Die Zahlen sind unmissverständlich. 5000 Jobs fallen im Versicherungsgeschäft der Allianz weg. Rund 1000 Stellen sind es bei der Münchener-Rück-Tochter Ergo, weitere 1000 im deutschen Geschäft der Schweizer Zurich Financial, 300 beim Arag-Konzern. 1800 Arbeitsplätze will die Hannoveraner Talanx-Gruppe abbauen, fast alle davon in Deutschland. Der Schweizer Rückversicherer Swiss Re streicht 2000 Stellen, wenn auch weltweit. Noch sind die vielen Meldungen kaum verdaut, da rechnen Branchenkenner schon mit der nächsten Kündigungswelle – die Axa hat kürzlich die Schweizer Winterthur übernommen, weshalb wohl auch dort bald einige Jobs als überflüssig erachtet werden dürften. BILD

Die Assekuranz, ein Arbeitgeber fürs Leben? Das war einmal. Nach den jüngsten Daten des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft arbeiteten im Jahr 2004 rund 240.000 Menschen in Deutschland für Versicherungsunternehmen. Mehr als 170.000 von ihnen waren im Innendienst tätig, ebendort, wo nun massiv Arbeitsplätze gestrichen werden. Der Stellenabbau in der Branche erreicht bislang unbekannte Höhen. Lediglich für den Vertrieb werden neue Mitarbeiter gesucht – und das häufig erfolglos.

Was den Branchenführer Allianz und die anderen Versicherer in seinem Gefolge derzeit erschüttert, hat seine Ursache in den Versäumnissen der vergangenen Jahre. Der Wettbewerb wird härter, und nun holen die Versicherungen nach, was die Banken schon seit ein paar Jahren durchmachen: Sie rationalisieren ihre Strukturen und Abläufe, und sie formieren sich neu. So wie die Axa die Winterthur übernahm, kaufte Talanx den Gerling-Konzern und die Swiss Re eine Versicherungstochter des US-Konzerns General Electric. Es geht um Größe und Effizienz. Die deutsche Versicherungsbranche erlebt den Auftakt eines Konsolidierungsprozesses, an dessen Ende nur noch die Hälfte aller bundesweiten Anbieter übrig bleiben könnte.

Die Versicherer machen Gewinne – und holen das Versäumte nach

Lange Jahre sahen sich die Assekuranzen kaum einem ernsthaften Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Bis 1994 war der deutsche Versicherungsmarkt streng reguliert. »Die Versicherer konnten in erheblichem Maße Reserven aufbauen«, sagt Wolfgang Rief, Versicherungsfachmann bei der Ratingagentur Standard & Poor’s. Die Unternehmen bewegten sich im Gleichklang, allen voran das gemächliche Dickschiff Allianz. Selbst als der Wettbewerb dann intensiver wurde, lebten die Versicherer sehr gut von ihren Erträgen am Kapitalmarkt. »Das Zinsniveau lag zu dieser Zeit bei sieben Prozent. Da glaubte man, sich versicherungstechnische Verluste leisten zu können«, sagt Rief. Und so hielt die Sorglosigkeit an, bis im Jahr 2001 der Aktienmarkt zusammenbrach und Großschäden wie im Gefolge des 11. Septembers in den USA tiefe Löcher in die Bilanzen der Versicherer rissen. Der Schock traf die Branche so schwer, dass an eine Neuordnung nun erst recht nicht zu denken war. »Das hätte die Unternehmen nur noch weiter destabilisiert«, sagt Carsten Zielke, Versicherungsexperte bei der WestLB.

Jetzt, fünf Jahre später, erzielen die Versicherer wieder gute Gewinne – und holen das Versäumte nach. Ihre Devise: Konsolidierung, Rationalisierung und Automatisierung. Immer häufiger werden Versicherer von Konkurrenten geschluckt werden. Derzeit gibt es in Deutschland – die Lebens-, Kranken- und Sachsparte zusammengenommen – etwa 650 bundesweit operierende Versicherer. Hinzu kommen rund 1600 regionale Anbieter. Branchenexperte Zielke schätzt, dass von den bundesweit tätigen Unternehmen in wenigen Jahren nur noch die Hälfte übrig sein wird und dass die fünf größten, gemessen an ihren Marktanteilen, viel größer sein werden als heute. So würde sich am Ende der Markt teilen – in wenige Riesen und in eine Schar kleiner Spezialanbieter, die fachlich oder regional ihre Nische finden.

»Versicherungsfabriken«, so bezeichnet Allianz-Chef Michael Diekmann die Giganten der Zukunft, und für ihn ist klar, dass die Allianz dazugehören wird. Schneller und effizienter soll hier alles werden, natürlich im Interesse der Kunden. Denn die wechseln derzeit gern zur Konkurrenz, vor allem in der heiß umkämpften Sparte der Kfz-Versicherung, wo die Münchner im vergangenen Jahr mehr als eine Million Kunden an Billiganbieter verlor.