Im Zentrum St. Petersburgs, am Fontanka-Kanal, residiert das Steklow-Institut der Mathematik. Die Fassade des Kaufmannshauses aus dem Ende des 18. Jahrhunderts ist unscheinbar, die Pracht im Inneren zurückhaltend. Gegenüber legen Touristenboote ab – fast eine Idylle. Doch seit gut einer Woche stören Fernsehteams die Ruhe der Mathematiker. Alle suchen Antwort auf die Frage: Wo ist Grigorij Perelman? Der Mann, der im Alleingang eines der größten Rätsel der Mathematik löste und am Dienstag den »Nobelpreis« der Mathematik erhielt – aber es nicht einmal für Wert erachtete, zur Preisverleihung anzureisen?

Die Mitarbeiter des Steklow-Instituts sind leicht aufgeraut. Manche wittern bereits im Mobiltelefon des Reporters ein geheimes Aufnahmegerät. »Seit einer Woche werden wir angegriffen«, sagt der weißhaarige Professor Anatolij Werschik halb ironisch, halb gekränkt. Alle wollten wissen, wo Perelman sei, niemand interessiere sich für das Institut. Weshalb der bekannte Exforscher des Steklow verschwunden ist, kann er allerdings nicht genau sagen.

Sicher ist derzeit nur, dass Grigorij Jakowlewitsch Perelman in den vergangenen Jahren ein doppeltes Kunststück gelungen ist. Er hat fast im Alleingang die Poincaré-Vermutung gelöst, an der sich die Fachwelt hundert Jahre lang vergeblich abgearbeitet hatte (siehe Kasten). Und er hat es mit seinem Verhalten geschafft, dass sich plötzlich weltweit die Medien für mathematische Topologie interessieren.

Auch Anatolij Werschik bekommt das zu spüren. Kaum hat er erklärt, dass die Probleme, mit denen sich Perelman beschäftigt hat, nicht adäquat zu erläutern seien, da zieht die Reporterin des Fernsehsenders Russia Today einen Apfel und einen Mohnkringel aus der Tasche, streift ein Gummiband vom Arm und bittet den ehrwürdigen Präsidenten der Mathematischen Gesellschaft von St. Petersburg, Perelmans Thema doch bitte optisch darzustellen. Werschik nickt gottergeben und muss das Gummiband um die Gegenstände ziehen. Vom Mohnkringel rutscht ihm das Band ab, die Hände zittern. Die Popularisierung der Topologie ist Werschiks Sache nicht. »Jetzt noch die Arme mit Apfel und Mohnkringel hochhalten«, bittet der Kameramann.

Perelman würde solche Szenen vermutlich mit grimmigem Spott kommentieren. Nichts ist ihm mehr zuwider als medialer Rummel. »Ich denke nicht, dass ich irgendetwas zu sagen hätte, das von geringstem öffentlichem Interesse wäre«, diktierte er vergangene Woche der Reporterin des britischen Sunday Telegraph, Nadeschda Lobastowa, in den Block, der einzigen, mit der er offenbar sprach. »Ich weiß, dass heutzutage viel Eigenwerbung betrieben wird, und wenn Leute das tun wollen, wünsche ich ihnen viel Glück.« Seine Sache sei das nicht.

Gespannt warteten am Dienstag im Kongresspalast zu Madrid 4000 Mathematiker: Kommt er, oder kommt er nicht? Dass der Russe auf dem Kongress der Internationalen Mathematischen Union (IMU) aus der Hand von König Juan Carlos die Fields-Medaille bekommen sollte, den wichtigsten Preis, den die mathematische Welt zu vergeben hat, damit hatten die meisten gerechnet, mit seiner Anwesenheit die wenigsten. Und tatsächlich schaute nur das aus dem Internet bekannte Foto Perelmans von der Videowand dem Publikum in die Augen. Der Mathematiker war nicht nur nicht da – in dürren Worten gab IMU-Präsident John Ball bekannt, dass Perelman den Preis ohne Begründung ablehne. Betretenes Schweigen, dann klatschten einige Kollegen verlegen, der Kameramann eines russischen Senders begann seine Ausrüstung abzubauen.

Zwei Tage hatte Ball mit Perelman in St. Petersburg verbracht. Der empfing ihn höflich, aber ließ sich nicht dazu überreden, die Medaille anzunehmen. Er fühle sich isoliert von der mathematischen Gemeinde und wolle deshalb nicht deren Galionsfigur werden. Ob er sich Sorgen um Perelmans geistige Gesundheit mache, wurde Ball in Madrid gefragt. »Nein«, war die lakonische Antwort.