NS-ZeitDer Fall Grass

Was bleibt von den »Flakhelfern« und »Schülersoldaten«? Vor allem Selbstgerechtigkeit und Moralismus. Eine Polemik von 

Als Günter Eich 1947 gebeten wurde, Auskunft über die »innere Emigration« zu geben, sagte er: »Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun, als ob, liegt mir nicht.« Eich war weder Parteimitglied, noch diente er in der SS, aber er hatte viele Jahre an der beliebten Funkserie Deutscher Kalender – Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten mitgewirkt. Die Sendung lieferte betulichen Heimatkitsch und war Teil der Idyllenproduktion des Nationalsozialismus.

Knapper und ehrlicher kann man nicht sprechen. Eich hat sich, eingedenk seiner unrühmlichen Vergangenheit, nie zum Prediger aufgeschwungen. Er hat aus dem, was ihn umtrieb, Literatur gemacht, bis hin zu seinen berühmten und skandalisierten Gedichten wie Inventur oder Latrine. Sie standen am Beginn einer neuen Epoche der deutschen Lyrik.

Ähnlich wie Eich haben sich nicht wenige Intellektuelle und Schriftsteller nach dem Krieg verhalten. Dass man sich ihrer kaum erinnert, liegt daran, dass die Stillen eher in Vergessenheit geraten als die Lauten. Lautstärke aber ist in einer Öffentlichkeit, die jedem Gehör schenkt, wenn er sich nur dreist genug nach vorn drängt, oberstes Gebot. Wer schweigt, weil er sich seiner Verfehlungen oder nur seiner Fehlbarkeit bewusst ist, beweist Anstand, aber sein Verhalten gerät nicht zum Vorbild, weil es unbemerkt bleibt.

Einigen aus jenen Jahrgängen, die man als Generation der Flakhelfer zu bezeichnen pflegt, scheint das Stillhalten und Abseitsstehen notorisch schwer zu fallen. Der Moraltrompeter Günter Grass befindet sich in prominenter Gesellschaft. Martin Walser zum Beispiel hat auf die Kritik, Grass habe seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS reichlich spät enthüllt, mit der grotesken Bemerkung geantwortet, Grass habe in dem bekanntlich gesinnungsprüferischen Klima der Bundesrepublik gar keine Chance zum offenen Sprechen gehabt. Walser sah wieder einmal seine Lieblingsthese vom Meinungsterror bestätigt. So kocht im Falle Grass jeder sein Süppchen – Hauptsache, es brodelt möglichst lange.

Den Gipfel des Grotesken erklomm der Soziologe Heinz Bude, der sich in der Süddeutschen Zeitung zu der These verstieg, die Generation der »Schülersoldaten«, zu deren hervorragenden Vertretern er Habermas, Ratzinger, Enzensberger und eben Grass rechnet, habe aus dem tragischen Fundus ihrer Biografie die Energie geschöpft, Großes in Wort und Tat hervorzubringen. Dies erkläre und begründe ihre anhaltende Präsenz. Die darin versteckte Herabsetzung der Nachgeborenen aber genügte ihm nicht, sondern er fügte hinzu: »Welche biografische Information hätten denn ein Peter Schneider oder ein Wolf Wondratschek, ein Reinald Goetz oder ein Matthias Politycki zu bieten?«

Biografische Information? Hübsches Wort für die angeblich vollkommen vergessene Mitgliedschaft in der NSDAP bei Walter Jens, für die mit Megafonstärke verkündete Teilnahme an Einsätzen der Waffen-SS bei Günter Grass. Interessant, interessant. Damit leider kann »ein« Wondratschek oder »ein« Goetz nicht aufwarten. Schmach der späten Geburt.

Diese Theorie geistiger Produktivität ist ebenso unhaltbar wie reaktionär. Sie läuft auf die zynische Bemerkung eines Protagonisten in Orson Welles’ Film Der dritte Mann hinaus: Die seit Menschengedenken von Kriegen verschonte Schweiz habe lediglich die Kuckucksuhr hervorgebracht. In welchen traumatischen Kriegserlebnissen wäre die Urgrund der Werke von Goethe, Mann, Musil oder Proust zu erkennen? Stifter hat sein Leben als braver Schulrat verbracht, und vom Dreißigjährigen Krieg haben wir nichts außer dem Simplicissimus.

In dem aufgewärmten Gedanken vom Krieg als dem Vater aller Dinge steckt allerdings eine richtige Beobachtung. Der Krieg – und das heißt: Zusammenbruch und Befreiung durch die Alliierten – ist der Vater der Bundesrepublik, der Vater neuer Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Der Krieg aber wurde auch der Vater eines rigorosen Moralismus. Er kam nicht selten aus den Reihen jener, die selber in unterschiedlichem Maß Anteil hatten an Verblendung und Verbrechen.

Das extremste Beispiel ist der berühmt-berüchtigte SS-Mann Schneider, der als Hans Schwerte noch einmal promovierte, Rektor der Aachener Hochschule wurde, mit den linken Studenten sympathisierte und auf all jenen Plätzen, wo er Dienst für die Nazis geleistet hatte, nun Dienst für die neue Sache, nämlich Wissenschaftsaustausch und Völkerverständigung tat. Bemerkenswert daran ist die ungebremste Energie, die sich, nachdem das eine Identifikationsobjekt zerbrach, sofort ein anderes suchte.

Diese Energie ist das wahrhaft Unheimliche auch im Fall der so genannten Flakhelfer, wobei fraglich bleibt, ob sie in Stahlgewittern erst entstand oder bloß in ihnen gehärtet wurde. In jedem Fall geht sie einher mit einem bedingungslosen Narzissmus. Er kann sich, wie bei Martin Walser, ungehemmt als ausschließliche Wahrnehmung der Welt durch den Fokus der eigenen Empfindungsfähigkeit und Empfindlichkeit zeigen. Der Narzissmus kann sich aber auch, wie man am schönsten bei Walter Jens und Günter Grass sehen kann, zu einem gegen Argumente resistenten Moralismus objektivieren, der im Bewusstsein, diesmal die richtige Seite gewählt zu haben, kein Pardon kennt.

Logischerweise fühlt sich dieser Moralismus politisch der Linken beheimatet, obwohl er bei genauem Hinsehen vollkommen unpolitisch ist. Es handelt sich hier um eine Variante des Renegatentums. Der Renegat wechselt die Front, von rechts nach links oder umgekehrt, aber oftmals tappt er in die Falle des Gegenteils, ist rechthaberisch und autoritär wie zuvor.

Der Moralist ist der Ideologe der Tugend, hat Nietzsche bemerkt. Das verzerrt die Wahrnehmung, was man leicht am jüngsten Hassausbruch von Grass gegen die viel geschmähten fünfziger Jahre sehen kann. Zwar ist richtig, dass seine Blechtrommel damals auf üble Verdächtigungen stieß – wie es auf andere Weise auch Koeppen, Böll oder Walser erlebten. Die Tatsache jedoch, dass all die Angefochtenen aus dem Streit als strahlende Sieger hervorgingen, lässt nicht darauf schließen, es hätten sich in der jungen Bundesrepublik braune Seilschaften durchgesetzt und alles andere verhindert. Im Gegenteil: Es haben die »Flakhelfer«, ob in der Gruppe 47 oder sonstwo, den Diskurs immer entscheidender bestimmt.

Woher hatten sie dieses irritierende Selbstbewusstsein? Wahrscheinlich schöpften sie aus dem verdrängten Grund ihres Herkommens, trugen ihre Vergangenheit wie eine dunkle Monstranz vor sich her. Selbst die eindrucksvoll herausgearbeitete Selbstzerknirschung, die man in den Memoiren von Grass nachlesen kann, entbehrt nicht eines gewissen Sündenstolzes. Im Fernsehgespräch mit Ulrich Wickert wirkte Grass wie einer, der seinen Kritikern großmütig verzeiht. Scham zeigt sich im Abseitsstehen, kaum aber in jenen großspurigen Auftritten, die Grass nach Bekanntgabe seines jugendlichen Fehltritts inszenierte und inszenieren ließ.

Dieser dunkle biografische Schatz wurde, wie etwa bei Grass oder Walser, zur Antriebskraft literarischer Werke, die ihre Urheber zweifellos überleben werden. Zugleich aber verführte er zu jenem anklägerischen Ton, der auf moralischen Zugewinn zielte. Wer anklagt (und die Anklage ist der Cantus firmus aller politischen Einmischungen von Grass und auch Jens), schlägt sich unerkannt auf die andere Seite. Wie Odo Marquard einmal bemerkt hat: »Man entkommt dem Tribunal, indem man es wird.«

Das erklärt die unnachsichtige Intransigenz, für die Grass bekannt ist und die von Gesinnungsfreunden als Beweis für Ausdauer und Mut betrachtet wird. Wahr ist jedoch, dass die Einmischungen von Grass, Ausnahmen wie die deutsch-polnische Verständigung beiseite gelassen, eine erstaunliche Blindheit verraten. Sie gipfelten in der unverständlichen, nunmehr verständlichen These, die deutsche Wiedervereinigung verbiete sich wegen Auschwitz, und beim Anschluss der neuen Bundesländer handele es sich bloß um »ein Schnäppchen namens DDR«. Grass hat derlei mit nervtötender Ausdauer wiederholt. Diese Blindheit verkleinert nicht die durch den Nobelpreis gewürdigte literarische Leistung, wohl aber das Bild des unbestechlichen Moralisten, von dem sich die Schwedische Akademie bei ihrer Wahl vermutlich ebenfalls leiten ließ.

Der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher hat dieser Tage mit dem ihm eigenen Sarkasmus bemerkt: »Dass ein Jüngling in der SS Dienst machte, ist das eine; aber die Diskussion darüber sollte nicht das Grundsätzlichere verstellen, nämlich dass einer, der gegen das Verdrängen kämpfte, selber ein Verdränger ist. Da hat man erlebt, wie Grass uns Schweizer Schriftsteller mahnte, kompromisslos mit unserer Vergangenheit umzugehen, da war man dabei, wie Grass spanischen Intellektuellen beibrachte, wie man sich mit dem Faschismus auseinanderzusetzen hat. Und nun erweist es sich, dass aus dem belehrenden Moralisten ein moralischer Frisör geworden ist.«

Man sollte die Klage jüngerer Autoren wie Eva Menasse und Michael Kumpfmüller über die »intellektuelle Gerontokratie« (SZ) nicht als simplen Wunsch nach Anerkennung abtun. Denn wahr ist leider, dass die ewige Rechthaberei der »Flakhelfer« oder »Schülersoldaten« viele Sendestunden und viele Feuilletonseiten gekostet hat, ohne dass am Ende überzeugend klar geworden wäre, worin dabei (über die Selbstdarstellung hinaus) der geistige Nutzen für die Nation gelegen hätte.

Es ist nun wirklich genug. Der elende Streit fügt unserem Bild von Grass nichts wesentlich Neues hinzu – und dem Bild von uns selber überhaupt nichts Neues. Er führt zurück in die alten Zwiste der alten BRD. Was in Erinnerung bleibt, ist diese unerträgliche Selbstgerechtigkeit, was im Ohr bleibt, ist dieses eitle Gedröhne. Es war zuweilen so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstand.

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Leserkommentare
  1. Dem ist nun wirklich nichts hinzuzufuegen. Die "Flakhelfer" - Generation hat ihr schlechtes Gewissen sublimiert durch gnadenlosen Moralismus sublimiert, die ihr nachfolgende Generation hat das weitergegebene schlechte Gewissen durch gnadenlosen Hedonismus und Egozentrismus sublimiert (wenn man es den Alten nie rechtmachen kann, ist doch eh' Alles egal), und die Enkelgeneration, die unter beiden zu leiden hatte, steht ratlos da und sucht nach Vorbildern. Tja. Da werden wir wohl noch eine Weile weitersuchen, was...?

    • jubi99
    • 24. August 2006 11:12 Uhr

    Auch bei den neuesten Werk von GG sollte man nicht vergessen, dass es keine historisch korrekte Dokumentation ist, sondern ein Stück Literatur: Phatasie und Erfahrung kunstvoll gemischt. Wenn er geschrieben hätte, dass er als SS-Angehöriger wie Carlsson vom Dach über dem Schlachtfeld geschwebt hätte - wie eindrucksvoll hätten die Empfndungen aufgeschrieben sein können - ohne jeglichen Wahrheitsgehalt!
    <br />Lasst uns das Buch also als Literatur sehen und nicht als wahres Bekenntnis.
    <br />Mir gefällt nicht das Theater, das GG zur offensichtlich besseren Vermarktung inszeniert (z.B. mit seinem Hinweis bei Herrn Wickert, Frau Knobloch solle sein Buch lesen, bevor sie ihn kritisiere (als wenn das die Wahrheit an den Tag bringen würde...)) - und wie er sich selbst als moralische Instanz demontiert.

  2. Eins vorneweg: Die Fakten werden in der Grass-Debatte ja hin und wieder gerne mal ignoriert. "Der dritte Mann", Herr Greiner, ist nicht von Orson Welles, der hat da zwar mitgespielt, aber Regie fuehrte Carol Reed, und das Drehbuch stammte von Graham Greene und Alexander Korda.
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    <br />Zur Sache: Das im Titel wiedergegebene biblische Zitat trifft wahrlich immer wieder zu. Zum einen mit Sicherheit auf jemanden wie Grass, der mit dem Richten nicht sparte, und nun selbst was abbekommt (auch wenn man sich mal sehr genau anschauen sollte, wer da gegen Grass poltert).
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    <br />Zum anderen aber auch auf jemanden wie Sie, Herr Greiner! Wie waere es denn, wenn Sie im Alter von 16 oder 17 beinahe den Allerwertesten weggeschossen bekommen haetten, Leichen rechts und links von Ihnen gesehen haetten, etc.? Dass ein Herr Grass hin und wieder mal zu grob austeilte, kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen, denn er hat all dies erlebt. Dass aber jemand, der in der Sicherheit der Nachkriegs-BRD aufwuchs, aehnlich drastisch aburteilt, ist dann doch etwas weniger entschuldbar. Oder steckt dahinter etwa Walsers "behelligt mich damit nicht"-Mentalitaet?
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    <br />Das Ueble an Ihrer "Polemik" ist die grobe Generalisierung, der Holzhammer (den uebrigens Robert Leicht Grass vorgeworfen hat - lesen Sie eigentlich die Artikel von Kollegen?). Das mag zwar ein Stilmittel der Polemik sein, ist hier aber fehl am Platze. Die sogenannte "Generation Flakhelfer" (zu der uebrigens auch mein Vater gehoert) hat extrem unterschiedliche Biographien hervorgebracht. Oder wollen Sie hier allen ernstes behaupten, die oeffentlichen Profile von Hans Werner Henze, Guenther Grass und Joseph Ratzinger waeren identisch?
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  3. Herr Greiner trifft genau den Punkt. Was einen bei der Debatte trifft, sind die doppelten Maßstäbe.
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    <br />So heißt es von Schriftstellern und älteren Journalisten zum Thema (man ist schon lange dabei und entsprechend abgeklärt): Herr Grass hätte ja niemals seine NS – Vergangenheit versteckt. Nur eben die Kleinigkeit der beiden Buchstaben »SS«. Das sei aber nicht weiter schlimm, denn Herr Grass habe schließlich in der Nachkriegszeit in seinem literarischen und kritischen Werk ausreichend bewiesen, dass er ein Verteidiger der liberalen Demokratie sei.
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    <br />Würden das die gleichen Fans of Grass auch Herrn Filbinger zu Gute halten? Ich habe da so meine Zweifel.
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    <br />Günter Grass wird im gleichem Atemzug sogleich als besonders begabt, ja begnadet beschrieben (z. B. Kommentar im Deutschlandfunk von Hartmut von Hentig). Soll wohl heißen: wer dagegen argumentiert ist dumm und ohne Talent.
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    <br />So schlägt man sich gegenseitig unter die breite Gürtellinie und darüber schweben die Allerheiligen der deutschen Germanisten wie Walter Jens. Niemand befragt ihn bei Gelegenheit seiner Fürsprache für Herrn Grass nach seinen Erinnerungsproblemen. Er schwafelt von einer »unbewussten Mitgliedschaft« bei der NSDAP. War er besinnungslos, von einer Ohnmacht hingestreckt im Angesicht der sprachlich unfertigen braunen Horden?
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    <br />Da klopfen sich die alten Männer gemeinsam mit ihren Bordeaux schlürfenden Gralshütern in den Medien auf die abgeschlafften Schultern und bestätigen sich gegenseitige Genialität, die über jeden Zweifel erhaben ist.
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    <br />Ein wahrer Generationskonflikt schält sich aus der Zwiebel: die Alten mit der dicken Haut und die Jungen, die sich noch häuten müssen.
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    <br />Alois Kück, 49,

    • FGAlte
    • 24. August 2006 12:11 Uhr

    Walser hat recht, wenn er sagt, dass in der Bundesrepublik offene Worte zur eigenen Vergangenheit oft nicht opportun sind. Denn sofort schnappt die Schubladenfalle zu und man sitzt drin, kommt nicht wieder raus. Zu differenzierter Betrachtung ist Politik und Journalismus fast nie fähig. Auch die sogenannten "Qualitätszeitungen" operieren nur noch mit sehr grobem Raster, auch die "Zeit". Das ist mit Menschen so und mit Literatur. Nur noch zwei, drei äußere Merkmale werden zur Charakterisierung herangezogen, streng hierachisch geordnet, wie beim Skat-Spiel die Karten. Dabei sind "Waffen-SS" oder "Antisemit" die höchsten Trümpfe. Die stechen alles aus, da wird nicht mehr nachgefragt. ald darauf kommt "Stasi" oder "SED". Sehr bequem für die ahnungslosen Journalisten, ihren Job zu tun und sich dabei gleichzeitig noch ein bisschen selbst zu erhöhen.

  4. - diese Begriffe passen - nicht nur in der Morphologie -, offenbar recht gut zueinander.
    <br />Manche Seilschaftler dieser inzwischen geriatrischen Generation hatten in ihrem Kreuzug, der eine Art von "Selbstgerechtigkeitstherapie" war... dieses Land regelrecht im Würgegriff. (Erstickung von Literatur und Film durch didaktischen Mißbrauch; innenpolitische Kastration durch eine Art von "Nationalmasochismus".)

    • mikerol
    • 24. August 2006 12:17 Uhr

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    <br />Lieber Herr Grass,

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    <br />Sie mögen sich erinnern dass wir in den 60ziger Jahren bei Ihnen in Berlin ein Interview für den Atlantic Monthly gemacht haben, leider nicht auf dem von Ihnen unbeliebten Tonband; sonst wäre es vielleicht so etwas schönes wie mit Uwe Johnson und Peter Weiss geworden, aber ihr "nein" enttäuschte mich so sehr dass mir, der nicht Stenographie konnte, dann die Puste ausging und nichts besonderes dabei herausgekommen ist.

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    <br />Der von Ihnen mit ihrer Ibsenschen Enthäutung losgelöste Eklat hat bei mir auf Anhieb auch Verwunderung über die Verspätung einer ziemlich unwichtigen Angehörigkeit im Jugendalter ausgelöst, und dass Sie die armen Kerle die da in Bitburg begraben sind ihre von Herrn Kohl und Reagan gedachte endlich irdische Ruhe nicht gestatteten kam mir, unter Ihren Umständen, heuchlerisch vor – aber vielleicht war ihrige einstige Angehörigkeit in einem so verruchten Outfit ein so großer Makel dass sie sich selbst auch nicht die Ruhe gönnten??? [ Reagan defended himself by saying that "I think that there's nothing wrong with visiting that cemetery where those young men are victims of Nazism also, even though they were fighting in the German uniform, drafted into service to carry out the hateful wishes of the Nazis. They were victims, just as surely as the victims in the concentration camps." Einiege der wenige Male da ich mit "Old Softee" übereinstimmte.] War es ihr Scham Gefühl darüber, dass dann besonders Ansporn gab zu so viel Selbstgerechtigkeit?

    <br />

    <br />Oder vielleicht ein Verkaufs Skandal??? Also ein bisschen fahl, da ich doch mit Ihnen in so vielem übereinstimme, auch dass ein nichtwiedervereinigtes Deutschland, auch schon aus vielen historischen Gründen das richtigere gewesen wäre.

    <br />

    <br />So um den Zeitpunkt als Sie und die anderen Frungsberger sich nicht auf den Marsch begaben, aus der Heimatlandschaft eines Teils meiner Familie, brachten ich und meine Kousine Nona von Lehndorf, [beide Jahrgang 1937], deren Vater 1944 in Ploetzensee gehängt, Wasser einer in meines Vaters Grundstück außerhalb Bremens Überbleibsels eines Bataillons das sich von Arnheim - wo die Frundsburg ja auch kämpfte - zur Verteidigung von Bremen geschleppt, und mit verwundetem Alles so an den Hängen um unseren grossen Tümpel gegleckert da lag, und sich versuchte gesundzulecken für die Verteidigung Bremens gegen die Engländer und Amerikaner die man von Nordwesten und Westen anböllern hörte an diesen blauen, erwartungsvollen idyllischen Tagen.

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    <br />Dies war die einziger nähere Bekanntschaft die ich machte mit der Truppe, die nach einigen Tagen Rast in dem Wald sich entschied ihre Waffen - Gewehre, auch automatisierte, Panzerfäuste, etc. - in den Tümpel zu werfen. Es fing mit wenigen Eisenstücken Plantschen an, erreichte ein gewisses Crescendo, und vereinzelte sich dann. Der Gedanke was wohl die lieben Frösche und Kaulquappen, die Karpfen in der sehr schwarzen Tunke davon dachten fiel mir glaube ich zur Zeit nicht ein. Nona und ich schielten auch über den Anhang, über die Rasen, zur Terrasse, wo die noch elegant gekleideten Offiziere den Nachmittagstee mit den Damen einnahmen, mit meiner Großmutter Alexandra von Alvensleben, deren Ehemann, Werner von A. der so um die Zeit herum von den Amerikanern aus Buchenwald, seinem vierten K.Z. befreit werden würde; den verschiedenen Lehndorff und Doehnhoff und Arnim Frauen, der einzige Mann war der Vater Heini's; eine wahre Grossvater Figur; meines Mutters engsten Freundin aus Berlin, Ursula Liedke, die so aussah wie ich die Imogen Coco hier in Amerika... und es wurde mir endlich einige Wochen später erklärt, von Britischen Offizieren die angaben über so was Bescheid zu wissen, dass es nicht zu erwarten war, das meine Eltern ihre getrennten Gestapo Gefängnisse in Berlin überlebt hätten.

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    <br />Mein engster Freund, Ditloff von Arnim, schnell wie ein Windhund, zeh wie Kruppstahl [aber eher dem Huck Finn ähnlich mit all seinen Sommersprossen] und ich hörten davon dass Amerikanische Truppen auf der nicht sehr weit entfernten Leuchtenburger Chaussee auf Fahrt waren; hätten wir Gewehr, wir hätten auf die Jeeps und Personnel Carrier - Windschutzscheibe nach vorn gelegt, Machinengewehre auf der Kühlerhaube - von unser Höhe in einem gemischten Laubwald die da auf der versunken eingebauten Chaussee auf Granit Pflaster, das Reifen zu einen besonderen surren bringt, fuhren - geschossen und uns in unserem Maquis verkrümelt... Die nächsten drei Monate und zwei Jahre, waren dann eine grosse Zeit der politischen Erziehung. Das danach ein Deutscher irgendetwas verneinen würde, hätte ich mir nicht denken können. Und hätte es nicht den blöden kalten Krieg gegeben wären wir verwildernde Kinder schon viel weiter gekommen mit unseren Versuchen des "Katz und Maus" spielen, da die dann doch überlebenden Eltern und der ganze Hof und Wald und Wiesen, jetzt unter Schutz des OSS, sich den Krieg dann aus ihrem System gepartieten. Also, ihre frühen Sachen bedeuten mir schon einiges.

    <br />Sincerely,

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    <br />MICHAEL ROLOFF

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    <br />

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  5. Es wird die literarische Qualität der Werke des – wie der Spiegel ihn schon mal nannte – Groß-Schriftstellers Grass nicht schmälern. Ihn weiterhin als DIE moralische Instanz unseres Staates zu sehen, verbietet sich von jetzt an!
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    <br />Wütend macht mich die Ahnung/Vorstellung/Annahme, dieses nicht zu verzeihende "Wegtun" würde von Grass + Steidl Verlag nun auch noch – oder überhaupt – zur Verkaufankurbelung eingesetzt. Und da ich – Kulturbanause der ich bin – eh nur die Blechtrommel las, werde ich mit Bestimmtheit die Grass’schen Erinnerungen nicht kaufen!
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    <br />Meine Empfehlung: Die Medien, sie mögen s c h w e i g e n !!!
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  • Schlagworte Günter Grass | Martin Walser | Walter Jens | Ausdauer | Blindheit | DDR
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