Mumie im Zobel
Deutsche Archäologen entdecken im sibirischen Permafrost das Grab eines vornehmen skythischen Kriegers
Ihr Auftritt währte nur kurz. Doch er genügte ihnen, einen schauerlichen Ruf zu erwerben. Die Reitertruppen der Skythen beherrschten zwischen 800 und 200 vor Christus große Gebiete Eurasiens. Wo sie auftauchten, verbreiteten diese schwer bewaffneten Krieger verwandter Nomadenstämme ihren Schrecken.
Einen dieser gefürchteten Kavalleristen aus der Antike hat Hermann Parzinger gerade zu Gesicht bekommen. Ein Sensationsfund, jubelt der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Berlin. Er wirkt immer noch ein wenig aufgeregt. Denn er ist gerade aus Ulan-Bator zurückgekehrt. Dort, im Institut für Archäologie der Mongolischen Akademie der Wissenschaften, haben er und seine russischen und mongolischen Kollegen ihre Entdeckung erst einmal in Sicherheit gebracht: die gut erhaltene Mumie eines Reiterkriegers der Skythenzeit, geborgen aus dem Permafrost. Der Fundort liegt auf 2600 Meter Höhe in einer unwegsamen Gegend des Altaigebirges.
Dort, im Dreiländereck zwischen Russland, China und der Mongolei, hatte das Team ein Hügelgrab nach dem andern geöffnet zunächst erfolglos, die so genannten Kurgane waren ausgeraubt. Erst im letzten Versuch stießen die Wissenschaftler im Gräberfeld Olon-Kurin-Gol 10 auf die unversehrte Ruhestätte des Kriegers. Der Skythe war dort wohl vor über 2300 Jahren bestattet worden. Woran er starb, wissen die Forscher noch nicht. Doch wie die meisten seiner Zeitgenossen ist er nicht alt geworden.
Der Reiter wurde ausgestopft und mit Pferdehaar zugenäht
Allerdings dürfte der mit 30 bis 40 Jahren Verblichene ein Krieger höheren Standes gewesen sein. Mit ihm waren seine beiden Pferde begraben worden. Den toten Körper hatte man in einen prächtigen langen Mantel aus Murmeltier- und Zobelfellen gehüllt, blaue Streifen sind in den Pelz eingefärbt. Außerdem trug der Krieger eine dunkle Wollhose und kniehohe Filzstiefel. Auf dem Kopf sitzt noch immer eine Filzhaube, verziert mit gold- und zinnüberzogenen Tierfiguren. Auf der Spitze der Haube thront ein großer hölzerner Vogelkopf.
Sogar die Haut des Kriegers aus dem Permafrost ist kunstvoll verziert: Die Tattoos zeigen Tierfiguren in schwarzer Farbe. Der Edelmann dürfte zwischen 1,65 und 1,75 Meter groß gewesen sein. An seinem Schädel hängt noch immer ein blonder Haarschopf.
Vor der Reise ins Jenseits wurden hochgestellte Persönlichkeiten regelrecht präpariert. Man entnahm die Eingeweide, das Gehirn und Teile der Rückenmuskulatur. Dann wurde der Leichnam mit Gras und gehäckselten Zweigen ausgestopft und mit Pferdehaar zugenäht.
Allerdings, sagt Parzinger, sei noch nicht sicher, ob bei der Mumie aus dem Altai auch so verfahren wurde.
Doch schon die Bestattung samt Pferden und schwerer Bewaffnung beweise: Das war kein einfacher Bursche, sondern ein gehobener Krieger. Am Gurt trug der Skythe Eisendolch und Streitpickel, dazu entdeckten die Forscher noch einen Köcher mit Pfeilen und einen vollständig erhaltenen Bogen ein überaus seltener Fund.
Diese Waffe bescherte den skythischen Reiterheeren die einst so gefürchtete Kampfkraft. Die Bogen aus verleimten Holzleisten entwickelten eine enorme Abschussgeschwindigkeit und Reichweite - die dreiflügeligen Pfeilspitzen erreichten daher eine gewaltige Durchschlagskraft und rissen furchtbare Wunden in den Körper des Gegners. Doch nicht nur ihre überlegene Militärtechnik machte die Reiter aus der sibirischen Steppe zum Schrecken des Altertums. Auch ihre Sitten und Gebräuche, glaubt man antiken Quellen, lassen die Skythen nicht eben als Sensibelchen erscheinen.
Die jungen Krieger hätten das Blut ihres ersten getöteten Feindes trinken müssen, berichtet Herodot mit Schaudern. Die Leichen der Gegner seien üblicherweise skalpiert und ihre Hirnschalen gelegentlich als Trinkgefäße verwendet worden. Das Blut von jedem hundertsten Gefangenen hätten die Barbaren aus dem Norden auf den Gräbern der Vorfahren geopfert.
Ob derlei Gruselstorys der Wahrheit entsprechen, ist indessen durchaus ungewiss. Auch Herodot ist des historischen Rufmords nicht völlig unverdächtig. Gesichert ist dagegen, dass die gesellschaftliche Elite der Skythen den Gang ins Jenseits selten allein antrat: Starb der Mann, war auch das Leben seiner Frau zu Ende. Beim Tod eines Fürsten hatte ihm sein ganzes Eigentum ins Jenseits zu folgen, sagt Parzinger, seine Frau oder Konkubine, seine Diener und Leibwächter.
Auch Pferde und der materielle Besitz wurden Männern aus der Führungsschicht mit auf die letzte Reise gegeben.
Einen der Belege für diese Sitte entdeckte Parzinger mit russischen Kollegen vor fünf Jahren im sibirischen Tuva es war der spektakulärste Fund seiner Karriere. In der Nähe des Dorfes Arzhan stießen die Forscher 2001 auf eines der wenigen nicht ausgeraubten Fürstengräber der Skythenzeit. Der bestattete Herrscher, so ergaben die späteren pathologischen Untersuchungen, muss einen schrecklichen Tod erlitten haben. Er hatte Knochenkrebs, berichtet Parzinger, das Skelett war vom Zeh bis zum Schädel voller Metastasen.
Trotzdem war der Skythe 50 bis 55 Jahre alt geworden. Doch in seinen letzten Jahren muss er auf einer Trage transportiert worden sein, sagt Parzinger. Als er starb, folgte ihm seine Frau ins Grab. Beide wurden ohne Zweifel zur selben Zeit bestattet. Und um das Grab herum stießen die Archäologen auf rund 20 weitere Gräber, manche der Schädel wiesen eindeutige Verletzungen auf. Die Menschen wurden in einem Ritual getötet, versichert der DAI-Präsident.
Der hölzerne Halsring verrät den Reiterfürsten als Gernegroß
Der damalige Fund bewies der Fachwelt aber auch, dass die Skythen keineswegs nur kampfeslustige Raubeine in ihren Reihen hatten. Sie waren auch hoch begabte Kunsthandwerker. In dem Fürstengrab von Tuva bargen Parzinger und seine Kollegen einen gewaltigen Goldschatz, rund 6000 Kunstgegenstände, darunter viele der für die Skythenkultur typischen Tierfiguren. Das Fürstenpaar selbst trug noch schwere, aus massivem Gold gefertigte Halsringe ein wichtiges Statussymbol der skythischen Gesellschaft.
Auch die jetzt entdeckte Mumie aus dem Altai ziert als Zeichen für eine herausragende Stellung ein Halsreif. Allerdings ist er aus Holz geschnitzt und mit Goldblech verkleidet. Das war einer, der zu den wichtigen Leuten gehören wollte, sagt Parzinger, aber um den Schmuck aus massivem Gold zu machen, reichte sein Wohlstand dann doch nicht.
Nun sollen paläopathologische und genetische Untersuchungen Auskunft über das Leben und Sterben des Kriegers aus dem Altai geben eine einzigartige Gelegenheit, um mehr über das rätselhafte Steppenvolk Eurasiens zu erfahren. Sie waren eine Völkerschaft an der Schwelle von der Vorgeschichte zur Geschichte, sagt Parzinger.
Schriftzeugnisse aber haben die Skythen selbst nicht hinterlassen.
Um 200 vor Christus endet ihre Geschichte. Die Reste ihrer Kultur wurden von einem nicht weniger berüchtigten Reitervolk zerschlagen.
Die Hunnen übernahmen ihre Siedlungsräume im Osten der Steppe, die Sarmaten jene am Schwarzen Meer. Und beide errichteten in ihren Einflussgebieten neue Machtgebilde.
- Datum 24.08.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 35/2006
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