Interview »Es geht um Fairness«
Am liebsten hätte er den Mindestlohn für die gesamte Wirtschaft: Johannes Bungart, Verbandschef der Gebäudereiniger
DIE ZEIT: Herr Bungart, warum soll die Bundesregierung einen Mindestlohn für Ihre Branche vorschreiben?
Johannes Bungart: Bald herrscht völlige Dienstleistungsfreiheit in Europa, und jeder kann mit Mitarbeitern auf den deutschen Markt kommen, denen er osteuropäische Löhne zahlt. Aber wir können uns gegen Lohndumping aus dem Ausland wehren, indem wir das Entsendegesetz der EU umsetzen in nationales Recht. Das fordern wir jetzt für unseren Bereich, damit auch ausländische Firmen hier den Mindestlohn zahlen müssen. 80 Prozent unserer Kosten sind Lohnkosten. Und wir wollen nicht, dass der Wettbewerb nach dem Motto läuft: Wer den billigsten Mitarbeiter hat, kriegt den Auftrag.
ZEIT: Sie haben einen Mindestlohn von 7,87 Euro im Westen und 6,36 Euro im Osten beantragt. Dabei würden Sie Leute für weniger Geld bekommen. Warum wollen Ihre Unternehmen nicht profitieren von niedrigeren Löhnen?
Bungart: Reinigen ist eine anstrengende Arbeit. Und wir wollen, dass die Menschen für diese harte Arbeit einen vernünftigen Lohn bekommen. Dennoch sind unsere Löhne ja nicht übermäßig hoch.
ZEIT: Das klingt nach Sozialromantik.
Bungart: Es geht uns auch um das Image unserer Branche. Andererseits haben wir es hier zu tun mit einfachen Tätigkeiten von gering qualifizierten Menschen. Und wir weigern uns, den Wettbewerb auf dem Rücken dieser Menschen auszutragen. Es geht also nicht um Sozialromantik, sondern um Fairness. Und wir wollen nicht von staatlichen Lohnsubventionen profitieren, die dann alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer über höhere Steuern und Sozialbeiträge erwirtschaften müssen.
ZEIT: Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hat Ihren Vorstoß scharf kritisiert. Können Sie das nachvollziehen?
Bungart: Bislang musste der Tarifausschuss aus BDA und DGB unserem Tarif zustimmen. Beim Entsendegesetz kann sich der Minister jedoch über das Veto von BDA oder DGB hinwegsetzen. Die BDA fühlt sich als Kontrollinstanz für unseren Tarifabschluss. Das wollen wir nicht mehr. Wir wollen dem Bau gleichgestellt sein, der auf Antrag beider Tarifvertragsparteien seinen Mindestlohnschutz bekommt. Was geht es andere an, wenn sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einer Branche einigen?
ZEIT: Unterstellen Sie der BDA, dass sie ihre eigene Bedeutung nicht geschmälert sehen will?
Bungart: Zumindest nicht ihren Einfluss auf die Lohngestaltung. Die BDA sieht sich als Hüter der gesamten Lohnentwicklung in Deutschland. Sie wird geprägt von den großen Metall- und Chemieverbänden. Aber die haben das Thema Niedriglohn längst ad acta gelegt. Es gibt dort kaum noch gering qualifizierte Mitarbeiter, die sind bereits durch Outsourcing aus diesen Tarifbereichen ausgeschieden. Und es ist schon komisch, wenn die BDA – geprägt von diesen beiden Organisationen – jetzt im Niedriglohnsektor aus ordnungspolitischen Gründen Einspruch einlegt.
ZEIT: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) prophezeit, dass Ihr Markt schrumpfen wird, wenn der Mindestlohn kommt. Besteht diese Gefahr?
Bungart: Nein, die sehe ich nicht. Ich halte unsere Löhne für marktgerecht. Aber es gibt tatsächlich ein nicht ganz ungefährliches Problem. Der öffentliche Dienst zum Beispiel hat seine Löhne um 19 bis 35 Prozent gesenkt, was dessen eigene Reinigungskräfte angeht. Wenn unser Mindestlohn zu hoch wird, weil andere ihre Löhne senken, dann kann die Gefahr irgendwann tatsächlich bestehen.
ZEIT: Außerdem fürchtet der DIHK, dass die Folge eine überbordende Bürokratie sein könnte wegen der Kontrollen, die nötig werden.
Bungart: Er hat Recht, wenn es um Branchenmindestlöhne kontra gesetzlichen Mindestlohn geht. Ein genereller Mindestlohn ist viel leichter zu kontrollieren als Branchenmindestlöhne.
ZEIT: Machen Sie sich deswegen für einen generellen Mindestlohn stark?
Bungart: Ein Grund ist die Kontrolle. Vor allem aber sehen wir, dass zurzeit das Lohnniveau in Deutschland dramatisch absinkt. Das wird verniedlicht durch Worte wie »Generation Praktikum« und existiert auch in anderen Bereichen, wo es nach unten überhaupt keine Schwelle mehr gibt. Viele Menschen in Deutschland haben Zeit, aber kein Geld und machen alles Mögliche zu jeder Bedingung. Wir müssen die Lohnspirale nach unten stoppen. Daran hängen auch unsere Renten- und Gesundheitssysteme. Wir brauchen einen Mindestlohn – damit man in Deutschland überhaupt noch von sozialer Marktwirtschaft sprechen kann. Ganz Europa macht das, nur wir nicht.
ZEIT: Die Wirtschaftsverbände sagen, wir hätten bereits einen Mindestlohn – durch Hartz IV.
Bungart: Das ist ja nicht wahr. Wir haben eine Förderung nach Hartz IV, die je nach Familienstand sehr unterschiedlich ausfällt. Ich sehe nicht, inwiefern das ein Mindestlohn ist. Soll das heißen, dass für weniger als Hartz IV keiner arbeiten geht? Das ist doch Quatsch, es arbeiten doch Leute für weniger Geld. Sie bekommen heute in Deutschland schon Mitarbeiter für drei oder vier Euro. Selbst wer fünf Euro kriegt, der verdient maximal 840 Euro brutto im Monat. Davon kann keiner leben und erst recht keine Familie gründen.
ZEIT: Wie hoch sollte ein genereller Mindestlohn sein?
Bungart: Für die Zeitarbeitsbranche hat der DGB einen Tarifvertrag über 7 Euro im Westen und 6,10 Euro im Osten abgeschlossen. Das ist ein Lohn, der für alle Branchen gilt, weil ja Zeitarbeit alle Bereiche betrifft, und alle DGB-Gewerkschaften haben das unterschrieben. Was darüber liegt, ist seitdem eine Scheindiskussion. Der DGB kann nicht 7,50 Euro als gesetzlichen Mindestlohn fordern und dann selbst für die Zeitarbeitsbranche nur 7 Euro abschließen, das passt einfach nicht. Nun werden die Konservativen sagen, der Mindestlohn darf höchstens fünf Euro betragen. Und die SPD wird 7,50 Euro fordern. Dazwischen muss sich jemand entscheiden. Wenn es überhaupt noch einen Mindestlohn geben soll, dann während der Großen Koalition. Ich bin gespannt, ob die den Mut dazu hat. Der DGB hat mit 7 Euro für die Zeitarbeit eine Marke hingelegt, die nicht so schlecht ist.
ZEIT: Wenn es einen gesetzlichen Mindestlohn von 7 Euro gäbe, würden Sie weiter 7,87 Euro zahlen?
Bungart: Na ja, da müssten wir sehen, wie lange wir das halten können. Solange es ginge, würden wir das tun, selbstverständlich. Aber ich bin mir nicht sicher, wie es ist, wenn sich dann der gesamte Arbeitsmarkt daran orientiert. Es würde bei uns auch davon abhängen, wie sich die Gewerkschaft positioniert. Wenn unser Tarifpartner irgendwann ganz unangemessene Forderungen stellt, wird es schwierig. Wir sind nach wie vor bereit, Tarifverträge abzuschließen. Aber wir möchten auch für den Worst Case vorsorgen, dass wir uns nicht mehr einigen können. Dann will ich durch den gesetzlichen Mindestlohn eine Grenze nach unten gesichert haben, damit unsere Löhne nicht ins Nirwana fallen und wir gar keine Kalkulationsgrundlage mehr haben.
ZEIT:
Noch gibt es keinen generellen Mindestlohn. Aber wenn Sie in das Entsendegesetz aufgenommen werden, dann ist darin Ihre jetzige Lohnhöhe festgeschrieben. Für wie lange?
Bungart:
So lange, wie der Tarifvertrag gilt, bis Ende 2007. Wenn es dann keine Einigung mehr geben sollte, würde für uns auch das Entsendegesetz nicht mehr gelten.
ZEIT:
Das bedeutet, Sie müssen weiterhin regelmäßig Tarife abschließen, wenn Sie geordnete Verhältnisse in Ihrer Branche wollen?
Bungart:
Ja, deshalb ist das Entsendegesetz für uns nur die zweitbeste Lösung. Die beste wäre ein gesetzlicher Mindestlohn für alle Branchen.
Weitere Informationen zum Thema:
www.zeit.de/arbeit
Das Gespräch führte
Ulrike Meyer-Timpe
- Datum 24.08.2006 - 03:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
- Kommentare 7
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Hm, mal überlegen MINDESTLOHN?.
Ja, aber in Höhe von 7,50 Euro mit Kanzlerin und Vizekanzler nicht zu machen.
Also: SPD fordert 7 Euro, CDU bietet 4,50 Euro und einigen werden sie sich dann bei 6,10 Euro. (Welche eine Reform!)
Für einen alleinstehenden bedeutet dies dann bei einer 40 Stundenlohn (ohne Kinder)
960 brutto gleich 740 (SIEBENHUNDERTVIERZIG) Euro netto
Mann das ist Geld was?
Ach so, da geht dann noch Miete, Fahrgeld, Telefon Versicherungen und so ab?
tja, nicht so viele Ansprüche stellen, dann eben noch einen zweiten Job suchen!
Kenn ich das nicht irgendwoher?
Ach ja USA...
Also ich finds prima.. dann brauch ja keienr mehr auszuwandern sondern können durch harte Arbeit hier unser Glück machen....
Aber wir Deutschen sagen ja: Hauptsache Arbeit!
Es ist in Deutschland strafbar, jemanden unter Ausnutzung dessen Notlage Wucherzinsen für einen Kredit aufzuzwingen. Es ist aber nicht strafbar, jemanden unter Ausnutzung einer Notlage zu einem Hungerlohn arbeiten zu lassen, und genau darum geht es beim Mindestlohn.
Ein Mindestlohn von, sagen wir mal 6,10 würde voraussichtlich dazu führen, dass in Ausbildungsberufen oder anspruchsvolleren Anlernberufen deutlich mehr gezahlt werden müsste - und das ist auch gut so. Eine gelernte Tierarzthelferin z.B. verdient heute oft deutlich weniger.
Wer also eine gute, zuverlässige Kraft beschäftigen will, käme um einen Lohn deutlich über 7 kaum herum - und davon kann man dann durchaus leben.
Schluss wäre auch endlich mit den Langzeitpraktika ohne Einbindung in eine klar strukturierte Ausbildungszeit.
Vielleicht könnte man "der Wirtschaft" entgegenkommen, indem man den Mindestlohn für eine gewisse Einarbeitungszeit von einigen Monaten staffelt.
Neu geregelt werden müssten z.B. die Löhne in Strafanstalten und in Werkstätten für behinderte Menschen, aber da könnte und müsste eh einiges verbesert werden.
Bei 5 pro Stunde und einer Arbeitszeit von 48 h (gesetzliche Obergrenze) und 3 Wochen Urlaub im Jahr, also 49 Arbeitswochen, kommt man auf: 5*48*49/12=980
Bei 7.50 sind es sogar nochmal 50 % mehr. Das ist ein viel zu hoher Mindestlohn, das geht sogar deutlich über die Grundbedürfnissicherung ("Von Arbeit soll man Leben können") hinaus.
Es kommt darauf an was man will:
Einen bestimmten Prozentsatz von Menschen, die für niedrigste Löhne auf oder unter Existenzminimumniveau Dienstleistungen auf niedrigem Qualifikationsniveau der Gesellschaft liefern letztlich auch diejenigen entlasten, die qualifizierter ihre berufliche Position ausbauen können, weil sie billig Hilfsdienste einkaufen können mit allen Risiken, die das birgt: In einer sich demokratisch nennenden Gesellschaft Menschen in ein abseits zu stellen in dem man zwar nicht verhungert, aber ein Leben in Würde eher einer Meisterleistung gleich kommt. Ganz nüchtern betrachtet
Oder: Den Versuch zu unternehmen, ein bestimmtes Niveau zu halten ebenso nüchtern gesehen (um gleich vorzubeugen, die gegen den inflationären Gebrauch des Wortes Gutmenschentum) im Sinne einer funktionierenden Gesellschaft bzw. das was man bei niedrigsten Löhnen spart dann eben in gesellschaftliche Schäden und deren Reparaturarbeiten zu stecken.
Unter dem Strich ist das für einzelne ein Gewinn, die Kosten für die Gesamtheit steigen vor allem in nicht materieller Hinsicht (diese Kosten werden gerne unterschlagen, sind aber alles andere als zu vernachlässigen).
Eine wichtige Arbeitsmarktreform, welche sowohl für die SPD als auch für die CDU Chancen zur Profilierung gibt, sollte diese nicht vertun - schließlich wäre diese wohl auch nur in dieser Konstellation durchzuführen.
Worum geht es? Jüngst wurde der Mindestlohn für die Gebäudereiniger eingeführt und es gibt auch schon Überlegungen im Arbeitsministerium, diesen auf alle Branchen auszuweiten. Dies ist nur zu begrüßen, da der Mindestlohn einerseits sittenwidrigen Löhnen vorbeugt, andererseits den Wettbewerb auf das bessere Geschäftsmodell verlagert. Dieser sollte ebenfalls auch für Minijobs gelten, sodaß die 400-Grenze ausschließlich über die Arbeitszeit erreicht wird - also etwa 10 Wochenstunden im Durchschnitt.
Andererseits können durch das rigorose Streichen von Transferleistungen, also Lohnzuschüsse auf Hartz-4-Niveau, Sozialleistungen, etc. Mittel freigesetzt werden, um die Lohnnebenkosten zu senken. Wohngeld könnte z.b. nur noch als Zuschuß von 100-max.200 in Städten gezahlt werden. Ausnahmen gäbe es freilich für Mütter von Kindern unter 3 Jahren, Älteren oder Personen mit verminderter Erwerbsfähigkeit. Verlierer dieser Reform blieben dann wirklich nur Arbeitsunwillige.
Im Industriesektor gibt es praktisch nur noch höherqualifizierte Stellen. Dienstleistungen können nur im Inland erstellt werden und ausländische Kräfte wären dann auch nur für Stellen interessant, wo sie wirklich besser sind. Das Entsendegesetz verlöre auch hier seine Brisanz.
@macT: Ihr Beitrag zeigt einen Zynismus, der sich schwer überbieten lässt. Sozialabgaben und Steuern werden in dieser Rechnung einfach mal so ausgeklammert, genau wie die Tatsache, dass in der Mehrzahl der Branchen die Regelarbeitszeit immer noch deutlich unter 48 h liegt. (Und das ist gut so: Es soll Leute geben, die sich im Leben noch um anders kümmern müssen als um die Arbeit, Familie, beispielsweise.)
Mindestlohn soll in meinen Augen etwa anders sein als die knappe Sicherung des Existenzminimums bei 48 (!) Wochenarbeitsstunden harter körperlicher Arbeit.
Viel bedenklicher als die Forderung nach Tarif-Mindestlohn für einzelne Branchen ist die gängige Praxis mancher "sozialschmarotzender" Unternehmer, ihre indiskutablen Löhne von der Allgemeinheit durch Sozialleistungen aufpolstern zu lassen, eine Praxis, die vom Gesetzgeber schnell unterbunden werdn sollte, wenn nötig durch flächendeckende Mindestlöhne.
Im Grunde genommen wäre auch eine EU-weite Einführung von Mindestlöhnen wünschenswert. Den Mindestlohn könnte man dann an das Pro-Kopf-BSP des jeweiligen Landes knüpfen. Dies könnte durchaus zu einem kräftigen Wachstum der Kaufkraft in allen Ländern führen
Als Rechenbeispiel könnte man folgendes anführen: Das Pro-Kopf-BSP der meisten westeuropäischen Länder liegt zwischen 20 und 35'000, in Osteuropa etwa zwischen 8 und 16'000. Insofern könnte der Faktor 3200 (freilich nicht volkswirtschaftlich ermittelt, nur Bauchgefühl) als Berechnungsgrundlage dienen.
Für die Bundesrepublik ergibt sich bei einem Pro-Kopf-BSP von 24'000 geteilt durch den Faktor 3200 ein Mindestlohn von 7,50; Irland läge mit 32'000 bei 10, Spanien mit 20'000 bei 6,25, Tschechien und Ungarn mit 14'000 bei 4,38 sowie Polen mit 10'000 bei 3,13.
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