seiner Feindschaft, islamistisch in seiner Rhetorik, aber dumm ist Aki Nawaz nicht. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Die britischen Antiterrorgesetze sind im europäischen Vergleich besonders streng.
Ob Aki Nawaz sich strafbar macht, können nur Richter entscheiden
Zum Terror anstiften ist kein Kavaliersdelikt, und nach dem Willen der britischen Regierung soll es auch bald unter Strafe gestellt werden, religiösen Hass zu predigen. Ob Nawaz sich schon strafbar gemacht hat, möchte das britische Innenministerium nicht kommentieren. »Wir haben schon von Herrn Nawaz gehört«, so eine Sprecherin. »Doch wir erlassen nur Gesetze, deren Auslegung liegt bei den Richtern.« G-Had bewegt sich also auf dünnem Eis. Er kokettiert damit. »An meiner Tür hängt ein gelber Zettel für den MI5. Darauf steht: Bitte nicht die Türe eintreten. Ruft mich lieber an.« So großspurig hat er es noch vor einigen Wochen einem Journalisten vom Guardian erzählt. Heute sagt er: »Lass dein Band nur mitlaufen. Es wird mich rausreißen, wenn sie mich holen kommen.« Es soll witzig sein, wirkt aber schal. Aki Nawaz greift nach den Zigaretten, bestellt noch einen Kaffee. Er sieht müde aus, die Ringe unter seinen Augen sind unübersehbar. Der Druck, den er gesucht hat, setzt ihm offensichtlich zu. Er erzählt so gern von seinen Besuchen in den Islamistenlagern von Pakistan. Brüderlich, friedlich und liberal ginge es dort zu. »Kaum jemand betet dort. Keiner wird gezwungen.« Doch auf den Druck haben die Gespräche dort ihn wohl nicht vorbereitet. Dabei ist noch nichts passiert. Gekommen sind nur ein paar Journalisten mit ein paar Fragen.
Doch wie gefährlich ist G-Had? Seit über Politik nachgedacht wird, steht Musik im Verdacht, sie zu stören. Und in der Tat war Rock immer Opposition und Provokation. Die Beatles riefen zur Revolution, David Bowie liebte die Rebellen, die Sex Pistols beleidigten die Queen. Rap selbst ist das Genre der extremen Texte. Die Stars der Szene lieferten sich Schlachten um die härteste, die brutalste, die schockierendste Sprache. Doch während es offenbar für liberale Gesellschaften diskutabel, aber nicht unannehmbar ist, die eigene Mutter textlich zu vergewaltigen, ist beim Bombenbauen die Grenze des Tolerablen überschritten. Ist G-Had also mehr Clown als Terrorist? Sicherlich spielt er virtuos mit den Ängsten jener Gesellschaften, die er so beredt verdammt. Damit zeigt er vor allem: Gleich, wie sehr er sich vom Westen distanziert, er ist ein Teil davon. Doch auch wenn die 16- und 17-jährigen Nachwuchsrekruten des Dschihad nicht einem 40-jährigen Expunk nachlaufen sollten, jongliert Aki Nawaz gefährlich nah am Abgrund.
Seine Maximalforderung, so sagt er, lautet: »Ändert eure Außenpolitik.« Wenn das wirklich alles ist, schlägt G-Had hohe Wellen, um zu einem banalen Ergebnis zu kommen. »Change your foreign policy« ist ein geradezu massenkompatibler Slogan in Großbritannien. Vergangene Woche erst verlangten Abgeordnete des Unter- und Oberhauses gemeinsam eine Kurskorrektur. Es scheint, als wolle Aki Nawaz gerade so noch mal die Kurve kriegen. Ob ihn das rettet, bleibt offen.
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006
- Kommentare 33
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Wer Nazis raus fordert, soll auch fordern:
Islamisten raus!
\N
Diesem "Heilgen Rapper" scheint der Alkohol doch erheblich zugesetzt zu haben. Bei den Zeit-Redakteuren vermute ich vegleicbare Wirkungen ausdrücklich nicht.
Ich habe hier nichts mehr beizutragen. Bravo Streichholz, ein toller Beitrag.
Danke
Sie haben Recht.
Endlich mal wieder lachen: so ist es doch gut!
Gute Antwort, so gefallen Sie mir!
Darf ich Sie zukuenftig duzen?
Ich will eine Partei gruenden, um die Menschenrechte zu retten, machen Sie mit?
Keine tiefe Antwort, aber deutlich!
Sie haben Recht.
Ich bin nicht dafuer, jetzt radikale Forderungen zu erheben!
Soviel Geduld muessen wir haben!
Ich bin aber schon dafuer, Muslimen klarzumachen, dass, wenn sie sich nicht an die Kultur hier anpassen, es zu diesen radikalen Massnahmen kommen kann!
Mit jedem Terroranschlag schwindet die Geduld!
Dieser britische Musiker allerdings sollte besser im Gefaengnis singen!
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