Mit einer Rasierklinge schabt der Holzbiologe Peter Klein vorsichtig an einem Ölgemälde. Er säubert die obere Kante von Schmutz, Firnis und Farbe, um die Jahresringstruktur des Holzes erkennen zu können. Stammt die Gemäldetafel tatsächlich von Peter Paul Rubens (1577 bis 1640)? Rechts unten auf dem Bild ist als Entstehungsjahr 1601 angegeben. Ein Kurier hatte mit dem verdächtigen Rubens noch ein zweites Bild in das Zentrum für Holzwirtschaft der Universität Hamburg gebracht. Im Begleitschreiben des Londoner Kunsthändlers Hazlitt, Gooden & Fox handelt es sich um Portraits of a Gentleman and a Lady; beide Rubens-Bilder stammen aus Privatbesitz, und Peter Klein soll sie nun auf ihre Echtheit hin prüfen. Stammt das Porträt aus der Werkstatt von Peter Paul Rubens? BILD

Das Holz wird ihn auf die richtige Spur führen. Vom 14. bis zum 18. Jahrhundert wurden in Europa verschiedene Holzarten als Malgrund verwendet. »Wenn das Holz nicht aus der entsprechenden Zeit stammt, dann kann das Gemälde auch nicht aus der Zeit sein«, sagt er.

An der Kante des Bildes sind nun die Jahresringe erkennbar. Klein hält eine Lupe mit Skaleneinteilung darüber und beginnt mit der Messung. Eine Mitarbeiterin notiert die Daten. Das Fälldatum des Baumes muss mit der Datierung des Gemäldes zusammenpassen. Wenn der letzte Jahresring um das Jahr 1585 liegt, kann es ein Rubens sein. Ist das Holz jünger, ist das Bild eine Fälschung.

Klein nutzt bei seinen Messungen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Dendrochronologie. Mit ihrer Hilfe lässt sich das Alter einzelner Holzarten bestimmen, vor allem von Eiche und Nadelhölzern. Das Verfahren macht sich das Phänomen zunutze, dass die Breite der Jahresringe einen typischen Wachstumsverlauf zeigt, der für alle Bäume in einem bestimmten Klimabereich und Jahr gleich ist. Durch das Ausmessen der Ringbreiten können Hölzer aufgrund der charakteristischen Folge in Chronologien eingeordnet werden – vom 15. Jahrhundert bis heute.

Der Abstand von einem Frühjahr bis zum nächsten ergibt einen Jahresring. »Ich errechne dann anhand der Abstände der einzelnen Jahresringe die Jahresringkurve.« Im nächsten Schritt vergleicht der Wissenschaftler an schon datierten Hölzern die zu untersuchende Kurve, um das Fälldatum des Baumes zu bestimmen. Im Idealfall befinden sich 150 bis 200 Jahresringe auf einem Brett. Aber auch wenn es nur 70 sind, reicht dies in Einzelfällen für eine Überprüfung. Viele Wachstumsdaten wurden schon auf den Computer in ein Digitalarchiv übertragen, aber längst nicht alle. Noch immer werden die Kurven zunächst sorgsam auf ein Transparentpapier gezeichnet. Dann legt Klein die neue Kurve und eine Vergleichskurve auf einen Leuchttisch. Durch Hin- und Herschieben der Papiere prüft er, ob der Verlauf von dem neu gemessenen Brett mit den Ausschlägen auf der Vergleichskurve übereinstimmt. »Passen zwei Kurven von zwei unterschiedlichen Gemälden exakt zusammen, können die Bretter nur vom selben Baum sein.« Sie stammen dann häufig aus einer Malwerkstatt. »Das habe ich bei Rembrandt öfter festgestellt.«

Die alten Meister bevorzugten fast immer bestimmte Holzarten. Kleins Untersuchungen ergaben, dass Lucas Cranach d. Ältere (1472 bis 1553) Buchen- und Lindenholz bevorzugte, während die Niederländer häufig Eichenholz verwendeten. Einige Holztafeln lassen sich dagegen aus biologischen Gründen gar nicht datieren, etwa die aus Pappelholz, auf dem italienische Meister wie Raffael (1483 bis 1520) gemalt haben. Auf solch einem Brett befinden sich nur 20 sehr breite Jahresringe. »Die Pappel wächst zu schnell, um eine Kurve herstellen zu können.«

Klein ist als Experte weltweit gefragt. Der Diplom-Holzwirt hat seit 1977 mehr als 5000 Gemäldetafeln aus dem 15. bis 17. Jahrhundert untersucht. »Die Museen und Kunsthändler wissen, dass wir das größte Vergleichsmaterial haben.« In einem Nebenraum stapeln sich Kartons mit den durchsichtigen Papierrollen der Jahresringkurven – eine einzigartige Datenmenge von rund 15000 Einzelkurven, die die Grundlage für die Untersuchungen bilden.