Eigentlich war das Wahlergebnis geeignet, die Gemüter zu kühlen: Joseph Kabila, der Favorit, gewinnt den ersten Wahlgang, verfehlt aber die absolute Mehrheit und muss in einer Stichwahl am 29. Oktober gegen seinen schärfsten Konkurrenten Jean-Pierre Bemba antreten. Also ein Aufschub der Entscheidung, und noch einmal zwei Monate Zeit für ausländische wie kongolesische Vermittler, den beiden Erzfeinden samt Anhängern gewaltfreie Umgangsformen einzutrichtern. Doch statt einer Entschärfung folgte die Eskalation: Rauchwolken über Kinshasa, Artilleriefeuer, Panzer auf den Straßen, mindestens fünf Tote. Ein Wahlleiter, der eine kugelsichere Weste tragen muss, außerdem 14 Botschafter – darunter auch der deutsche –, die am Montag mitten im Diplomatenviertel Gombe unter Beschuss gerieten und von Truppen der UN und der Eufor in Sicherheit gebracht werden mussten. Diese kommunizierten und kooperierten offenbar gut und schnell miteinander. Das ist wenigstens eine gute Nachricht. Die schlechte ist: Niemand weiß, wer im Kongo derzeit regiert, der Präsident und Vizepräsident der Übergangsregierung gehen sich an die Gurgel, der weitere Fahrplan für die Wahlen ist ungewiss.

Womöglich war der Gewaltausbruch ein aberwitziger Versuch Kabilas, in der Hauptstadt seinem Gegner vor dem nächsten Wahlgang schon mal militärisch in die Schranken zu weisen. Womöglich steckt dahinter aber nur fehlende Kontrolle über die eigenen Truppen. Beide Kontrahenten hätten mit einer Rückkehr zum bewaffneten Konflikt zu viel zu verlieren: die Chance auf einen Sieg im zweiten Wahlgang und damit eine Amtszeit als (mehr oder weniger) demokratisch legitimierter Präsident mit allen Vorzügen, die ein solcher Posten mit sich bringt.

Vor allem Jean-Pierre Bemba, der ehemalige Rebellenführer mit dem Spitznamen »Mini-Mobutu«, sucht den Schutz des politischen Amtes, sollte sich der Internationale Strafgerichtshofs irgendwann doch genauer mit den Kriegsverbrechen beschäftigen, die Menschenrechtler seinen Kämpfern vorwerfen. Als da wären: Massenvergewaltigungen, Plünderungen, Kannibalismus. Warlords wie Bemba, die nach Kriegsende in Anzug und Krawatte schlüpfen, symbolisieren jenen Pakt mit dem Teufel, welchen die internationale Staatengemeinschaft so oft um des Friedens willen schließt. Man denke nur an Afghanistan.

Nur haben sich UN und EU grob verschätzt, als sie meinten, in Joseph Kabila einen kongolesischen Karsai gefunden zu haben, der das Land eint und auf die Ratschläge aus dem Westen hört. Kabila steht nicht mehr für die Einheit, sondern für die politische Teilung des Landes. Die große Mehrheit der Menschen im kriegszerrütteten Osten des Landes hat ihn gewählt, weil sie ihn für den Garanten des Friedens halten und weil er Suaheli, die Sprache des Ostens, spricht. Im Westen, vor allem in der Acht-Millionen-Stadt Kinshasa, hat es hingegen Bemba meisterlich verstanden, seinen Gegner als Fremdling zu denunzieren, der von Paris, Brüssel und New York finanziert wird und dem man notfalls sogar europäische Soldaten zur Seite stellt. Sollte Kabila am Ende doch noch zum Präsidenten gewählt werden, müsste er in einer Hauptstadt regieren, in der er nicht erst seit den Schießereien am Anfang dieser Woche verhasst ist.

Die Frage ist nur, ob es überhaupt zur geplanten Stichwahl Ende Oktober kommen wird: Man darf, man muss hoffen, dass die am Dienstag unter internationaler Vermittlung beschlossene »Normalisierung« zwischen den Kampfparteien das Papier wert ist, auf dem sie vereinbart wurde. Aber niemand vermag sich derzeit vorzustellen, wie ein zweiter Wahlkampf zwischen den beiden Erzfeinden friedlich über die Bühne gehen soll. Kabul war bei den Wahlen in Afghanistan frei von Privatarmeen einzelner Kandidaten. In Kinshasa hingegen stellen Kabilas Präsidentengarde und Bembas eigene Kampftruppen weiterhin eine eminente Gefahr dar. Sie zu entwaffnen erscheint vorerst unrealistisch. Einschüchtern kann man sie sehr wohl – und genau dafür wurden die Eufor-Truppen nach Kinshasa geholt. Bloß wird militärische Präsenz allein nicht helfen. UN und EU haben mehrere hundert Millionen Dollar in diesen Wahlprozess investiert, die Kongolesen ihre Hoffnungen. Jetzt, an diesem kritischen Punkt, muss das Land auch höchste Priorität in New York, Brüssel, Paris und Berlin erhalten.