NS-ZeitDer Fall Grass

Was bleibt von den »Flakhelfern« und »Schülersoldaten«? Vor allem Selbstgerechtigkeit und Moralismus. Eine Polemik von 

Als Günter Eich 1947 gebeten wurde, Auskunft über die »innere Emigration« zu geben, sagte er: »Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun, als ob, liegt mir nicht.« Eich war weder Parteimitglied, noch diente er in der SS, aber er hatte viele Jahre an der beliebten Funkserie Deutscher Kalender – Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten mitgewirkt. Die Sendung lieferte betulichen Heimatkitsch und war Teil der Idyllenproduktion des Nationalsozialismus.

Knapper und ehrlicher kann man nicht sprechen. Eich hat sich, eingedenk seiner unrühmlichen Vergangenheit, nie zum Prediger aufgeschwungen. Er hat aus dem, was ihn umtrieb, Literatur gemacht, bis hin zu seinen berühmten und skandalisierten Gedichten wie Inventur oder Latrine. Sie standen am Beginn einer neuen Epoche der deutschen Lyrik.

Ähnlich wie Eich haben sich nicht wenige Intellektuelle und Schriftsteller nach dem Krieg verhalten. Dass man sich ihrer kaum erinnert, liegt daran, dass die Stillen eher in Vergessenheit geraten als die Lauten. Lautstärke aber ist in einer Öffentlichkeit, die jedem Gehör schenkt, wenn er sich nur dreist genug nach vorn drängt, oberstes Gebot. Wer schweigt, weil er sich seiner Verfehlungen oder nur seiner Fehlbarkeit bewusst ist, beweist Anstand, aber sein Verhalten gerät nicht zum Vorbild, weil es unbemerkt bleibt.

Einigen aus jenen Jahrgängen, die man als Generation der Flakhelfer zu bezeichnen pflegt, scheint das Stillhalten und Abseitsstehen notorisch schwer zu fallen. Der Moraltrompeter Günter Grass befindet sich in prominenter Gesellschaft. Martin Walser zum Beispiel hat auf die Kritik, Grass habe seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS reichlich spät enthüllt, mit der grotesken Bemerkung geantwortet, Grass habe in dem bekanntlich gesinnungsprüferischen Klima der Bundesrepublik gar keine Chance zum offenen Sprechen gehabt. Walser sah wieder einmal seine Lieblingsthese vom Meinungsterror bestätigt. So kocht im Falle Grass jeder sein Süppchen – Hauptsache, es brodelt möglichst lange.

Den Gipfel des Grotesken erklomm der Soziologe Heinz Bude, der sich in der Süddeutschen Zeitung zu der These verstieg, die Generation der »Schülersoldaten«, zu deren hervorragenden Vertretern er Habermas, Ratzinger, Enzensberger und eben Grass rechnet, habe aus dem tragischen Fundus ihrer Biografie die Energie geschöpft, Großes in Wort und Tat hervorzubringen. Dies erkläre und begründe ihre anhaltende Präsenz. Die darin versteckte Herabsetzung der Nachgeborenen aber genügte ihm nicht, sondern er fügte hinzu: »Welche biografische Information hätten denn ein Peter Schneider oder ein Wolf Wondratschek, ein Reinald Goetz oder ein Matthias Politycki zu bieten?«

Biografische Information? Hübsches Wort für die angeblich vollkommen vergessene Mitgliedschaft in der NSDAP bei Walter Jens, für die mit Megafonstärke verkündete Teilnahme an Einsätzen der Waffen-SS bei Günter Grass. Interessant, interessant. Damit leider kann »ein« Wondratschek oder »ein« Goetz nicht aufwarten. Schmach der späten Geburt.

Diese Theorie geistiger Produktivität ist ebenso unhaltbar wie reaktionär. Sie läuft auf die zynische Bemerkung eines Protagonisten in Orson Welles’ Film Der dritte Mann hinaus: Die seit Menschengedenken von Kriegen verschonte Schweiz habe lediglich die Kuckucksuhr hervorgebracht. In welchen traumatischen Kriegserlebnissen wäre die Urgrund der Werke von Goethe, Mann, Musil oder Proust zu erkennen? Stifter hat sein Leben als braver Schulrat verbracht, und vom Dreißigjährigen Krieg haben wir nichts außer dem Simplicissimus.

In dem aufgewärmten Gedanken vom Krieg als dem Vater aller Dinge steckt allerdings eine richtige Beobachtung. Der Krieg – und das heißt: Zusammenbruch und Befreiung durch die Alliierten – ist der Vater der Bundesrepublik, der Vater neuer Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Der Krieg aber wurde auch der Vater eines rigorosen Moralismus. Er kam nicht selten aus den Reihen jener, die selber in unterschiedlichem Maß Anteil hatten an Verblendung und Verbrechen.

Das extremste Beispiel ist der berühmt-berüchtigte SS-Mann Schneider, der als Hans Schwerte noch einmal promovierte, Rektor der Aachener Hochschule wurde, mit den linken Studenten sympathisierte und auf all jenen Plätzen, wo er Dienst für die Nazis geleistet hatte, nun Dienst für die neue Sache, nämlich Wissenschaftsaustausch und Völkerverständigung tat. Bemerkenswert daran ist die ungebremste Energie, die sich, nachdem das eine Identifikationsobjekt zerbrach, sofort ein anderes suchte.

Diese Energie ist das wahrhaft Unheimliche auch im Fall der so genannten Flakhelfer, wobei fraglich bleibt, ob sie in Stahlgewittern erst entstand oder bloß in ihnen gehärtet wurde. In jedem Fall geht sie einher mit einem bedingungslosen Narzissmus. Er kann sich, wie bei Martin Walser, ungehemmt als ausschließliche Wahrnehmung der Welt durch den Fokus der eigenen Empfindungsfähigkeit und Empfindlichkeit zeigen. Der Narzissmus kann sich aber auch, wie man am schönsten bei Walter Jens und Günter Grass sehen kann, zu einem gegen Argumente resistenten Moralismus objektivieren, der im Bewusstsein, diesmal die richtige Seite gewählt zu haben, kein Pardon kennt.

Logischerweise fühlt sich dieser Moralismus politisch der Linken beheimatet, obwohl er bei genauem Hinsehen vollkommen unpolitisch ist. Es handelt sich hier um eine Variante des Renegatentums. Der Renegat wechselt die Front, von rechts nach links oder umgekehrt, aber oftmals tappt er in die Falle des Gegenteils, ist rechthaberisch und autoritär wie zuvor.

Der Moralist ist der Ideologe der Tugend, hat Nietzsche bemerkt. Das verzerrt die Wahrnehmung, was man leicht am jüngsten Hassausbruch von Grass gegen die viel geschmähten fünfziger Jahre sehen kann. Zwar ist richtig, dass seine Blechtrommel damals auf üble Verdächtigungen stieß – wie es auf andere Weise auch Koeppen, Böll oder Walser erlebten. Die Tatsache jedoch, dass all die Angefochtenen aus dem Streit als strahlende Sieger hervorgingen, lässt nicht darauf schließen, es hätten sich in der jungen Bundesrepublik braune Seilschaften durchgesetzt und alles andere verhindert. Im Gegenteil: Es haben die »Flakhelfer«, ob in der Gruppe 47 oder sonstwo, den Diskurs immer entscheidender bestimmt.

Woher hatten sie dieses irritierende Selbstbewusstsein? Wahrscheinlich schöpften sie aus dem verdrängten Grund ihres Herkommens, trugen ihre Vergangenheit wie eine dunkle Monstranz vor sich her. Selbst die eindrucksvoll herausgearbeitete Selbstzerknirschung, die man in den Memoiren von Grass nachlesen kann, entbehrt nicht eines gewissen Sündenstolzes. Im Fernsehgespräch mit Ulrich Wickert wirkte Grass wie einer, der seinen Kritikern großmütig verzeiht. Scham zeigt sich im Abseitsstehen, kaum aber in jenen großspurigen Auftritten, die Grass nach Bekanntgabe seines jugendlichen Fehltritts inszenierte und inszenieren ließ.

Dieser dunkle biografische Schatz wurde, wie etwa bei Grass oder Walser, zur Antriebskraft literarischer Werke, die ihre Urheber zweifellos überleben werden. Zugleich aber verführte er zu jenem anklägerischen Ton, der auf moralischen Zugewinn zielte. Wer anklagt (und die Anklage ist der Cantus firmus aller politischen Einmischungen von Grass und auch Jens), schlägt sich unerkannt auf die andere Seite. Wie Odo Marquard einmal bemerkt hat: »Man entkommt dem Tribunal, indem man es wird.«

Das erklärt die unnachsichtige Intransigenz, für die Grass bekannt ist und die von Gesinnungsfreunden als Beweis für Ausdauer und Mut betrachtet wird. Wahr ist jedoch, dass die Einmischungen von Grass, Ausnahmen wie die deutsch-polnische Verständigung beiseite gelassen, eine erstaunliche Blindheit verraten. Sie gipfelten in der unverständlichen, nunmehr verständlichen These, die deutsche Wiedervereinigung verbiete sich wegen Auschwitz, und beim Anschluss der neuen Bundesländer handele es sich bloß um »ein Schnäppchen namens DDR«. Grass hat derlei mit nervtötender Ausdauer wiederholt. Diese Blindheit verkleinert nicht die durch den Nobelpreis gewürdigte literarische Leistung, wohl aber das Bild des unbestechlichen Moralisten, von dem sich die Schwedische Akademie bei ihrer Wahl vermutlich ebenfalls leiten ließ.

Der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher hat dieser Tage mit dem ihm eigenen Sarkasmus bemerkt: »Dass ein Jüngling in der SS Dienst machte, ist das eine; aber die Diskussion darüber sollte nicht das Grundsätzlichere verstellen, nämlich dass einer, der gegen das Verdrängen kämpfte, selber ein Verdränger ist. Da hat man erlebt, wie Grass uns Schweizer Schriftsteller mahnte, kompromisslos mit unserer Vergangenheit umzugehen, da war man dabei, wie Grass spanischen Intellektuellen beibrachte, wie man sich mit dem Faschismus auseinanderzusetzen hat. Und nun erweist es sich, dass aus dem belehrenden Moralisten ein moralischer Frisör geworden ist.«

Man sollte die Klage jüngerer Autoren wie Eva Menasse und Michael Kumpfmüller über die »intellektuelle Gerontokratie« (SZ) nicht als simplen Wunsch nach Anerkennung abtun. Denn wahr ist leider, dass die ewige Rechthaberei der »Flakhelfer« oder »Schülersoldaten« viele Sendestunden und viele Feuilletonseiten gekostet hat, ohne dass am Ende überzeugend klar geworden wäre, worin dabei (über die Selbstdarstellung hinaus) der geistige Nutzen für die Nation gelegen hätte.

Es ist nun wirklich genug. Der elende Streit fügt unserem Bild von Grass nichts wesentlich Neues hinzu – und dem Bild von uns selber überhaupt nichts Neues. Er führt zurück in die alten Zwiste der alten BRD. Was in Erinnerung bleibt, ist diese unerträgliche Selbstgerechtigkeit, was im Ohr bleibt, ist dieses eitle Gedröhne. Es war zuweilen so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstand.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. offener altenhass ist mir in dieser diskussion schon des öfteren aufgefallen. er ist eine üble form von diskriminierung. unappetitlich.

    im übrigen sollten sich eher die unter 16jährigen hier ausklinken. tschüss, stefan.

    und bevor mich dasunheimlicheholg wieder fragt: ich bin 33

    • mpalmer
    • 24. August 2006 16:15 Uhr

    Zitat:

    Den Gipfel des Grotesken ... [:] die Generation der »Schülersoldaten« habe aus dem tragischen Fundus ihrer Biografie die Energie geschöpft, Großes in Wort und Tat hervorzubringen.

    und weiter unten, ohne Anfuehrungszeichen:

    Dieser dunkle biografische Schatz wurde, wie etwa bei Grass oder Walser, zur Antriebskraft literarischer Werke, die ihre Urheber zweifellos überleben werden.

    Was will uns der Kuenstler denn nun sagen? Er weiss es offenbar selber nicht. Macht aber nichts. Schliesslich ist Feuilleton, und da ist es kein Schaden, sondern eine Tugend, dass es "viele Feuilletonseiten gekostet hat, ohne dass am Ende überzeugend klar geworden wäre, worin dabei (über die Selbstdarstellung hinaus) der geistige Nutzen für die Nation gelegen hätte."

    Der geistige Nutzen fuer die Nation. Darunter tun wir's nicht im Feuilleton, gelle. Vielleicht brauchen wir wieder jemanden, der darueber wacht, dass nur Erbauliches und dem geistigen Nutzen der Nation Zutraegliches gedruckt wird. Wie damals im Koenigswusterhaueser Landboten...

  2. 3. @RSch

    Nein. Das bezog sich nicht speziell auf Sie.

  3. hat auf die Kritik, Grass habe seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS reichlich spät enthüllt, mit der grotesken Bemerkung geantwortet, Grass habe in dem bekanntlich gesinnungsprüferischen Klima der Bundesrepublik gar keine Chance zum offenen Sprechen gehabt.“

    Stimmt, wenn man an Grass, den größten Gesinnungsprüfer der Nachkriegsjahre, denkt!

    Das ist wahrlich so grotesk und hanebüchen, was Walser und Konsorten da von sich geben, dass ich es langsam bedaure, von diesen Herren auch nur ein Buch gelesen und meine Zeit an diese zur Selbstkritik und -reflektion völlig unfähigen Menschen verschwendet zu haben.
    Ihr angeblich „aufklärerisches“ Werk entpuppt sich unter diesen Umständen als weinerliche Selbstbeweihräucherung, die aber gerne mit unnachgiebigen Finger auf andere zeigt.
    Das einzig Schöne daran ist, dass diese Herren sich damit vollkommen selbstdemontieren und vom hohen moralischen Sockel stoßen und man nur zuschauen/-hören muss.

    Ich kann nur wiederholen: irgendwas ist besonders in den letzten ein, zwei Jahrzehnten an der Aufarbeitung der Nazizeit komplett schief gelaufen.

  4. Das war wohl sein Problem: Vor lauter Grass hat er keinen Greiner mehr gehört. Ich wüsste zu gern, ob dem guten Mann inzwischen aufgefallen ist, dass seine Vorwürfe sich als Bummerang erweisen können?

    Er hat ja leider Recht, der Herr Greiner: Mit knapper Ehrlichkeit ist noch selten einer reich und berühmt geworden. Nicht einmal sonderlich bekannt wird man mit knapper Ehrlichkeit. Und weil das so ist, nutzt Ulrich Greiner ausgerechnet in der Zeit seine Chance, [Zitat:] "rechthaberisch und autoritär" gegen die Garde der ehemaligen Flackhelfer und ihren noch immer anhaltenden Erfolg zu polemisieren. Ob er damit dem deutschen Volk oder doch wenigstens seinen jüngeren Autoren eine große Hilfe sein wird, bleibt abzuwarten. Die Antwort auf die aus seinem Text ganz deutlich herauszulesende Frage: "Wenn es nicht am Krieg lag - wie zum Henker, machen die das dann?" wird darin jedenfalls nicht beantwortet.

    Und so kocht im Falle Grass auch Herr Ulrich Greiner gern ein nahrhaftes Süppchen – Hauptsache, es brodelt.

  5. Ich kann Ihren Kommentar, sehr geehrte Frau Dorn, leider nicht nachvollziehen, finde ihn zu emotional („geradezu widerlich“) und er hinterlässt bei mir den Eindruck, dass Sie das Kernproblem bei der Diskussion um Herrn Grass’ Waffen-SS Zugehörigkeit nicht wirklich erfasst haben.
    Ich glaube, kein fair mitfühlender, kein verständiger Mensch wird dem 17-jährigen Grass moralisch „das Genick brechend“ vorwerfen, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Ich tue das jedenfalls nicht.
    Meine Kritik an Herrn Grass ist heute, dass er es sich mit seinem Eingeständnis etwas zu leicht macht. Einem Eingeständnis, in dem ich keine „tiefste Reue“ und auch nicht „möglicherweise“ erkennen kann.
    Ich fand es schon ziemlich befremdlich, dass Herr Grass heute darüber redet, wie es den 17-jährigen quasi entschuldigt hat, auf die Naziideologie hereingefallen zu sein, weil er nichts anderes kennen gelernt hat, aber messerscharf ist dem kaum älteren dann aufgegangen, was Rassismus ist, als er in Gefangenschaft mitbekam, wie die weißen Amerikaner die schwarzen „Nigger“ nannten.
    Gehen Sie ruhig in das Jahr 1945 zurück. Hat Grass Verständnis dafür gezeigt, dass in der damals noch eindeutig rassistischen US-Gesellschaft (Apartheid: getrennte Sitze in Bussen, getrennte Schulen, Restaurants etc etc) Weiße Schwarze „Nigger“ nennen, weil sie von klein auf nichts anderes kennen gelernt haben?
    Man könnte in dem Fall auf das Wort „Doppelmoral“ kommen.
    Das hat mit seinen Qualitäten als Literat nichts zu tun. Weder bedeutet Grass’ Eingeständnis, dass er nun aber den Nobelpreis zurückzugeben habe, noch, dass ihn sein literarisches Gesamtwerk (das zu beurteilen ich mich auch gar nicht kompetent fühle) ihn in irgendeiner Weise für die Art seines heutigen Eingeständnis entschuldigt.
    Aber die Frage finde ich erlaubt, ob sein Werk nicht um einiges glaubwürdiger und authentischer angekommen wäre, wenn Herr Grass die Beweggründe für sein literarisches Werk rechtzeitig offen gelegt hatte, wenn Sie schon von dem „enormen Nachdruck“ sprechen, dem wir „möglicherweise eine Figur wie Oskar Matzerath zu verdanken haben“.
    Das ist auch mein Problem mit Ihrem Kommentar.
    „Möglicherweise“ bleibt eben Spekulation und die von Ihnen angedeuteten Möglichkeiten der Beweggründe Herrn Grass kann ich beim besten Willen in seinen Worten nicht wiederfinden.
    Und ich finde auch hier, dass Herr Grass – wie jeder andere Mensch auch – sich nun mal selbst an den moralischen Standards messen lassen muss, die er für andere aufgestellt hat.
    Ich kann nicht erkennen und habe in der Vergangenheit nicht gesehen, dass Herr Grass bei anderen groß nach Möglichkeiten, dass Verhalten entschuldbar sein könnte, gesucht hat.
    Sich jetzt auf das „allzu menschliche“ zurückzuziehen, finde ich nicht ganz angebracht, denn Herr Grass war und ist nicht nur Privat-Mensch sondern eine „öffentliche Person“, der diese Rolle auch gern angenommen hat.
    Aber an diese werden nun mal besonders hohe moralische Anforderungen an die Integrität gestellt. Wie Herr Grass das ja selbst gemacht hat im Fall Bundeskanzler Kohl/Bitburg. Man sollte da nicht verkennen, dass Herr Kohl als Vertreter Deutschlands in Bitburg war und nicht als Privatperson. Ersteres hat natürlich eine ganz andere symbolhafte Bedeutung und in diesem Zusammenhang finde und fand ich Grass’ damalige Kritik durchaus berechtigt.

    Mir geht es nicht um Moralisieren, das würde uns nicht weiterbringen. Die Diskussion muss m.E. auch von der Person Grass wegkommen, der für mich nur ein Katalisator ist, ein Zeichen dafür, wie fatal (aus meiner Sicht) im Nachkriegsdeutschland die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gelaufen ist, die in mir die ungute Ahnung weckt, dass dieses „deutsche Kapitel“ nicht wirklich verarbeitet wurde.
    Als nun 50-jähriger habe ich davon eine ganze Menge mitbekommen.
    Während in den 1950iger bis in die 60iger Jahre hinein Nazigrößen noch an den Schalthebeln der Macht saßen, konnte man von wirklicher Aufarbeitung nicht sprechen. Insofern drückt sich Herr Walser m.E. nicht korrekt aus, wenn er sagt, dass das politische Klima in Deutschland lange so war, dass niemand wissen durfte, dass man zur Waffen-SS gehört hat.
    Herr Walser hätte ausdrücken sollen, dass es in dem politischen Lager, dem sich zumindest Herr Grass zugehörig empfand, nicht der „political correctness“ entsprochen hätte.
    Erst die so genannte 68iger-Generation hat das aufgebrochen.
    In den 80igern häuften sich dann aber schon wieder die Stimmen, die meinten „jetzt muss aber langsam mal Schluss sein mit dem ewigen Nazi-Deutschland Gerede“, nach dem Motto, wir wollen davon nichts mehr hören.
    Und dazu, finde ich, passt sehr gut Ihr heutiges „genau, genug des Moralismus“, nicht wahr?

    Und in den letzten Jahren sehe ich so eine Tendenz „wir sind/waren ja alle Opfer irgendwie“, wofür Herr Grass eben m.E. in seinem Eingeständnis
    Der Kreis schließt sich, könnte ich sarkastisch sagen.
    Als Jugendlicher habe ich auf meine Fragen zur Nazivergangenheit oft nicht mehr gehört als „die Russen haben ja auch deutsche Frauen vergewaltigt“.
    Als ob dies in irgendeiner Weise Auschwitz entschuldigen könnte.
    Heute höre ich schon zu oft, „die Juden waren in Auschwitz Opfer und die Deutschen im Bombenhagel auf Dresden“.
    Als ob der Bombenhagel auf Dresden in irgendeiner Form Auschwitz entschuldigen könnte.
    Die m.E. Nicht-Entschuldbarkeit von Auschwitz, heißt nicht, mundtot werden zu müssen gegenüber dem Irrsinn von Krieg, der sich auch in dem Bombenhagel auf Dresden äußert.
    Doch man sollte schon versuchen zu betrachten, wofür eine Diskussion von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen instrumentalisiert werden soll.
    Wenn – sagen wir mal – ein Zyniker auf die Idee käme zu sagen, „das ist deutsche Tradition: die „Endlösung“ hat nicht geklappt, die „End-Schuldung“ („jetzt muss mal langsam Schluss sein.....“) schon besser, und zum Schluss kommt jetzt die Endreinigung („wir sind/waren ja alle Opfer“), ist ihm das wirklich übel zu nehmen oder müssten wir sagen: „da ist schon auch was dran“?

  6. Um mal zum Thema zurueckzukommen:

    Ich habe den Artikel von Herrn Greiner gerade nochmals gelesen, und muss nun leider sagen, dass er zum wohl misslungensten gehoert, was ich je in der ZEIT gelesen habe. Es sei denn, dass "konfus", "falsch", "durcheinander" und "am Thema vorbei" Begriffe sind, die dem Genre "Polemik" immanent sind (ein Germanist mag mich hier belehren - ich bezweifle dies).

    Der Reihe nach:

    1. Auf den Fehltritt mit dem "Dritten Mann" habe ich bereits hingewiesen, das muss nicht wiederholt werden, meine ich.

    2. Der Artikel verspricht:

    "Der Fall Grass: Was bleibt von den »Flakhelfern« und »Schülersoldaten«? Vor allem Selbstgerechtigkeit und Moralismus."

    Hieraus sollte man nun wohl ableiten duerfen, dass ausgehend von dem Fall Grass eine generelle Polemik gegen die Flakhelfer-Generation erfolgen soll. Im Artikel geht es dann aber zu 80 % nur um Grass. Wer bitte wird sonst noch erwaehnt? Vor allem Walter Jens. Der ist Jahrgang 1923 und hat waehrend des Krieges promoviert. Wie passt dies bitte in irgendeine Definition von "Flakhelfer-Generation"? Die Verallgemeinerung, also der Sprung von Grass zu seiner Generation, misslingt total.

    3. Was der Herr Schwerte hier zu suchen hat, bleibt vollkommen mysterioes: Der war Jahrgang 1909, und haette damit schon ein extrem schlechter Schueler sein muessen, um bei Kriegsende noch als Schuelersoldat zu fungieren. Insofern ist auch raetselhaft, inwieweit dessen Gessinungsumschwung (wenn er denn je erfolgte) hier modellhaft fuer die angeblich Gegenstand seienden Flakhelfer sein kann.

    4. Herr Greiner wirft anderen vor zu moralisieren, doch tut er nicht exakt dasselbe???

    5. Trotz wiederholtem Lesen ist mir nicht ganz klar, gegen wen es denn jetzt geht: alle aus der Flakhelfer-Generation, nur die oeffentlichen Personen aus eben dieser Generation, nur die Kuenstler aus derselben oder gar nur die Literaten? Eine Klarstellung waere hierzu ganz nett.

    6. Die Flakhelfer-Generation bleibt ueber den gesamten Artikel hinweg undefiniert. Das waere nicht so schlimm, wenn Herr Greiner gaengigen Konventionen hierzu folgen wuerde, doch das Herumreiten auf Walter Jens macht dies zweifelhaft. Also, um welche Jahrgaenge bitte soll es gehen? DIE WELT hat die Flakhelfer als die Jahrgaenge 1926 bis 1930 definiert, soll das auch hier gelten?

    7. Ich habe zuvor bereits darauf hingewiesen: Wie, bitte sehr, kann ein Feullitonist diese Generation als homogene Gruppe betrachten? DIE WELT hat eine kurze Aufzaehlung bedeutender Angehoeriger der Jahrgaenge 1926 bis 1930 geliefert:

    Günter Grass, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Christa Wolf, Siegfried Lenz, Hans Werner Henze, Ralf Dahrendorf, Joachim Fest, Heiner Müller, Ernst Nolte, Josef Ratzinger, Bernhard Heisig, Carola Stern, Hermann Lübbe...

    Ich finde, dass hier noch (mindestens) zwei Namen fehlen: Karlheinz Stockhausen (*1928) und Helmut Kohl (*1930).

    Wir haetten dann unter anderem einen politischen linken Literaten (Grass), einen homosexuellen kommunistischen Komponisten (Henze), einen Papst (Ratzinger), einen esoterischen Musik-Avantgardisten (Stockhausen) und einen konservativen Politiker (Kohl). Wie sich das zu einer Gruppe fuegen soll, Herr Greiner, sollten Sie uns wahrhaftig mal erklaeren...

    Wikipedia liefert zum Genre "Polemik" das Folgende:

    "Polemik ist keineswegs unfair oder „unsachlich“; es wird zwar oftmals überspitzt und streitbar, jedoch auch ergebnisorientiert debattiert; die Auseinandersetzung wird förmlich gesucht.

    Kennzeichen von Polemik sind oft scharfe, „unverblümte“ Äußerungen, selten auch persönliche Angriffe (in der klassischen Rhetorik: argumentatio ad hominem – also auch das Bloßstellen, das Überführen zum Beispiel eines Lügners, das Demaskieren eines Opponenten im Glaubens- und Meinungsstreit, gegebenenfalls auch die subtile Beleidigung), keineswegs jedoch der Verzicht auf sachliche Argumente. Häufig wird Polemik mit den Mitteln der Übertreibung, der Ironie und des Sarkasmus gearbeitet oder vom Strohmann-Argument Gebrauch gemacht."

    In diesem Sinne, Herr Greiner: Note 5 wg. "Thema verfehlt"!

    • mpalmer
    • 24. August 2006 16:15 Uhr

    Zitat:

    Den Gipfel des Grotesken ... [:] die Generation der »Schülersoldaten« habe aus dem tragischen Fundus ihrer Biografie die Energie geschöpft, Großes in Wort und Tat hervorzubringen.

    und weiter unten, ohne Anfuehrungszeichen:

    Dieser dunkle biografische Schatz wurde, wie etwa bei Grass oder Walser, zur Antriebskraft literarischer Werke, die ihre Urheber zweifellos überleben werden.

    Was will uns der Kuenstler denn nun sagen? Er weiss es offenbar selber nicht. Macht aber nichts. Schliesslich ist Feuilleton, und da ist es kein Schaden, sondern eine Tugend, dass es "viele Feuilletonseiten gekostet hat, ohne dass am Ende überzeugend klar geworden wäre, worin dabei (über die Selbstdarstellung hinaus) der geistige Nutzen für die Nation gelegen hätte."

    Der geistige Nutzen fuer die Nation. Darunter tun wir's nicht im Feuilleton, gelle. Vielleicht brauchen wir wieder jemanden, der darueber wacht, dass nur Erbauliches und dem geistigen Nutzen der Nation Zutraegliches gedruckt wird. Wie damals im Koenigswusterhaueser Landboten...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Günter Grass | Martin Walser | Walter Jens | Ausdauer | Blindheit | DDR
Service