NS-Zeit : Der Fall Grass

Was bleibt von den »Flakhelfern« und »Schülersoldaten«? Vor allem Selbstgerechtigkeit und Moralismus. Eine Polemik

Als Günter Eich 1947 gebeten wurde, Auskunft über die »innere Emigration« zu geben, sagte er: »Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun, als ob, liegt mir nicht.« Eich war weder Parteimitglied, noch diente er in der SS, aber er hatte viele Jahre an der beliebten Funkserie Deutscher Kalender – Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten mitgewirkt. Die Sendung lieferte betulichen Heimatkitsch und war Teil der Idyllenproduktion des Nationalsozialismus. BILD

Knapper und ehrlicher kann man nicht sprechen. Eich hat sich, eingedenk seiner unrühmlichen Vergangenheit, nie zum Prediger aufgeschwungen. Er hat aus dem, was ihn umtrieb, Literatur gemacht, bis hin zu seinen berühmten und skandalisierten Gedichten wie Inventur oder Latrine. Sie standen am Beginn einer neuen Epoche der deutschen Lyrik.

Ähnlich wie Eich haben sich nicht wenige Intellektuelle und Schriftsteller nach dem Krieg verhalten. Dass man sich ihrer kaum erinnert, liegt daran, dass die Stillen eher in Vergessenheit geraten als die Lauten. Lautstärke aber ist in einer Öffentlichkeit, die jedem Gehör schenkt, wenn er sich nur dreist genug nach vorn drängt, oberstes Gebot. Wer schweigt, weil er sich seiner Verfehlungen oder nur seiner Fehlbarkeit bewusst ist, beweist Anstand, aber sein Verhalten gerät nicht zum Vorbild, weil es unbemerkt bleibt.

Einigen aus jenen Jahrgängen, die man als Generation der Flakhelfer zu bezeichnen pflegt, scheint das Stillhalten und Abseitsstehen notorisch schwer zu fallen. Der Moraltrompeter Günter Grass befindet sich in prominenter Gesellschaft. Martin Walser zum Beispiel hat auf die Kritik, Grass habe seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS reichlich spät enthüllt, mit der grotesken Bemerkung geantwortet, Grass habe in dem bekanntlich gesinnungsprüferischen Klima der Bundesrepublik gar keine Chance zum offenen Sprechen gehabt. Walser sah wieder einmal seine Lieblingsthese vom Meinungsterror bestätigt. So kocht im Falle Grass jeder sein Süppchen – Hauptsache, es brodelt möglichst lange.

Den Gipfel des Grotesken erklomm der Soziologe Heinz Bude, der sich in der Süddeutschen Zeitung zu der These verstieg, die Generation der »Schülersoldaten«, zu deren hervorragenden Vertretern er Habermas, Ratzinger, Enzensberger und eben Grass rechnet, habe aus dem tragischen Fundus ihrer Biografie die Energie geschöpft, Großes in Wort und Tat hervorzubringen. Dies erkläre und begründe ihre anhaltende Präsenz. Die darin versteckte Herabsetzung der Nachgeborenen aber genügte ihm nicht, sondern er fügte hinzu: »Welche biografische Information hätten denn ein Peter Schneider oder ein Wolf Wondratschek, ein Reinald Goetz oder ein Matthias Politycki zu bieten?«

Biografische Information? Hübsches Wort für die angeblich vollkommen vergessene Mitgliedschaft in der NSDAP bei Walter Jens, für die mit Megafonstärke verkündete Teilnahme an Einsätzen der Waffen-SS bei Günter Grass. Interessant, interessant. Damit leider kann »ein« Wondratschek oder »ein« Goetz nicht aufwarten. Schmach der späten Geburt.

Diese Theorie geistiger Produktivität ist ebenso unhaltbar wie reaktionär. Sie läuft auf die zynische Bemerkung eines Protagonisten in Orson Welles’ Film Der dritte Mann hinaus: Die seit Menschengedenken von Kriegen verschonte Schweiz habe lediglich die Kuckucksuhr hervorgebracht. In welchen traumatischen Kriegserlebnissen wäre die Urgrund der Werke von Goethe, Mann, Musil oder Proust zu erkennen? Stifter hat sein Leben als braver Schulrat verbracht, und vom Dreißigjährigen Krieg haben wir nichts außer dem Simplicissimus.

Kommentare

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Vielen Dank

Dem ist nun wirklich nichts hinzuzufuegen. Die "Flakhelfer" - Generation hat ihr schlechtes Gewissen sublimiert durch gnadenlosen Moralismus sublimiert, die ihr nachfolgende Generation hat das weitergegebene schlechte Gewissen durch gnadenlosen Hedonismus und Egozentrismus sublimiert (wenn man es den Alten nie rechtmachen kann, ist doch eh' Alles egal), und die Enkelgeneration, die unter beiden zu leiden hatte, steht ratlos da und sucht nach Vorbildern. Tja. Da werden wir wohl noch eine Weile weitersuchen, was...?

Dokumentarisch oder Phantasie

Auch bei den neuesten Werk von GG sollte man nicht vergessen, dass es keine historisch korrekte Dokumentation ist, sondern ein Stück Literatur: Phatasie und Erfahrung kunstvoll gemischt. Wenn er geschrieben hätte, dass er als SS-Angehöriger wie Carlsson vom Dach über dem Schlachtfeld geschwebt hätte - wie eindrucksvoll hätten die Empfndungen aufgeschrieben sein können - ohne jeglichen Wahrheitsgehalt!
Lasst uns das Buch also als Literatur sehen und nicht als wahres Bekenntnis.
Mir gefällt nicht das Theater, das GG zur offensichtlich besseren Vermarktung inszeniert (z.B. mit seinem Hinweis bei Herrn Wickert, Frau Knobloch solle sein Buch lesen, bevor sie ihn kritisiere (als wenn das die Wahrheit an den Tag bringen würde...)) - und wie er sich selbst als moralische Instanz demontiert.

Richtet nicht auf das ihr nicht gerichtet werdet...

Eins vorneweg: Die Fakten werden in der Grass-Debatte ja hin und wieder gerne mal ignoriert. "Der dritte Mann", Herr Greiner, ist nicht von Orson Welles, der hat da zwar mitgespielt, aber Regie fuehrte Carol Reed, und das Drehbuch stammte von Graham Greene und Alexander Korda.

Zur Sache: Das im Titel wiedergegebene biblische Zitat trifft wahrlich immer wieder zu. Zum einen mit Sicherheit auf jemanden wie Grass, der mit dem Richten nicht sparte, und nun selbst was abbekommt (auch wenn man sich mal sehr genau anschauen sollte, wer da gegen Grass poltert).

Zum anderen aber auch auf jemanden wie Sie, Herr Greiner! Wie waere es denn, wenn Sie im Alter von 16 oder 17 beinahe den Allerwertesten weggeschossen bekommen haetten, Leichen rechts und links von Ihnen gesehen haetten, etc.? Dass ein Herr Grass hin und wieder mal zu grob austeilte, kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen, denn er hat all dies erlebt. Dass aber jemand, der in der Sicherheit der Nachkriegs-BRD aufwuchs, aehnlich drastisch aburteilt, ist dann doch etwas weniger entschuldbar. Oder steckt dahinter etwa Walsers "behelligt mich damit nicht"-Mentalitaet?

Das Ueble an Ihrer "Polemik" ist die grobe Generalisierung, der Holzhammer (den uebrigens Robert Leicht Grass vorgeworfen hat - lesen Sie eigentlich die Artikel von Kollegen?). Das mag zwar ein Stilmittel der Polemik sein, ist hier aber fehl am Platze. Die sogenannte "Generation Flakhelfer" (zu der uebrigens auch mein Vater gehoert) hat extrem unterschiedliche Biographien hervorgebracht. Oder wollen Sie hier allen ernstes behaupten, die oeffentlichen Profile von Hans Werner Henze, Guenther Grass und Joseph Ratzinger waeren identisch?

Geschwafel alter Männer

Herr Greiner trifft genau den Punkt. Was einen bei der Debatte trifft, sind die doppelten Maßstäbe.

So heißt es von Schriftstellern und älteren Journalisten zum Thema (man ist schon lange dabei und entsprechend abgeklärt): Herr Grass hätte ja niemals seine NS – Vergangenheit versteckt. Nur eben die Kleinigkeit der beiden Buchstaben »SS«. Das sei aber nicht weiter schlimm, denn Herr Grass habe schließlich in der Nachkriegszeit in seinem literarischen und kritischen Werk ausreichend bewiesen, dass er ein Verteidiger der liberalen Demokratie sei.

Würden das die gleichen Fans of Grass auch Herrn Filbinger zu Gute halten? Ich habe da so meine Zweifel.

Günter Grass wird im gleichem Atemzug sogleich als besonders begabt, ja begnadet beschrieben (z. B. Kommentar im Deutschlandfunk von Hartmut von Hentig). Soll wohl heißen: wer dagegen argumentiert ist dumm und ohne Talent.

So schlägt man sich gegenseitig unter die breite Gürtellinie und darüber schweben die Allerheiligen der deutschen Germanisten wie Walter Jens. Niemand befragt ihn bei Gelegenheit seiner Fürsprache für Herrn Grass nach seinen Erinnerungsproblemen. Er schwafelt von einer »unbewussten Mitgliedschaft« bei der NSDAP. War er besinnungslos, von einer Ohnmacht hingestreckt im Angesicht der sprachlich unfertigen braunen Horden?

Da klopfen sich die alten Männer gemeinsam mit ihren Bordeaux schlürfenden Gralshütern in den Medien auf die abgeschlafften Schultern und bestätigen sich gegenseitige Genialität, die über jeden Zweifel erhaben ist.

Ein wahrer Generationskonflikt schält sich aus der Zwiebel: die Alten mit der dicken Haut und die Jungen, die sich noch häuten müssen.

Alois Kück, 49,

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