DIE ZEIT: Herr Ockenga, die Assekuranzen entlassen Tausende Mitarbeiter. Sie beobachten für Fitch von London aus den europäischen Versicherungsmarkt: Was passiert da gerade in Deutschland?

Tim Ockenga: Das ist eine der größten Restrukturierungswellen der Branche. Einer der Hauptgründe ist, dass die Anteilseigner von börsennotierten Gesellschaften heute höhere Anforderungen an deren Profitabilität stellen. Vor allem die großen, international aufgestellten Unternehmen senken daher ihre Kosten. Für sie ist der Druck besonders hoch. Wir gehen aber davon aus, dass auch kleine und mittelgroße Versicherer sich dem Effizienzdruck nicht verschließen können.

ZEIT: Welche Anbieter werden überleben?

Ockenga: Zunächst die großen multinationalen Unternehmen. Sie sind klar im Vorteil. So will zum Beispiel die EU-Kommission mit ihrer Richtlinie Solvency II vom Ende des Jahrzehnts an die Risiken der Versicherer transparenter machen und das Risikomanagement stärker regeln. Die Unternehmen müssen neue Risikomodelle und Strukturen entwickeln. Vielen Kleinen fehlen dafür die Kapazitäten, und so wird Solvency II voraussichtlich einen weiteren Konsolidierungsimpuls auslösen. Ein anderer Punkt ist die Schulung des Vertriebs, weil die Produkte immer komplizierter werden. Wenn es die Kleinen allerdings schaffen, durchdachte Vertriebskonzepte aufzubauen und gute Produkte anzubieten, können sie gegen die Großen bestehen. In Deutschland gibt es einige regionale Anbieter mit guten Chancen.

ZEIT: Warum hört man aus dem Ausland keine ähnlich dramatischen Nachrichten aus der Branche?

Ockenga: In Frankreich gab es schon eine Restrukturierungswelle, allerdings nicht mit so vielen Entlassungen. Stattdessen hat man viele Beschäftigte in den Vorruhestand geschickt. Zudem existiert dort noch das klassische Produkt der Lebensversicherung, das in Deutschland mit dem Wegfall der Steuerbefreiung Ende 2004 stark an Bedeutung verlor. Deshalb ist der Druck nicht ganz so groß. In Großbritannien gab es auch Reformen, aber dort hatte man zuvor nie solche Überkapazitäten aufgebaut wie in Deutschland. Britische Versicherer sind am profitabelsten.

ZEIT: Sollten die deutschen Assekuranzen sich die Briten zum Vorbild nehmen?